Kritik des Paternalismus, Menschen und Mächte, Naher Osten, Radikalismus und Gewalt

Den Terroristen auf den Leim gegangen

Er könnte sich einen bleibenden Platz in der Geschichte des deutschen Journalismus sichern, denn eines muss man ihm lassen: Seine Reise in das Herz des sog. Islamischen Staates war ein Husarenstück. Stattdessen hat Jürden Todenhöfer sich einmal mehr dazu entschlossen, sich zentrale Ideologeme des Islamismus zu eigen zu machen.

Es ist eigentlich DER Kardinalfehler so vieler Nahosterklärer: Sie gehen ihren Gesprächspartnern auf den Leim und nehmen alles für bare Münze, was man ihnen erzählt, sind sie doch überzeugt, eine Behauptung sei schon deshalb glaubwürdig, weil sie von einem Einheimischen stammt, der das doch wohl wissen müsse, obwohl das einzig richtige wäre, das Gehörte zu hinterfragen.

I.

Zu den nicht auszurottenden Mythen gehört denn auch die Behauptung, der Islamismus sei nur die Antwort auf etwas, das sich der Westen habe zuschulden kommen lassen: sei es der (längst zu Ende gegangene) Kolonialismus, die Unterstützung arabischer Despoten oder auch ihr Sturz etc. Dieser Mythos wird von den Islamisten selbst immer wieder aufs Neue genährt, obgleich er im Grunde ihrer eigenen Ideologie widerspricht, derzufolge doch das Banner des Islam auf der ganzen Erde herrschen solle – und zwar unterschiedslos.[pullquote]Todenhöfer verbreitet das Geschichtsbild der Islamisten ungeprüft weiter.[/pullquote]

Daher mag man in ISIS-Sympathisantenkreisen Todenhöfers Behauptung, dass es ohne “unsere Kriege” den heutigen Terrorismus gar nicht gäbe, gerne hören, auch wenn sie jeder Grundlage entbehrt. So waren z.B. in Israel die Selbstmordattentate nie die Antwort auf die israelische Besetzung des Westjordanlandes, sondern begannen, wie eine Studie des Terrorismusforschers Scott Atran ermittelt hat, Anfang der Neunziger Jahre mit dem Ziel, die Oslo-Abkommen zum Scheitern zu bringen.

Überhaupt ist Terrorismus keine Verzweiflungstat, sondern das Ergebnis von Ideologie. Wäre es anders, dann müssten erzürnte Juden jeden Tag Terroranschläge in Deutschland verüben. Oder fanatisierte Vietnamesen müssten Frankreich (wg. der Kolonialherrschaft) und die USA (wg. diverser Kriegsgreuel, Gebrauch von Napalm und Entlaubungsmitteln) gleichermassen mit Terror überziehen. Doch nichts dergleichen ist der Fall.

Auch aus China, das ab 1839 zunächst durch die Briten, später durch die Japaner ein “Jahrhundert der Demütigung” erlitten hatte, hören wir nichts von einem religiös gespeisten Terrorismus gegen den Westen. Die Menschenrechtssituation in China mag fatal sein, aber es werden weder Ausländer entführt oder geköpft, noch wird Rache gegen den Westen geschworen.

Dass die wichtigste Besatzungsmacht  im Vorderen Orient der Neuzeit das Osmanische Reich war, also eine muslimische Grossmacht, erfährt man von Todenhöfer ebensowenig wie die Tatsache, dass auch das überwiegend christliche Südosteuropa vierhundert Jahre unter ebenjener Besatzung zugebracht hatte. Fakten dieser Art würden nur Fragen aufwerfen und sein zentrales Ideologem, demzufolge der islamische Terrorismus nur die Antwort auf westliches Wirken sei, ins Wanken geraten lassen.

Die Ursachen für den Islamismus sind in inneren Verhältnissen der islamischen Gesellschaften zu verorten, aber da Todenhöfer (wie so viele andere) von einem Modernisierungsproblem der Islamischen Welt nichts wissen will, bleibt als Erklärung für all die Armut, die Instabilität und den Fanatismus zwangsläufig nur die Annahme, diese seien letztlich externen Ursprungs. Islamisten möchten nur zu gerne, dass wir das glauben – und Todenhöfer hilft mit, diesen Glauben in Deutschland populär zu machen.

II.

Dazu gehört auch das Selbstbild von ISIS als einer schier übermächtigen Truppe, vor der der Westen erzittern müsse. Todenhöfer spielt abermals das Spiel der Islamisten, wenn er davon spricht, dass das eroberte Territorium der Miliz “von der doppelten Grösse Grossbritanniens” sei, zugleich aber die Tatsache verschweigt, dass es sich hierbei überwiegend um ein Wüstengebiet handelt, das über wenig Infrastruktur verfügt.

Keine Frage, der ISIS sollte in seiner Skrupellosigkeit, Rohheit und Menschenverachtung keinesfalls unterschätzt werden und ebensowenig in seinem Vorbildcharakter für Dschihadisten anderenorts. Das Territorium aber, das der ISIS heute beherrscht, wurde mit roher Gewalt erobert, nicht zuletzt durch Himmelfahrtskommandos in Form von sprengstoffbeladenen LKWs, die gegen die feindlichen Linien gesteuert wurden, was von einem hohen Mass an Todesverachtung zeugt, aber nicht unbedingt von militärischer Stärke.[pullquote]Der “Islamische Staat” möchte die Welt glauben machen, dass nichts ihn aufhalten könne.[/pullquote]

Genau diesen Eindruck will der ISIS mit seinen brutalen Aktionen aber bewirken: Die Menschen im Westen sollen den “Islamischen Staat” fürchten, ihn für unbezwingbar halten und sein weiteres Vordringen für unaufhaltsam. Wenn Todenhöfer nun fordert, dass man der sunnitischen Bevölkerung im Irak entgegenkommen solle, um sie nicht länger in die Arme des übermächtigen ISIS zu treiben, dann heisst das eben auch, dass er die Araber für Kinder hält, denen man etwas geben muss, damit sie mitspielen.

III.

Ein Abgrund an Perfidie ist Todenhöfers Behauptung, die USA hätten im Irak 500.000 Menschen umgebracht. Hier freilich kommen Todenhöfer die Gutgläubigkeit und der latente Antiamerikanismus seines Publikums entgegen. Wie hoch auch immer die Zahl der toten Zivilisten seit dem Eimarsch der US-geführten Truppen im Irak sein mag, sie geht tatsächlich ganz überwiegend auf das Konto der Terroristen.

Die Datenbank von iraqbodycount.org zeigt das überaus deutlich: In einer interaktiven Grafik kann man sich anzeigen lassen, wieviele Tote von den US-geführten Koalitionstruppen incl. irakischer Staatstruppen verantwortet werden und wieviele von Extremisten (“anti-government/occupation forces” bzw. “unknow actors”) – und siehe da: Die weitaus meisten Toten gehen auf das Konto von “anti-government/occupation forces” und “unknown actors”!

Die Statistik von iraqbodycount.org ist allerdings weit von den 500.000 Toten entfernt, die Todenhöfer nennt. Diese Zahl wiederum entstammt der Studie einer Gruppe von Wissenschaftlern unter der Leitung von Amy Hagopian von der Universität Washington. Demnach wurden 461.000 Menschen bis zum Ende der Besatzung 2011 getötet, allerdings fragt die Studie nicht nach den Verursachern.[pullquote]Egal, wieviele Menschen die Terroristen im Irak umbringen – jedes Opfer wird ungeniert auf das Sündenkonto der USA gebucht.[/pullquote]

Die Zahl kam zum Teil dadurch zustande, dass sekundäre Todesursachen wie zerstörte Infrastruktur, erhöhter Stress, schlechte Wasserqualität u.ä. mit einbezogen wurden, aber das ist unsicheres Terrain, denn niemand kann genau sagen, welchen Anteil die schon unter Saddam herrschende Misswirtschaft an den Todesfällen hat. Auch wären ohne den Terrorismus möglicherweise grössere und schnellere Erfolge beim Wiederaufbau gezeitigt worden.

Aber was soll’s! In der deutschen Öffentlichkeit war es von Anfang an gang und gäbe, alle Toten auf das Sündenkonto der USA zu buchen:

1. Schritt: Aus “Die Terroristen haben soundso viele Menschen getötet” wurde “Seit dem Einmarsch der Amerikaner im Irak sind soundso viele Menschen getötet worden.” Daraus wurde im

2. Schritt: “Die amerikanische Besatzung hat soundso viele Menschen das Leben gekostet.” Und daraus im

3. Schritt: “Die Amerikaner haben soundso viele Zivilisten getötet.” Voilà!

Während iraqbodycount.org auf 150.000 getötete Zivilisten kommt, hat die Hagopian-Gruppe, wie gesagt, knapp 500.000 errechnet. Hier kommt wieder Todenhöfer ins Spiel, der natürlich die höhere Zahl nimmt und auch gleich schon so tut, als sei diese ein unumstrittenes Faktum. Leute wie er liefern den Terroristen damit überhaupt erst das Motiv, möglichst viele Menschen umzubringen, sehen jene doch, dass sich mit jedem weiteren Opfer nicht ihr eigenes Image verschlechtert, sondern das der Amerikaner.

Oder gleich des ganzen Westens: “Der Westen war seit Jahrhunderten viel grausamer als die muslimische Welt”, schreibt Todenhöfer auf seiner Webpräsenz. Lassen wir einmal das falsche Tempus beiseite: Dass eine solche Schlussfolgerung das Ergebnis blosser Gutgläubigkeit im Umgang mit Terroristen sein könnte, mag man schon längst nicht mehr glauben.

Translate