Susanne Schröter: Allahs Karawane

Der Volksislam geniesst noch immer wenig Aufmerksamkeit in der medialen Debatte über Islam und Moderne, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet ist, dass er regional weit aufgefächert ist und sich nur schwer überblicken lässt. Die vielleicht einzige Person, die dies mit wissenschaftlichem Anspruch zu leisten imstande war, dürfte die Orientalistin Annemarie Schimmel gewesen sein, die nicht nur in den unterschiedlichsten sog. Islamsprachen bewandert war, sondern auch dermassen weitgereist, dass sie nicht aus aus einer Vielzahl originalsprachlicher Quellen schöpfen, sondern aus eigener Anschauung vor Ort erzählen konnte. In “Die Zeichen Gottes” (1995) hat sie ihrer Leserschaft den Volksislam in seiner ganzen Breite nähergebracht, wenngleich sie den Begriff vermied und eine sehr apologetische Sicht auf die Religion hatte.

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Schach dem Nazi

Die Monster sind unter uns, doch kann man sie nicht sehen, so gut haben sie sich in unserer Welt eingerichtet, ihr Aussehen und Verhalten an die Gesellschaft angepasst. Einzig eine Truppe von hippen Monsterjägern, die Einsicht in die Wahrheit der Dinge hat, ist in der Lage, sie aufzuspüren und zu eliminieren, bevor sie der Menschheit Böses anzutun imstande sind.

Eine ganze Reihe von Filmen und Serien funktioniert nach diesem Prinzip, man denke nur an die “Men in Black”-Reihe oder auch die Serie “Ash vs. Evil Dead”. Bei “Hunters”, der neuen Serien auf Amazon Prime, sind die Monster aber keine Ausserirdischen, Mutanten, Androiden oder Dämonen – sondern Altnazis, womit die ganze Serie um eine historische Dimension erweitert wird, die sie aber zugleich überfordert.

Denn nunmehr kann sich die Serie nicht mehr damit begnügen, Monster aufspüren und eliminieren zu lassen, sondern sie muss eine Antwort auf die Frage finden, warum es gerade diese Monsterjägertruppe unter der Führung von Meyer Offerman (gespielt von Al Pacino) und seinem Adlatus Jonah Heidelbaum (Logan Lerman) ist, die hier ohne offizielles Mandat zu Werke geht.

Es sind die sechs Millionen im Holocaust Ermordeter, die zu rächen das Wirken der Nazijäger legitimiert, aber vor allem sind es die zahllosen Altnazis, die nach dem Weltkrieg nicht zufällig in den USA eine neue Heimart gefunden haben. Hier wird ein dunkles, aber im Film wohl eher selten behandeltes Kapitel der amerikanischen Geschichte ins Spiel gebracht, nachdem das amerikanische Kino so häufig die Sklaverei oder den Vietnamkrieg thematisiert hat.

Tatschlich waren Altnazis im Zuge der sog. “Operation Paperclip” ins Land geholt worden, weil man ihr technologisches Wissen nicht an den sowjetischen Rivalen in der politischen Weltarena verlieren wollte. Deswegen, so eine Prämisse der Serie, ist auf den Staat kein Verlass, wenn es um Gerechtigkeit geht. Erhalten Altnazis Protektion von ganz oben, muss der Widerstand von unten kommen, muss umso verwegener und entschlossener sein.

Da das ganze in den 70er Jahren spielt, hatten die Macher wohl den Einfall, popkulturelle Elemente ins Spiel zu bringen. Also gehören zur Truppe u.a. ein exzentrischer Schauspieler namens Lonny Flash (gespielt von Josh Radnoer), eine Kämpferin namens Roxy Jones (Tiffany Boone), deren Markenzeichen ein auffälliger Afro ist, und die unter einem weissen Velan kämpfende Schwester Harriet (Kate Mulvany), die im Kampf gegen ihre Feinde so abgebrüht ist, wie eine echte Schwester es nie sein könnte.

Auf der Gegenseite gibt es nicht minder illustre Figuren. Da ist der sardonisch grinsende Biff Simpson (gespielt von Dylan Baker), der, um seine Nazivergangenheit zu tarnen, schon einmal sämtliche Gäste seiner eigenen Grillparty dahinmetzelt, oder Trevis Leich (Greg Austin), ein Jungnazi und Factotum für schmutzige Aufträge aller Art, der noch im Gefängnis nur daran denkt, Juden zu töten; schliesslich “The Colonel” (Lena Olin), die Anführerin eine Organisation zur Errichtung des Viertes Reiches.

Natürlich ist das alles masslos überzeichnet, denn die Nazis waren keine Charismatiker; ihre Menschenverachtung hatte ebensowenig epische Grösse wie die der Neonazis von heute. Aber was soll’s, könnte man sagen, eine Fernsehserie ist nun einmal Fiktion, mag sie sich auch auf historische Begebenheiten beziehen. Damit aber niemand denkt, die Serie nehme das Thema Holocaust allzu leichtfertig auf, gibt es zahlreiche Rückblenden auf den Horror von Auschwitz, die zugleich einen Hinweis darauf geben, wie eng Jonah Heidelbaums Geschichte mit der von Meyer Offerman verflochten ist.

Alles fängt mit Jonahs Grossmutter, seiner Safta an, die Opfer eines Rachemordes wird und Jonah auf die Spur von Meyer Offeman und seiner Nazijäger-Truppe bringt. Diese Nazijäger-Truppe spürt also Altnazis in den USA auf und eliminiert sie, mitunter auf sehr originelle Weise. Aber die Nazis haben Wind davon bekommen, wer für die Todesfälle ihrer Gemeinschaft verantwortlich ist, und machen nun Jagd auf Offermans Truppe.

Das ganze ist eine Art blutiges Schachspiel, in dem jede Seite eine Figur aus den Reihen des Gegners nimmt, und das Schachspielmotiv kommt mehrfach in der Serie selbst vor: Zum einen im Vorspann, aber auch in den Flashbacks vom Horror in Auschwitz, als in einer fiktiven Szene ein SS-Offizier ein grausames, perverses Schach mit Gefangenen als lebenden Figuren spielt. Diese Szene hat übrigens nicht zu Unrecht die Kritik des “Auschwitz Memorial” eingebracht, Auschwitz-Leugnern in die Hände zu spielen.

Damit sieht sich Offermans Truppe jedoch einer zweiten Front gegenüber, denn natürlich lässt auch die Staatsmacht die Todesfälle nicht kalt. Zu den Glanzpunkten der Serie gehört der Nebenplot um die FBI-Agentin Millie Morris (Jerrika Hinton), einer der sympathischsten Figuren im “Hunters”-Universum überhaupt, die gegen Offermans Truppe ermittelt, es aber in ihrer eigenen Behörde nicht eben leicht hat. “Operation Paperclip” soll nicht an die grosse Glocke gehängt werden. Morris hat auch noch privat eine Schlacht zu schlagen und zwar mit ihrer sozialen Umgebung, lebt sie doch mit einer Frau zusammen.

Jeden einzelnen dieser Aspekte könnte man zur Grundlage für eine eigene Serie machen. Das wäre auch angebracht. In “Hunters” jedenfalls wollen sie sich nicht zu einem grossen Ganzen fügen, denn die Serie weiss nicht, was sie sein will: Eine Pop-Story im Stil von Tarantino? Ein Thriller? Ein Drama? Eine Horror-Komödie? Eine Hommage an die Siebziger? Die Geschichte wechselt andauernd die Richtung und spitzt sich schliesslich auf Offerman zu, um vollends aus dem Ruder zu laufen.

Nein, “Hunters” muss man nicht gesehen haben. Die Serie setzt sich letztlich selbst schachmatt, wenn auch auf hohem Niveau. Aber vielleicht ringt man sich ja in einer zweiten Staffel dazu durch, die Holocaust-Thematik fallenzulassen und ein gesellschaftskritisches Kampfkunstmärchen im Tarantino-Stil daraus zu machen. Das wäre doch mal was.

Abgründe der Islamwissenschaft

Zweifellos wird am deutschen und überhaupt westlichen Universitäten immer noch Spitzenforschung in Bezug auf den Islam getrieben und gibt es noch immer viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die in jahrelanger Kleinarbeit Quellen erschliessen und das Wissen der Menschheit über noch die abwegigsten Aspekte der islamischen Zivilisation um einige Mosaiksteine bereichern.

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Ausstieg aus Platons Höhle

Es gibt Aussteiger, die die Zivilisation hinter sich lassen, und andere, die einer Sekte oder radikalen Gruppe den Rücken kehren. Harald Seubert ist ein intellektueller Aussteiger. Der studierte Philosoph, der regelmässig für die neurechte „Junge Freiheit‟ schrieb und Leiter des Studienzentrums Weikersheim war, des wohl bedeutendsten Think Tanks der Neuen Rechten, galt in seinen Kreisen lange ein Vorzeigeintellektueller. Als Inhaber eines Lehrstuhls für Philosophie gehörte er zur bürgerlichen Fassade der Neuen Rechten und so schien sein Ruf als anerkannter Platon-Forscher der gängigen These Hohn zu sprechen, dass Rechte keine Intellektuellen sein können. Dann kam der Bruch.

Über diesen Bruch, seine Vorgeschichte und die Zweifel am rechten Milieu berichtet Seubert in seinem Buch unter dem Titel Der Frühling des Missvergnügens. Es handelt sich bei der als „Intervention‟ untertitelten Schrift um eine Mischung aus Rückschau und Räsonnement, nur grob nach Schwerpunkten sortiert. Seubert will nicht abrechnen, er will Rechenschaft ablegen. Menschen, mit denen er jahrelang zusammengearbeitet hat und von denen er sich nun distanziert, werden kritisch, aber ohne Herablassung porträtiert.

Hans Filbinger, der als NSDAP-Mitglied und Richter im Dritten Reich für mehrere Todesurteile verantwortlich war und 1979 das Studienzentrum Weikersheim gründete, erscheint hier als tragische Figur, als jemand, der bis zu seinem Tod versucht hat, seinen Ruf wiederherzustellen. In der Person Filbingers „zerflossen die Konturen der Verteidigung und der historischen Realitäten wohl‟, Weikersheim war somit „auch ein Therapieinstrument, ein Privatinstitut zur Eigenverteidigung.‟ Filbinger ist kein Einzelfall, vielmehr symptomatisch für das, was Seubert als das „Elend des Deutschen Konservatismus‟ bezeichnet – ein Konservatismus, der sich um den Holocaust herumdrückt, ihn zwar nicht leugnet, aber die deutsche Verantwortung bagatellisiert, verdrängt, verharmlost.

Seubert, der ein ganzes Kapitel dem „neuen deutschen Antisemitismus‟ widmet, steht fest im bürgerlichen Lager. Das macht sein Buch so lesenswert: Hier schreibt ein Bürgerlicher gegen den Konservatismus an, dessen rechter Rand zu Esoterik und Geschichtsklitterung neigt, zu reaktionären Schwärmereien für Eurasien und den russischen Autoritarismus. Seubert selbst erweist sich dabei als Suchender, der vermeintlichen Gewissheiten skeptisch gegenübersteht. Die eigene Person spart er von Kritik nicht aus und bekennt sich zu seinen Verirrungen.

Dass Seubert sich zuweilen einer gespreizten Sprache bedient, kann man ihm angesichts der überaus scharfsinnigen Beobachtungen und Einsichten aus seinen Begegnungen mit Grössen der rechten Szene wohl verzeihen. Entstanden ist ein bemerkenswertes Zeitgemälde der Bundesrepublik und ihrer politischen Themen, angereichert durch philosophische Exkurse. Wer den Ausstieg aus der Höhle geschafft hat, sieht manche Dinge eben in einem klareren Licht als einer, der nie in ihr verharrt hat.

Harald Seubert. Der Frühling des Missvergnügens: Eine Intervention. Baden-Baden: Ergon, 2018. 170 Seiten, 28,00 EUR.

Finis Germania in Tränen

Es gibt Bücher, da fragt man sich, womit sie diese Aufmerksamkeit verdient haben. Das Buch von Rolf Peter Sieferle, aus dem Nachlass erschienen, ist so ein Fall und der Antisemitismus-Vorwurf, der von verschiedener Seite erhoben wurde, verdeckt die Tatsache, dass es sich auch sonst um ein intellektuell äusserst dürftiges Traktat handelt.

Worum geht es? Zunächst einmal um das Erbe der deutschen Geschichte. Hier zeigt sich ein sekundärer Antisemitismus, wenn Sieferle beklagt, dass die Deutschen mit dem Vorwurf einer Kollektivschuld belastet würden, die sogar eine metaphysische Dimension aufweise, als dem Schuldigen doch niemals verziehen und vergeben werde. Die auf ewig ungesühnte Schuld lasse vielmehr nur einen Ausweg zu: Der kollektiv Schuldige möge verschwinden, “damit die Menschheit vom Anblick seiner Verworfenheit befreit werde.”

Das “Volk der Nazis”, also der Deutschen, sei so zum “negativ auserwählten Volk geworden”, denn “[d]a der Holocaust keinem profanen, sondern einem auserwählten Volk widerfahren ist, wurde das Volk der Täter ebenfalls der profanen Geschichte entrückt und in den Status der Unvergänglichkeit erhoben.” Während die Juden aber ihre Schuld, nämlich an der Kreuzigung des Messias, nicht anerkannt haben, haben die Deutschen dies getan, weswegen nun ausgerechnet sie “von der Bildfläche der realen Geschichte verschwinden” müssen.

Das ist offenbar eine Anspielung auf die aktuelle Flüchtlingspolitik der Bundesregierung. Ohne es explizit zu sagen, bedient Sieferle damit den von Rechtskonservativen gepflegten Verschwörungsmythos, dass die Zuwanderung Teil eines Planes sei, als Sühne für Auschwitz die deutsche Bevölkerung durch massenhafte Zuwanderung zu „verdünnen‟. Hingegen haben Recherchen der “Zeit” wie auch des “Welt”-Journalisten Robin Alexander ergeben, dass die Regierung in der Flüchtlingsfrage ganz einfach die Kontrolle verloren hat. Das ist schlimm genug und aller Kritik wert, aber etwas anderes als die Umsetzung eines perfiden Plans.

Sieferle aber will die Deutschen zu einem Opferkollektiv machen. Wer behauptet eigentlich, dass ihnen eine Kollektivschuld aufgebürdet ist? Noch nicht einmal ein Historiker wie Daniel Jonah Goldhagen, der die Wurzeln des Nationalsozialismus in der deutschen Kulturgeschichte verborgen sieht und den Deutschen bekanntermassen attestiert hat, Hitlers willige Vollstrecker gewesen zu sein, spricht von einer Kollektivschuld, im Gegenteil: “Die Vorstellung einer Kollektivschuld lehne ich kategorisch ab”, erklärt er im Vorwort zur deutschen Ausgabe seines vielbeachteten Buches.

Dass die Erinnerung an den Holocaust und die deutsche Schuld, die dennoch keine vererbbare ist, ganz einfach zur politischen Kultur der Bundesrepublik gehört, deren Selbstverständnis auf der vollständigen Abgrenzung von allem basiert, was nationalsozialistisch belastet ist, um eine Wiederholung des Drittes Reiches unmöglich zu machen, ist ein Gedanke, der Sieferle so fremd und so fern ist, wie er nur sein kann.

Schliesslich landet Sieferle wieder bei den Juden, die für ihn Anlass zur Klage bieten, als irgendeine Kritik an ihnen nicht möglich sei. Wer ausser einem Antisemiten freilich sollte eine pauschale Kritik an den Juden ernsthaft in Betracht ziehen wollen? Stattdessen setzt er die Deutschen in Analogie zu letzteren und behauptet, jene seien von Helden zu Händlern geworden wie diese zu Wucherern, um dann abermals die Deutschen als Verdammte dieser Welt zu kollektiven Opfern zu machen.

So elendig dies ist, neu ist es keinesfalls. Nach dem Krieg standen die Deutschen – unabhängig von der Einzigartigkeit und Präzedenzlosigkeit des Holocaust – mit Verbrechen und Grausamkeiten zwar nicht allein da. “Womit sie so ziemlich allein stehen”, schrieb der Historiker Sebastian Haffner (“Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg”, 1981) vor mehr als drei Jahrzehnten, “ist die Naivität, mit der sie sich selbst freisprechen und von einer herausgeforderten, schwer mißhandelten und schließlich siegreichen Welt völlige Folgenlosigkeit ihrer Taten beanspruchen.”

Nicht, dass Sieferle den Holocaust leugnen würde, aber seine Kritik, dass die deutsche Schuld ins Unendliche projiziert werde, um die Verbrechen anderer Völker, nicht zuletzt der Russen unter Stalin, bis zur völligen Bedeutungslosigkeit schrumpfen zu lassen, ist Humbug, zumal nicht gesagt wird, wer denn diese Schuld als eine unendliche propagiert. Abermals wird einer Verschwörung das Wort geredet, ohne den Begriff selbst zu verwenden.

Auch kann so etwas nur jemand schreiben, der die letzten zwanzig Jahre auf dem Mond verbracht haben muss. Als ob es nie ein Schwarzbuch Kommunismus oder das nicht minder umstrittene Bloodlands von Timothy Snyder gegeben hätte! Auch über die Verbrechen des Maoismus zu sprechen ist kein Tabu, wie sonst hätte Mao von Jung Chang und Jon Halliday ein solcher Publikumserfolg werden können, der auch das Lob der Kritiker fand?

Weitere Beispiele liessen sich nennen, aber man darf wohl bezweifeln, dass Sieferle, wenn er noch lebte, ihnen zugänglich gewesen wäre. Ihn umtreibt weniger die scharfe Beobachtung als vielmehr ein Gefühl des Verlusts. So folgt der Klage über den Verlust der Kultur diejenige über das Verschwinden des Menschen und darüber, dass Politiker nur noch den „Scheitelkamm großer Wanderdünen‟ bildeten, sei doch der „unzeitgemäße Bösewicht Adolf Hitler‟ das letzte große Individuum gewesen. Dessen Wiederkehr sehnt Sieferle zwar keineswegs herbei, umso mehr jedoch erträumt er sich eine östliche Variante des “preußischen Sozialismus”, anderenfalls drohten Deutschland amerikanische Zustände in Form zerstörter und verwahrloster Innenstädte.

Indem er die hohe Warte des Kulturkritikers einnimmt, lässt Sieferle keinen Zweifel daran, dass seine Sympathie einer “nicht-liberalen Moderne” gilt, wie Japan sie zu verkörpern scheint, nämlich als ein Land, das sich, im Gegensatz zum Westen, am Kollektiv und nicht am atomistischen Individualismus orientiere. Dass das moderne Japan die eigene Modernisierung dem Entschluss verdankt, sein Rechtssystem auf westlicher Expertise und Teilen des französischen und deutschen Zivilrechts zu errichten und die Stärkung des rechtlichen und politischen Status der Frauen zu den von den USA aufgezwungenen Reformen nach dem 2. Weltkrieg gehört, weiss er nicht. Die vermeintlich “nicht-liberale” Moderne Japans verdankt sich erheblich dem Liberalismus des Westens.

Im Terminus der “nicht-liberalen Moderne” aber zeigt sich der autoritäre Zug des Traktats. Denn wie so viele Intellektuelle von rechts und von links verachtet auch Sieferle das Individuum: Während in früheren Hochkulturen Aristokraten geherrscht haben, „die gewöhnlich eine Patina kultureller Verfeinerung ansetzten‟, herrsche in der Massenzivilisation der vulgäre Typus des Massenmenschen, “für den Fast Food und Entertainmentkultur geschaffen sind”. So ist das eben: Während die intellektuelle Elite grosse Pläne für die Gesellschaft hegt, von nationaler Glorie (rechts) oder der Überwindung der Klassengesellschaft (links) träumt, will das Individuum einfach nur ins Kino gehen oder mit der Familie Urlaub am Strand machen.

Wenn Sieferle schreibt, “Freiheit wird gewonnen, wenn man sich der Zwänge der Natur entledigt”, dann gibt er sich als Ahne des deutschen Idealismus zu erkennen, der mitunter gnostisch argumentiert und die Aufwertung des Leibes seit dem späten 19. Jahrhundert zur Ursache des heutigen Übels erklärt. Dass diese Gesellschaft “antiintellektuell”, “besessen vom Reichtum”, “vulgär” und “gierig” sei, ist natürlich vollendeter Mumpitz, denn wie antiintellektuell kann eine Gesellschaft sein, in dem die Bücher von Philosophen und Historikern zu Bestsellern werden, und in der mehr als zweieinhalb Millionen Menschen ins Theater oder in die Oper gehen?

Früher, da hat man am Strand von der Flut angeschwemmte Muscheln, Tang, Holz und Knochen gefunden, heute dagegen nur noch – Zivilisationsmüll. Früher war eben alles besser. Wirklich? Hat der Durchschnittsmensch der frühen Neuzeit oder des Mittelalters besser gegessen, gab es eine massenhafte Teilhabe an der “Patina kultureller Verfeinerung”, oder war es nicht vielmehr so, dass der Anteil derer, die in den Genuss hoher Kultur gelangten, weitaus geringer war als heute? Einen rechten Kulturpessimisten ficht das freilich ebensowenig an wie die Tatsache, dass in einer pluralistischen Gesellschaft hohe Kultur und Massenkultur, Oper und Kino, Côte de Boeuf und Bratwurst einander nicht ausschliessen.

Stattdessen gibt es nur aristokratische Verachtung für den “kleinen Mann”, der in der modernen, zivilisierten Gesellschaft herrsche und dieser seinen Stempel aufdrücke. Dagegen beschwört Sieferle das 18. und 19. Jahrhundert, als das Geniekonzept einen natürlichen Adel im Gegensatz zum Geburtsadel hervorzubringen imstande gewesen sei, um in einer zweiten Phase dem überlegenen Einzelnen die Möglichkeit zu bieten, sich von der Herde oder Massen abzusetzen. In Wahrheit ist dieser Geniekult der Deutschen kaum der Bewunderung wert, war er doch bloss Zerrbild des westlichen Individualismus. Sein zentraler Gedanke, dass herausragende Individuen moralische Autonomie geniessen, war ohne weiteres anschlussfähig an den Faschismus.

So schliesst sich der Kreis und man muss sagen: Ja, dies ist das Buch eines rechten Kulturpessimisten, in dem sich ein latenter Antisemitismus bemerkbar macht und das verschwörungstheoretische Züge trägt. Vor allem aber enthält es unbelegte und wohl auch kaum zu belegende Behauptungen, wobei es – was für einen Historiker bemerkenswert ist – vergleichsweise wenige Bezüge zur Geschichte enthält. Es ist eine dröge Lektüre.

Ein Mann steht am Meer, betrachtet den Plastikmüll und beklagt die deutschen Zustände, während die Welt um ihn herum zu versinken droht – so larmoyant, so tränenreich können Bestseller sein. Und das in einer Gesellschaft, die ein Bundeskanzler Helmut Kohl einmal als “Urlaubsrepublik” und “kollektiven Freizeitpark” gescholten hat. Dass der “Spiegel” den Titel aus seiner Bestsellerliste genommen hat, ist dessen ungeachtet ein geistiges Armutszeugnis, sollte eine solche Liste doch Fakten widerspiegeln anstatt sie zu filtern.

Rolf Peter Sieferle: Finis Germania. Schnellroda 2017. Gebunden, 104 Seiten, Euro 8,50.

Vom rechten Umgang mit Islamisten

Eine gängige Annahme besagt, dass die Gefahr, die von Islamisten ausgeht, am besten dadurch gebannt werden könne, dass man diese in politische Strukturen einbindet (s.a. hier); dann nämlich müssten sie sich in der Tagespolitik bewähren und würden von ihrem Radikalismus ablassen. Genau das bestreitet der amerikanische Nahostfachmann Shadi Hamid, der selbst jahrelang dieser Auffassung anhing.

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Starkes Pferd statt lahmer Gaul

Von Journalisten verfasste Bücher über den Nahen Osten basieren üblicherweise auf persönlichen Begegnungen und Eindrücken, die dann  mit historischem Hintergrundwissen angereichert werden. Nicht so das Buch „The Strong Horse“ des amerikanischen Journalisten Lee Smith, der sich das ehrgeizige Ziel vorgenommen hat, den kulturellen Ursachen der eruptiven Gewalt, von der die Arabische Welt geprägt ist, auf den Grund zu gehen, um so weit mehr als eine Momentaufnahme der Arabischen Welt zu geben.

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