Radikalismus und Gewalt

Zweierlei Gottesbild

Ich mag ja Lamya Kaddor. Aber was die Religionspädagogin heute auf Phoenix äusserte, ist typisch für so viele Islamerklärer, die nur noch wenig Interesse haben, Dingen auf den Grund zu gehen, vielmehr alle Probleme, die im Zusammenhang mit dem Islam diskutiert werden, in einem Nebel aus unscharfen Begrifflichkeiten und Halbwahrheiten verschwinden lassen wollen.

Als der Moderator fragt, inwieweit die Radikalisierung junger Muslime etwas damit zu tun haben könnte, dass der Islam eine Religion ist, die absoluten Gehorsam fordert, entgegnet die Pädagogin, dass gerade der monotheistische Gott, vor allem der des Alten Testament, diesen Gehorsam einfordere (hier ab min. 26:50). Der Islam unterschiede sich darin nicht von den meisten anderen Religionen.

Das ist eine grundfalsche, wenngleich populäre Annahme. Richtig ist, dass der Gott der Bibel ein strafender ist, aber dass der Gott des Alten Testaments absoluten Gehorsam fordere, findet sich dort nicht. Deutlich sieht man das an der Episode, in der Gott den Ort Sodom wegen dessen Sünden auslöschen will, ohne einen Unterschied zwischen dem Gottlosen und dem Gerechten zu machen.

Da stellt der Mensch Abraham sich hin und zieht Gottes Verständnis von Gerechtigkeit unverblümt in Zweifel (Gen. 18,22-33). Abraham an Gott: „Ferne sei es von dir, solches zu tun, den Gerechten mit dem Gottlosen zu töten, dass es dem Gerechten erginge wie dem Gottlosen! Das sei ferne von dir! Der aller Welt Richter ist, sollte der nicht Recht üben?“ Es kommt zu einem Schlagabtausch zwischen ihm und Gott und am Ende ist es Gott, der einwilligt, den Ort zu verschonen, wenn er wenigstens zehn Gerechte darin finde.

Der Theologe Meinrad Limbeck konstatiert: “Es gibt keine einzige Stelle innerhalb der hebräischen Bibel, nach der wir gezwungen wären anzunehmen, Gott verlange vom Menschen Gehorsam, d. h. die faktische Unterwerfung des Verstandes, des Willens und des Tuns unter Gottes Wort – nicht einmal ganz am Anfang, im Paradies.” Ganz in diesem Sinne urteilt auch der Religionsphilosoph Yoram Hazony: “The Mosaic law (…) does not command faith in God. (…) Lack of faith is not mentioned at all in the History’s description of the sins for which Judah and Jerusalem are destroyed.” ((Meinrad Limbeck: Das Gesetz im Alten und Neuen Testament, Darmstadt 1979, S. 11; Yoram Hazony, The Philosophy of Hebrew Scripture, New York 2012, S. 242.))

Soweit es das Alte Testament (Hebräische Bibel) betrifft, so findet sich dort kein einziger Hinweis, dass der Mensch sich in seiner ganzen Existenz Gott zu unterwerfen oder auch nur, dass er an Gott zu glauben habe. Dort ist lediglich die Rede davon, ihn nicht zu lästern oder Götzen an seiner Stelle anzubeten. Gott straft, aber nicht für Unglauben. Und darin liegt ein Unterschied zum Islam.

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