Schach dem Nazi

Die Monster sind unter uns, doch kann man sie nicht sehen, so gut haben sie sich in unserer Welt eingerichtet, ihr Aussehen und Verhalten an die Gesellschaft angepasst. Einzig eine Truppe von hippen Monsterjägern, die Einsicht in die Wahrheit der Dinge hat, ist in der Lage, sie aufzuspüren und zu eliminieren, bevor sie der Menschheit Böses anzutun imstande sind.

Eine ganze Reihe von Filmen und Serien funktioniert nach diesem Prinzip, man denke nur an die “Men in Black”-Reihe oder auch die Serie “Ash vs. Evil Dead”. Bei “Hunters”, der neuen Serien auf Amazon Prime, sind die Monster aber keine Ausserirdischen, Mutanten, Androiden oder Dämonen – sondern Altnazis, womit die ganze Serie um eine historische Dimension erweitert wird, die sie aber zugleich überfordert.

Denn nunmehr kann sich die Serie nicht mehr damit begnügen, Monster aufspüren und eliminieren zu lassen, sondern sie muss eine Antwort auf die Frage finden, warum es gerade diese Monsterjägertruppe unter der Führung von Meyer Offerman (gespielt von Al Pacino) und seinem Adlatus Jonah Heidelbaum (Logan Lerman) ist, die hier ohne offizielles Mandat zu Werke geht.

Es sind die sechs Millionen im Holocaust Ermordeter, die zu rächen das Wirken der Nazijäger legitimiert, aber vor allem sind es die zahllosen Altnazis, die nach dem Weltkrieg nicht zufällig in den USA eine neue Heimart gefunden haben. Hier wird ein dunkles, aber im Film wohl eher selten behandeltes Kapitel der amerikanischen Geschichte ins Spiel gebracht, nachdem das amerikanische Kino so häufig die Sklaverei oder den Vietnamkrieg thematisiert hat.

Tatschlich waren Altnazis im Zuge der sog. “Operation Paperclip” ins Land geholt worden, weil man ihr technologisches Wissen nicht an den sowjetischen Rivalen in der politischen Weltarena verlieren wollte. Deswegen, so eine Prämisse der Serie, ist auf den Staat kein Verlass, wenn es um Gerechtigkeit geht. Erhalten Altnazis Protektion von ganz oben, muss der Widerstand von unten kommen, muss umso verwegener und entschlossener sein.

Da das ganze in den 70er Jahren spielt, hatten die Macher wohl den Einfall, popkulturelle Elemente ins Spiel zu bringen. Also gehören zur Truppe u.a. ein exzentrischer Schauspieler namens Lonny Flash (gespielt von Josh Radnoer), eine Kämpferin namens Roxy Jones (Tiffany Boone), deren Markenzeichen ein auffälliger Afro ist, und die unter einem weissen Velan kämpfende Schwester Harriet (Kate Mulvany), die im Kampf gegen ihre Feinde so abgebrüht ist, wie eine echte Schwester es nie sein könnte.

Auf der Gegenseite gibt es nicht minder illustre Figuren. Da ist der sardonisch grinsende Biff Simpson (gespielt von Dylan Baker), der, um seine Nazivergangenheit zu tarnen, schon einmal sämtliche Gäste seiner eigenen Grillparty dahinmetzelt, oder Trevis Leich (Greg Austin), ein Jungnazi und Factotum für schmutzige Aufträge aller Art, der noch im Gefängnis nur daran denkt, Juden zu töten; schliesslich “The Colonel” (Lena Olin), die Anführerin eine Organisation zur Errichtung des Viertes Reiches.

Natürlich ist das alles masslos überzeichnet, denn die Nazis waren keine Charismatiker; ihre Menschenverachtung hatte ebensowenig epische Grösse wie die der Neonazis von heute. Aber was soll’s, könnte man sagen, eine Fernsehserie ist nun einmal Fiktion, mag sie sich auch auf historische Begebenheiten beziehen. Damit aber niemand denkt, die Serie nehme das Thema Holocaust allzu leichtfertig auf, gibt es zahlreiche Rückblenden auf den Horror von Auschwitz, die zugleich einen Hinweis darauf geben, wie eng Jonah Heidelbaums Geschichte mit der von Meyer Offerman verflochten ist.

Alles fängt mit Jonahs Grossmutter, seiner Safta an, die Opfer eines Rachemordes wird und Jonah auf die Spur von Meyer Offeman und seiner Nazijäger-Truppe bringt. Diese Nazijäger-Truppe spürt also Altnazis in den USA auf und eliminiert sie, mitunter auf sehr originelle Weise. Aber die Nazis haben Wind davon bekommen, wer für die Todesfälle ihrer Gemeinschaft verantwortlich ist, und machen nun Jagd auf Offermans Truppe.

Das ganze ist eine Art blutiges Schachspiel, in dem jede Seite eine Figur aus den Reihen des Gegners nimmt, und das Schachspielmotiv kommt mehrfach in der Serie selbst vor: Zum einen im Vorspann, aber auch in den Flashbacks vom Horror in Auschwitz, als in einer fiktiven Szene ein SS-Offizier ein grausames, perverses Schach mit Gefangenen als lebenden Figuren spielt. Diese Szene hat übrigens nicht zu Unrecht die Kritik des “Auschwitz Memorial” eingebracht, Auschwitz-Leugnern in die Hände zu spielen.

Damit sieht sich Offermans Truppe jedoch einer zweiten Front gegenüber, denn natürlich lässt auch die Staatsmacht die Todesfälle nicht kalt. Zu den Glanzpunkten der Serie gehört der Nebenplot um die FBI-Agentin Millie Morris (Jerrika Hinton), einer der sympathischsten Figuren im “Hunters”-Universum überhaupt, die gegen Offermans Truppe ermittelt, es aber in ihrer eigenen Behörde nicht eben leicht hat. “Operation Paperclip” soll nicht an die grosse Glocke gehängt werden. Morris hat auch noch privat eine Schlacht zu schlagen und zwar mit ihrer sozialen Umgebung, lebt sie doch mit einer Frau zusammen.

Jeden einzelnen dieser Aspekte könnte man zur Grundlage für eine eigene Serie machen. Das wäre auch angebracht. In “Hunters” jedenfalls wollen sie sich nicht zu einem grossen Ganzen fügen, denn die Serie weiss nicht, was sie sein will: Eine Pop-Story im Stil von Tarantino? Ein Thriller? Ein Drama? Eine Horror-Komödie? Eine Hommage an die Siebziger? Die Geschichte wechselt andauernd die Richtung und spitzt sich schliesslich auf Offerman zu, um vollends aus dem Ruder zu laufen.

Nein, “Hunters” muss man nicht gesehen haben. Die Serie setzt sich letztlich selbst schachmatt, wenn auch auf hohem Niveau. Aber vielleicht ringt man sich ja in einer zweiten Staffel dazu durch, die Holocaust-Thematik fallenzulassen und ein gesellschaftskritisches Kampfkunstmärchen im Tarantino-Stil daraus zu machen. Das wäre doch mal was.

Abgründe der Islamwissenschaft

Zweifellos wird am deutschen und überhaupt westlichen Universitäten immer noch Spitzenforschung in Bezug auf den Islam getrieben und gibt es noch immer viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in jahrelanger Kleinarbeit Quellen erschliessen und das Wissen der Menschheit über noch die abwegigsten Aspekte der islamischen Zivilisation um einige Mosaiksteine bereichern.

Seit zehn bis zwanzig Jahren jedoch hat gerade in der universitären Islamwissenschaft eine enorme Ideologierung stattgefunden. Sie zeigt sich immer dort, wo Forschungsergebnisse in einen grösseren Zusammenhang gerückt und die muslimische Welt in einen Bezug zu Europa gesetzt wird. Seit dem einflussreichen Buch Orientalism von Edward Said und dem Aufkommen des Postkolonialismus hat sich eine Apologetik im Fach breitgemacht, die kritische Ansätze gegenüber dem Islam und seiner Geschichte mittlerweile kaum noch erlaubt.

Der Postkolonialismus als Ideologie („postcolonial studies‟) wendet sich gegen eine vermeintliche Wissensproduktion im Dienste eines anhaltenden Kolonialismus, der andere Kulturen unterjochen will, um sie auszubeuten. Man erkennt sofort die marxistischen Wurzeln dieser Ideologe. Said war Antikapitalist, wie auch viele Islamwissenschaftler an den Universitäten, aber zugleich Vertreter eines Dritte-Welt-Nationalismus, der die Islamforscher seiner Zeit dafür kritisierte, eine Linie zu vertreten, die „opposed to native Arab or Islamic nationalism“ sei. Das war freilich nur die erste Phase des Postkolonialismus.

Denn zunehmend werden Bücher geschrieben, die die muslimische Welt nicht nur als verkannte, sondern als überlegene Zivilisation darstellen, der ein rückständiges, intolerantes und gewalttätiges Europa gegenübersteht. Das ist das zwangsläufige Ergebnis einer akademischen Monokultur, die keine richtigen Kontroversen mehr kennt, weil sie andere Meinungen, die vom Said’schen Postkolonialismus abweichen, nichts länger wissen will. Zu den Hauptvertretern dieser Strömung gehören im deutschsprachigen Raum Thomas Bauer (Münster) und Frank Griffel (Yale).

Thomas Bauer hat mit seinem Buch Die Kultur der Ambiguität (2011), ein überaus manipulatives Pamphlet vorgelegt, das von Halbwahrheiten nur so wimmelt (s. dazu meine detaillierte Kritik mit umfangreichen Quellenangaben in meinem Buch Zwischen Religion und Politik), gleichwohl mit dem Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis, dem wichtigsten deutschen Forschungsförderpreis, ausgezeichnet wurde.

Darin weist Bauer zwar ganz richtig darauf hin, dass moralische Grundsätze der islamischen Religion nicht immer auch die der Gesellschaft waren, die sich durchaus über vieles hinweggesetzt hat, was die Religion vorschreibt oder verbietet. Zugleich betreibt er aber eine Theologisierung des Christentums, wenn er die Zustände im „westlichen Christentum‟ auf „radikalste Leib- und Sexfeindlichkeit‟ reduziert.

Indem er von der Kirche auf die Gesellschaft schliesst, macht Bauer genau das, was er dem Westen in Bezug auf den Islam vorwirft. Dabei hat es selbst in der als prüde verschrienen englischen Gesellschaft des 18. Jahrhunderts waren Gesetz und soziale Praxis durchaus verschiedene Dinge. „At one and the same time,‟ konstatiert die Historikerin Linda Colley, „separate sexual spheres were being increasingly prescribed in theory, yet increasingly broken through in practice.‟

Bauer hat jüngst mit einem Buch unter dem Titel Warum es kein islamisches Mittelalter gab (2018) nachgelegt, in der das Mittelalter generell als unglückliche Konstruktion erscheint. Bauer ist dabei wieder ganz auf den arabischen Kulturraum fokussiert, was von den üblichen Rezensenten sonst immer moniert wird, hier aber durchgeht, weil es dem vorherrschenden postkolonialistischen Weltbild an deutschen Universitäten nützlich ist.

Dass das Mitetlalter eine problematische Kategorie ist, ist keine neue Kritik. Wir finden sie z.B. bei dem schweizerischen Philologen und Althistoriker Heinrich Gelzer 1897. Auch hätte Bauer sich, bevor er aus seinen Beobachtungen umfangreiche Schlussfolgerungen zieht, darüber informieren können, woher das Dreierschema stammt, nämlich aus dem Humanismus, der sich an literarisch-philologischen Kriterien orientierte, nicht an politischen, wirtschaftlichen oder sozialen.

Aus Sicht der Humanisten war die Spätantike ein Verfall – ein Zerrbild, das erst mit Johann Gustav Droysen überwunden werden sollte. Der Verfall wurde übrigens nicht den Arabern in die Schuhe geschoben, sondern den Germanen. Schon 1959 konstatierte der Historiker Paul Egon Hübinger, dass das Schlagwort vom „finsteren Mittelalter‟ längst als fragwürdig entlarvt und deshalb ungebräuchlich geworden sei. Zu recht weist er darauf hin, dass Mediävisten sich Darstellungen ihrer Epoche als blosses Verfallssyndrom wenden, weswegen sie lieber von der Transformation der Spätantike sprechen.

Neu ist ebenso wenig seine Kritik an der bekannten These des belgischen Historikers Henri Pirenne, wonach nicht die Germanen das Mittelalter eingeleitet, sondern die Araber der Antike das Ende bereitet haben. Hierzu hat ebenfalls Hübinger das Nötige gesagt, indem er darauf hinwies, dass die wirtschaftsgeschichtlichen Beobachtungen Pirennes durch die spätere Forschung „weitgehend eingeschränkt worden‟ und ihre Beweiskraft entschwunden seien. „Im Bereich der kausalgenetischen Erklärung kann die These (…) heute als überwunden gelten‟, resümiert Hübinger. Bauers Anliegen ist aber ohnehin ein anderes. Hinter der ganzen Faktenhuberei steht ein ideologisches Interesse, das freilich nicht auf den ersten Blick erkennbar wird.

Denn Bauer manipuliert seine Leserschaft, indem er unter dem Vorwand, die islamische Geschichte aus den Fesseln europäischen Geschichtsbewusstseins zu befreien, die europäische Geschichte an der islamischen misst. Sp springt er zwischen den Zivilisationen hin und her, nennt Belege für Errungenschaften der arabisch-islamischen Kultur aus einem Jahrhundert, einem anderen Jahrhundert, einem weiteren Jahrhundert – und stellt ihnen die trübe Situation in Europa gegenüber, das in keinem der genannten Jahrhunderte etwas vergleichbares zustande gebracht hat. Deswegen weicht er den Entwicklungen in Westeuropa aus, die seit dem 15./16. Jahrhundert stattgefunden haben.

Tatsächlich hat kein ernstzunehmender Historiker bestritten, dass die arabische Kultur über Jahrhunderte der des lateinischen Europa voraus war. Dieses Verhältnis hat sich freilich ganz entscheidend zu Zeiten der Renaissance und der Reformation in sein Gegenteil verkehrt, was Bauer unter den Tisch zu kehren versucht. Zudem hat er ein falsches Verständnis von der Renaissance, wenn er in ihr lediglich eine Wiederbelebung der Antike sieht (s. mein Buch Zwischen Religion und Politik). Vielmehr spielt die Rezeption Platons aus griechischen Quellen eine Rolle, die über Umwegen eine Fortsetzung in der Bibelkritik findet, was keine Entsprechung im arabisch-islamischen Raum hat, wo der Platonismus einer ohne Platon war.

Bauer aber setzt alles daran, die islamische Kultur als die überlegene darzustellen, die ihre Überlegenheit nur bedauerlicherweise durch das europäische (eigtl. westliche) Vordringen, also durch den westlichen Kolonialismus eingebüsst hat, der zugleich das ist, was Europa zuvörderst charakterisiert. Der Subtext lautet: Eigentlich ist die muslimische Welt noch immer die fortschrittlichere und je eher wir das erkennen, desto eher können wir dazu beitragen, ihr wieder zum alten Glanze zu verhelfen.

Bauer kann sich mittlerweile jede noch so überzogene These leisten. Würde er behaupten, der Mond sei aus grünem Käse und der Kapitalismus schuld daran, würde er sicherlich auch dafür Beifall finden. „Ich meine, dass die Verflachung des Wissens ein global anzutreffendes Phänomen ist. Wissen wird heute oft durch Meinung, Information durch Skandalisierung ersetzt‟, erklärt er unbekümmert im Interview mit der „Zeit‟. Nicht global, sondern sehr deutsch ist jedenfalls der Kulturpessismus, der hier zum Ausdruck kommt und der in Deutschland eine lange Tradition hat.

Aus demselben Holz wie Bauer ist auch Frank Griffel geschnitzt, der in seinem Essay Den Islam denken (2019), das allerdings wesentlich schlichter gestrickt ist als Bauers Pamphlet, ebenfalls das Narrativ von einer missverstandenen islamischen Kultur präsentiert, die nicht nur anders, sondern in gewisser Weise besser als die europäische ist. Auch ihm fallen zu Europa immer nur Dinge ein, die in der Zeit vor dem 15./16. Jahrhundert geschahen. Eine Ausnahme bilden bei ihm die europäischen Religionskriege des 17. Jahrhunderts, die kein Pendant in der muslimischen Welt haben.

Damit hat er zweifelsohne recht, schmiedet daraus aber ein merkwürdiges Argument für den Islam: Dieser nämlich habe auf gesellschaftlicher Ebene kein Bewusstsein für Fortschritt entwickelt, was Griffel nun aber nicht als Mangel sieht, sondern als eine vortreffliche Eigenschaft, die allzu blutige Schlachten wie in Europa verhindert hat. Der Islam, schreibt Griffel, habe sich ab ca. 1100 den „Kriterien von stetigem Fortschritt und Aufschwung‟ widersetzt und seither nur verändert.

Griffel ist so sehr in seinen Islam vernarrt, dass ihm kein Licht aufgeht, was seine Behauptung in letzter Konsequenz bedeutet: Wo es keinen Fortschritt gibt, finden Neuerungen auf dem Gebiet der Technik oder der Literatur auch keine Anerkennung, wird Kreativität von der Gesellschaft nicht honoriert und bleibt Wohlstand aus und werden individuelle Lebenswege unterdrückt – also genau das, was die muslimische Welt seit eh und je plagt. Griffel freilich hat leicht reden. Er sitzt in Yale, was kümmert es ihn, wer den Computer und die dazugehörige Software erfunden hat, mit der er seine Schwärmereien in Worte fasst?

Fortschritt ist etwas für uns, die anderen können auch ohne ihn auskommen. Es ist reiner Paternalismus, was Griffel hier über aussereuropäische Gesellschaften zum Besten gibt. Ein Fernsehspiel von 1990 nimmt er zum Anlass, über die Ursachen der Flüchtlingsströme nach Europa nachzudenken. Die Afrikaner, so glaubt er, hätten „das Vertrauen in die Entwicklungshilfe verloren‟ und kämen nicht etwas deshalb nach Europa, um hier ein besseres Leben zu führen, sondern „um den Europäern vor Augen zu führen, wie sehr sie von der existierenden Weltordnung profitieren.‟

Afrikaner verlassen also ihre Heimat, geben ihre Freunde, ihr Hab und Gut, ihr ganzes Umfeld auf und machen sich auf eine lange beschwerliche Reise – und das alles nicht deshalb, weil sie anderswo bessere Jobs vermuten und einen höheren Lebensstandard anstreben, sondern allein, um Menschen, die sie nicht kennen und die in einem anderen Kontinent leben, eine Lektion zu erteilen? Woher weiss Griffel das? Ist die Phantasie mit ihm durchgegangen? Egal. Für Griffel ist die Globalisierung die aktuelle Form von Kolonialismus und Postkolonialismus.

Wenn das so ist, wie haben es China, Südkorea, Singapur – um hier nur drei Beispiele zu nennen – geschafft, dermassen wohlhabend zu werden? Auch Korea und China haben die Erfahrung des Imperialismus gemacht, vor allem des japanischen, was vielfach Eingang in die Populärkultur gefunden hat. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Südkoreas und Chinas hat allerdings auch das nationale Selbstbewusstsein zugenommen, während das autoritäre und rückständige Nordkorea die Rechtfertigung für seinen gesonderten Werdegang mit den Erfahrungen der Kolonialzeit begründet. Südkorea hat gezeigt, dass dieser Werdegang kein unausweichlicher war.

Dessen ungeachtet behauptet Griffel einfach drauflos, es sei damals wie heute unklar, wie die Ungleichheit zwischen der entwickelten und der weniger entwickelten Welt verringert werden könnte. Dass Wohlstand kein Nullsummenspiel ist, sondern geschaffen wird, ist ein Gedanke, der Griffel völlig fremd ist. Die Bedeutung von Errungenschaften wie Individualismus, unternehmerisches Ethos, Privateigentum, Arbeitsteilung und Freihandel scheinen ihm vollkommen unbekannt zu sein.

Heutzutage lebt ein riesiger Teil der Menschheit in Osteuropa, Asien und Lateinamerika, mittlerweile zunehmend auch in Afrika, in immer besseren Verhältnissen – dank der Globalisierung und das heisst: Mehr Marktwirtschaft in der Welt. Publizisten und Wissenschaftler wie Max Rosen, Steven Pinker, Johann Norberg, Jagdish Bhagwati, Fareed Zakaria oder Björn Lomborg versuchen seit geraumer Zeit, diese Tatsache einer grösseren Öffentlichkeit zu vermitteln. Griffel hingegen glaubt, es gebe keine Lösung für das Problem der Unterentwicklung.

Von der Aufklärung führt bekanntlich nur ein kurzer Weg zur Romantik, fassbar in der “Berührung der Schwelle der Magie” (Hans Blumenberg). Jenseits der Schwelle erwartet den Leser dann ein vom Islam verzückter Griffel. Verzaubert von den Geschichten von Tausendundeiner Nacht, die zu lesen es zwar viel Zeit und Geduld bedürfe, rühmt er Erfahrungen und Einsichten, „die in unserer von Fortschritt und Leistungssteigerung dominierten Gesellschaft vielleicht so nicht möglich sind.‟

Nachdem er Gold über die Häupter der Massen gestreut hatte, liessen sie die Vorhänge niederfallen und die Türen verriegeln, während der Schuhflicker Ma’ruf sich auf einen Teppich setzte, die Hände zusammenschlug und rief: “Es gibt keine Kraft und keine Macht ausser bei Gott. Gut, dass die Islamwissenschaftler das endlich erkannt haben.”


Thomas Bauer. Warum es kein islamisches Mittelalter gab: Das Erbe der Antike und der Orient. München: C.H. Beck, 2018. 175 S., € 22,95.

Frank Griffel. Den Islam denken: Versuch, eine Religion zu verstehen. Ditzingen: Philipp Reclam, 2018. 102 Seiten, € 6,00.

Verwendete Literatur

Bauer, Thomas. Die Kultur der Ambiguität: Eine andere Geschichte des Islams. Berlin: Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, 2011.
¶ Weitere Einwände samt Literatur zu den Thesen von Thomas Bauer finden sich in meinem Buch Zwischen Religion und Politik (2016), S. 79-102 (=Exkurs II: Die Freude am Widerspruch), sowie ebd. in den Endnoten S. 283-300.

Blumenberg, Hans. Die Lesbarkeit der Welt. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1981.

Colley, Linda. Britons: Forging the Nation, 1707-1837. New Haven und London: Yale University Press, [1992] 2009.

Geschichten aus Tausendundeiner Nacht. Aus dem Arabischen von Max Henning. Herausgegeben von Johann Christoph Bürgel und Marianne Chenou. Stuttgart: Philipp Reclam jun., 1995.

Hübinger, Paul Egon. Spätantike und frühes Mittelalter: Ein Problem historischer Periodenbildung. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1959.

Pirenne, Henri. Mohammed und Karl der Große: Untergang der Antike am Mittelmeer und Aufstieg des germanischen Zeitalters. Mit einem Nachwort von Dan Diner. Frankfurt/Main: Fischer, [1963] 1985.

Ausstieg aus Platons Höhle

Es gibt Aussteiger, die die Zivilisation hinter sich lassen, und andere, die einer Sekte oder radikalen Gruppe den Rücken kehren. Harald Seubert ist ein intellektueller Aussteiger. Der studierte Philosoph, der regelmässig für die neurechte „Junge Freiheit‟ schrieb und Leiter des Studienzentrums Weikersheim war, des wohl bedeutendsten Think Tanks der Neuen Rechten, galt in seinen Kreisen lange ein Vorzeigeintellektueller. Als Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie gehörte er zur bürgerlichen Fassade der Neuen Rechten und so schien sein Ruf als anerkannter Platon-Forscher der gängigen These Hohn zu sprechen, dass Rechte keine Intellektuellen sein können. Dann kam der Bruch.

Über diesen Bruch, seine Vorgeschichte und die Zweifel am rechten Milieu berichtet Seubert in seinem Buch unter dem Titel Der Frühling des Missvergnügens. Es handelt sich bei der als „Intervention‟ untertitelten Schrift um eine Mischung aus Rückschau und Räsonnement, nur grob nach Schwerpunkten sortiert. Seubert will nicht abrechnen, er will Rechenschaft ablegen. Menschen, mit denen er jahrelang zusammengearbeitet hat und von denen er sich nun distanziert, werden kritisch, aber ohne Herablassung porträtiert.

Hans Filbinger, der als NSDAP-Mitglied und Richter im Dritten Reich für mehrere Todesurteile verantwortlich war und 1979 das Studienzentrum Weikersheim gründete, erscheint hier als tragische Figur, als jemand, der bis zu seinem Tod versucht hat, seinen Ruf wiederherzustellen. In der Person Filbingers „zerflossen die Konturen der Verteidigung und der historischen Realitäten wohl‟, Weikersheim war somit „auch ein Therapieinstrument, ein Privatinstitut zur Eigenverteidigung.‟ Filbinger ist kein Einzelfall, vielmehr symptomatisch für das, was Seubert als das „Elend des Deutschen Konservatismus‟ bezeichnet – ein Konservatismus, der sich um den Holocaust herumdrückt, ihn zwar nicht leugnet, aber die deutsche Verantwortung bagatellisiert, verdrängt, verharmlost.

Seubert, der ein ganzes Kapitel dem „neuen deutschen Antisemitismus‟ widmet, steht fest im bürgerlichen Lager. Das macht sein Buch so lesenswert: Hier schreibt ein Bürgerlicher gegen den Konservatismus an, dessen rechter Rand zu Esoterik und Geschichtsklitterung neigt, zu reaktionären Schwärmereien für Eurasien und den russischen Autoritarismus. Seubert selbst erweist sich dabei als Suchender, der vermeintlichen Gewissheiten skeptisch gegenübersteht. Die eigene Person spart er von Kritik nicht aus und bekennt sich zu seinen Verirrungen.

Dass Seubert sich zuweilen einer gespreizten Sprache bedient, kann man ihm angesichts der überaus scharfsinnigen Beobachtungen und Einsichten aus seinen Begegnungen mit Grössen der rechten Szene wohl verzeihen. Entstanden ist ein bemerkenswertes Zeitgemälde der Bundesrepublik und ihrer politischen Themen, angereichert durch philosophische Exkurse. Wer den Ausstieg aus der Höhle geschafft hat, sieht manche Dinge eben in einem klareren Licht als einer, der nie in ihr verharrt hat.

Harald Seubert. Der Frühling des Missvergnügens: Eine Intervention. Baden-Baden: Ergon, 2018. 170 Seiten, 28,00 EUR.

Finis Germania in Tränen

Es gibt Bücher, da fragt man sich, womit sie diese Aufmerksamkeit verdient haben. Das Buch von Rolf Peter Sieferle, aus dem Nachlass erschienen, ist so ein Fall und der Antisemitismus-Vorwurf, der von verschiedener Seite erhoben wurde, verdeckt die Tatsache, dass es sich auch sonst um ein intellektuell äusserst dürftiges Traktat handelt.

Worum geht es? Zunächst einmal um das Erbe der deutschen Geschichte. Hier zeigt sich ein sekundärer Antisemitismus, wenn Sieferle beklagt, dass die Deutschen mit dem Vorwurf einer Kollektivschuld belastet würden, die sogar eine metaphysische Dimension aufweise, als dem Schuldigen doch niemals verziehen und vergeben werde. Die auf ewig ungesühnte Schuld lasse vielmehr nur einen Ausweg zu: Der kollektiv Schuldige möge verschwinden, “damit die Menschheit vom Anblick seiner Verworfenheit befreit werde.”

Das “Volk der Nazis”, also der Deutschen, sei so zum “negativ auserwählten Volk geworden”, denn “[d]a der Holocaust keinem profanen, sondern einem auserwählten Volk widerfahren ist, wurde das Volk der Täter ebenfalls der profanen Geschichte entrückt und in den Status der Unvergänglichkeit erhoben.” Während die Juden aber ihre Schuld, nämlich an der Kreuzigung des Messias, nicht anerkannt haben, haben die Deutschen dies getan, weswegen nun ausgerechnet sie “von der Bildfläche der realen Geschichte verschwinden” müssen.

Das ist offenbar eine Anspielung auf die aktuelle Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Ohne es explizit zu sagen, bedient Sieferle damit den von Rechtskonservativen gepflegten Verschwörungsmythos, dass die Zuwanderung Teil eines Planes sei, als Sühne für Auschwitz die deutsche Bevölkerung durch massenhafte Zuwanderung zu „verdünnen‟. Hingegen haben Recherchen der “Zeit” wie auch des “Welt”-Journalisten Robin Alexander ergeben, dass die Regierung in der Flüchtlingsfrage ganz einfach die Kontrolle verloren hat. Das ist schlimm genug und aller Kritik wert, aber etwas anderes als die Umsetzung eines perfiden Plans.

Sieferle aber will die Deutschen zu einem Opferkollektiv machen. Wer behauptet eigentlich, dass ihnen eine Kollektivschuld aufgebürdet ist? Noch nicht einmal ein Historiker wie Daniel Jonah Goldhagen, der die Wurzeln des Nationalsozialismus in der deutschen Kulturgeschichte verborgen sieht und den Deutschen bekanntermassen attestiert hat, Hitlers willige Vollstrecker gewesen zu sein, spricht von einer Kollektivschuld, im Gegenteil: “Die Vorstellung einer Kollektivschuld lehne ich kategorisch ab”, erklärt er im Vorwort zur deutschen Ausgabe seines vielbeachteten Buches.

Dass die Erinnerung an den Holocaust und die deutsche Schuld, die dennoch keine vererbbare ist, ganz einfach zur politischen Kultur der Bundesrepublik gehört, deren Selbstverständnis auf der vollständigen Abgrenzung von allem basiert, was nationalsozialistisch belastet ist, um eine Wiederholung des Drittes Reiches unmöglich zu machen, ist ein Gedanke, der Sieferle so fremd und so fern ist, wie er nur sein kann.

Schliesslich landet Sieferle wieder bei den Juden, die für ihn Anlass zur Klage bieten, als irgendeine Kritik an ihnen nicht möglich sei. Wer ausser einem Antisemiten freilich sollte eine pauschale Kritik an den Juden ernsthaft in Betracht ziehen wollen? Stattdessen setzt er die Deutschen in Analogie zu letzteren und behauptet, jene seien von Helden zu Händlern geworden wie diese zu Wucherern, um dann abermals die Deutschen als Verdammte dieser Welt zu kollektiven Opfern zu machen.

So elendig dies ist, neu ist es keinesfalls. Nach dem Krieg standen die Deutschen – unabhängig von der Einzigartigkeit und Präzedenzlosigkeit des Holocaust – mit Verbrechen und Grausamkeiten zwar nicht allein da. “Womit sie so ziemlich allein stehen”, schrieb der Historiker Sebastian Haffner (“Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg”, 1981) vor mehr als drei Jahrzehnten, “ist die Naivität, mit der sie sich selbst freisprechen und von einer herausgeforderten, schwer mißhandelten und schließlich siegreichen Welt völlige Folgenlosigkeit ihrer Taten beanspruchen.”

Nicht, dass Sieferle den Holocaust leugnen würde, aber seine Kritik, dass die deutsche Schuld ins Unendliche projiziert werde, um die Verbrechen anderer Völker, nicht zuletzt der Russen unter Stalin, bis zur völligen Bedeutungslosigkeit schrumpfen zu lassen, ist Humbug, zumal nicht gesagt wird, wer denn diese Schuld als eine unendliche propagiert. Abermals wird einer Verschwörung das Wort geredet, ohne den Begriff selbst zu verwenden.

Auch kann so etwas nur jemand schreiben, der die letzten zwanzig Jahre auf dem Mond verbracht haben muss. Als ob es nie ein Schwarzbuch Kommunismus oder das nicht minder umstrittene Bloodlands von Timothy Snyder gegeben hätte! Auch über die Verbrechen des Maoismus zu sprechen ist kein Tabu, wie sonst hätte Mao von Jung Chang und Jon Halliday ein solcher Publikumserfolg werden können, der auch das Lob der Kritiker fand?

Weitere Beispiele liessen sich nennen, aber man darf wohl bezweifeln, dass Sieferle, wenn er noch lebte, ihnen zugänglich gewesen wäre. Ihn umtreibt weniger die scharfe Beobachtung als vielmehr ein Gefühl des Verlusts. So folgt der Klage über den Verlust der Kultur diejenige über das Verschwinden des Menschen und darüber, dass Politiker nur noch den „Scheitelkamm großer Wanderdünen‟ bildeten, sei doch der „unzeitgemäße Bösewicht Adolf Hitler‟ das letzte große Individuum gewesen. Dessen Wiederkehr sehnt Sieferle zwar keineswegs herbei, umso mehr jedoch erträumt er sich eine östliche Variante des “preußischen Sozialismus”, anderenfalls drohten Deutschland amerikanische Zustände in Form zerstörter und verwahrloster Innenstädte.

Indem er die hohe Warte des Kulturkritikers einnimmt, lässt Sieferle keinen Zweifel daran, dass seine Sympathie einer “nicht-liberalen Moderne” gilt, wie Japan sie zu verkörpern scheint, nämlich als ein Land, das sich, im Gegensatz zum Westen, am Kollektiv und nicht am atomistischen Individualismus orientiere. Dass das moderne Japan die eigene Modernisierung dem Entschluss verdankt, sein Rechtssystem auf westlicher Expertise und Teilen des französischen und deutschen Zivilrechts zu errichten und die Stärkung des rechtlichen und politischen Status der Frauen zu den von den USA aufgezwungenen Reformen nach dem 2. Weltkrieg gehört, weiss er nicht. Die vermeintlich “nicht-liberale” Moderne Japans verdankt sich erheblich dem Liberalismus des Westens.

Im Terminus der “nicht-liberalen Moderne” aber zeigt sich der autoritäre Zug des Traktats. Denn wie so viele Intellektuelle von rechts und von links verachtet auch Sieferle das Individuum: Während in früheren Hochkulturen Aristokraten geherrscht haben, „die gewöhnlich eine Patina kultureller Verfeinerung ansetzten‟, herrsche in der Massenzivilisation der vulgäre Typus des Massenmenschen, “für den Fast Food und Entertainmentkultur geschaffen sind”. So ist das eben: Während die intellektuelle Elite grosse Pläne für die Gesellschaft hegt, von nationaler Glorie (rechts) oder der Überwindung der Klassengesellschaft (links) träumt, will das Individuum einfach nur ins Kino gehen oder mit der Familie Urlaub am Strand machen.

Wenn Sieferle schreibt, “Freiheit wird gewonnen, wenn man sich der Zwänge der Natur entledigt”, dann gibt er sich als Ahne des deutschen Idealismus zu erkennen, der mitunter gnostisch argumentiert und die Aufwertung des Leibes seit dem späten 19. Jahrhundert zur Ursache des heutigen Übels erklärt. Dass diese Gesellschaft “antiintellektuell”, “besessen vom Reichtum”, “vulgär” und “gierig” sei, ist natürlich vollendeter Mumpitz, denn wie antiintellektuell kann eine Gesellschaft sein, in dem die Bücher von Philosophen und Historikern zu Bestsellern werden, und in der mehr als zweieinhalb Millionen Menschen ins Theater oder in die Oper gehen?

Früher, da hat man am Strand von der Flut angeschwemmte Muscheln, Tang, Holz und Knochen gefunden, heute dagegen nur noch – Zivilisationsmüll. Früher war eben alles besser. Wirklich? Hat der Durchschnittsmensch der frühen Neuzeit oder des Mittelalters besser gegessen, gab es eine massenhafte Teilhabe an der “Patina kultureller Verfeinerung”, oder war es nicht vielmehr so, dass der Anteil derer, die in den Genuss hoher Kultur gelangten, weitaus geringer war als heute? Einen rechten Kulturpessimisten ficht das freilich ebensowenig an wie die Tatsache, dass in einer pluralistischen Gesellschaft hohe Kultur und Massenkultur, Oper und Kino, Côte de Boeuf und Bratwurst einander nicht ausschliessen.

Stattdessen gibt es nur aristokratische Verachtung für den “kleinen Mann”, der in der modernen, zivilisierten Gesellschaft herrsche und dieser seinen Stempel aufdrücke. Dagegen beschwört Sieferle das 18. und 19. Jahrhundert, als das Geniekonzept einen natürlichen Adel im Gegensatz zum Geburtsadel hervorzubringen imstande gewesen sei, um in einer zweiten Phase dem überlegenen Einzelnen die Möglichkeit zu bieten, sich von der Herde oder Massen abzusetzen. In Wahrheit ist dieser Geniekult der Deutschen kaum der Bewunderung wert, war er doch bloss Zerrbild des westlichen Individualismus. Sein zentraler Gedanke, dass herausragende Individuen moralische Autonomie geniessen, war ohne weiteres anschlussfähig an den Faschismus.

So schliesst sich der Kreis und man muss sagen: Ja, dies ist das Buch eines rechten Kulturpessimisten, in dem sich ein latenter Antisemitismus bemerkbar macht und das verschwörungstheoretische Züge trägt. Vor allem aber enthält es unbelegte und wohl auch kaum zu belegende Behauptungen, wobei es – was für einen Historiker bemerkenswert ist – vergleichsweise wenige Bezüge zur Geschichte enthält. Es ist eine dröge Lektüre.

Ein Mann steht am Meer, betrachtet den Plastikmüll und beklagt die deutschen Zustände, während die Welt um ihn herum zu versinken droht – so larmoyant, so tränenreich können Bestseller sein. Und das in einer Gesellschaft, die ein Bundeskanzler Helmut Kohl einmal als “Urlaubsrepublik” und “kollektiven Freizeitpark” gescholten hat. Dass der “Spiegel” den Titel aus seiner Bestsellerliste genommen hat, ist dessen ungeachtet ein geistiges Armutszeugnis, sollte eine solche Liste doch Fakten widerspiegeln anstatt sie zu filtern.

Rolf Peter Sieferle: Finis Germania. Schnellroda 2017. Gebunden, 104 Seiten, Euro 8,50.

Starkes Pferd statt lahmer Gaul

Von Journalisten verfasste Bücher über den Nahen Osten basieren üblicherweise auf persönlichen Begegnungen und Eindrücken, die dann  mit historischem Hintergrundwissen angereichert werden. Nicht so das Buch „The Strong Horse“ des amerikanischen Journalisten Lee Smith, der sich das ehrgeizige Ziel vorgenommen hat, den kulturellen Ursachen der eruptiven Gewalt, von der die Arabische Welt geprägt ist, auf den Grund zu gehen, um so weit mehr als eine Momentaufnahme der Arabischen Welt zu geben.

Smith wartet mit einer starken These auf. Gewalt ist tief in der arabischen Kultur und Geschichte verankert, auch der Nahostkonflikt ist nur Ausdruck desselben Problems, von dem die gesamte Region befallen ist. Weil die Verankerung von Gewalt in dieser Gegend der Weltgeschichte organischer Natur sei, werden Machtkämpfe selten friedlich ausgetragen und autoritäres Gebaren allzu häufig mit grosser Popularität belohnt: Die Massen reiten lieber auf dem Rücken des „starken Pferdes“ („strong horse“) anstatt auf dem des lahmen Gauls.

Nicht, dass die Menschen in dern Ländern der Arabischen Welt nur Gewalt verstünden, behauptet Smith, wohl aber, dass Gewalt zentral für die Art und Weise sei, in der man in der Arabischen Welt Politik verstehe. Den „Kreislauf der Gewalt im Nahen Osten“ führt Smith auf eine Tradition zurück, die älter ist als der Islam. In seinem Gang durch die arabische Geistesgeschichte macht Smith deutlich, dass es zwar immer wieder Ansätze fortschrittlichen, von Toleranz geprägten Denkens gegeben hat, dieses es letztlich aber nicht vermochte, den vorherrschenden Wertekanon der arabischen Gesellschaften entscheidend zu prägen.

Das Buch liest sich streckenweise, als sei es eine zeitnahe Antwort auf die Ereignisse in Syrien. Tatsächlich erschien es erstmalig 2010 und damit recht kurz vor Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges. Nach wie vor zutreffend ist aber Smiths Kritik an der im Westen gängigen, aber dennoch falschen Einschätzung, dass Syrien wegen seiner Alawitenherrschaft und des relativ säkularen, nationalistischen Charakters wenig geneigt sein soll, Dschihadisten zu unterstützen, weswegen es potentieller Partner der USA sein müsse.

In diesen Zusammenhang gibt Smith noch einen weiteren Umstand zu bedenken, nämlich dass es sich um einen Mythos handelt, Terrorgrpuppen seien lediglich staatenlose Netzwerke, die sich in einem Land einnisten, um dort, mehr geduldet als unterstützt, ihr Unwesen zu treiben. Das Gegenteil ist der Fall: Terrorgruppen sind nichts ohne einen oder mehrere Unterstützerstaaten. Daher, so Smith, ist auch die Annahme falsch, dass alles was nach Assad kommt, nämlich eine sunnitische Theokratie oder ein gescheiterter Staat, nur schlimmer sein könne als das gegenwärtige Regime.

Insgesamt zeichnet Smith ein recht abgeklärtes Bild von der Arabischen Welt und meist trifft er damit ins Schwarze, so, wenn er darauf hinweist, dass Islamisten über keinen Mechanismus einer friedlichen Transformation verfügen. Durch den demokratischen Prozess werden sie daher nicht gezähmt, wie viele im Westen gerne glauben möchten – ganz im Gegenteil: Radikale radikalisieren die Politik. Das gilt auch für seine Einschätzung, dass nicht Demokratie zur Demokratisierung führt, sondern am Ende eines Prozesses steht.

Mit seinem Buch wendet sich Smith an eine Leserschaft ohne grössere Vorbildung in Bezug auf den Nahen Osten, womit er einen überzeugenden Beitrag zur Debatte um die arabische Dauerkrise leistet. Letztlich verortet er die Ursachen der Probleme dort, wo sie zutage treten, nämlich in der der Arabischen Welt selbst. Wenn sich dort etwas ändern und die Kultur der Gewalt überwunden werden soll, müssen entsprechende Anstrengungen auch dort ihren Ausgang nehmen. Individualismus und Pluralismus in der Gesellschaft zu verwirklichen war schliesslich auch einmal Teil eines Programms, das im europäischen Kontext „Aufklärung“ genannt wurde.

Lee Smith: The Strong Horse: Power, Politics, and the Clash of Arab Civilizations. New York, NY: Anchor Books, 2011. € 11,50.

(Gekürzte Fassung der auf michaelkreutz.net erschienenen Rezension. Foto: Michael Kreutz)