transatlantic annotations

Nie denselben Weg

Man stelle sich einmal vor, man hätte uns auf der Schule zuerst das Schriftsystem einer fremden Sprache vermittelt, bevor man uns die lateinischen Buchstaben zutraute und wir müssten, um auf unseren Smartphones in unserer Sprache und mit unseren Buchstaben etwas formulieren zu können, auf ein fremdes Schriftsystem – jenes, das wir als erstes gelernt haben würden – zurückgreifen, um es dann von einem Algorithmus in unser eigenes Schriftsystem übertragen zu lassen. Wenn das nicht verrückt klingt!

Doch in China wird es genau so gemacht. Da die chinesische Schrift keine Alphabetschrift ist und jedes Zeichen für eine Silbe steht, braucht man sehr viele Zeichen, um in der modernen Welt das allermeiste ausdrücken zu können, nämlch an die dreitausend. Ein Smartphone mit dreitausend Tasten ist jedoch ein Ding der Unmöglichkeit, weswegen chinesische Smartphonebesitzer den chinesischen Satz, den sie ihrem Gesprächspartner übermitteln wollen, komplett in lateinischen Zeichen eingeben, dem sogenannten Pinyin, den ein Algorithmus dann in chinesische umwandelt.

Das lateinische Alphabet ist so etwas wie ein kulturelles Phantomsystem, in dem Chinesisch zwar nicht geschrieben wird, ohne den es aber auf elektronischem Weg nicht wiedergegeben werden kann. Deswegen lernen chinesische Schüler zuerst die Lateinschrift, bevor sie die chinesischen Zeichen lernen. Diese Fähigkeit, das Eigene zu bewahren und sich zugleich an andere Kulturen anzupassen, mag erheblich zum Erfolg der Chinesen beigetragen haben, wenn es um Innovation und die Schaffung von Wohlstand geht.

Man kann darin einen tiefgreifenden Charakterzug der chinesischen Kultur sehen, die kulturellen Errungenschaften anderer für sich zu nutzen. Texte des Buddhismus, der bekanntlich nicht aus China stammt, wurden schon sehr früh ins Chinesische übersetzt, während der Tang-Dynastie (7. bis 9. Jahrhundert) brachten Händler medizinisches Wissen über Pflanzen anderer Länder nach China, das in Enzyklopädien gesammelt wurde. Unter den Ming wurde, dies verstetigt, indem China zum Zentrum eines weitverzweigten Handelsnetzes ausgebaut wurde, das weit über die eigenen Grenzen hinausführte.

Im Daoismus gibt es die Vorstellung, dass der Herrscher nach Ideen und Konzepten handeln solle, die sich nach ihrem Wert erweisen, nicht nach ihrer Herkunft. “Der Weg, dem gefolgt werden kann, ist nicht derselbe Weg”, lautet einer seiner Lehrsätze. Chinas politisches System ist in keiner Weise ein Vorbild für den Westen, eher eine Bedrohung. Aber seine Kulturgeschichte und Mentalität mögen für uns ein geistiger Anstoss sein. China ist ein Beispiel dafür, dass auf gesellschaftlicher Ebene Individualismus, Diesseitsorientierung, Weltoffenheit, Globalisierung einerseits und ein ausgeprägtes kulturelles Selbstbewusstsein andererseits sich nicht ausschliessen müssen.

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