Attitüde in schwarz-weiss

Ich gestehe, eine gewisse Sympathie für den derzeitigen Bildersturm zu haben, dem ehemalige Sklavenhändler zum Opfer fallen. Solche Menschen verdienen in der Regel kein Andenken, wobei es Ausnahmen geben mag und manches Verhalten vor dem Hintergrund damaliger Normen gewertet werden muss. Aber grundsätzlich gehören Sklavenhändler und Tyrannen auf den Schrotthaufen der Geschichte geworfen und gewiss nicht in Marmor verewigt.

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Der Antisemitismus war nie verschwunden

Nach dem schrecklichen Anschlag auf die Synagoge in Halle, bei dem nicht viel gefehlt hätte und über die beiden Todesopfer hinaus noch weitaus mehr Menschen umgebracht worden wären, geht wieder die Debatte um die tieferen Ursachen des Anschlags los, wie wir sie auch schon im Gefolge des sog. NSU hatten und in jüngerer Zeit nach dem Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke.

Ein Teil der hiesigen Bevölkerung ist der Überzeugung, der kaltblütige und an Zynismus kaum zu überbietende Anschlag sei Ausdruck eines gesellschaftlichen Klimas, das in letzter Zeit zunehmend vergiftet worden sei und Antisemitismus und Fremdenhass gesellschaftsfähig gemacht habe. Das ist reichlich absurd, weil es keine AfD und noch nicht einmal eine NPD braucht, damit manche Menschen einen wahnhaften Judenhass verfallen.

An Old Evil Raises Its Weary Head – “Ein altes Übel reckt sein müdes Haupt” lautet der Titel eines Kommentars im “Time Magazine” über die vermeintliche Wiederkehr des Antisemitismus. Der Kommentar ist von 2003 und somit sechzehn Jahre alt. Wir dürfen nicht bei jedem Übergriff oder Anschlag so tun, als sei das alles neu. In Wahrheit ist der Antisemitismus nach 1945 nicht verschwunden und er wird vielleicht nie verschwinden.

Wir müssen uns der Möglichkeit stellen, dass es immer Menschen geben wird, die ihm verfallen und unter diesen immer welche, die bereit sind, dafür zu töten. Es ist naiv zu glauben, der Antisemitismus, oder auch nur der eliminatorische, der Rassismus oder der Islamismus würden eines Tages, wenn man die Menschen nur genug aufklärte und im Geiste der Toleranz erzöge, sich vollständig in Luft auflösen wie ein böser Zauber im Märchen.

Für die liberale Demokratie bedeutet das zunächst, die Zahl derer, die einen Hass auf Juden hegen, so gering wie möglich zu halten, Antisemitismus und andere Formen des Minderheitenhasses zu ächten und an den Rand der Gesellschaft zu verbannen. Darüberhinaus aber gilt das Gebot der Wachsamkeit: Synagogen und andere Orte potentieller Gewaltverbrechen müssen besser geschützt werden.

Dass die Synagoge von Halle keinen Polizeischutz rund um die Uhr genoss, ist skandalös. Vor allem an hohen Festtagen, wenn die Synagoge voll ist, darf es nicht sein, dass zwischen einem Attentäter und den Menschen, die er umzubringen trachtet, nur eine Holztür steht. Beinahe hätte es ein Massaker wie dasjenige im neuseeländischen Christchurch vor einem halben Jahr gegeben, das der Täter offenbar nachahmen wollte.

An dieser Stelle wollen wir nicht vergessen, dass es im Falle des Attentäters von Halle einen entscheidenden Unterschied zu Christchurch gibt: Dort nämlich waren die Opfer, insgesamt 51!, Muslime und das Blutbad fand in einer Moschee statt. Wir müssen daher mit der Möglichkeit rechnen, dass auch hierzulande eine Moschee zum Ziel eines Massakers werden könnte.

Noch einmal: Gewaltbereite Extremisten wird es in der Gesellschaft mit Sicherheit immer geben und selbst wenn es sie eines Tages nicht mehr gäbe, könnten wir nie gewiss sein, dass dies so bleibt. Nicht einfach mehr Geld für Präventionsprogramme braucht es daher, sondern vor allem besseren und dauerhaften Schutz von Menschen und Einrichtungen. Wir müssen wachsam sein.


Nachtrag 3. März 2020

“Rechtsextremismus ist heutzutage nicht die Hauptmotivation für Antisemitismus in Westeuropa (…)”, lautet das Resümee einer israelischen Studie, von der Achgut.com berichtet.

Nachtrag 4. September 2020

In der “Jüdischen Allgemeinen” schreibt Michael Wuliger: “Es war die Synagogentür in Halle, die im Oktober 2019 ein Massaker verhinderte, nicht die Polizei. Bei der Schreinerinnung ist unsere Sicherheit offenbar besser aufgehoben als bei den Sicherheitsbehörden.” Dem deutschen Staat attestiert er eine Schwäche in Belangen der inneren Sicherheit.

Wider die Instrumentalisierung der Geschichte

Die Russen und Chinesen, soviel sollte klar sein, können sich als Opfer von Stalin und Mao sehen, die Deutschen aber nicht als Opfer von Hitler. Das ist ein entscheidender Unterschied, der jede Analogie der Verbrechen des Kommunismus mit denen des Nationalsozialismus verbietet. Ein weiterer Unterschied besteht in den Ideologien: Während der Kommunismus sowohl aus liberalen als auch aus antiliberalen Elementen besteht, ist an der Ideologie des Nationalsozialismus überhaupt nichts liberal. Sie ist Menschenverachtung pur.

Aber: Man darf daraus kein Argument machen für linke Gewalt. Wenn Linksextremisten meinen, ihre Gewalt sie die bessere als Gewalt von rechts, dann instrumentalisieren sie die Geschichte, denn der Kommunismus, auch wenn er keinen solchen Zivilisationsbruch darstellt wie der Holocaust, hat gewaltige Leichenberge aufgetürmt.

Wenn Vertreter von Politik, Staat, Medien und Wissenschaft den Linksextremismus herunterspielen oder gar hofieren, dann ist Vorsicht angesagt. Eine Band wie Feine Sahne Fischfilet kann selbstverständlich auftreten, wo sie will. Aber der Bundespräsident sollte keine Band empfehlen, die den Staat ablehnt, dessen höchster Repräsentant er ist. Aus der Sicht des Staates aber kann es keinen Unterschied machen, aus welcher Ideologie heraus er bekämpft wird.

Der Soziologe Eckhard Jesse moniert zu recht, dass es in Deutschland „schon seit längerem eine bemerkenswerte Schieflage zwischen der Stärke der extremistischen Szenen und ihrer Wahrnehmung‟ gibt. Das hat praktische Auswirkungen auf die Demonstrationsfreiheit oder auch auf die stzaatliche Mittelvergabe für die Extremismusprävention. Letztere fliesst überwiegend in Programme gegen den Rechtsextremismus.

Nun mag es sein, dass der Rechtsextremismus tatsächlich die grössere Gefahr für die Gesellschaft darstellt, denkt man nur an die Morde des NSU, und dass Manuela Schwesig vor Jahren in ihrer Eigenschaft als Familienministerin vielleicht zurecht Programme gegen den Linksextremismus mit Verweis auf deren erwiesene Wirkungslosigkeit gestrichen hat. Allerdings wird, wer die Medien verfolgt, feststellen, dass der Begriff des „Rechtsextremismus‟ immer grosszügiger gehandhabt wird.

Schon der Gebrauch der Bezeichnung „rechts‟ für alles, was sich politisch rechts von den Union befindet und skeptisch gegenüber der Entwicklung der EU und der gegenwärtigen de-facto-Einwanderung äussert, macht deutlich, dass Teile der Öffentlichkeit nicht willens sind, konservativen Ansichten einen Platz im demokratischen Meinungsspektrum zuzugestehen.

Wenn pauschal alle Zuwanderer über das Mittelmeer als „Flüchtlinge‟ oder „Geflüchtete‟ bezeichnet werden, obwohl man gar nicht weiss, wie hoch der Anteil derer ist, die tatsächlich geflüchtet sind, nämlich vor Repression oder Krieg, wird jegliche sachliche Kritik an der Gestaltung der Zuwanderung durch die Politik unmöglich. Abweichende Meinungen geraten so schnell unter Extremismusverdacht.

Das sollte sich genauso verbieten wie eine Legitimierung linker Gewalt qua Instrumentalisierung der Geschichte. Was wir mehr denn je brauchen, ist ein anti-extremistischer Konsens, der die Verurteilung linker Gewalt einschliesst, ohne deshalb in falsche historische Analogien zu verfallen, den Holocaust zu relativieren oder die Verantwortung für diesen im Nebel der Geschichte aufzulösen.

Vom Dschihad zum Dschihadismus

Dschihadistische Gewalt steht im Dienste einer islamischen Ordnung. Diese Ordnung hat Voraussetzungen und ist eingebettet in eine Weltsicht, die in Begriffe wie Umma, Scharia, Kalifat, Dschihad etc. eingefasst ist. Diese und weitere Begriffe haben eine Geschichte wie auch die Gewalt im Namen des Islam eine Geschichte hat.

In der Formationszeit der islamischen Urgemeinde galt der Dschihad anfangs noch als asketisches Ideal der Selbstüberwindung (vgl. Sure 29:6, 69), bevor die medinische Gemeinde zu einer „Kämpfergemeinschaft“ (A. Neuwirth) wurde. Im Begriff des Dschihad, der den Kampf bezeichnet, klingt das asketische Ideal weiter an. Noch der IS preist die „Askese in der Welt“ (az-zuhd fi d-dunyā) als muslimisches Ideal.

Der Begriff Dschihad kommt 35 mal im Koran vor, davon 29 mal im Sinne des militärischen Kampfes und ist ein Synonym für das schon in vorislamischer Zeit gebräuchliche Wort qitāl „Kampf“. Die Prophetenvita bezeichnet die medinensischen Jahre Mohammeds als die Zeit der „Kriegszüge“ (al-maġāzī). In Buḫārīs Hadithsammlung gibt es ein „Buch des Dschihad“, das keinen Zweifel an der kriegerischen Bedeutung des Wortes lässt.

Nach dem Sieg der Muslime in der Schlacht von Badr 624, so erzählt der Koran in Sure 8:72,74, dass die Gläubigen nach Medina auswandert seien und den Dschihad gemacht haben. Wahre Gläubigkeit erweist demnach, wer dem Beispiel des Propheten folgt, bevor der Dschihad zu einer „Pflicht auf der Grundlage des Genügens“ wurde: Solange es genügend Freiwillige gibt, brauchen nicht alle Muslime in den Dschihad zu ziehen.

Dieser ist das offensive Gegenstück zum defensiven Ribāṭ, dem Halten eroberter Gebiete, und richtete sich historisch auch gegen all jene, die der Autorität des islamischen Staates entgegenstanden. Die Pflicht, Krieg gegen den äusseren, nicht-muslimischen Feind zu führen, wurde noch vom Osmanischen Reich (unter dem Begriff ghazā) praktiziert.

Damit kommen wir zum Staatsverständnis des Koran, das freilich eher vage ist. In den ersten Jahrhunderten des Islam herrschte unter den Gelehrten sogar ein Misstrauen gegenüber dem Staat vor, der als notwendiges Übel galt: al-ǧannatu wa-s-sulṭān lā yaǧtamiʿān – “Himmel und Regierung fügen sich nicht zusammen”, war die Auffassung der damaligen Zeit. Um die Mitte des 9. Jahrhunderts sollte sich unter den Rechtsgelehrten die Auffassung durchsetzen, dass der Kalif denselben religiösen Prinzipien unterworfen sein müsse wie die gesamte Umma, wobei er selbst über keinerlei religiöse Autorität verfügte.

Zwar kennt der Koran kein scharf umrissenes Konzept einer religiösen Herrschaft – Begriffe wie dawla (Staat), niẓām islāmī (islamisches System) oder ḥukūma islāmīya (islamische Herrschaft) kommen im Koran allesamt nicht vor, wie auch die Formel, der Islam sei dīn wa-dawla, Religion und Staat, neueren Datums ist. Gleichwohl weist er genügend Aspekte auf, die sich politisch deuten lassen. So spricht der Koran davon, dass das göttliche Gesetz in den Händern von „Sachwaltern‟ (ulū l-amr, pl.) liege (Koran 4:59).

Sehr viel später, nämlich 2007, wird der „Islamische Staat Irak‟ (dawlat al-ʿIrāq al-islāmīya, ISI), der Vorgänger des späteren Islamischen Staates, eine Anweisung für die Etablierung eines rechtmässigen islamischen Staatswesens veröffentlichen („Mitteilung für die Menschen zur Geburt des Islamischen Staates‟ – iʿlām an-nās bi-milād dawlat al-Islām), in der er argumentiert, dass die Gemeinde „denen, die zu befehlen haben‟ (ulū al-amr/wulāt al-amr) Gehorsam schulde.

Doch zurück zur Geschichte. Als mit Abū Muslim, der 748 seine khorasanischen Streitkräfte gen Westen geführt und das Schicksal der Umāyyaden innerhalb weniger Monate besiegelt hatte, die ʿAbbāsiden an die Macht kamen, versprachen sie den Muslimen, die medinensische Urgemeinde zum Vorbild des Reiches zu machen. Sie bauten einen hierarchisch strukturierten Verwaltungsapparat auf, in dem Richter professionelle Repräsentanten des religiösen Rechts waren.

Durch die Besetzung dieser Stellen konnten die ʿAbbāsidenherrscher auf den religiösen Diskurs und damit auf die Gesellschaft einwirken. Der islamische Staat stellte historisch gesehen daher eine Theokratie, dar, nämlich ein Gemeinwesen, das von sakralen Gesetzen regiert wurde. Herrscherliche Erlasse jedenfalls werden aus der Offenbarung abgeleitet, Repräsentation war nicht vorgesehen. Ihr Anliegen war die (autoritäre) Durchsetzung muslimischer Tugenden.

Als eine Reihe von „Sekten‟ meist nicht-arabischer Herkunft auftraten, die eine Neigung zu herterodoxen Glaubensvorstellungen hatten, gingen die ʿAbbāsiden mit Gewalt gegen diese Sekten vor. Unter dem Kalifen al-Mahdī (reg. 775-785) wurde vor allem die zanādiqa verfolgt, also Leute, denen man unterstellte, den Islam nur angenommen zu haben, um ihn zu verwässern und zu entstellen.

Der Literat Ibn al-Muqaffaʿ (727-762) musste das am eigenen Leib erfahren, als man ihm wegen vermeintlicher Ketzerei Arme und Beine abschlug (vgl. Koran 5:33). Grausam war auch das Schicksal der Barmakiden, einer iranischen Dynastie, die unter der ʿAbbāsidenherrschaft Hārūn ar-Rašīds (geb. ca. 766) die Minister stellte, bis jener in ihnen eine Bedrohung für seine Macht erkannte und sie 803 kurzerhand eliminierte.Ihre  abgeschlagenen Köpfe liess er öffentlich zur Schau stellen.

Der Schariagelehrte Aḥmad Ibn Ḥanbal (780-855) war der erste, der die Idee einer Rückkehr zu den salaf (bzw. as-salaf aṣ-ṣāliḥ), den Altvorderen theologisch ausarbeitete. Die Altvorderen – zu ihnen gehören gehören die vier „rechtgeleiteten Kalifen‟ (al-ḫulafāʾ ar-rāšidūn), also Abū Bakr, ʿUmar, ʿUthmān und ʿAlī, sowie eine Reihe weiterer Personen, die sog. ṣahāba („Prophetengefährten‟, Sg. ṣahābī) – repräsentieren das goldene Zeitalter des Islam, das zur Blaupause der islamischen Weltordnung wurde.

Äussere Gefahren sorgten für mehr Repression im Inneren. Als das Imperium im 10. Jahrhundert zerfiel und sich die Sorge vor einem Scheitern des Islam verbreitete, kam es zu politischen Reformen durch Nūraddīn Zangī, den Emir von Aleppo, dessen Vater Mitte des 12. Jahrhunderts den nördlichsten der Kreuzfahrerstaaten zerschlagen hatte. Indem er den Kriegern die Eintreibung des ḫarāǧ (Grundsteuer) überliess, militarisierte er das Staatswesen und sollte später das Idol von Abū Muṣʿab az-Zarqāwīs werden, dem eigentlichen Begründen des IS.

Vor dem Hintergrund der Mongolengefahr war es der Gelehrte Ibn Taimīya (1263-1328), der die Argumentation entwickelte, dass der Gläubige ohnehin nur Gott verpflichtet sei, sodass die Frage der Herrschaft pragmatisch angegangen werden könne. Demnach dürfen sich die islamischen Länder in mehrere Herrschaftsgebiete aufteilen, solange sie sich der Durchsetzung der Scharia verschreiben. Auch hier nahm die Repression nach innen zu: Die Ibn Taymīya-Schule war gegenüber Andersgläubigen ausgesprochen intolerant, nicht zuletzt gegenüber Schiiten und Juden.

Ibn Taimīya mag eine eher randständige Figur der Theologie gewesen sein, doch bewegte sich sein Denken im Rahmen des sunnitischen Paradigmas und ist massgeblich beeinflusst von der Rechtsschule jenes Ibn Ḥanbal (780-855). Von Ibn Taimīya wiederum beeinflusst war Muḥammad Ibn ʿAbdalwahhāb (1720-1792), der auf der Arabischen Halbinsel Zeuge wurde, wie das Kalifat, nunmehr in türkischen Händen, abermals ins Wanken geraten war. Die Ursachen dafür verortete auch er in einer gesellschaftlichen Entfremdung von den Grundlagen der islamischen Moral und Gesetze, die er ebenfalls im Rückgriff auf die salaf wiederherzustellen suchte.

Die Historiker Ira M. Lapidus und Bernard Lewis haben darauf hingewiesen, dass es in den vierzehn Jahrhunderten seit dem Propheten verschiedene „fundamentalistische‟ Bewegungen im Islam gegeben hat, die allesamt fanatisch, intolerant, aggressiv und gewalttätig waren und von charismatischen Figuren von den Rändern der Gesellschaft angeführt wurden. Nach Ibn ʿAbdalwahhāb sollte alles, was nicht dem tauḥīḍ, dem Einssein Gottes, entspricht, als širk (Heidentum) oder bidʿa (unzulässige Neuerung) bekämpft werden.

Auch der erste islamische Gottesstaat der Neuzeit, der sudanesische Mahdi-Staat Ende des 19. Jahrhunderts, fällt in dieses Schema und auch er praktizierte das Köpfen, das wir schon aus den Jahrhunderten zuvor kennen. So wurde dem britischen General Charles Lord Gordon, der als Generalgouverneur des Sudan in die Dienste der türkisch-ägyptischen Regierung getreten war, nach dem Fall von Khartum 1885 durch die Anhänger des Mahdi der Kopf abgeschlagen und als Trophäe in ein Tuch gewickelt dem Mahdi Muḥammad Aḥmad überbracht.

Muḥammad Aḥmad verdammte die türkische Herrscherschicht, wie auch die Gelehrten, die für ihn „Weltkinder‟ waren und die die „Weltliebe‟ trunken gemacht habe. Für die Anhänger des Mahdi waren weltliche Güter nur „Schmutz der Welt‟, die sie daran hinderte, die wahren Freuden des Paradieses zu erkennen. Auch das geht auf den Koran zurück, der die Gläubigen ermahnt, nicht an der Welt festzuhalten und denjenigen, die der Versuchung widerstehen, einen Lohn im Jenseits in Aussicht stellt (64:15).

Viele Elemente des heutigen Dschihadismus finden sich nicht nur im Koran, sondern lassen sich bis tief in die islamische Geschichte hinein zurückverfolgen. Damit soll nicht gesagt sein, dass der Islam nur in einer fundamentalistischen Deutung denkbar sei, denn wie jede sakrale Schrift bietet auch der Koran (von anderen autoritativen Quellen nicht zu reden) eine gewisse Spannweite an möglichen Interpretationen. Man unterschätzt jedoch den heutigen Dschihadismus, wenn man ihn zu einer blossen Erfindung jüngeren Datum erklärt. Wie Cook (2014) deutlich gemacht hat, entspringt der Aufstieg des Dschihadismus der Vorstellung von einer religiösen Pflicht, die als Teil des religiösen Erbes empfunden wird.

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Der Text bildet die gekürzte und geringfügig überarbeitete Fassung eines Vortrags, den der Verfasser unter dem Titel “Islamische Ideengeschichte und islamische Gewaltdiskurse: Grundlagen der Dschihad-Ideologie” am 30. Mai 2017 auf einer Tagung der Karl-Arnold-Stiftung in Königswinter vor Soldaten der Bundeswehr gehalten hat.

Nach dem Kalifat

Im Irak ist der das sog. Kalifat des Abu Bakr al-Baghdadi auf dem Müllhaufen der Geschichte gelandet, seitdem die irakische Armee Mosul zurückerobert hat. Auch Raqqa, die faktische Hauptstadt des Kalifats, wird fallen und eine unfassbar grausame Terrorbande, die nur dank der Uneinigkeit ihrer Feinde so lang hat existieren können, wird zertreten werden wie eine ausgerauchte Zigarette.

Das Verbrennen von Menschen bei lebendigem Leib, dass massenhafte, serielle Enthaupten, In-Säure-Ertränken, Foltern, Morden, Verstümmeln und Vergewaltigen sowie die Versklavung ganzer Volksgruppen zu beenden, war eine der dringlichsten Aufgaben auf diesem Planeten.

Zu den noch harmloseren Verbreche des IS gehörte ein grosser Käfig, der inmitten einer Kreuzung in Raqqa platziert war, um als Gefängnis für Menschen zu dienen, deren Verbrechen es war, geraucht, Musik gehört oder Karten gespielt zu haben. Derart im Käfig gefangen, durften sie von Passanten angepöbelt, bespuckt und mit Steinen beschmissen werden.

Mittlerweile ist das Netz von von Videoclips, die zeigen, wie die letzten IS-Kämpfer gejagt und erschossen werden – von kurdischen Peschmergas, der syrischen Armee, der irakischen Armee oder von schiitischen Milizen. Die Shuaitat, ein Beduinenstamm, der schwer unter dem IS gelitten hat, kämpfen mit an vorderster Front gegen den IS in Raqqa. Sie haben noch eine Rechnung zu begleichen.

Irakische Medien sprechen in Verballhornung der Eigenbezeichnung als Dawlat al-Khilāfa – „Staat des Kalifats‟ – nur von Dawlat al-Khurāfa – „Staat des Aberglaubens.‟ Propagandistisch hat der IS dem kaum noch etwas entgegenzusetzen, weil seine Kämpfer zum einen mit dem eigenen Überleben beschäftigt sind, aber auch, weil die USA schon seit längerem die IS-Experten für soziale Medien einen nach dem anderen ausgeschaltet hat.

Der letzte Rest des IS kämpft um sein Leben. Brett McGurk, der Sondergesandte der weltweiten Anti-IS-Koalition hat deutlich gemacht, dass man ausländische IS-Kämpfer nicht gefangennehmen werde. Eine Chance auf Gnade haben einzig IS-Kämpfer, die syrischer Herkunft sind und glaubhaft machen können, dass sie zum Kampf gezwungen wurden. Die ausländischen Kämpfer jedoch, ob sie nun aus Tunesien, Tschetschenien, Abchasien, Afghanistan, Deutschland, Frankreich oder von sonstwoher kommen, werden in Raqqa ihren Tod finden, ohne Aussicht auf Entkommen.

Das Ende des Kalifats ist auch deshalb eine gute Nachricht, weil die apokalyptische Verheissung, mit der jenes sich legitimiert hat, als Lüge eines Scharlatans entlarvt und damit auf lange Sicht diskreditiert ist. Kein Zweifel, der Sieg über den IS ist ein Tag des Jubels und der Freude. So viel Leid hat nun ein Ende, die Gerechtigkeit hat gesiegt.

Dennoch: Zahlreiche Rückkehrer von ausserhalb Mossuls und Raqqas werden ihren Heimatländern noch Schwierigkeiten bereiten und gerade in Südostasien fürchtet man, dass mit dem Ende des IS sich die eigene Sicherheit nicht zwangsläufig verbessert haben muss.

Hier zeichnet sich ab, dass eine andere Strategie, die verschiedene Sicherheitsexperten präferierten, die bessere hätte sein können, nämlich den IS zu schwächen anstatt ihn zu vernichten, und zwar dadurch, dass man ihn gegen die schiitischen Milizen ausspielt, die keinen Deut besser sind als der IS, und zudem noch mit den Interessen Teherans verwoben sind.

Teheran versucht schon seit einiger Zeit, strategische Tiefe in Syrien und dem Irak zu gewinnen, was sich nicht zuletzt gegen Israel richtet. Das Ende des IS markiert wohl nur ein neues Kapital des Krieges im Nahen Osten und des Terrorismus in der Welt. Darauf müssen wir gefasst sein.

Nach dem Massaker von Berlin

Soweit bekannt, hat der mutmassliche Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz zwölf Menschen das Leben gekostet. Unverständlich ist, warum es so weit kommen konnte.

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Den Hassverbrechen Einhalt gebieten

Vom Ressentiment zum Hassverbrechen ist es nicht weit. Nicht nur in den USA sieht die radikale Rechte ihre Stunde gekommen, was vermehrt Muslime zu spüren bekommen.

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Fauliges Osterei

“Wollen wir den totalen Krieg?” fragt ein “Spiegel”-Kolumnist, der auch nur irgendwie weiss, dass man Terroristen nicht bekämpft, indem man Törtchen nach ihnen wirft, aber mit Bomben eben auch nicht. Womit aber dann?

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