Naher Osten

Israel zum 72.

Uralte Sehnsucht nach Zion – Israel wird zweiundsiebzig und noch immer wird es in Europa wenig verstanden

Die Vorgeschichte des jüdischen Staates im 19. und 20. Jahrhundert wird meist so erzählt: Jüdische Siedler, die vor Pogromen in Osteuropa nach Palästina ausgewandert waren, besiedelten das Land in der Absicht, den jüdischen Staat der Antike wiederaufleben zu lassen. Die Inspiration dazu bezogen sie von einem Wiener Journalisten namens Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus. Dabei bedienten sie sich der Hilfe der Briten und nahmen keine Rücksicht auf die lokale arabische Bevölkerung, die sie an den Rand drängten und damit einen Konflikt schufen, der bis heute andauert.

In dieser Erzählung wird der jüdische Staat zu einer historischen Kuriosität, zu einer Anomalie, einer Art Betriebsunfall der Geschichte. Zwar ist Israel, was seine spätere Entwicklung anbetrifft, tatsächlich die grosse Ausnahme im Nahen Osten, ein Erfolgsmodell in Sachen Demokratie, Innovation und Wohlstand. Was jedoch seine Vorgeschichte anbetrifft, so wurzelt sie in der Region selbst und muss im Kontext der damaligen Nationalbewegungen studiert werden. Der Blick allein auf Vorgänge in Europa verstellt diese Tatsache. Weiten wir ihn auf die Region aus, so entfaltet sich vor unseren Augen ein ganz anderes Bild.

Kulturelle Erneuerungsbewegungen, französische Revolutionsideale und die Schaffung einer Nationalsprache sind die Marksteine eines intellektuellen Prozesses, der im 19. Jahrhundert um sich zu greifen begann. Damals transformierte sich nicht nur der Nahe Osten, sondern die ganze Welt und wurde die nationalstaatliche Ordnung geschaffen, die heute alle Erdteile erfasst und Grossreiche und Imperien verdrängt hat. Im Osmanischen Reich ging der Impuls zur Neuordnung von der griechischen Nationalbewegung aus, die sich 1821 erhob. Inspiriert war sie von den Philosophen der Französischen Revolution, aber auch von Herder, dessen Ideen sich von Südosteuropa aus über das Osmanische Reich verbreiteten.

Brückenkopf gerade für Herdersche Ideen war Wien. Hier war Rigas Feraios aktiv gewesen, der für die griechische Sache Propaganda betrieb, bevor er festgenommen und an die osmanischen Behörden überstellt wurde, die ihn 1798 in Belgrad hinrichteten. In Wien hatte auch Theodor Herzl seine produktive Zeit. Herzl ist zweifelsohne die überragende Figur, was die Idee eines jüdischen Nationalstaats anbetrifft, die er wie kein anderer populär zu machen verstand. Nicht zuletzt war er durch zwei Rabbiner aus Südosteuropa bzw. Osteuropa beeinflusst: Jehuda Alkalai (gest. 1878) aus Serbien und Zwi Hirsch Kalischer aus Polen.

Vor allem Alkalai hatte eine ganze Reihe von Schriften verfasst, in denen er die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina forderte, und suchte dazu persönlich die grossen jüdischen Gemeinden Europas, Konstantinopels und Palästinas auf. Sein Mitstreiter Kalischer forderte die Juden auf, dem Beispiel der Italiener, Polen und Ungarn zu folgen. Theodor Herzl war von beiden beeinflusst: Alkalai hatte er 1873 in Wien persönlich kennengelernt, mit Kalischers Ideen war er durch die 1862 erschienene Programmschrift „Rom und Jerusalem‟ des deutschen Zionisten Moses Hess in Berührung gekommen.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass es im Osmanischen Reich, Völker gab, aber keine Nationen. So sprachen viele, die sich im 19. Jahrhundert als Griechen empfanden und mit der griechischen Nationalbewegung sympathisierten, kein Griechisch. Die Nationalversammlung zu Astros 1823, die zunächst die griechische Sprache als Kriterium für die Zugehörigkeit zum Griechentum genannt hatte, rückte davon wieder ab und definierte als Grieche jeden, der autochthoner Bewohner des griechischen Hoheitsgebiets war und sich zum Christentum bekannte. Später kam die Formulierung auf, dass Grieche sei, wer sich als solcher definiert und die Waffen gegen die osmanische Herrschaft erhebt oder erhoben hat.

Es bedurfte erst eines Bildungswesens, um ein Nationalbewusstsein zu schaffen, aber mehr noch einer Nationalsprache, die in der Lage sein würde, den Anforderungen moderner Literatur, des Journalismus, der Wirtschaft und der Verwaltung zu genügen. Meist waren die einzelnen Sprachen in verschiedene Varietäten zersplittert und existierte eine altertümliche Variante für sakrale und höfische Texte neben einer Vielzahl an Dialekten. Was fehlte, war ein Sprachstandard, der modernen Anforderungen genügte. Das galt damals für alle Sprachen auf dem Boden des Osmanischen Reiches, auch für das Hebräische.

Das Hebräische war einerseits nie wirklich tot. Die jemenitischen Juden hatten es im mündlichen Gebrauch bewahrt. Noch im 19. Jahrhundert war die bevorzugte Schriftsprache etwa der Juden Ägyptens das Hebräische oder europäische Sprachen, nicht das Arabische. Allerdings war Hebräisch weit davon entfernt, die Rolle einer modernen Nationalsprache auszufüllen. Viele Begriffe des Alltags wie auch der Verwaltung mussten überhaupt erst geschaffen werden. Für diesen Vorgang steht vor allem der Name Ben Yehuda, der viele moderne Begriffe für das Hebräische schuf.

Es waren aber nicht nur einzelne Termini, die geprägt werden mussten. Auch in grammatikalischer und stilistischer Hinsicht war das Hebräische reformbedürftig. Einer solcher Reform wurden u.a. auch das, Türkische, Griechische oder Albanische unterzogen, die bis dahin ebenfalls den Ansprüchen einer modernen Schrift- und Alltagssprache nicht genügten. Die einzelnen Nationalbewegungen strebten folglich danach, entsprechende Nationalsprachen zu schaffen, was ganz wesentlich in Form von Übersetzungen geschah, die zum Teil über die zahlreichen neugegründeten Literaturjournale Verbreitung fanden.

Als ultimative Herausforderung galten den Übersetzern die Werke von Homer, vor allem die Ilias. Nicht nur stand die Ilias im literarischen Kanon Europas immer an vorderster Stelle, vor allem der poetische Charakter und der reiche Wortschatz stellten höchste Anforderungen an die Übersetzer. Eine Übersetzung würde daher den Beweis erbringen, dass die reformierte Sprache nichts an Ausdruckskraft eingebüsst hat. Daher finden wir um die Jahrhundertwende innert einiger Jahrzehnte eine ganze Reihe von Übersetzungen der Ilias (und auch der Odyssee) in unterschiedliche Sprachen Südosteuropas und Westasiens. Sie mögen aus heutiger Sicht wie Produkte aus der Studierstube erscheinen, waren damals aber hochpolitisch.

Den Anfang machte 1887 eine Teil-Übersetzung der Ilias ins Osmanisch-Türkische, angefertigt von Sami Frashëri, einem der führenden albanischen Intellektuellen seiner Zeit. Ins Neutürkische übersetzte sie dann der bekannte Schriftsteller Ömer Seyfettin, das Gesicht der türkischen Sprachbewegung. Es gab mehrere Übertragungen ins Neugriechische, darunter von Iakovos Polylas 1900 und Alexandros Pallis. Ebenfalls von einem Griechen, Panagiotis Papakostopoulos, stammt eine neuserbische Übertragung der Odyssee, die posthum 1881 in Belgrad erschien. Der libanesische Politiker und Publizist Sulayman Bustani wiederum übertrug die Ilias 1004 ins Arabische, entgegen dem Trend jedoch in die bestehende Hochsprache.

Schliesslich wurde die Ilias auch Gegenstand der hebräischen Sprachbewegung, namentlich der Übertragung durch Saul Tschernichowsky. Der in der Ukraine geborene Dichter, dessen Gesicht heute auf der 50-Schekel-Note prangt, widmete sich um die Jahrhundertwende dem Unterfangen, über poetische Werke der griechischen Antike die hebräische Literatur voranzubringen. Seine Übertragung der Ilias wie auch der Odyssee, die er 1917 in Angriff nahm, gelten als Meilensteine der neuhebräischen Literatur, sodass ihn die Ungarische Akademie der Wissenschaften den „König der hebräischen Poeten“ nannte.

Die einzelnen Nationalbewegungen auf dem Boden des Osmanischen Reiches waren einerseits zukunftsorientiert, was Sprache, Literatur, Verwaltung und Recht anging, sie waren aber ebenso auf die Vergangenheit fixiert, die unabdingbar war, um den eigenen territorialen Anspruch zu rechtfertigen. Manch einem vermeintlich aufgeklärten Zeitgenossen mag es heute merkwürdig, wie aus der Zeit gefallen erscheinen, dass das heutige Israel sich als Wiedergeburt des antiken Israel begreift, aber dies entspricht genau der Denkweise der Nationalbewegungen in der Region.

Während im Libanon zum Teil bis heute der „Phönizismus‟, also die Projektion libanesischer Geschichte bis zurück zu den Phöniziern, seine Blüten treibt, beruht das albanische Nationalbewusstsein auf dem „Illyrismus‟, der Idee von einer Abstammung, die bis auf die Illyrer der Antike zurückgeht. Auch die türkischen Nationalisten versuchten sich an eine Rückbindung der Geschichte, indem sie sich in die Tradition eines alten ionischen Erbes stellten. Türkische Nationalisten entdeckten Dschingis Khan und Dede Korkut, den „türkischen Homer‟, für sich neu.

Was die Griechen betrifft, so wurde der spartanische Heeresführer Leonidas, der 390 v. Chr. gegen die Perser den Märtyrertod erlitt, zum Ahnherren der nationalen Wiedergeburt koren. Einen ähnlichen Stellenwert erlangte Alexander der Grosse, der allerdings nicht allein von den Griechen in Anspruch genommen wurde. Als der deutsche Historiker Jacob Philipp Fallmerayer behauptete, die Griechen seiner Zeit seien in Wahrheit keine Nachfahren der alten Griechen, sondern Abkömmlinge slawischer Stämme, die seit dem Mittelalter nach Südosteuropa vorgedrungen waren, zeigte sich die Regierung des 1833 entstandenen griechischen Rumpfstaates empört und sah sich genötigt, eine Historikerkommission einzuberufen, um diese Behauptung zu widerlegen und ein griechisches Kontinuum nachzuweisen, das bis auf die Antike zurückreicht.

Wenn also die Zionisten Simon Bar Kochba herauf beschworen, den heroischen Widerstandskämpfer, der 135 n. Chr. in einem Aufstand gegen die römische Besatzung über Judäa sein Leben liess, ist daran nichts ungewöhnlich oder anormal. Die Idee der nationalen Wiedergeburt war das grosse Thema aller Nationalbewegungen auf dem Boden des zerfallenden Osmanischen Reiches und anderer Länder. Immer ging es darum, die Herkunft der eigenen Nation möglichst tief in der Geschichte festzuschreiben und sie über territoriale Ansprüche Dritter erhaben zu machen. Münzen aus der Zeit von Bar Kochba zeigen hebräische Aufschriften wie „die Freiheit Israels‟ oder „die Freiheit Jerusalems‟ und belegen eine uralte Sehnsucht nach jüdischer Souveränität im Heiligen Land.

Wie wenig verstanden diese Zusammenhänge noch heute im westlichen Europa sind, zeigt das Beispiel des britisch-amerikanischen Historikers Tony Judt (gest. 2010), der ein vehementer Kritiker der zionistischen Idee war. Judt hielt den jüdischen Staat für eine Anomalie, was er dadurch deutlich zu machen versuchte, dass auch ein Land wie Ägypten nicht aufgrund einer Theorie von „Ägyptischheit“ existiere. Doch dieses Argument zielt ins Leere. Tatsächlich hatten die ägyptischen Nationalisten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts den Mythos von einer „Ägyptischheit‟ gepflegt, die bis zu den Pharaonen zurückreicht – eine Einstellung, die unter dem Namen „Pharaonismus‟ Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat.

Manche dieser Nationalideologien, die auf dem Boden des ehemaligen Osmanischen Reiches gediehen, sind sicherlich fragwürdig, was ihre historische Fundierung anbetrifft, aber entscheidend ist: Alle Nationalbewegungen teilten dieselben Themen und dieselben Einflüsse, standen vor ähnlichen Schwierigkeiten und griffen auf ähnliche Strategien zurück.

Die Vordenker des Zionismus konnten zudem darauf bauen, dass es nicht nur schon immer Juden in Palästina gegeben hat, sondern seit dem Mittelalter immer wieder Juden in grosser Zahl nach Palästina eingewandert waren. Nach der verstärkten Zuwanderung seit dem 12. Jahrhunderte nahm die Zahl der Juden in Palästina unter osmanischer Herrschaft weiter zu, vor allem in den grossen jüdischen Zentren Jerusalem und Safad.

Auch ihre geographische Zerstreuung war keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der jüdischen Bevölkerung. Vor 1922 lebte die Mehrheit der griechischen Bevölkerung ausserhalb des heutigen Staatsgebietes, Albaner waren über den Balkan verteilt und besassen eine starke Präsenz in Italien und Ägypten; Armenier und andere waren über den ganzen Vorderen Orient verstreut. Die Entflechtung der Völker, die zum Teil gewaltsam betrieben wurde, führte zu einer demographischen Homogenisierung der Region zu beiden Seiten des Mittelmeeres und war nicht auf Palästina beschränkt.

Die Tatsache, dass sich die Zionisten der Unterstützung durch die Briten bedienten, entsprach ebenfalls einem gängigen Muster: Alle Nationalbewegungen dieser Epoche, die sich vom Osmanischen Reich loszulösen versuchten, versuchten die Grossmächte für ihre Interessen einzuspannen. Die britischen National Archives bewahren z.B. ein Dokument auf, das Versuche der türkischen Seite Anfang 1919 bezeugt, von Grossbritannien die Garantie für einen türkischen Nationalstaat zu erwirken. Immer richteten sich solche diplomatischen Bestrebungen auch gegen die konkurrierenden Nationalbewegungen, mit denen man zum Teil um Territorien und künftige Grenzverläufe stritt.

Dass Europa im allgemeinen und Deutschland im besonderen den Palästinensern etwas schulde, ist vor dem Hintergrund der Geschichte daher unsinnig. Nationalstaaten, die in ihrer Entstehungsphase unliebsame Minderheiten vertrieben oder zwangsassimiliert haben, sind die Regel, nicht die Ausnahme. Die Antwort auf die ungeklärte Frage nach einem eigenen Staat für die Palästinenser muss in der arabischen Welt gesucht werden. Auch wenn es in jüngerer Zeit im Angesicht der iranischen Bedrohung eine gewisse Annäherung an Israel gibt, zeigt man dort wenig Interesse an einer Lösung des Nahostkonflikts und wird der jüdische Staat zu einem Stachel im Fleisch der Region und damit zur „palästinensischen Wunde‟ (al-djurh al-filastini) im arabischen Körper erklärt.

Wer durch die Buchhandlungen von Beirut, Kairo oder Damaskus streift, wird sofort die vielen Hetzschriften bemerken, die Titel tragen wie „Die geheimen Verbindungen zwischen Judentum, Freimaurertum und Zionismus‟, „Der Holocaust von Gaza‟, „Zionismus, der Feind des Friedens und des gesellschaftlichen Fortschritts‟, „Israel, der Dolch Amerikas‟, „Die Verbrechen der Juden‟, „Wie die Juden die heiligen Schriften verfälschten‟, „Der jüdische Terror‟, „Das jüdische Krebsgeschwür in der Geschichte‟ und andere mehr. Hier scheint die Zeit im 19. Jahrhundert stehengeblieben zu sein.

Der entscheidende Schritt zur Lösung des Konflikts wird erst dann getan sein, wenn die arabische Welt akzeptiert hat, dass der moderne Staat Israel kein Fremdkörper in der Region ist, sondern genau dort hingehört, wo er sich seit nunmehr zweiundsiebzig Jahren befindet. Mazal tov, Israel!


(Anm. Hierbei handelt es sich um den überarbeiteten Text vom 2. Juni 2018.)

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