Naher Osten

Flug LY971 von Tel Aviv nach Abu Dhabi

“Historisch” nennen israelische Medien das Ereignis und auch auf emiratischer Seite überschlägt man sich fast vor Enthusiasmus. Die als “Abraham Accords” gefeierten Abkommen zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) , die einen Friedensvertrag zwischen beiden Ländern vorsehen, könnten den Nahen Osten in Bewegung bringen.

https://twitter.com/love_uae_dubai/status/1299763671254659082

Denn möglicherweise werden sich bald weitere arabische Staaten den VAE anschliessen und ihr Verhältnis zu Israel normalisieren. Das hat sicherlich etwas damit zu tun, dass man im iranischen Regime einen gemeinsamen Gegner hat, aber schaut man sich die Reaktionen aus den Emiraten an, dann strebt man offenbar eine Zusammenarbeit auf allen Ebenen an, nicht nur in Sicherheits- oder Wirtschaftsfragen.

Wenn das gelänge, wenn also die Friedensverträge mehr sein sollten als nur blosse Elitenprojekte, sondern sie auch von unten mitgetragen werden, dann bedeuteten die “Abraham Accords” einen Epochenwechsel im Nahen Osten, herrscht doch zwischen Israel und seinen arabischen Freundesstaaten Jordanien und Ägypten ein eher kalter Frieden.

https://twitter.com/IsraeliCulture/status/1300345952964882432

Jedenfalls, von den deutschen Medien kaum beachtet, machte sich zum ersten Mal in der Geschichte ein israelisches Zivilflugzeug der Luftfahrtgesellschaft El Al auf dem Weg von Tel Aviv nach Abu Dhabi. Dafür öffnete Saudi-Arabien, das seine Beziehung zum jüdischen Staat bislang noch nicht normalisiert hat, seinen Luftraum. So konnte schon drei Stunden nach seinem Abflug LY971 in Abu Dhabi landen.

Flug LY971 hat immense Symbolkraft, weil er eine Reihe von populären Annahmen über den Haufen wirft: Dass erst der Konflikt mit den Palästinensern gelöst werden müsse, damit es eine Annäherung Israels an die arabische Welt gibt; dass konservative Regierungen wie die israelische unter Netanjahu kein wirkliches Interesse am Frieden haben; dass von Trump, der die “Abraham Accords” vermittelt hat, nur Schlechtes kommt.

Vielleicht wäre die deutsche Berichterstattung über diesen historischen Flug auch umfangreicher, käme der amerikanische Präsident aus der Demokratischen Partei. Aber die Welt dreht sich auch dann weiter, wenn die deutsche Öffentlichkeit Nabelschau betreibt. In den arabischen Medien war dafür das Medieninteresse an LY971 umso grösser.

https://twitter.com/HananyaNaftali/status/1300409103618113536

Erst kürzlich hatte die israelische Militärjets Gelegenheit, mit der deutschen Luftwaffe in Deutschland die bilaterale Übung “Blue Wings” abzuhalten, was auch schon historisch war. Und nun dies: Ein Flug von El Al im Rahmen einer umfassenden Friedensvereinbarung des jüdischen Staates mit einem arabischen Golfstaat!

In Abu Dhabi gibt es auch eine kleine jüdische Gemeinde, die dort ganz unbehelligt lebt. Die Toleranz gegenüber anderen Religionsgemeinschaften ist ein staatliches Prestigeprojekt in den Emiraten, dessen Krönung das voraussichtlich 2022 zu eröffnende “Abrahamische Familienhaus” sein wird.

Gewiss, die Emirate sind keine Demokratie und die Anerkennung Israels könnte ausländischen Reformdruck, sollte es ihn denn geben, von ihnen nehmen. Dennoch ist die Anerkennung ein grosser Schritt mit erheblicher Signalwirkung für die Region. Bald schon könnte Bahrain folgen, das zur Einflusssphäre Irans gehört. Irans Neokolonialismus geht sogar so weit, die lokalen Schiiten gegen die bahrainische Staatsführung zu mobilisieren, um das Land zu iranischem Territorium zu machen.

Iran, dessen Festland von den Emiraten keine 130 km entfernt ist, und die Türkei sind denn auch Gegner des Abkommens und gehören damit zu den Verlierern in der Region, denn Iran sieht sich zunehmend isoliert und die Türkei dürfte wohl einen Abfluss israelischen Kapitals Richtung Golf erleben.

Da bleibt uns nur noch an die Adresse von Israelis und Emiratis zu sagen: Herzlichen Glückwunsch, mazal tov und mabrouk!


Nachtrag 1. September 2020

Genauso herzlich war der Abschied.

https://twitter.com/michelledivontv/status/1300816369898881024

Nachtrag 21. November 2020

Ein Kommentar in der “Jerusalem Post” macht darauf aufmerksam, dass die Annäherung der Golfstaaten an Israel mehr als nur ein diplomatisches Ereignis ist, sondern: “These are the beginnings of real people-to-people engagement; something that Israel has never enjoyed with the publics in Egypt or Jordan.” Kommentator David M. Weinberg, räumt ein, es gehe auch um eine gemeinsame Front gegen den Iran, kritisiert jedoch die sauertöpfische Haltung der Linken gegenüber der Annäherung und fordert: “The Left should be pressing PA President-for-life Mahmoud Abbas to cease his rabid anti-Israel rhetoric and dial-down his expectations.

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