Kopernikus oder Woher der Fortschritt kommt (2)

(Forts.) Denn mit ihr änderte sich auch die Stellung des Menschen im Universum, was später einen Nachhall in der Relativierung konfessioneller Dogmen und der Entstehung des Deismus finden sollte. Kopernikus selbst stellte sein Werk in die Tradition des Humanismus, seine Theorie wurde zum „Seinsmodell der Neuzeit‟ (Hans Blumenberg).

Mit der Kreisform als göttlicher Metapher zu brechen wagte Kopernikus aber nicht. Dies tat erst der Prager Gelehrte Johannes Kepler, der errechnete, dass die Form der Planetenbahnen eine elliptische sein muss. Keppler selbst erschrak über seine Erkenntnis, sah er darin doch einen Rückschlag für die Auffassung von der Vernunft als herrschenden Prinzip im Universum.

Von seiner Erkenntnis abrücken wollte er dennoch nicht, denn nun war es auf einmal möglich geworden, die Umlaufgeschwindigkeiten der Gestirne zu berechnen. Die Mathematik wurde zur treibenden Disziplin innerhalb der Astronomie und der „kosmische Manierismus‟ (Hans Blumenberg), der nicht ohne die Kreisform auszukommen glaubte, war Geschichte.

Das nunmehr entzauberte Universum eröffnete den Weg frei für einen mechanistischen Naturbegriff. Vor allem Descartes und Galilei Galileo vertraten die Position, dass die Mathematik den Schlüssel zum Verständnis für das Universum biete.

Galilei hatte Anfang 1610 verschiedene Entdeckungen beschrieben, u.a. dass die Milchstrasse aus Millionen von Sternen besteht. Seine Meisterleistung war die Erkenntnis, dass sich die Erde sowohl um die eigene Achse als auch um die Sonne dreht. Das war mit der aristotelischen Naturphilosophie nicht zu vereinbaren.

Vor allem stand der Aufstieg der Mathematik der alten Vorstellung entgegen, dass die Kreisform auch deshalb wahr sein musste, weil jeder Gläubige sie verstehen konnte. Jetzt wurde die Himmelserforschung zu einer komplexen Angelegenheit und führte zu ganz anderen Schlüssen als die Intuition es nahelegte.

Zwar bestätigte die Entwicklung zwar die Auffassung, dass der Kosmos der menschlichen Vernunft zugänglich ist, aber das Vernunftdenken brach nicht nur mit diesen Vorstellungen, sondern nahm auch keine Rücksicht auf die Theologie.

Stellen in der Bibel, nach denen sich die Sonne um die Erde dreht, liessen sich mit dem Heliozentrismus eines Galilei nur vereinbaren, wenn man annahm, dass die Bibel so formuliert wurde, wie es dem Weltbild der Zeitgenossen entsprach (was später einmal Akkomodationstheorie heissen wird).

Dass nicht alles in der Bibel wörtlich verstanden werden konnte, hatte zwar schon Augustinus verkündet, aber diese Einsicht führte nun zur Zerstörung des alten aristotelisch-scholastischen Weltbildes. Das Vernunftdenken wurde, in den Worten von Charles Taylor, „zugleich Motor und Nutzniesser der Entzauberung‟.

(Forts. folgt morgen, Freitag, den 18. März)