Radikalismus und Gewalt

Attitüde in schwarz-weiss

Ich gestehe, eine gewisse Sympathie für den derzeitigen Bildersturm zu haben, dem ehemalige Sklavenhändler zum Opfer fallen. Solche Menschen verdienen in der Regel kein Andenken, wobei es Ausnahmen geben mag und manches Verhalten vor dem Hintergrund damaliger Normen gewertet werden muss. Aber grundsätzlich gehören Sklavenhändler und Tyrannen auf den Schrotthaufen der Geschichte geworfen und gewiss nicht in Marmor verewigt.

Abb. Flohmarkt in Split

Sind solche Statuen nun aber Beleg für einen „strukturellen Rassismus‟ in den westlichen Gesellschaften? Vor mehr als zehn Jahren habe ich einmal an der Universität einer ostdeutschen Stadt gelebt und gearbeitet. Als ein Freund und Kollege zu dienstlichen Zwecken Besuch kam, wollte er ein Zimmer in einem örtlichen Hotel buchen, doch beschied man ihm, dass alle Betten zur Zeit belegt seien.

Als er mir das in meinem Büro erzählte, konnte ich es kaum glauben, denn damals war keine Hochsaison und ich hatte gleich einen Verdacht: Dieser Freund, ansonsten Deutscher wie ich, hat einen arabischen Nachnamen und spricht mit einem leichten arabischen Akzent. Könnte es sein, dass hier Rassismus am Werk ist und man ihn seiner arabischen Herkunft wegen abgewiesen hat?

Ich rief also besagtes Hotel an, meldete mich mit meinem Nachnamen und fragte, ob ich für einen Freund ein Zimmer reservieren könnte. Ja, gern, erhielt ich zur Antwort. Es seien jede Menge Zimmer frei. Danke, ich legte auf und teilte meinem Freund mit, dass dort Rassisten das Geschäft führen und ich verhehlte nicht meine Wut über das Verhalten der Hotelbetreiberin, die an der Übernachtung doch verdient hätte und die lieber auf ihr Geld verzichtet als einem Araber eine Übernachtung zu gewähren. („Haben die Ossis immer noch nicht Kapitalismus gelernt?‟, schoss es mir durch den Kopf).

Ganz klar, hier haben wir es mit einem subtilen Rassismus zu tun. Der Fall ist, da wird mir wohl jeder zustimmen, eindeutig. Aber es gibt Fälle, da ist der Sachverhalt eben nicht so eindeutig.

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Wenn Ahmad oder Ntumba sich um eine Wohnung bewerben, sie aber nicht erhalten, kann das daran liegen, dass der Vermieter keine Orientalen oder Afrikaner mag. Es kann aber auch einfach daran liegen, dass im überfüllten Berlin der Andrang auf dem Wohnungsmarkt dazu führt, dass es zum Teil hundert Interessenten auf eine freie Wohnung gibt und Ahmad und Ntumba einfach nur zu den 99 gehörten, die leer ausgingen.

In meinem Freundeskreis, der übrigens weit überwiegend aus Menschen mit Migrationshintergrund besteht, gibt es auch einige aus Afrika. Einer davon – auch diese Geschichte hat sich vor mehr als zehn Jahren zugetragen – hatte eines Tages eine unangenehme Erfahrung gemacht. Damals hatte die Polizei an seine Tür geklopft und wollte wissen, ob er die Person war, die sich nachts hinter dem Haus an den Mülltonnen zu schaffen gemacht hatte.

Er bejahte, schliesslich wohne er hier, das sei doch kein Verbrechen, und die Beamten zogen wieder ab. Er erzählte mir dies in einem aufgeregten Tonfall. Ist das die Art, wie man Gäste behandelt? Ist das die Art, wie man hier mit Schwarzen umgeht? fragte er mich. Ganz der deutsche Gutmensch, der ich bin, habe ich mich mit ihm spontan solidarisch erklärt.

Später kamen mir an der Geschichte Zweifel. Es war wohl eine alte Dame im Nachbarhaus, die die Polizei rief, nachdem sie eine Person an den Mülltonnen hinter dem Haus bemerkt hatte, aber es war schon Nachtzeit, also dunkel, und da erscheint es doch recht unwahrscheinlich, dass die Hautfarbe hier irgendeine Rolle gespielt hat, die die alte Dame kaum bemerkt haben dürfte. Sie hatte wohl einfach nur einen Einbrecher vermutet.

Selbst wenn sie irgendwie Kenntnis von seiner Hautfarbe hatte, ist immer noch fragwürdig, ob diese der wesentliche Grund dafür war, die Polizei zu rufen. Auch hatten die Polizisten, der Beschreibung meines Freundes nach zu urteilen, sich offenbar korrekt verhalten. Weder war er verhaftet noch beleidigt noch sonstwie gedemütigt worden. Dennoch war er felsenfest davon überzeugt, dass Deutschland ein Rassismusproblem hat – allein aufgrund dieser Erfahrung.

Man muss also unterscheiden: nämlich zwischen Erfahrungen, wie sie in der ersten Geschichte zutage treten, bei der an der rassistischen Motivation der Hotelbetreiberin kein Zweifel besteht, und denjenigen wie in der zweiten Geschichte, in der der Betroffene einen Vorfall als Ausdruck einer rassistischen Motivation erklärt, was aber nicht notwendigerweise zutreffen muss. Die Geschichte geht aber noch weiter.

Denn besagter Freund aus einem afrikanischen Land hat noch eine ganze Reihe weiterer Erfahrungen in Deutschland und anderen Ländern gemacht, bei denen seine Herkunft und Hautfarbe wohl tatsächlich eine Rolle spielten – und zwar zu seinem Vorteil. Obwohl er sich (bis auf ein paar Brocken) geweigert hatte, Deutsch zu lernen – und das als jemand, der in Deutschland zu Forschungszwecken anwesend war – erhielt er beispielsweise ein Stipendium an einer süddeutschen Universität allein auf einen einzigen Brief hin.

Danach wurde er von Uni zu Uni gereicht, bis er, trotz eher mittelmässiger akademischer Leistungen, an der amerikanischen Elite-Universität Stanford landete. Statt nun aber dankbar zu sein, offenbar einen Bonus auf seine Herkunft zu geniessen, sah er sich permanent als Opfer. „In Stanford‟, so erklärte er auf Facebook, „musst du als Schwarzer zehn Mal so gut sein wie ein Weisser, wenn du akzeptiert werden willst.‟ Ich habe mich nicht getraut, ihm die Wahrheit zu sagen.

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Mit persönlichen Erfahrungen ist das eben so eine Sache. Für Menschen in meinem Freundeskreis, die einen Migrationshintergrund haben und politisch eher im bürgerlichen Lager stehen, ist Rassismus kein oder kaum ein Thema. Für solche hingegen, die einen Migrationshintergrund haben und politisch weit links stehen, grinst die Fratze des Rassismus an jeder Häuserecke und ist Rassismus immer „strukturell‟, „systemisch‟, “institutionalisiert”, „Teil unserer kulturellen DNS‟ usw. usf. Das macht es schwer, sich überhaupt ein Bild davon zu machen, wie es um den Rassismus in Deutschland und anderen westlichen Ländern bestellt ist.

Eine Sache ist dann aber doch bemerkenswert: die Tatsache nämlich, dass wenn es um persönliche Erfahrungen geht, man nur wenig zu hören bekommt, was die These vom strukturellen Rassismus in Deutschland und anderen westlichen Ländern auch nur halbwegs plausibel macht. Die Realität scheint weniger schwarz-weiss zu sein als die Attitüde manch Kämpfer gegen den Rassismus.

Nehmen wir z.B. den Erfahrungsbericht der schwarzen Journalisten Alisha Mendgen, die mit der These aufwartet, dass Schwarzsein in Deutschland „verdammt schwer‟ sei. So erzählt sie, dass in ihrer Kindheit im Urlaub einmal eine deutsche (soll wohl heissen: weisse) Animateurin in ihrem Beisein ihre Eltern gefragt habe, „wie es denn sei mit einem Menschen einer anderen Hautfarbe zusammen zu sein und ein Kind zu haben.‟ Für Mendgen war Ausdruck eines rassistischen Denkmusters, denn weisse Familien würden so etwas nicht gefragt.

Einmal abgesehen davon, dass die Frage, wie es „wie es denn sei mit einem Menschen einer anderen Hautfarbe zusammen zu sein und ein Kind zu haben‟ bei einer rein weisen (oder rein schwarzen) Familien reichlich sinnlos wäre, ist sie auf jeden Fall übergriffig, früher hätte man gesagt: impertinent, definitiv eine Taktlosigkeit. Eine solche Frage stellt man nicht. Aber ist sie deswegen schon rassistisch? Nein, denn die Frage war offenbar rein von Neugier motiviert, nicht von Abwertung oder Ablehnung. Also: Taktlos ja, rassistisch nein.

Als nächstes erzählt Mendgen, wie sie, immer noch ein Kind, auf dem Nachhauseweg von der Schule von drei Jungen rassistisch beschimpft und dazu bespuckt wurde. Hier ist der Fall eindeutig: Das war eine üble rassistische Erfahrung, zumal niemand eingegriffen hat.

Des weiteren erzählt sie von Begegnungen, die aber wieder eher Ausdruck von Taktlosigkeit sind als von Abwertung und Ablehnung. Sie hat recht, wenn sie sagt, dass es Strassennamen wie die Mohrenstrasse in Berlin, die eine koloniale Vergangenheit haben, hierzulande nicht geben sollte und ich bin persönlich der Meinung, dass eine Umwidmung lieber heute als morgen not täte, aber haben solche Missstände Auswirkungen auf ihre Karriere oder ihr Leben oder ihre persönliche Sicherheit?

Sie selbst sagt, sie sei noch nie für eine Drogendealerin gehalten und nach Marihuana gefragt und noch nie von Polizisten mit dem Knie zu Boden gedrückt worden. „Gäbe es ein Diskriminierungsbarometer, das Rassismus messen kann, dann schlüge die Messnadel in meinem Leben wenig aus.‟ Das ist eine ebenso ehrliche wie ernüchternde Einschätzung.

Denn mögen auch ziemlich viele Menschen felsenfest davon überzeugt sein, dass die Gesellschaft ein riesiges Problem mit Rassismus, mit Armut, mit Umweltzerstörung hat, so ist, wenn man sie nach ihrer eigenen Erfahrung fragt, der persönlich erlebte Rassismus meist eher gering, kennt man selber kaum Menschen, die wirklich arm sind, und sind die Wiese vorm Haus und der Wald um die Ecke immer noch intakt.

Die deutsche Bestsellerautorin Melanie Raabe, selbst schwarz, hat schon rassistische Erfahrungen gemacht, aber weder in ihrer Kindheit in Ostdeutschland noch in Köln, wo sie derzeit lebt, sei sie jemals wegen ihrer Hautfarbe angepöbelt worden. Sie wehrt sich, von schwarzen Communities vereinnahmt zu werden.

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Schaut man sie die USA an, die seit dem Tod von George Floyd, einem Schwarzen, durch einen weissen Polizisten, lange nicht mehr gekannte Unruhen erlebt, die nicht nur eine erstaunliche Zerstörung mit sich bringt, sondern darin auch noch von der radikalen Linken bestärkt wird. Dass die vielen Aktivisten, die in dutzenden amerikanischen Städten marodierend durch die Strassen ziehen, auch vor schwarzen Geschäften nicht halt machen, zeigt den ganzen Fanatismus dieser vermeintlichen Antirassisten.

Wie sieht es nun mit der Behauptung aus, in den USA würden überproportional viele Schwarze die Gefängnisse bevölkern? Tatsächlich kann davon keine Rede mehr sein, wenn man den Anteil der Inhaftierten mit dem Anteil der Straffälligen vergleicht. Zur unangenehmen Wahrheit gehört, dass in den USA Schwarze häufiger straffällig werden als Weisse und zwar nicht deshalb, weil sie von Natur aus so sind, sondern weil es schwarze Subkulturen gibt, in denen bestimmte Kriminalitätsformen akzeptierte Norm sind.

Über Kriminalität in schwarzen Subkulturen gibt es zahlreiche kriminologische Studien. Es handelt sich hierbei also keineswegs um einen Mythos, der von rechtsradikalen Webseiten kolportiert wird. Warum aber lösen sich die Hautfarben nicht einfach im berühmten Schmelztiegel Amerika auf?

Hier kommt Hollywood ins Spiel. In meiner Jugendzeit habe ich manche amerikanische Fernsehserie verschlungen, vor allem „Magnum‟, eine Detektivserie, die auf Hawaii spielt (für alle, die es nicht wissen). Die Hauptfigur Thomas Magnum, ein Weisser, hatte im Laufe der Serie verschiedene Freundinnen, allesamt weiss. Sein bester Freund T.C., ein Schwarzer, hatte ebenfalls verschiedene Freundinnen, allesamt schwarz. Das konnte kein Zufall sein und tatsächlich steckt dahinter eine Ideologie, nämlich die der „Salatschüssel‟, derzufolge sich die amerikanische Gesellschaft in viele Kulturen auffächert, die sich untereinander nicht vermischen.

Die beste Einwanderungsgesellschaft ist wahrscheinlich eine Mischung aus beidem, ist ebenso Schmelztiegel wie Salatschüssel, aber müsste ich einer Sache den Vorzug geben, würde meine Wahl auf den Schmelztiegel fallen, den ich weitaus sympathischer finde. Die Salatschüssel ist aber nicht nur das vorherrschende Modell, sondern sie wird von Kultur und Politik promotet: Kulturell, wie erwähnt, durch Hollywood; politisch durch die „affirmative action‟, also die positive Diskriminierung durch Staat und Gesellschaft, die eine vermeintlich strukturelle Benachteiligung ausgleichen soll.

Mit derlei Massnahmen ist aber aber so eine Sache. Sie helfen kurzfristig, zementieren langfristig aber nur eine Opferidentität und bei der Mehrheitsgesellschaft den Eindruck, dass Schwarze es nicht von allein schaffen. Der schwarze Jurist Stephen L. Carter hat dies schon vor dreissig Jahren angeprangert, leider vergeblich. Was bleibt, ist das Elend der Identitätspolitik, deren Prämisse lautet, dass Weisse per se privilegiert, Schwarze per se benachteiligt seien.

Damit wird eine Frontlinie gezogen und jeder Übergriff, jede Benachteiligung, die eine Person von schwarzer Hautfarbe betrifft, als Ausdruck von Strukturen gedeutet, die Weisse bis heute aufrechterhalten, weil sie von ihnen profitieren. Der Tod des schwarzen George Floyd durch einen weissen Polizisten wird so zum Fanal, vor dem der Tod von Schwarzen durch andere Schwarze verblasst. Auch, dass weitaus mehr Weisse durch Polizisten ums Leben kommen als Schwarze, fällt durch das Wahrnehmungsraster.

Heisst das nun, dass alle Gruppen gleichermassen vom Rassismus betroffen wären? Natürlich nicht. Rassismus betrifft unzweifelhaft vor allem Schwarze. Ein Rassismus gegen die weisse Mehrheitsgesellschaft ist in den USA wie auch in Deutschland eine Schimäre, weil sie nicht aus einer Machtposition heraus erfolgt (da haben die Linken ausnahmsweise einmal recht.)

Dennoch hat die Erzählung vom „weissen Privileg‟, das Nicht-Weisse strukturell benachteiligen soll, einen entscheidenden Haken: Sie kann nicht erklären, warum asiatischstämmige Amerikaner diejenige ethnische Gruppe in den USA mit dem höchsten Durchschnittseinkommen darstellen. Noch vor gut einhundert Jahren waren Asiaten vor allem im Niedriglohnsektor tätig und von anderen ethnischen Gruppen weitgehend isoliert. Schlusslicht sind aber nicht die Afroamerikaner, sondern die Latinos.

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Statuen, die Sklavenhändler verherrlichen, weil sie sich mit ihrem schmutzigen Geld als Philanthropen aufgespielt haben, sollte es in einem zivilisierten Land ebensowenig geben wie andere Relikte der Kolonialzeit, darunter gewisse Strassennamen, wie auch alles, was rassistische Stereotype zementiert und popularisiert. Wichtiger aber ist der Kampf gegen Benachteiligung.

Wer eine rassistische Erfahrung gemacht hat, wer wegen seiner Herkunft ausgegrenzt oder benachteiligt wurde, kann auf meine Solidarität zählen. Allerdings nur dann, wenn es wirklich die eigene Erfahrung ist und nicht eine gefühlte, gemeinte, geglaubte, die nur auf Gruppendenken basiert.

Wir dürfen nicht zu einer Gesellschaft degenerieren, die Menschen dazu nötigt, sich anhand ethnischer Grenzlinien zu definieren, sondern müssen den Individualismus, die individuelle Erfahrung und Verantwortung als Kern der liberalen Ordnung bewahren.


Nachtrag 17. Juni 2020

Ein Beitrag auf “Vice” präsentiert neun Diagramme, die einen “systemischen Rassismus” gegen Schwarze in den USA belegen sollen. Keines davon überzeugt: Die eine Gruppe der Diagramme bildet das Vertrauen ab, das Schwarze in die Polizei setzen. Dieses Vertrauen ist erwartungsgemäss eher gering; inwieweit es aber Ergebnis persönlicher Erfahrungen ist, bleibt unklar. Die andere Gruppe der Diagramme zeigt, dass Schwarze im Durchschnitt wirtschaftlich schlechter dastehen als andere Gruppen. Die Ursachen dafür – man denke hier z.B. an die Rolle afroamerikanischer Subkulturen, die durch ihr Verhalten möglicherweise das statistische Mittel drücken – bleibt ebenfalls unklar. Bewiesen wird hier ein “systemischer Rassismus” also nicht.

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