Mitteilungen aus Kilis (12)

Dies ist mein erster Artikel, nachdem mein FB-Benutzerkonto vom syrischen Geheimdienst und einem syrischen Spitzel gehackt wurde, der sich unter uns in den Reihen von Politikern und Aktivisten versteckt hielt. Er administriert derzeit eine Seite der arabischen Diaspora, die geheimdienstlichen Zielen zugeordnet ist. So ist man auf meinen ersten Artikel aufmerksam geworden.

Die Welt soll nicht vergessen: 2011 haben die Schüler in Dar’a einen Slogan verfasst, den die Ägypter in den Arenen der Freiheit wiederholten: „Die Menschen wollen den Sturz des Regimes“, weil Syrien ein verwilderter Polizeistaat ist, der Kinder verhaftet und ihnen die Nägel herausreisst und der die Mütter der Kinder dazu bringt, den syrischen Sicherheitselemente zur Verfügung zu stehen.

Diese Missachtung für die Menschen führte zu Protesten, auf denen gefordert wurde, dass der Kopf der Sicherheitsabteilung, Ali Mamluk, vor Gericht gestellt werden solle. Aber Ali Mamluk gehört als Alawit zur Familie von Bashar al-Assad. Assad, der Ratschläge gab, verstand nicht, dass er kein Gott ist, sondern der Präsident eines Landes, dessen Bevölkerung sich unter seiner repressiven und abscheulichen Politik windet, wobei die Alawiten diejenigen sind, die das Sagen haben.

In den Zellen wurden Kinder getötet, darunter der Märtyrer Hamza al-Khatib, der später zur Ikone der syrischen Revolution werden sollte. Assad wiederum, um kriminelle Handlungen zu rechtfertigen, sprach vom ersten Moment an von „al-Qaida“ und „Takfiris“ etc. Jeder arabische Führer hat dies dann wiederholt – denn sie alle wollen die Macht behalten.

– Nur in Syrien ist es nicht gelungen, die Demonstrationen und Proteste mit Wasserwerfern niederzuschlagen, wie dies Erdogan [in der Türkei] macht. Stattdessen hat man scharfe Munition benutzt, wofür es Beweise gibt.

– Nur in Syrien sind Demonstrationen von der Luftwaffe bombardiert worden.

– Nur in Syrien hat man bei einem Treffen der Aufständischen mit ihren Familien allesamt festgenommen.

– Nur in Syrien haben Sicherheitskräfte die Hände von politischen Aktivisten und Journalisten mit dem Hammer zerschmettert.

Die Syrer sind keine Angsthasen. Die bewaffnete Revolution begann, als einige Offiziere fahnenflüchtig wurden, nachdem sie Zeuge unmenschlicher Dinge in Syrien und einer regelrechten Ausrottung des syrischen Volk geworden waren.

Mit der Fahnenflucht von Soldaten und ihren Waffen kam es zu bewaffneten Konfrontationen. Allmählich griff auch das syrische Volk zu den Waffen um sich vor der Tötungsmaschinerie zu verteidigen.

Assad hat auf die Armee gesetzt und auf das korrupte Klientelsystem, sowie die Herrschaft der Familie. Als er aber spürte, wie die Dinge sich entwickeln, da gab er den Golfstaaten oder Ägypten die Schuld.

Assads Motto lautet „Assad oder wir verbrennen das Land“, aber das syrische Volk kümmert sich nicht darum. Assad hat von allen Mitteln Gebrauch gemacht, um Menschen zu töten. So hat er bei den Schiiten Hilfe gesucht und begann die Melodie namens „der Krieg ist ein Religionskrieg“ anzustimmen.

Assad Herrschaft ist korrupt und gründet auf Beamten, Funktionären und Baathisten usw., die er ausgerüstet hat und denen er grünes Licht zum Töten gab, wie auch die finanziellen Mittel. Nur wenig konnte er die Freie Armee durch Leute, die offen gegen Assad auftraten, infiltrieren, denn deren Angehörigen sind nicht wie die Agenten des Regimes.

Die Menschen in Syrien haben zu den Waffen gegriffen, um ihre Würde, ihr Leben und ihren Glauben zu verteidigen. Wegen der grausamen Brutalität bei der Niederschlagung der Proteste sind vier Millionen Syrer zu Flüchtlingen geworden, darunter ich. Die Welt schaut sitzend zu, wie die Syrer getötet werden. Und begnügen sich damit, ein wenig Geld und Medikamente zu spenden.

Die Situation in Syrien ist extrem gefährlich. Jetzt sind die schiitischen Milizen von der verdeckten Operation zur offenen übergegangen – mit religiösen Slogans, die man seit mehr als tausend Jahren nicht mehr gehört hat. […]

Türkische Republik, 9.6.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz.)

Mitteilungen aus Kilis (11)

Amerika schickt eine Ladung mit diversen Schusswaffen an die Freie Syrische Armee (FSA), währed Assads Milizen und die Hisbollah mehr als 300 Bewohner der Ortschaft Bayda in Banias massakrieren.

Die internationale Gemeinschaft ist auf einem Auge blind. Denn diejenigen, die mit Messern massakrieren, sind keine Israelis; Israel führt Manöver auf dem Golan durch.

Unterdessen ist die syrische Währung weiterhin im Sinkenflug, der Exodus des Landes schreitet voran und ebenso der Beschuss mit Scud-Raketen. Worauf wartet die Welt?

Ich bin des Schreibens müde. Die Menschen in der freien Welt lassen sich nicht durch grausame Bilder von dem, was in Syrien vor sich geht, zum Handeln bewegen – ist es denkbar, dass sie sich durch Worte motivieren lassen? Meine Worte sind wertlos, es sind leere Worte. Aber die Welt möge sich erinnern, was ich gesagt habe:

Ich habe schon vorher davor gewarnt, dass ich eine Revolution kommen sehe und heute sehe ich einen Krieg, der sich über die Nachbarländer und Israel erstreckt, die bald nicht mehr abseits, sondern im Zentrum des Krieges stehen werden. Assad zu unterstützen funktioniert nicht, Israel! Es funktioniert nicht!

Ich persönlich bin kein Kriegsenthusiast. Ich wünschte, die Araber erreichten eine wahrhafte Friedensregelung mit Israel, denn die Araber haben genug vom Krieg. Aber ich stehe nicht für alle Syrer. Diese werden sich aufgrund der systematischen Morde gegen Sunniten leider bald in Radikale verwandeln.

Vielleicht dringen Sunniten jetzt gerade in ein alawitisches Dorf ein und massakrieren dessen Bewohner mit Messern? Sicherlich würde dann die internationale Öffentlichkeit die Dinge anders sehen. Dann handelte es sich um ein unverzeihliches Verbrechen und nichts, was man so oder so sehen kann.

Die Syrer radikalisieren sich mit jedem Tag der unermesslichen Verwüstung. Sie verkünden die Parole „Entweder Assad oder wir verbrennen das Land“. Also verbrennen sie das Land, sein archäologisches Erbe und seine Kultur.

Israel und Amerika sind über die Zerstörung Syriens erfreut. Was Israel oder die Hisbollah hinsichtlich des Tötens und des Massakrierens jedoch nicht einkalkuliert haben, ist die Partei des Satans.

Sie alle wollen nicht begreifen, dass Syrien einen Zustand der Zerstörung erreicht hat, der mindestens zehn Millionen Radikale in der Bevölkerung erzeugt, die Selbstmordattentate begehen wollen, um Israel auszuradieren.

Was wird Amerika mit den Millionen tun, die die sich dem Tod hingeben, well ihr Leben zur Hölle geworden ist? So viele haben ihre Arbeitsplätze, ihre Häuser und ihre Familien verloren. Ein gemässigter Muslim wird gewünscht? Gut, ich werde es mir notieren!

Amerika sagt, dass es ernsthaft über eine Bewaffnung der Opposition nachdenken werde – doch wann und wie? Eine einzige Waffenladung Sprengstoff erreicht die Opposition, während Flugzeuge und Schiffe unablässig Raketen aus dem Iran und Russland durch den Suezkanal zu Assad befördern.

Die Welt wird bald vor den Toren einer grossen Tragödie stehen. Assad sprengt eine historische Brücke in Deir Ezzor, die von den Franzosen erbaut wurde. Das einzige was er will ist, das Land zu verbrannter Erde zu machen.

Ich verstehe den amerikanischen Standpunkt, für den die Sicherheit Israels Priorität hat, weswegen ich mich an die Amerikaner und Israelis wende: Ihr seid im Irrtum.

Sicherheit wird es für Israel erst geben, wenn Syrien intakt ist, gedeiht, seine Bürger arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen. Wenn es hingegen seine Zukunft am Ende sieht, dann werden radikale Ideen ihren Weg in die Gehirne finden und nichts wird die Menschen davon abhalten, ihr Ziel im Erreichen des Paradieses zu suchen – indem sie sich in Israel in die Luft sprengen.

Israel wird nur sicher sein, wenn seine Nachbarländer kulturell und wirtschaftlich aufblühen, denn dann wird der einzelne Bürger tausendmal nachdenken, bevor er einen Krieg in Erwägung zieht. Und er wird genügend Gründe zum Nachdenken haben, bevor sich daranmacht, Selbstmord zu verüben.

Wenn Ihr die Radikalen fürchtet, so lasst Euch gesagt sein, dass Ihr es seid, die die Radikalen produzieren.

Türkische Republik, 3. Mai 2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz. Der Text gibt die Meinung des Autors wieder.)

Mitteilungen aus Kilis (10)

Die irakischen Stämme verkünden die Schaffung einer Stammesarmee und verbrennen den Steuerbescheid. Natürlich gibt es keinen Zweifel, dass al-Maliki auf einer Linie mit Bashar al-Assad liegt. Die Situation im Irak steht kurz vor einem Konfessionskrieg zwischen Schiiten und Sunniten.

Denn die irakische Regierung ist nichts als eine sektiererische Regierung, die einen Hass auf die Sunniten hat, und Nuri al-Maliki ist nicht mehr als ein Dieb, ein Diktator und ein Mafiaboss, der Sunniten tötet. Das ist nichts neues. Die durchgesickerten Wikileaks-Dokumente haben viele Fakten ans Licht gebracht. Nun scheint es, dass die Zeit reif ist.

Der syrische Widerstand gegen Assad wird mit dem irakischen Widerstand Hand in Hand gehen. Aus mehreren Gründen: einer gemeinsamen Stammeszugehörigkeit, aus konfessionellen Gründen und wegen der Geographie. Die kommende Woche wird sich stark zugunsten des syrischen Widerstandes entwickeln – Öl für Waffen.

Nachdem Assad das Land verbrannt hat, ist es an der Zeit, ihm einzuheizen und allen, die ihm beistehen. Schon bald wird es soweit sein. Syrer und Iraker werden nicht an den Grenzen ihres Landes haltmachen.

Der Westen, der dasteht und Assad grünes Licht für das Töten von Sunniten gibt, ist derselbe, der in Mali interveniert. Und die Welt, die der syrischen Tragödie zusieht, ist dieselbe, die Friedenstruppen nach Mali entsendet. Eine klare Doppelmoral, für die der Westen bald den Preis zahlen wird. Nicht ich sage das, sondern die Situation.

Nach der Zerstörung der Städte in Syrien und zuvor der Zerstörung der Städte im Irak glaube ich nicht, dass diese sunnitischen Stämme mit ihrer demographischen und finanziellen Kraft noch etwas zu verlieren haben. Wenn der Krieg das ist, was die Welt uns auferlegt hat, dann sind wir Meister des Krieges und die Araber berühmt für ihre langen Kriege, die vierzig Jahre dauern.

Ich frage mich, ob diejenigen, die den Krieg entfachen und uns in ihn hineindrängen, überhaupt in der Lage sind, die Resultate dieses Krieges auszuhalten? Der Krieg zieht am Horizont auf und mit ihm die grosse humanitäre Tragödie.

Viele Waisen und viele Witwen – es waren die Frauen und Kinder, die für die Rekrutierung in einem Krieg bezahlt haben, der ihnen aufgezwungen wurde. Es ist der Krieg um der Würde willen, um des Ausharrens willen. Die Syrer haben wieder und wieder an die Welt appelliert, doch ohne Erfolg. Oft haben wir gewarnt, doch wollte die Welt unsere Warnungen nicht hören.

Jetzt stehen wir am Rande des dritten Weltkrieges. Ich sage: Der Krieg wird früher oder später wie der Golfkrieg werden. Der islamische Radikalismus ist das Schreckgespenst, mit dem der Westen argumentiert, um Assad einen Vorwand für das Abschlachten des syrischen Volkes zu liefern.

Die Syrer sagen: Wenn der islamische Radikalismus uns von der Brutalität der Schiiten und der Brutalität Assads befreien wird, dann sind wir alle radikale Islamisten.

Türkische Republik, 27. April 2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (9)

Ich setzte mich, während die Stimme des grossen Künstlers Abdelhalim Hafez erscholl, der ein Gedicht von Nizar Qabbani intonierte, und las. Das Gedicht sagte sinngemäss: „Mein Sohn, gestorben ist als Märtyrer wer sich für den Geliebten geopfert hat.“

Ich frage mich: Jeden Tag werden mehr als einhundert Syrer getötet und alle sind sie Märtyrer, alle haben sie sich für den Geliebten geopfert. Aber für welchen Geliebten? Ist es das Geld? … der Reichtum? … das Vaterland? … Bashar al-Assad oder etwas anderes? Was ist mit den Menschen, die durch Chemiewaffen und Skud-Raketen in ihren Häusern sterben?

Ich setzte mich, um über die Zukunft nachzudenken, als das Lied den nächsten Abschnitt erreichte: „Aber dein Himmel regnet und dein Weg ist versperrt, versperrt, versperrt …“

Ja, vielleicht ist es nicht mein Weg, der versperrt ist, aber der Weg aller Syrer. In dem Land, in dem wir Zuflucht gefunden haben, sind wir nicht besser dran – denn mein Laden, mit allem, was darin ist, wurde gestohlen. Dank der Abwesenheit von Recht und Gesetz.

Aus Syrien erreichte mich die Nachricht, dass sich die Menschen dort Sorgen machen, man könnte ihnen ihr Haus mit allen Sachen wegnehmen! Was soll ich tun? Soll ich nach Aleppo zurückkehren, das sich unter Kontrolle des Regimes befindet und wo der Tod herrscht?

Vor zehn Tagen habe ich ein Haus gemietet, das mich fast $ 1000 pro Monat kostet – und es gibt keine Möglichkeit hier zu arbeiten. Auch wenn ich von mir spreche, so ist meine Lage doch typisch für Syrer. Wenn ich mich umhöre, so bin ich überrascht zu sehen, wie viele versuchen, mit Antiquitäten oder Metallen u.a. zu handeln.

Derweil suchen kämpfende Milizen nach Geld zur Finanzierung von Waffen, was sie nicht davon abhält, die wirtschaftlichen und historischen Reichtümer des Landes zu verkaufen. Leute wie ich sehen sich gezwungen, jeder Tätigkeit nachzugehen, auch wenn sie sich mit der eigenen Überzeugung nicht vereinbaren lässt.

So ganz allmählich verwandele ich mich von einem Autoren in einen Mafiaboss. Nachdenklich lehne ich mich zurück und bedaure es, aber so ist nun einmal der Krieg. Ich bin davon überzeugt, dass es im Krieg keine Ehre und kein Gewissen gibt. Die Welt schaut uns zu, wähend wir brennen.

Soll ich es wagen über das Meer an die Gestade Europas zu fahren oder was sonst? Und was gäbe es in Europa? Andererseits: Soll ich in der Türkei sitzen und betteln? Die Situation treibt den Menschen im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte in den Selbstmord.

Vielleicht werde auch ich mich eines Tages dazu erniedrigen, Waffen zu tragen und in einer radikalen islamischen Organisation zu kämpfen. Ich denke über meine Zeichnungen nach, mit denen ich mich ablenke. Ich sage: Was ist der Wert der Kunst in Zeiten des Dschungels?

Ost und West sprechen von einigen radikalen Milizen und al-Qaida. Ich sage: Wer hat sie denn gemacht? Wenn du zulässt, dass das süsse Kätzchen von allen Seiten geschlagen wird, wird es nicht lange ein süsses Kätzchen bleiben.

Es wird sich in einen tollwütigen Hund verwandeln.

Türkische Republik, 18.04.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz.)

Mitteilungen aus Kilis (8)

Neulich sass ich nahe der syrischen Grenze und trank Tee, während ich über die schmerzliche syrische Lage nachdachte. Dauernd wird aus Syrien berichtet, dass die Heftigkeit des Tötens zugenommen habe. Dieses Mal sind es die bewaffneten Milizen, die sich gegenseitig ausradieren.

Ich besann mich, wie einmal ein bedauerlicher junger Muslim aus Deutschland kam, um in Syrien zu kämpfen. Natürlich tat er nichts falsches, aber vielleicht hat er falsch verstanden, worum es geht.

In Syrien gibt es heute einen kriminellen und geistesgestörten Diktator, während die Welt danebensteht, und ein Volk, das noch nicht einmal leicht bewaffnet ist, sich ihm entgegenstellt. In kurzer Zeit hat der Konflikt religiöse Züge angenommen. Die Situation in Syrien ist keine von enormem Aussmass, den die Medien aufbauschen, aber dennoch ein Kriegsgebiet, wo der Tod in jeder Strasse in jedem Augenblick möglich ist.

In Syrien wird man sich nicht wundern, wenn man eine kopflose Leiche sieht oder eine verbrannte oder wenn es der Körper eines Kindes oder Mädchens ist, das vielleicht durch einen iranischen Heckenschützen den Tod fand.

Iraner und Schiiten haben begonnen, die Trommeln des Dschihād zu schlagen. Sie haben dafür gesorgt, dass der grösste Dschihād in Syrien stattfindet, während im Gegenzug sunnitische Extremisten auf dieselben Trommeln zu schlagen begonnen haben. Vielleicht gibt es im Westen, im Iran oder in der Hisbollah viele junge Leute, die sich dafür begeistern, in den Himmel zu kommen. Es ist das „Opium des Volkes“, wie Karl Marx sagte. Ich bitte Euch, Ihr Jugendlichen, der Weg ins Paradies führt nicht über Syrien!

Ich denke wieder zurück, als ich in Aleppo war und um Kinderbekleidung zu spenden aufrief. Glauben Sie mir: Jemand aus Deutschland, den ich nicht kenne, schickte mir zwei Pakete mit Kleidung, die ich, Gott sei Dank, an die Kinder verteilte. Ich glaube, dass dieser Mann, dessen Identität ebenso wie seine Religion mir unbekannt sind, viel besser als diese Burschen und jungen Frauen ist, die nach Syrien kommen, um zu töten. Syrien hat keinen Bedarf an Kämpfern; es hat einen Bedarf an Waffen und an einer Koordinierung der bewaffneten Kräfte.

Töten gehörte nie zu den Geboten Gottes. Gott sagt im Koran: „Aus diesem Grund haben wir den Kindern Israels vorgeschrieben, dass, wenn einer jemanden tötet, und zwar nicht aus Rache für jemand anderes oder aus Strafe für Unheil, das er auf der Erde angerichtet hat, es sein soll, als ob er alle Menschen getötet hätte (Koran 5,32). Gott weiss es am besten.

Daher wende ich mich an Euch junge Menschen im Westen und im Osten, Schiiten gleichermassen wie Sunniten, zu welcher Konfession ihr auch immer gehören mögt. Wenn Ihr wahrhaftig ins Paradies wollt, so liegt der Schlüssel dafür im Lachen der Kinder, in der Freude der Witwen und in der Annahme der Waisen. Und wer von euch einen Vater und eine Mutter hat, der muss, um ins Paradies einzutreten, ihnen zu Diensten sein – auch wenn er ein Ungläubiger sein sollte. So verstehe ich den Islam als ein muslimischer Araber.

All diese Arten von kämpfenden Milizen in Syrien haben ihre jeweiligen Agenden, aber keine von ihnen arbeitet für Gott. Denn der Weg zu Gott unterscheidet sich nicht für Juden, Christen, Muslime oder Buddhisten.

Ich sehe mit Abscheu, was in Burma geschieht, wo Muslime getötet werden. Und ich frage mich: Sind die Lehren des Buddhismus die, dass man sich zusammenrottet, um diejenigen zu töten, die nicht zum Buddhismus konvertieren? Oder sind es nur kranke Menschen, die aus konfessionellem Hass gegen die Lehren ihrer eigenen Religion zu Felde zogen?

Es ist dasselbe wie in Syrien zwischen Arabern und Arabern, zwischen Muslimen und Muslimen. Das hässliche Morden mit den hässlichsten Mitteln und das Morden gegeneinander – jeder denkt, dass er Gott am besten dient. Es gibt auf der Welt nicht so etwas wie Töten zum Zwecke der Annäherung an Gott.

Gott sagt: „Tötet niemanden, den zu töten Gott verboten hat, ausser wenn ihr dazu berechtigt seid!“ (Sure 17,33).

Türkisch-syrische Grenze, 11.04.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz.)

Mitteilungen aus Kilis (7)

Die Tage vergehen ohne eine Lösung am Horizont. Zu Beginn des letzten Berichts über die Rückführung einiger syrischer Flüchtlinge war von Aljazeera eine Zahl von 600 genannt worden und so gab es immer wieder Nachrichten von der Deportation der Syrer aus dem Lager Mar’ash, doch ist die Zahl wohl nicht korrekt und dürfte geringer sein.

Was ich aber mit meinen eigenen Augen sah, war, dass vor einer Woche Brot verteilt wurde, welches sich dem Verfallsdatum näherte, seitdem es im April 2012 hergestellt worden war. Als es vor einigen Tagen verteilt wurde, war das zwei Tage vor Ablauf der Haltbarkeit. Ich habe von vielen Fällen gehört, bei denen Syrer hier in Kilis vergiftet worden sein sollen. Deswegen wurde auch eine Beschwerde bei der türkischen Regierung eingericht, damit sie sich der Sache annimmt.

Die letzte positive Sache, die die türkische Regierung für die Syrer getan hat, war die Aufhebung von Verzugsgebühren [für Visaüberziehungen] und die Gewährung von offenen Aufenthaltsbewilligungen, sowie das Ausstellen von Arbeitsgenehmigungen für alle, die arbeiten wollen. Für die Syrer ist das von äusserster Wichtigkeit, denn es wird die bittere Realität der Syrer, die hier leben, umkehren.

Doch der Weg ist noch lang und voller Dornen. Die Dinge bleiben kompliziert und besonders die hohen Mieten, die den Syrern abverlangt werden. Ich kenne einige Familien, die Syrien gen Türkei verlassen haben, ohne irgendwelche offiziellen Papiere. Allerdings erfolgte es die Aufnahme ihrer Kinder in den türkischen Schulen ohne offizielle Urkunden.

Die Nachrichten aus Syrien sind alles andere als gut. Wo manchmal Stromausfälle mehr als fünf Tage andauern und danach nur für einige Stunden wiederkommen. Die Sicherheitslage ist total schlecht.

Vor zwei Tagen war ich in einem Café überrascht zu sehen, dass ein Europäer kommt, um sich den syrischen Kämpfern anzuschliessen. Einer der Kämpfer, die dem Beschuss ausgesetzt waren und eine Behandlung hier in der Türkei erhielten, kämpfte unter dem Banner der Nusra-Front. Man hatte ihn nach Syrien mitgenommen.

Mir persönlich gefiel das nicht. Ich würde von dem Deutschen verlangen zurückzugehen – zurück nach Deutschland.Denn was Syrien mangelt, sind nicht Kämpfer, sondern vernünftige Waffen. Um mich herum sind mehr als 5.000 Kämpfer, und auch wenn sie mir nicht unterstehen, so bin ich mit ihren Führern allesamt befreundet. Sie alle beklagen sich über die Schwäche und den Mangel an Munition, aber nicht über einen Mangel an Kämpfern.

Hätten wir einen Mangel an Kämpfern, so würde ich mich dem Deutschen bei der Verteidigung meines Landes anschliessen. In jedem Fall ist der Deutsche, den man nach Syrien mitgenommen hat, von der Nusra-Front im Stich gelassen worden, als er verwundet wurde. Nicht einen Qirsch hat man ihm gegeben. Dennoch hatte man den Deutschen nach Syrien mitgenommen.

Vielleicht ist das der Wahnsinn und das Opium des Volkes, wie Karl Marx sagte. Aber die syrische Katastrophe ist jetzt ein Präsident, der in Syrien in einem Versteck kauert. Er verbrennt das Land, während die gesamte Welt dem Lodern zusieht.

Türkisch-syrische Grenze, 04.07.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz.)

Mitteilungen aus Kilis (6)

Ein Monat geht zuende, ein neuer beginnt. Vielleicht in einem Monat wird Syrien seinen Rekordstand an Auswanderung und Ermordung erreicht haben.

In einem Café, in dem Syrer hier in der Türkei häufig verkehren, gab es zwei junge Burschen, die sich unterhielten. Der erste sagte: „Hast du mal einen getötet?“ Worauf der zweite engegnete: „Bis jetzt noch nicht.“

Der erste sagte zu ihm: „Sitz hier nicht mir zusammen, sondern geh los und töte jemanden. Dann kannst du wiederkommen und dich zu mir setzen!“

Vielleicht haben sie nur im Scherz geredet, vielleicht auch im Ernst. Es ist jedenfalls bedauerlich, welchen Zustand die Syrer erreicht haben. Gibt es vielleicht auch Menschen, die nach dem Sinn des Mordens fragen?

Ich weiss es nicht, aber die Situation in Syrien muss schnell bereinigt werden, bevor sich ein grosser Teil der Syrer in Mörder verwandelt. Nichts und niemand mehr wird vom Morden verschont. Es ist nichts als eine psychische Krankheit.

Ich bin davon überzeugt, dass die Dinge in Syrien den schlimmsten Zustand erreicht haben. Manche Leute in Syrien töten ohne besonderen Grund – sie töten nur zum Spass!

Die Syrer suchen Tag und Nacht zu überleben. Es scheint, dass die Chance zu leben Tag für Tag geringer wird.

Manche Syrer, die in die Türkei gehen, kehren ganz schnell nach Syrien zurück. Um mit allen Mitteln Geld zu machen, verkauft mancher sein Haus, oder er stiehlt, oder er entführt den Sohn von jemandem. Es gibt keine grossen Unterschiede. Es ist die Kultur des Dschungels, des Überlebens des Stärkeren.

Vielleicht machen meine Worte ja deutlich, wie unabdingbar es ist, eine schnelle und rasche Lösung zu unterstützen, bevor es zu spät ist.

Denn mit jedem Tag gibt es neue Brandherde und noch mehr Zusammenstösse und Auswanderung. Schliesslich fragt sich, welche Seite diese Syrer noch umarmen und sie empfangen kann?

In der Erwartung, dass die Welt sich ernsthaft bewegen wird, werde ich weiter das Café aufsuchen, wo ich mich nicht neben den jungen Mann setzen werde, weil ich noch nicht umstande bin, einen Menschen zu töten.

Vielleicht nicht wirklich.

Türkisch-syrische Grenze, 31.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)

Mitteilungen aus Kilis (5)

Hier in der Türkei ist heute die Abschiebung von syrischen Flüchtlingen das Tagesgespräch. Gestern sind 600 syrische Flüchtlinge – die genaue Zahl weiss ich nicht – abgeschoben, aus dem Land geworfen worden.

Darunter mögen einige Missetäter sein, doch wohin schicken wir sie? Schicken wir sie in den Tod? Das ist äusserst gefährlich und verantwortungslos.

Heute sind wir alle syrische Flüchtlinge. Wir überlegen uns, in einem anderen Land Zuflucht zu nehmen. Dort wird man vielleicht gnädiger mit uns sein, wenn wir etwas falsch gemacht haben sollten.

Die zweite Sache, mit der viele Syrer hier in der Türkei sich auskennen, ist äusserst gefährlich. Es handelt sich um das Wasser.

Hier in Kilis ist das Wasser nämlich nicht trinkbar. Die Türken wissen das und sind in den Verkauf von Trinkwasser eingestiegen – von kalkhaltigem Wasser. Dieses Wasser zerstört nach und nach die Nieren. Was würden Sie sagen, wenn Sie hören, dass mehr als fünfzig Prozent der Syrer hier in Kilis kalkhaltiges Wasser trinken? Manche sind sich der Gefahr gar nicht bewusst und kümmern sich aus ihrer Armut und ihrem Elend heraus gar nicht darum.

Es ist schrecklich. Seitdem ich hier in der Türkei, nahe der Grenze bin, habe ich begonnen, alles zu hassen.

Die Freunde, die ich hier um mich herum habe, benehmen sich wie Falken, die nur auf eine Gelegenheit warten, um sich auch auf mich zu stürzen und zu verschlingen. Leider wandeln sich die Syrer hier im Asyl in reissende Tiere, die sich gegenseitig zerfleischen.

Geld ist unabdinglich, wie man an es herankommt unwichtig. Viele Syrer lassen ihre Menschlichkeit hinter sich. Gier und Unmenschlichkeit haben sie überwältigt, viele von ihnen müssen zum Psychiater. Wären nicht die türkischen Sicherheitskräfte, so begingen die Syrer hier die abscheulichsten Vergehen und die schrecklichsten Verbrechen.

Ich gebe der türkischen Regierung nicht die Schuld für die Abschiebung der Flüchtlinge nach Syrien. Aber Syrien ist heute nichts als ein Kriegsgebiet. Die Kinder dieser Übeltäter werden Opfer dessen, was ihre Eltern getan haben. Und hier Opfer der Verantwortungslosigkeit.

Immer wieder gibt es Nachrichten, dass Assad verschwunden sein soll. Oder getötet. Aber die Frage ist, was nach Assad kommt. Werden sich die Syrer auf das stürzen, was vom Land übriggeblieben sein wird, um es zu stehlen und zu besetzen?

Vielleicht besteht hierin die Rolle der Syrischen Nationalen Allianz und die Bedeutung der internationalen Unterstützung, sich von einer blossen Allianz zum Kern eines echten Staates zu wandeln. Diejenigen, die von Bewaffnung reden, müssen zuerst einen Generalstab wollen, bevor dieser mit bestimmten Waffen ausgerüstet wird.

Ich war sehr froh darüber, dass die Allianz in Qatar die syrische Botschaft erhalten hat, und ich hoffe, dass es Botschaften in allen Ländern der Welt geben wird, weil dies ein richtiger Schritt ist. Es würde viel dazu beitragen, dass das Leiden der Syrer im Ausland und der Länder, die sie beherbergen, gelindert wird.

Was viele Leute nicht wissen: Es kann sein, dass jetzt in Syrien alle Behörden aus Gründen der Korruption zerfallen sind. Gegen Geld kann jeder Mensch auf der Welt einen echten syrischen Reisepass bekommen.

Türkisch-syrische Grenze, 29.3.2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz)