Nur eine Kirche, nur eine Moschee?

Die Aufmerksamkeit der deutschen Medien für das Ende der Hagia Sophia als Museum und ihre neuerliche Nutzung als Moschee ist ziemlich verhalten, während man in Griechenland den Symbolwert dieses Ereignisses erkannt hat.

Auch dort sind gerade die Kirchenführer bemüht, kein Feindbild Islam zu evozieren und appellieren an Frieden und Solidarität. So rief der Metropolit Aggathangelos zum friedlichen Protest auf gegen die “Barbarei” der Verwandlung eines Gotteshauses in eine Moschee.

Aber in Griechenland ist man sich eben auch bewusst, dass es dabei um weit mehr geht. Der Grund, warum die Hagia Sophia wieder als Moschee genutzt wird, hat nichts damit zu tun, dass in Istanbul ein Mangel an Moscheen herrschte oder dass dort man den Sakralbau dort besonders ins Herz geschlossen hätte. Nein, es geht um die Überwindung der alten Ordnung im Inneren wie im Äusseren.

Im Inneren ist es der Kemalismus, der überwunden werden soll, im Äusseren die Einbindung der Türkei im Gefolge des Vertrages von Lausanne 1923, den Erdogan schon vor einigen Jahren offen infrage gestellt hat. In diesem Sinne verstehen seine Anhänger auch die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee, nämlich als Sieg über das Christentum und Europa.

Es sind keineswegs nur einzelne Stimmen, die die Hagia Sophia als Anfang einer neuen Entwicklung sehen, zu der auch gehört, Jerusalem zu befreien. Das Feindbild Westen wurde mit der Umwandlung der Hagia Sophia unmittelbar reaktiviert und Erdogan brauchte es noch nicht einmal offen auszusprechen. Seine Anhänger haben sofort verstanden, wohin die Reise geht.

“Möge Allah unser Land vor den schmutzigen Ambitionen seiner Feinde schützen und die Hagia Sophia das Symbol unserer Macht und unseres Glaubens sein” schreibt eine türkische Journalistin aus Frankreich, ganz verzückt über die politische Bedeutung der Hagia Sophia als neuerliche Moschee. In Deutschland wartet man lieber erst einmal das Nutzungskonzept ab, bevor man etwas sagt. Ist doch nur eine Moschee, die einmal eine Kirche war. Lieber flüchtet man sich in Selbstkritik.

Glauben im religionsskeptischen Westen viele, dass alle Religionen letztlich gleich sind und ein Museum besser ist als ein Gotteshaus, in dem welche Religion auch immer praktiziert wird, hat in der muslimischen Welt die eigene Religion ganz selbstverständlich eine politische Dimension. Gegen westliche Einflüsse erschien schon jeher das Beispiel des Propheten als eine starke Festung. Auch Erdogan beschwört die Einheit der Nation im Zeichen des Propheten.

Zwar gab es innerhalb der muslimischen Welt, u.a. aus Ägypten, auch Widerspruch gegen die Umwandlung der Hagia Sophia, aber wie so oft setzen sich moderate Stimmen nicht durch. Derweil zeigt sich Griechenland schon seit längerem beunruhigt über die türkischen Ambitionen im östlichen Mittelmeer und versucht aussenpolitisch gegenzusteuern. Der griechischen Insel Kastelórizo könnte eine Schlüsselrolle in der türkischen Politik zufallen. Wie wird Europa reagieren, sollte die Insel von der Türkei besetzt werden?

Wahrscheinlich wird man im deutschen Aussenministerium erst einmal abwarten, wie das weitere Nutzungskonzept der Insel unter türkischer Herrschaft aussehen mag. Während man in Brüssel über neue Regulierungen und Umverteilungen nachsinnt, bleibt Griechenland allein und flüchtet sich unter russische Fittiche. So zeigt der türkische Umgang mit der Hagia Sophia, wie zaghaft Europa ist, wenn es darum geht, seine Werte auch nur zu artikulieren.