Mitteilungen aus Kilis (11)

Amerika schickt eine Ladung mit diversen Schusswaffen an die Freie Syrische Armee (FSA), währed Assads Milizen und die Hisbollah mehr als 300 Bewohner der Ortschaft Bayda in Banias massakrieren. Die internationale Gemeinschaft ist auf einem Auge blind. Denn diejenigen, die mit Messern massakrieren, sind keine Israelis; Israel führt Manöver auf dem Golan durch.

Unterdessen ist die syrische Währung weiterhin im Sinkenflug, der Exodus des Landes schreitet voran und ebenso der Beschuss mit Scud-Raketen. Worauf wartet die Welt? Ich bin des Schreibens müde. Die Menschen in der freien Welt lassen sich nicht durch grausame Bilder von dem, was in Syrien vor sich geht, zum Handeln bewegen – ist es denkbar, dass sie sich durch Worte motivieren lassen? Meine Worte sind wertlos, es sind leere Worte. Aber die Welt möge sich erinnern, was ich gesagt habe:

Ich habe schon vorher davor gewarnt, dass ich eine Revolution kommen sehe und heute sehe ich einen Krieg, der sich über die Nachbarländer und Israel erstreckt, die bald nicht mehr abseits, sondern im Zentrum des Krieges stehen werden. Assad zu unterstützen funktioniert nicht, Israel! Es funktioniert nicht!

Ich persönlich bin kein Kriegsenthusiast. Ich wünschte, die Araber erreichten eine wahrhafte Friedensregelung mit Israel, denn die Araber haben genug vom Krieg. Aber ich stehe nicht für alle Syrer. Diese werden sich aufgrund der systematischen Morde gegen Sunniten leider bald in Radikale verwandeln.

Vielleicht dringen Sunniten jetzt gerade in ein alawitisches Dorf ein und massakrieren dessen Bewohner mit Messern? Sicherlich würde dann die internationale Öffentlichkeit die Dinge anders sehen. Dann handelte es sich um ein unverzeihliches Verbrechen und nichts, was man so oder so sehen kann.

Die Syrer radikalisieren sich mit jedem Tag der unermesslichen Verwüstung. Sie verkünden die Parole „Entweder Assad oder wir verbrennen das Land“. Also verbrennen sie das Land, sein archäologisches Erbe und seine Kultur.

Israel und Amerika sind über die Zerstörung Syriens erfreut. Was Israel oder die Hisbollah hinsichtlich des Tötens und des Massakrierens jedoch nicht einkalkuliert haben, ist die Partei des Satans.

Sie alle wollen nicht begreifen, dass Syrien einen Zustand der Zerstörung erreicht hat, der mindestens zehn Millionen Radikale in der Bevölkerung erzeugt, die Selbstmordattentate begehen wollen, um Israel auszuradieren.

Was wird Amerika mit den Millionen tun, die die sich dem Tod hingeben, well ihr Leben zur Hölle geworden ist? So viele haben ihre Arbeitsplätze, ihre Häuser und ihre Familien verloren. Ein gemässigter Muslim wird gewünscht? Gut, ich werde es mir notieren!

Amerika sagt, dass es ernsthaft über eine Bewaffnung der Opposition nachdenken werde – doch wann und wie? Eine einzige Waffenladung Sprengstoff erreicht die Opposition, während Flugzeuge und Schiffe unablässig Raketen aus dem Iran und Russland durch den Suezkanal zu Assad befördern.

Die Welt wird bald vor den Toren einer grossen Tragödie stehen. Assad sprengt eine historische Brücke in Deir Ezzor, die von den Franzosen erbaut wurde. Das einzige was er will ist, das Land zu verbrannter Erde zu machen.

Ich verstehe den amerikanischen Standpunkt, für den die Sicherheit Israels Priorität hat, weswegen ich mich an die Amerikaner und Israelis wende: Ihr seid im Irrtum.

Sicherheit wird es für Israel erst geben, wenn Syrien intakt ist, gedeiht, seine Bürger arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen. Wenn es hingegen seine Zukunft am Ende sieht, dann werden radikale Ideen ihren Weg in die Gehirne finden und nichts wird die Menschen davon abhalten, ihr Ziel im Erreichen des Paradieses zu suchen – indem sie sich in Israel in die Luft sprengen.

Israel wird nur sicher sein, wenn seine Nachbarländer kulturell und wirtschaftlich aufblühen, denn dann wird der einzelne Bürger tausendmal nachdenken, bevor er einen Krieg in Erwägung zieht. Und er wird genügend Gründe zum Nachdenken haben, bevor sich daranmacht, Selbstmord zu verüben.

Wenn Ihr die Radikalen fürchtet, so lasst Euch gesagt sein, dass Ihr es seid, die die Radikalen produzieren.

Türkische Republik, 3. Mai 2013

(Aus dem Arabischen von Michael Kreutz. Der Text gibt die Meinung des Autors wieder.)

Autor: Muhammad H. (Gastautor)

Muhammad H. ist ein syrischer Exilant, der vor dem Krieg aus seiner syrischen Heimat in die Türkei geflüchtet ist. Er arbeitet heute in einer Künstlerkolonie im südtürkischen Kilis, von wo aus er die Ereignisse in Syrien ebenso wie die Stimmung in der syrischen Exilgemeinde verfolgt. Vor seinen "Mitteilungen aus Kilis" schrieb er für die transatlantic annotations das "Kriegstagebuch Aleppo".

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