Debatte

Vom Elend allzu steiler Thesen

Steile Thesen halten meist den Fakten nicht stand. Dass eine mega-hyper-steile These, wie der Münsteraner Arabist und Islamwissenschaftler Thomas Bauer sie in seinem Buch Die Kultur der Ambiguität (2011) aufgestellt hat, ungeachtet ihrer argumentativen Defizite den wohl bedeutendsten Forschungsförderpreis in Deutschland erhalten hat, dürfte dem Umstand geschuldet sein, dass sie ganz der Weltanschauung des Postkolonialismus verpflichtet ist, der die Tendenz aufweist, nicht-westliche Kulturen für friedlicher und fortschrittlicher zu halten als westliche.

Bauer beschreibt nicht nur Beispiele für Ambiguitätstoleranz in der arabisch-islamischen Geschichte, was eine interessante Lektüre hätte sein können, sondern nimmt sie als Beleg für eine Grundverschiedenheit von europäischer und islamischer Zivilisation, die sich über viele Jahrhunderte verfolgen lasse. Dass Bauers Argumentation alles andere als schlüssig ist, habe ich ausführlich in meinem Buch Zwischen Religion und Politik (2016) gezeigt. Auch die Tatsache, dass Bauer seine Behauptungen über die europäische Kultur einem einzigen Buch entnommen hat, das sich für eine solche These aber gar nicht heranziehen lässt, hat ihm nicht geholfen.

Aber wenn die eigene These auf dermassen grosse Resonanz stösst, dann lässt man sich nicht so leicht beirren. Dass viele Fehlschlüsse Bauers allzu offensichtlich sind und man zum Teil noch nicht einmal eine islamwissenschaftliche Ausbildung braucht, um über sie zu stolpern, lässt tief in eine Forschungslandschaft blicken, deren checks and balances vor allem dazu dienen, eine bestimmte Linie durchzusetzen. Jetzt hat Thonas Bauer mit einem neuen Buch nachgelegt, in dem er seine Komplementärthese von der Intoleranz der westlichen Kultur gegenüber der Ambiguität von Erscheinungen vertieft.

Darin erklärt er, hierin sich als echter Neognostiker erweisend, die westliche Unduldsamkeit gegenüber Ambiguität ganz un-ambig mit den alten Feindbildern der Linken: Mit Kapitalismus, Markt, Konsum und Globalisierung. Bauer holt so zum grossen Rundumschlag einer westlich induzierten Moderne aus und verpasst nebenher auch noch dem modernen Städtebau, der Künstlichen Intelligenz, Fitness-Trackern, Krimis, und Fernsehprogrammen eine verbale Ohrfeige und beschwört die Schrecken eines „kapitalistischen Verwertungssystems‟, in dem der schwitzende Maschinenmensch „selbstoptimiert‟ funktioniere.

Ja, das ist universitärer Mainstream, wo noch die hundertste Dissertation und das zwanzigtausendste Working Paper Marktwirtschaft und Konsumgesellschaft zu den Wurzeln aller Übel nicht zuletzt im Nahen Osten erklärt. Bauer mag ein Linker sein, aber sein von Kulturpessimismus triefender Traktat hätte genauso gut aus der Feder eines Rolf Peter Sieferle oder eines anderen rechtskonservativen Denkers stammen können. Das Trauern über eine Welt des Konsums, die nichts als blosser Schein sei und nur ein „ewiggleiches Einerlei an billigen Sinnesreizen‟ biete, ist ebenso elitär wie wohlfeil und gehört zum Standardrepertoire aller Marktverächter von links wie von rechts.

Weil der Markt eine „ambiguitätsauflösende Macht‟ habe, gebe es noch ein weiteres Problem, glaubt Bauer zu wissen: Kapitalismus nämlich wolle Authentizität, Authentizität und Demokratie seien aber nicht miteinander vereinbar, also sei fraglich, ob Kapitalismus und Demokratie miteinander vereinbar seien. Neu an dieser Argumentation ist eigentlich nur, dass Authentizität diesmal dem Kapitalismus zugeschrieben wird. Der Germanist Heinz Schlaffer hat gezeigt, dass sich in der deutschen Literaturgeschichte viele Beispiele für einer Verherrlichung der Armut als Schicksal, um dann jedoch Authentizität sowohl gegen Kommerz als auch Politik auf dichterische Weise gegeneinander auszuspielen.

In jedem Falle ist Bauers Buch ein echtes Produkt der universitären Filterblase: Die Nacht wird zum Tag, der Tag zur Nacht gemacht. In des Autors Vorstellungswelt mögen Demokratie und Kapitalismus miteinander unvereinbar sein, in der realen Welt gibt es keine liberale Demokratie, die nicht zugleich kapitalistisch wäre. Der Kommunismus hat nur Armut und Repression hervorgebracht. Gerade Kapitalismus bedeutet Demokratisierung, indem nämlich Kunst und Kultur, Bildung und Wissen nicht länger Dinge sind, die nur Könige und Fürsten sich leisten können, sondern die Massen.

Freilich gehört die aristokratische Verachtung für die Massen zum Habitus aller Kapitalismus-Verächter. Bauer, der die „Niederlage des Kapitalismus‟ herbeisehnt, empfiehlt seinen Lesern allen Ernstes, von „vormodernen Gesellschaften‟ zu lernen, sei dort doch Ambiguität „nicht nur geschätzt und gepflegt, sondern regelrecht eingeübt‟ worden. Das ist selbst dann Stuss, wenn es richtig wäre, denn eine Gesellschaft, die Ambiguität kultiviert, aber weder Wohlstand noch Freiheit kennt, kann den meisten Menschen wohl gestohlen bleiben.

Das Wesen menschlicher Zivilisation besteht eben darin, dass wir die Dinge, die uns umgeben und mit denen wir uns umgeben, fortlaufend verbessern. Nur Toren, die die Errungenschaften dieser Zivilisation für selbstverständlich oder entbehrlich halten, glauben, wir Heutigen sollten uns vormoderne Gesellschaften zum Vorbild nehmen.

Wie in seinem vorigen Buch geht es Bauer aber vor allem darum, einen Ost-West-Gegensatz zu konstruieren, wobei dem ambiguitätsfeindlichen kapitalistischen Westen ein traditionel ambiguitätsfreundlicher Islam gegenübergestellt wird, der seit zweihundert Jahren dem verderblichen Einfluss des Westens ausgesetzt ist. Die Methode, derer Bauer sich bedient, ist einmal mehr die selektive Faktenwahl. Man hätte auch umgekehrt verfahren und das Gegenteil beweisen können, aber das wäre nicht mit dem vereinbar gewesen, was die postkoloniale Weltanschauung verlangt.

Entnervt legen wir diesen Mumpitz beiseite und geloben – darin ganz und gar ambiguitäts-INtolerant – nie wieder ein Buch zu lesen, das den Namen Thomas Bauer trägt.

Thomas Bauer: Die Vereindeutigung der Welt: Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt. Ditzingen: Reclam 2018. 104 Seiten, € 6,00.


Nachtrag, 9. Mai 2019

Der Kapitalismus, glaubt Thomas Bauer, zeichne sich dadurch aus, dass er “allem einen genauen Wert zuweisen kann, in dem alles so viel wert ist wie es halt kostet.” Völliger Mumpitz, weil Menschen den materiellen Dingen unabhängig vom Marktwert immer auch einen ideellen Wert zumessen können. Bauers wertloses Geschwurbel bleibt davon natürlich ausgenommen.

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