Feindbild Kapitalismus

Vielleicht kennen Sie den Film „Toni Erdmann‟. Der Streifen hat fraglos seine Qualitäten was die schauspielerische Leistung der Darsteller angeht. Das Drehbuch aber ist ein Desaster, eine antikapitalistische Schmonzette, was freilich erklärt, warum dieser Film so hoch gepriesen wurde. Selbst der fehlende Soundtrack und die teils öden Dialoge taten dem keinen Abbruch.

Worum geht es? Eine junge Unternehmensberaterin aus Deutschland macht Karriere in Bukarest, wenn da nicht ihr peinlicher Vater wäre, dem sie sich schon längst entfremdet hat. In Rumänien herrscht nun eine Art Raubtierkapitalismus, doch hat unsere Unternehmensberaterin dafür keinen Blick. Am Ende ist es ihr Vater, der gute Geist, der seiner Tochter die Maske der harten Geschäftsfrau herunterreisst und sie auf den Pfad der Menschlichkeit führt.

Finde den Fehler! In der Tat müssen aus deutscher Sicher die rumänischen Verhältnisse wenig anziehend wirken. Sie mit Deutschland vergleichen zu wollen, ist jedoch absurd. Ein sinnvoller Vergleich wäre der zwischen dem Rumänien von heute und dem Rumänien unter Ceaușescu. Und da kann kein Zweifel bestehen, dass sich die Situation massiv gebessert hat, wobei es eine etatistische, keine neoliberale Politik ist, die jetzt wieder Probleme verursacht.

Ein anderes Beispiel: Vor einiger Zeit hat ein amerikanischer Journalist namens Brian Merchant die Produtionsstätte von Apples iPhone under cover unter die Lupe genommen. Produziert wird das iPhone nicht etwa in den USA, sondern in China, genauer: in der sog. Foxconn-City von Shenzhen. Was Merchant dort vorfand, ist wenig überraschend: Es herrscht ein hoher Arbeitsdruck unter einem Management, das als unbarmherzig und autoritär beschrieben wird. Hinzu kommt die hässliche (offenbar für chinesische Firmen übliche) Praxis, Mitarbeiter, die nicht die geforderte Leistung erbringen, vor der versammelten Mannschaft zu demütigen.

Keine Frage, dass ein Deutscher oder Amerikaner unter solchen Bedingungen nicht arbeiten möchte. Westlicher Druck, um die Produktionsbedingungen menschlicher zu machen, ist darum auch nicht verkehrt, ganz im Gegenteil. Firmen wie Apple, die in China produzieren lassen, haben eine klare moralische Verpflichtung dazu. Bei all dem muss man jedoch die Relationen im Auge behalten.

Denn auch hier gilt: Ein Vergleich mit Arbeitsbedingungen in den USA oder Europa macht wenig Sinn, umso mehr ein Vergleich mit denjenigen Chinas von vor zwanzig, dreissig oder fünfzig Jahren. Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass seit 1980 etwa 700 Millionen Chinesen der Armut entkommen sind.  Chinas Pro-Kopf-Einkommen hat sich zwischen 1980 und 2000 um 400% erhöht, wie Martin Wolf, Autor von Why Globalization Works, schon 2004 schrieb. Das sagt freilich noch nichts darüber aus, ob sich die Arbeitsbedingungen verbessert haben. [pullquote]Armut und Repression wurden erst ein Thema, als die marktwirtschaftliche Öffnung des Landes beides reduzierte.[/pullquote]

Hier gibt es sicherlich noch viel zu tun. Der Leistungsdruck scheint sich aber, wie ein Studie des IZA von 2015 nahelegt, nicht negativ auf die Gesundheit der arbeitenden Bevölkerung auszuwirken. Vor allem aber gilt es zu beachten, dass China noch unter Mao Arbeitsbedingungen erlebt hat, die absolut menschenverachtend waren und zu Hungersnöten und millionenfachem Sterben geführt haben. Die westliche Linke hat das seinerzeit nicht interessiert, im Gegenteil waren Poster mit dem Porträt Maos gang und gäbe in deutschen Studentenbuden der 1960er.

Dabei hätten die Mao-Fans wissen können, wie es um China bestellt war. Wie sich der Historiker Götz Aly in seinem Buch Unser Kampf erinnert, hat es seinerzeit an der FU Berlin mit Jürgen Domes einen Wissenschaftler gegeben, der alle verfügbaren Informationen aus China nicht nur fortlaufend sammelte und publizierte, sondern auch im Seminar unterrichtete. Aber die radikale Linke wollte lieber der maoistischen Propaganda glauben. Armut und Repression wurden erst ein Thema, als die marktwirtschaftliche Öffnung des Landes beides reduzierte.

Ein letztes Beispiel: Die Grossbaustelle in Katar anlässlich der Fussballweltmeisterschaft 2022. Westlichen Berichten zufolge sind die Arbeitsbedingungen in hohem Masse unmenschlich, manche nennen sie „schockierend‟. Bei den Betroffenen handelt es sich ausschliesslich um Arbeitsmigranten aus Südasien.

Seit 2012 soll es 520 Todesfälle unter den Arbeitern gegeben haben, die auf den Baustellen für die Fussball-WM tätig sind, offenbar bedingt durch die Hitze, bzw. einen Mangel an Hitzeschutz seitens der katarischen Behörden. Auch hier gibt es eine moralische Verantwortung des Westens, für eine Verbesserung der Zustände zu sorgen.

Diese Verantwortung wird auch wahrgenommen. Eine Neuvergabe der WM an ein anderes Land sollte aber nur die allerletzte Massnahme sein, denn in Indien, woher die meisten Arbeitsmigranten kommen, sind die Arbeitsbedingungen offenbar nicht besser. Unterbringung und soziale Absicherung sind ziemlich mies, die Angst vor einen Jobverlust hindert die Arbeiter daran, zur Gewerkschaft zu gehen. Warum also gehen sie nach Katar?

Ein Grund kann sein, dass sie sich dort eine bessere Bezahlung erhoffen. Würde die WM neu vergeben und alle Arbeiten auf den WM-Baustellen des Landes eingestellt werden, müssten die Arbeitsmigranten zurück in ihre Heimatländer gehen, wo sie keine besseren Arbeitsbedingungen vorfänden, aber möglicherweise schlechter bezahlt würden. Übrigens hat Indien seit der Liberalisierungspolitik der 1980er ebenfalls eine erhebliche Zunahme des Wohlstands zu verzeichnen.

Solche Erwägungen spielen aber keine Rolle im hypermoralischen Universum linker Sozialklempner, die sich immer erst dann für Armut interessieren, wenn sie glauben, diese dem Kapitalismus anlasten zu können. Absurderweise sind sie damit auch noch erfolgreich und lassen Sozialismus und Etatismus wieder als erwägenswerte Alternative zur liberalen Wirtschaftsordnung erscheinen. Falsche Vergleiche sind eines ihrer bevorzugten Propagandamittel. Wir sollten uns nicht davon irritieren lassen.

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