Der Kolonialismus war’s!

Vor zwanzig Jahren war ich beim Vortrag eines bekannten ostdeutschen Theologen und ehemaligen Oppositionellen der DDR zugegen, der seinem Publikum eine bemerkenswerte These zur neonazistischen Gewalt darbot. Damals war die Zeit der ausländerfeindlichen Mordanschläge und Ausschreitungen, die in Hoyerswerda ihren Auftakt fanden.

Im Vortrag nun erfuhr das Publikum von den Zuständen in der DDR und das Leben in den Plattenbauten, die in maximaler Kosten-Nutzen-Kalkulation errichtet worden seien, was den Wohnkonfort ganz erheblich geschmälert habe. Denn die staatseigenen Wohnungen des sozialistischen Paradieses hatten nur ganz niedrige Decken, sodass man sich nicht wundern dürfe, wenn da die Leute aggressiv würden. Und als erstes, so der Theologe, gingen sie dann auf Ausländer los.

Nach dem Vortrag ging ich grübelnd nach Hause. Die Neonazis und ganz normalen Deutschen, die da ihren Hass an den Asylbewerbern in ihrer Nachbarschaft ausgelassen hatten, waren also von den niedrigen Decken in ihrer Plattenbauwohnung dazu getrieben worden? Was war dann mit ähnlichen Anschlägen, die im Westen der Republik stattgefunden hatten? In Essen sollen Anwohner eines Asylbewerberheims sogar Skinheads angeheuert haben, um die ungeliebten Nachbarn loszuwerden. Haben die auch unter zu niedrigen Decken gelitten?  Vor allem aber: Müssen wir uns jetzt noch öfter solches Theologengeschwätz anhören?

Zumindest die letzte Frage kann mit Ja beantwortet werden, ohne dass damit auch schon behauptet werden soll, Theologen hätten ein Monopol auf die Fabrikation von billigem Sermon. Und irgendwann wundert einen nichts mehr. Die Attentate von Paris sind gerade erst zu Ende gegangen, die Toten erst seit wenigen Tagen unter die Erde gebracht, schon erklärt ein Theologe, warum alles kommen musste, was da kam:

Ich bin nicht überrascht, weil es in jeder Religion, auch im Islam, Begründungen für Gewaltakte gibt. In Paris ging es vordergründig um Rache für die Beleidigung des Propheten. […] Dass junge, in Frankreich aufgewachsene Muslime nun solche Terrorakte verüben, hängt aber auch mit der französischen Kolonialgeschichte zusammen. Diese algerisch-stämmigen Täter haben sich als Außenseiter gefühlt und Diskriminierung erlebt. Solche Gefühle machen anfällig für radikale Ideologien.

Offenbar muss sich das so vorstellen: Da leben ein paar algerischstämmige Franzosen in Paris vor sich hin, als ihnen eines Tages einfällt, dass Frankreich vor mehr als einem halben Jahrhundert einige sehr hässliche Dinge in Algerien verbrochen hat, worauf sich jeder  eine Kalaschnikow greift, um gemeinsam die halbe Redaktion einer Satirezeitschrift niederzumähen. Rache für Algerien!

Warum aber traf es ausgerechnet die Journalisten einer Satirezeitschrift (noch dazu einer, deren Wurzeln im Antikolonialismus liegen, aber das wussten die Attentäter vielleicht nicht)? Und warum ist es in erster Linie eine bestimmte Religion, in deren Namen immer wieder so horrende Anschläge verübt werden, wenn Gewalt sich doch mit jeder Religion begründen lässt? Pech für die Franzosen: Sich aus Algerien zurückziehen können sie nicht mehr. Das haben sie schon längst getan.

Wer daher geglaubt hat, die Attentate von Paris hätten die Einsicht befördert, dass der Islamismus keine koloniale Vergangenheit benötigt, um aktiv zu werden, weil der Terror im Namen des Islam eine globale Agenda verfolgt, die die Unterwerfung selbst solcher Länder propagiert, die keine Vorgeschichte als Kolonialmacht vorzuweisen haben, der sieht sich getäuscht: Mit jedem neuen Anschlag wird nur das Geschwätz von gestern neu aufgetischt, das schon 2001 so falsch war, dass man es nicht länger kommentieren mochte.