Kopernikus oder Woher der Fortschritt kommt (3)

(Forts.) Hier zeichnet sich etwas ab, was man in den historischen Wissenschaften als „Pfadabhängigkeit‟ bezeichnet, denn die Arabische Welt schlug eine andere Welt ein, was zunächst einmnal verwundern muss, hatte sie doch hervorraagende Mathematiker und Naturwissenschaftler hervorgebracht.

Wir können an dieser Stelle die Wissenschaftsgeschichte natürlich nur in ganz groben Zügen skizzieren. Bereits im 6. Jahrhundert hatte der christliche Philosoph Johannes Philoponos die Vorstellung von einer Welt entwickelt, die zwar von Gott erschaffen ist, doch ihrer eigenen Gesetzmässigkeit folgt. Eine solche Vorstellung war der islamischen Kultur fremdgeblieben, wie der Graeco-Arabist Hans Daiber urteilt.

Das mag erklären, warum in der arabische-islamischen Welt naturwissenschaftliche Entdeckungen nicht in gleichem Masse zu einem Umsturz des Weltbildes führten. Die Linsenfunktion des Auges hatte der arabische Gelehrte Ibn al-Haytham (gest. 1039) zwar als erster beschrieben, der auch die Höhe der Erdatmosphäre zu berechnen wusste, doch allein am Hof Rudolfs II. in Prag, an dem Kepler seine Berechnungen machte, entstand eine künstlerische Avantgarde, die in der optischen Verformung eine wichtige Inspirationsquelle fand.

In Ibn al-Haithams Wirkungsgeschichte, so der Kunsthistoriker Hans Belting, „kulminiert der kulturelle Austausch zwischen Ost und West.‟ Überhaupt waren sich zu jener Zeit das lateinische Europa und die arabisch-islamische Welt in ihrer Naturerkenntnis noch ebenbürtig. Arabischen Gelehrten verdankt Europa nicht nur Philosophie, sondern auch medizinisches, astronomisches und geometrisches Wissen.

Dass es auf arabischer-islamischer Seite dennoch keinen Galilei gab, könnte dem Wissenschaftshistoriker Floris Cohen zufolge etwas mit den Invasionen im Maghreb und im Irak im 11. Jahrhundert zu tun gehabt haben. Aber auch eine Universitätskultur, die mathematisches Wissen vermittelte, wie auch der Bruchdruck waren wichtige Katalysatoren für Naturforschung und Technik im Europa der Renaissance. Nicht zufällig geht dieser Prozess mit dem Aufstieg einer Reformationstheologie einher, die von Zweckrationalität geprägt ist. Deren Hochburgen werden England und Holland.

(Forts. folgt morgen, Samstag, den 19. März)