Muslimischer Fundamentalismus in Europa

Besonders kleine Kinder leiden unter dem autoritäten Erziehungsstil im Elternhaus, der auch mit körperlicher Gewalt einhergeht. Sie werden so zu unbedingtem Gehorsam erzogen, weiss die Islamkundelehrerin Lamya Kaddor in ihrem Buch „Muslimisch–Weiblich–Deutsch‟ (2010) über ihre muslimischen Schüler im Dinslakener Stadtteil Lohberg zu berichten. Und: „Die aus einer Mixtur von Religion und Tradition stammenden Regeln greifen vor allem mit Beginn der Pubertät.“

Ob dieser Befund auf andere Schüler muslimischer Herkunft verallgemeinerbar ist, bleibt freilich offen. Eine aktuelle Studie des Wissenschaftzentrums Berlin für Sozialforschung ist nun jedoch zum Ergebnis gekommen, dass fundamentalistisches, also autoritäres religiöses Denken unter europäischen Muslimen stark verbreitet sein soll.

Fast 60% der Befragten stimmen demnach der Aussage zu, dass Muslime zu den Wurzeln ihrer Religion zurückkehren sollen; 75% glauben, dass es nur eine einzige mögliche Interpretation des Koran gibt, an die der Gläubige sich halten solle; und 65% geben an, dass die Gesetze der Religion wichtiger seien als die Gesetze ihres Landes. Ein gefestigtes fundamentalistisches Weltbild hat demnach, wer allen drei Aussagen zustimmt. Und das sind der Studie zufolge stolze 44%.

An dieser Stelle erhebt sich jedoch ein leiser Zweifel. Offenbar wurde nämlich nicht danach gefragt, inwieweit die eigene Religion im Widerspruch zur jeweiligen herrschenden Gesellschaftsordnung gesehen wird. Wenn ein frommer Muslim glaubt, die Rückkehr zu den religiösen Wurzeln, die koranische Ethik und allgemein die religiösen Gesetze stünden gar nicht im Widerspruch zu den weltlichen Gesetzes des Landes, in dem er lebt, dann ist er wohl eher kein Fundamentalist.

Um sicherzugehen, hätte man Fragen wie folgende stellen müssen: „Glauben Sie, dass es einen Konflikt zwischen den Gesetzen Ihrer Religion und denen Ihres Landes gibt?‟ Und wenn ja: „Gilt Ihre Loyalität dann eher den Gesetzen Ihrer Religion oder denen Ihres Landes?‟ – Wenn die letzte Frage dann immer noch dahingehend beantwortet wird, dass die Religion höher steht, dann haben wir es unzweifelhaft mit Fundamentalismus zu tun. Wenn daraus eine Handlungsanweisung abgeleitet wird, diesen Konflikt gewaltsam auszutragen, dann handelt es sich um Extremismus.

Es soll hier nicht die Studie als ganze infrage gestellt werden. Aber man sollte sich schon einmal darauf gefasst machen, dass die nächste Studie, die mit Sicherheit kommen wird, den Anteil der Fundamentalisten unter den europäischen Muslimen womöglich geringer einschätzt (s. auch hier).