Debatte

Covid-19 und die Suche nach einfachen Antworten

Einige Leute muss man wohl daran erinnern: Auch alte Menschen haben einen Anspruch auf Behandlung. Der Tod gehört zwar zur menschlichen Existenz. Aber zunächst müssen alle Menschen unterschiedslos behandelt werden. Man kann sie wohl kaum mit dem Argument verrecken lassen, sie hätten doch ihr Leben gelebt. Das ist zynisch und menschenverachtend, zumal niemand weiss, ob ein Achtzigjähriger nicht vielleicht doch noch zehn oder fünfzehn Jahre zu leben gehabt hätte.

Also sind Massnahmen wie Quarantäne und Lockdown grundsätzlich gerechtfertigt, um unser Gesundheitssystem vor dem totalen Kollaps zu bewahren. Aber hier beginnt das Dilemma: Wieviel Lockdown können wir uns wie lange zumuten, ohne unsere Freiheit und unsere wirtschaftliche Existenz zu vernichten? Es gibt darauf keine einfache Antwort, die alle Bereiche der Gesellschaft und alle Bürger zufriedenstellen könnte. Man kann einzelne Massnahmen als unverhältnismässig kritisieren, aber dies immer vor dem Hintergrund des Wissens, das wir aktuell haben.

Selbst Dissidenten wie der amerikanische Arzt John Ioannidis sagen, dass wir mehr Daten brauchen, um beurteilen zu können, was angemessen ist. Ob es einen schwedischen Weg gibt und ob er der erfolgreichere ist, lässt sich noch gar nicht abschätzen. Bislang sieht es nicht danach aus, aber selbst wenn es zutreffen sollte, stellte sich immer noch die Frage, ob Deutschland denselben Weg gehen kann wie Schweden, wo die Bevölkerungsdichte viel geringer ist und die Zahl der Single-Haushalte, die ohnehin in Quasi-Quarantäne leben, viel höher. Wir können auch den Weg gehen, den Südkorea gewählt hat, nämlich ebenfalls ohne Lockdown, aber dazu gehört die umfassende Überwachung der Gesellschaft durch Tracking-Apps. Wollen wir das?

Auch der anfangs von mir favorisierte Ansatz, auf Herdenimmunität zu setzen, scheint nicht machbar, wie Helge Braun, Kanzleramtschef und studierter Mediziner, kürzlich erläutert hat. Die Kontrolle über die Epidemie würde uns dann wohl entgleiten und das Gesundheitssystem vor Erreichen einer massenhaften Immunität völlig zusammenbrechen. Noch einmal: Es gibt hier keine einfachen Antworten, sondern nur eine permanente Diskussion und Kritik vor dem Hintergrund sich stetig wandelnden Wissens und unter der Prämisse, möglichst viele Menschenleben zu retten und zugleich unsere Freiheit und wirtschaftliche Existenz so gut es geht zu bewahren. 


Nachtrag 6. Mai 2020

(Geringfügige stilistische Glättung im ersten Absatz.)

Nachtrag 29. Juni 2020

Was diejenigen anbetrifft, die gegen Lockdown und Abstandsregeln und Gesichtsbedeckungen sind, so sollten sie zur Kenntnis nehmen, dass Covid-19 keineswegs so harmlos ist, wie diese Grafik im Vergleich zeigt. Hintergründe dazu gibt es hier. Man bedenke, dass es im Gegensatz zur Influenza für Covid-19 bislang noch keinen Impfstoff gibt. Zudem sollten Covid-19-Verharmloser ihre ethischen Massstäbe prüfen, wie die Amadeu-Antonio-Stiftung zu recht moniert: “Wer (…) behauptet, die Mehrheit müsse sich zugunsten eines kleinen Teils der Gesellschaft einschränken, obwohl für die meisten gar keine Gefahr bestünde, ist gleich mehrfach auf dem Holzweg. (…) Eine menschenfreundliche Gesellschaft hat den Anspruch, auch jene zu schützen und zu pflegen, die für die Gemeinschaft keinen ‘Nutzen’ darstellen. Jedes Menschenleben ist gleichsam schützenswert, und jede Bedrohung der schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft stellt eine Bedrohung der Gesellschaft an sich dar.

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