06/27/14

Die Legende vom tumben Westen

Ach, unsere Intellektuellen. Wieder so ein launischer Text, an dem nichts stimmt. Auch dieses Mal geht es um den Nahen Osten und die altbekannten Versatzstücke zeigen, warum westliche Intellektuelle die Region so gerne falsch verstehen.

Das Narrativ, dem sein Verfasser Georg Diez anhängt, geht so: Westliche Mächte haben den armen Muslimen über ihre Köpfe hinweg nationalstaatliche Strukturen aufgezwungen, weswegen der Nahe Osten bis heute nicht nur Ruhe kommt. Weil den Menschen der Region das nationalstaatliche Konzept fremd geblieben ist, versinken sie in Armut und Gewalt und nur der behäbige, tapsige, ignorante Westen begreift das alles nicht, begreift nicht, dass sich die westliche Idee des Nationalstaates überlebt hat.

Diez’ Quelle ist Pankaj Mishra, der er die Fakten in seinem Buch, dessen Sichtweise Diez übernommen hat, ganz dem Aspekt des antikolonialen Befreiungskampfes unterordnet. So wird al-Afghani, der zweifellos ein einflussreicher Mann war, zur zentralen Figur seiner Zeit, was allein schon eine fragwürdige Annahme ist.

Schöpferische Leistungen, die sich produktiv mit den Einflüssen des Westens auseinandersetzen, werden von Mishra ignoriert. Dass der arabische intellektuelle Mainstream im 19. Jahrhundert ein antitürkisches Feindbild hervorbrachte, wie Werner Ende gezeigt hat, findet man bei Mishra nicht, der diesen Sachverhalt für sein Narrativ von der grossen antikolonialen Front der unterjochten Völker Asiens nicht gebrauchen kann.

Deswegen wird Taha Husayn, der bedeutendste Intellektuelle Ägyptens im 20. Jahrhundert mit Wirkungskraft weit über die Grenzen seines Landes hinaus, auch nur ein einziges Mal erwähnt: und zwar in einem Nebensatz als Schüler von Muhammad Abduh! Das zeigt schon, dass Mishra keine Ahnung von dem Gegenstand hat, über den er schreibt.

Vergeblich sucht man bei Mishra, wie sehr die Elite der Einzelvölker unter osmanischer Herrschaft selber für nationalstaatliche Strukturen gekämpft hat. Die Rezeption von Herder hat hier eine zentrale Rolle gespielt, dessen Schriften grossen Anklang bei griechischen wie türkischen Intellektuellen fanden. Der französische Nationalist Maurice Barrès hatte Anhänger in Südosteuropa ebenso wie in Ägypten. Auch Guiseppe Mazzini war vielen ein Vorbild. Nichts davon bei Mishra.

Tatsächlich waren die westlichen Staaten als Kolonialmächte in die nationalen Freiheitskämpfe hineingezogen worden, innerhalb derer die jeweiligen Kräfte versuchten, sie für ihre Sache einzuspannen. Die späteren Nationalstaaten der Region entwickelten sich aus diesem Getriebe von Kräften und Gegenkräften. So waren der Irak und Jordanien aus einem Ringen der haschemitischen Ansprüche mit britischen Interessen hervorgegangen. Sie sind nicht einfach das Produkt von Entscheidungen westlicher Schreibtischstrategen.

Mishras Darstellung des heutigen Iran wiederum ist von der Sicht der Reformer geprägt, was er dem Leser unterjubelt, ohne ihn darüber zu informieren. Dass Dissens, nicht der Wille zur Reform, die Einstellung eines Grossteils der Bevölkerung ausmacht, erfährt der Leser nicht. Diez übernimmt Mishras Sichtweise, ebenso wie das alte Narrativ vom Sturz des angeblich so beliebten Ministerpräsidenten Mossadegh durch die CIA 1953.

In Wahrheit hatte Mossadegh mit seiner kompromisslosen Machtpolitik den anfänglich grossen Rückhalt in der Bevölkerung rasch verspielt, was heute gerne vergessen wird. Dass er für das von ihm geplante Referendum separate Wahlurnen für Regierungsgegner aufstellen wollte, war Wasser auf die Mühlen seiner Gegner. Auch die Entmachtung des Parlaments durch Mossadegh war kaum geeignet, ihn beliebter zu machen.

Wer etwas darüber wissen will, muss nur den Stand der Forschung zu Kenntnis nehmen, muss lesen, was Gasiorowski (2004), Matini (2006), Mirfetros (2008), Bayandor (2010) und Milani (2011) geschrieben haben. Seine demokratische Gesinnung, urteilt Abbas Milani, war nur eine Fassade, Mossadegh in Wahrheit ein Populist, der die repräsentative Demokratie verachtete. Je radikaler sein Lager wurde, desto stärker vereinigten sich seine Gegner und konnten diese sich auf die britische und amerikanische Unterstützung verlassen.

Das Narrativ von einem demokratischen Gemeinwesen, das erblüht wäre, hätte es den Sturz Mossadegs nicht gegeben, stammt aus der späteren Propagandaküche der Islamischen Republik. Es wurde unerwartet gestärkt, als im Jahr 2000 US Secretary of State Madeleine Albright sich für Amerikas Rolle entschuldigte. Nicht nur Milani vertritt die Ansicht, dass dieses Narrativ mehr Fragen aufwirft als beantwortet, zumal es nur schwer vorstellbar ist, dass eine vermeintlich populäre Regierung so einfach gestürzt werden kann.

Dennoch werden wir noch viele solcher Bücher wie das von Mishra und viele solcher Artikel wie den von Diez zu Gesicht bekommen. Denn solange es Leute gibt, die an die Geschichte vom tumben Westen und verkannten Osten um jeden Preis glauben wollen, wird es immer welche geben, die dieses Bedürfnis mit ihrer Publizistik bedienen – und andere, die es ihnen abkaufen.

Anm.: In einer früheren Version hatte es Mancini statt Mazzini geheissen. Der Fehler wurde korrigiert.

06/16/14

Irakische Hoffnungsträger und ihre Mission

Nicht die Terrortruppe ISIS, sondern eine Miliz namens “Nationaler, Panarabischer und Islamischer Widerstand” soll massgeblich die Eroberung Mossuls zu verantworten haben, sagt Weltenbummler Jürgen Todenhöfer. Diese Miliz sei von den USA jahrelang totgeschwiegen worden, weil – nun ja. Todenhöfer sieht in der militanten Gruppe unter der Führung von Izzat ad-Duri “keine Nachfolge-Organisation” von Saddam Husseins Baath-Partei, vielmehr wolle sie eine säkulare Demokratie.

Ad-Duri sieht das wohl etwas anders: Auf einer Facebook-Seite, die sich als einzige offizielle Seite von ad-Duri bezeichnet (ob sie wirklich etwas mit ad-Duri zu tun hat, kann nicht verifiziert werden) präsentiert dieser jede Menge Andenken an Saddam Hussein und macht klar, wer die Feinde sind, nämlich die “amerikanischen Besatzer” mit ihren Verbündeten, den (aufgepasst:) Zionisten und Persern.

Dass ad-Duri, der sich die Eroberung Mossuls auf seine Fahnen schreibt, die Iraner als Verbündete der USA sieht, passt zu Todenhöfers Vision einer Aussöhnung zwischen Irak und Iran wie die Faust aufs Auge. Weiter heisst es auf der Facebook-Seite, die Behauptung, dass es so etwas wie eine Gruppe namens ISIS in den befreiten Gebieten des Irak gebe, sei eine Medienlüge. Doch wer kann diese Aussage überprüfen?

Das Logo der Miliz zeigt übrigens die Umrisse der Arabischen Welt (incl. Arabische Liga-Mitglied Somalia) mit einer palästinensischen Flagge dort, wo Israel liegt, und ruft nach “Einheit, Freiheit, Sozialismus”. Auch sonst verströmen die Statements den Ungeist der alten Baath-Ideologie mit jedem Satz. Von Demokratie und Säkularismus ist keine Rede, stattdessen von einer “ewigen Mission der geeinten arabischen Umma”. Ja, das sind wahre Hoffnungsträger.

06/16/14

Im Schaumbad des Dialogs

Paternalismus kann einem das Verständnis für Geschichte und Gesellschaft schon gründlich verhageln. Da widmet sich das “Interkulturelle Magazin” des BR der Überschreitung von Religionsgrenzen, fragt, warum die Menschen im christlich geprägten Westen sich eher für ostasiatische Religionen öffnen als für den Islam, und bittet sodann einen Religionswissenschaftler um Deutung.

Was dann kommt, ist das alte Wiegenlied von der historisch begründeten Feindschaft zwischen Christentum und Islam, vermeintlich verursacht nicht zuletzt durch eine “westliche Kolonialherrschaft”, unter der die gesamte Islamische Welt “mit Ausnahme von vier Ländern” gestanden habe (ab ca. 20:40), weswegen es heute diese ganzen Feindbilder gibt.

Und zwar vor allem von muslimischer Seite gegen das Christentum, die Religion der Kolonialherren. Aber irgendwie wohl auch umgekehrt, schliesslich geht es ja um die Frage, warum spirituell gestimmte Westler sich vor allem zu Buddhismus & Co. hingezogen fühlen, dagegen kaum zum Islam. Wie auch immer.

Aber es gibt ein Mittel, jetzt neu!, das gegen chronische Sympathieblockade wirkt – den Dialog. Erste Erfolge sind zu verzeichnen: Dialogversuche am Judentum haben gezeigt, dass alte Ressentiments überwindbar sind. Auch wenn die Redaktion uns nicht sagen mochte, von was für Ressentiments die Rede ist und wer als Dialogpartner des Judentums herhalten musste.

Aber das ist alles nicht wichtig. Wichtig ist nur, dass Religion ein Thema ist, das am besten in einem Schaumbad aus öliger Äquidistanz und blumiger Nächstenliebe abgehandelt wird. Dann kann man sich die Beschäftigung mit gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen sparen.

06/16/14

Die Zukunft des Nahen Ostens

Irak und Syrien zerfallen – und schuld ist natürlich Bush? Oder doch eher Obama? Während jetzt die Djihadisten des ISIS ihren Kalifatstaat aufbauen, werfen wir noch einmal einen Blick zurück und schauen, was wann schiefgelaufen ist, dass es zu einem solchen Desaster kommen konnte.

Erinnern wir uns: In den beiden Dekaden vor 9/11 haben uns (tatsächliche und vermeintliche) Nahostexperten immer weisgemacht, dass die Massen in den arabischen Ländern sich nach Demokratie sehnen. Dass es nur deshalb keine demokratischen und rechtsstaatlichen Verhältnisse in der Arabischen Welt gebe, weil “wir”, also der Westen, all diese Diktaturen installiert haben oder sie zumindest stützen.

Denn “wir” sind es, die das Öl wollen, die Rohstoffe, die Vorherrschaft über die Region. Da können “wir” es nicht gebrauchen, wenn die Massen sich emanzipieren wollen – soweit das unablässig wiederholte Mantra besagter Experten. Dass die arabisch-islamischen Gesellschaften stagnierten und auf der Stelle träten, sei doch nur ein westliches Vorurteil.

Einer der wenigen, die diesem Narrativ widersprachen, war der Göttinger Politologe Bassam Tibi, der schon 1985 völlig zutreffend feststellte, dass „eine Modernisierung der Sozialstrukturen des islamischen Orients (…) immer zum Scheitern verurteilt (ist), wenn sie ohne parallele Dynamisierungsversuche der islamischen Kultur angestrebt wird.” Gemeint war, dass demokratische Institutionen ein entsprechendes Ethos voraussetzen, ohne das sie nicht mit Leben gefüllt werden können.

Für seine Analysen war Tibi von nicht wenigen Islamwissenschaftlern gehasst worden. Eigentlich hätte George W. Bush die Ikone all derer sein müssen, die immer geglaubt haben, dass das einzige Hindernis für die Schaffung demokratischer, liberaler und rechtsstaatlicher Verhältnisse die jeweiligen Diktatoren seien, die man nur loswerden müsse, um blühende Landschaften zu erschaffen.

Doch weit gefehlt. Nach dem Sturz von Saddam Hussein waren die Medien wieder voll von Analysten, die ihrem Publikum erklärten, dass man Demokratie nicht herbeibomben könne. Wohl wahr, aber dennoch daneben, insofern als Bushs Politik genau der Linie folgte, dass ja nur die Diktaturen des Nahen Ostens zu Fall gebracht werden müssten, damit diese Länder sich anschliessend selbst demokratisieren.

Seinerzeit kam der amerikanische Publizist Fareed Zakaria zu demselben Schluss wie Tibi zwanzig Jahre zuvor, indem er der arabischen Welt attestierte, zwischen autokratischen Staaten und illiberalen Gesellschaften gefangen zu sein, die beide keinen fruchtbaren Boden für Demokratien böten.

Wie auch Tibi glaubte Zakaria keineswegs, dass Islam und Demokratie unvereinbar seien, aber wohl, dass das blosse Abhalten von Wahlen noch keine Demokratie macht. Zakaria hatte seinerzeit auch ganz richtig vorhergesehen, dass die arabischen Herrscher, so autokratisch, korrupt und träge sie auch sein mochten, immer noch fortschrittlicher sein würden als alles, was wahrscheinlich an ihre Stelle treten wird.

Derweil arbeitete die westliche Friedensbewegung den extremistischen Kräften im Nahen Osten zu, indem sie alle Morde durch Islamisten und Ex-Baathisten den USA aufs Sündenkonto schrieb. Damit lieferte sie jenen Kräften geradezu ein Motiv, möglichst viele Menschen umzubringen, wissend, dass in dem Masse, wie die Zahl der Toten steigt, das Ansehen der USA im Westen sinken wird.

Die Friedensbewegung hat sich von dieser Kausalität freilich nicht beeindrucken lassen. Sie hat schon längst ein neues Mantra gefunden, dass sie unablässig wiederholt: Indem sie einfach Ursache und Wirkung vertauscht, behauptet sie, dass nur die Truppen aus Afghanistan und Irak abgezogen werden müssen, damit die Lage sich beruhigt.

Hoffnungsträger einer solchen Politik war der damalige amerikanische Präsidentschaftskandidat und heutige Präsident Barack Obama. Er hat seine Ankündigungen wahrgemacht und so müssen die Iraker heute selbst für ihre Sicherheit sorgen. Diese Politik hat mit zum Aufstieg der erwähnten Terrortruppe ISIS beigetragen. Ohnehin dürften die Optionen des Westens aber äusserst gering sein.

Es ist unwahrscheinlich, dass ein Eingreifen der Westens in Syrien den Vormarsch der Islamisten dauerhaft hätte abwehren können. Früher oder später hätten sich diese Kräfte, die durch Deserteure der regulären Armee auf beiden Seiten der syrisch-irakischen Grenze laufend Zuwachs bekommen, formiert, um eine Situation zu schaffen, wie wir sie jetzt haben. Das einzige was dem Westen noch bleibt, ist dafür Sorge zu tragen, dass der Konflikt nicht auf den Libanon und Israel übergreift.

Natürlich kann es sein, dass die Dinge schon bald eine neue Wendung nehmen und der ISIS erfolgreich zurückgedrängt wird. An den grundsätzlichen Problemen, unter denen die arabischen Gesellschaften leiden, wird das nicht viel ändern. Die Dikta von Tibi und Zakaria werden noch eine ganze Weile ihre Gültigkeit behalten.

05/12/14

Everybody’s a critic

“Generation War” heisst die englischsprachige Fassung des deutschen Fernseh-Dreiteilers “Unsere Mütter, unsere Väter”– und die Kritiker im Vereinigten Königreich waren not amused. Das wiederum gefällt der London-Korrespondentin der FAZ gar nicht, wie sie in einem etwas launisch geschriebenen Artikel zum Besten gibt.

Der Film, der vor einem Jahr im deutschen Fernsehen lief, war vorab mit grossem Lob bedacht worden, u.a. in der FAZ. Wie sich seinerzeit herausstellte, hat Produzent Nico Hofmann tatsächlich grossartige Arbeit geleistet, was den Unterhaltungsfaktor angeht, aber rabiat versagt in Hinsicht auf historische Genauigkeit.

Während auf deutscher Seite Antisemitismus lediglich Sache einer Nazi-Elite war, fand er auf polnischer Seite starken Widerhall auch im einfachen Volk: das war das Bild, das der Film vermittelte. Dabei wissen wir nicht erst durch die Forschung von Daniel Jonah Goldhagen, wie weit Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft während der Nazi-Zeit verbreitet war.

Der Historiker Sebastian Haffner notierte, dass mit der Zweidrittelmehrheit im Parlament jeder Widerstand gegen Hitler dahingeschwunden war. Damals war das Hakenkreuz in die deutsche Masse “hineingeprägt worden”, so Haffner, “wie in einen formlos-nachgiebigen, breiigen Teig.” Nur zu willig haben, wenn auch nicht alle, so doch viel zu viele Deutsche mitgemacht.

Der Fernsehfilm “Unsere Mütter, unsere Väter” liess davon nichts erahnen, erweckte vielmehr den Eindruck, Nazi-Ideologie und Judenhass seien ein Problem von SS-Offizieren gewesen. In deutschen Medien war dies gelegentlich und zu recht bemängelt worden.

Das hält die FAZ-Korrespondentin jedoch für keiner Erwähnung wert. Stattdessen bürstet sie den Kritiker Clive James ab, indem sie ihm, der doch soviel auf seine Kenntnis der deutschen Kultur halte, vorwirft, selber nichts begriffen zu haben. Noch mehr Arroganz geht nicht.

Umso erfreulicher, dass britische Kritiker dem Film nicht auf den Leim gegangen sind.

05/1/14

Gibt es einen islamischen Faschismus?

Vor mehr als zwanzig Jahren sorgte ein Buch unter dem Titel “Die unerbittlichen Erlöser” zunächst in Frankreich, dann auch in Deutschland, für erhebliche Furore. Sein Verfasser, der Theologe und Politikberater Jean-Claude Barreau, ging darin den Ursachen des gewalttätigen Islamismus auf den Grund, die er – und das war der Skandal – direkt auf den Koran (“ein archaisches Buch”) zurückführte. Den Islam zeichnete er als eine zerstörerische (wenngleich reformierbare) Kraft, die den Werten der Moderne entgegensteht.

Seitdem hat es eine Reihe von Büchern gegeben, die eine ähnliche fundamentale Kritik am Islam üben und mittlerweile ein eigenes Genre, das der “Islamkritik”, begründen. Das jüngste Buch dieser Art stammt von dem Berliner Publizisten Hamed Abdel-Samad und trägt den Titel “Der islamische Faschismus”, wobei der Autor Faschismus als eine Art von “politischer Religion” versteht. Von diesem Ansatz ist freilich wenig Erkenntnisgewinn zu erwarten, denn man kann, wie das Eric Voegelin und Hans Maier getan haben, zwar säkulare politische Ideologien besser verstehen, wenn man sie als Quasi-Religionen begreift, umgekehrt wird aber kein Schuh daraus, wenn man im Rückgriff auf den Faschismus den Begriff der “politischen Religion” auf eine Religion anwendet.

Wie dem auch sei, Abdel-Samad glaubt, dass zentrale Eigenschaften, wie sie Umberto Ecos Kriterienkatalog des Ur-Faschismus auflistet, auch auch auf den modernen Islamismus zutreffen, was diesen dadurch aber nicht verständlicher macht, denn dass der Islamismus eine tendentiell gewalttätige und repressive Ideologie ist, war auch schon vorher klar. Auch ist auf einmal vom Islamismus die Rede, obwohl es eigentlich der Anspruch des Buches ist, faschistoides Gedankengut in der Urgeschichte des Islam nachzuweisen (“Ur-Islam”, 17), wie Abdel-Samad dies zuvor schon in einem Vortrag in Kairo vorgestellt hat, auf dem das Buch aufbaut.

Was stattdessen folgt, ist ein Abriss der modernen Geschichte des Faschismus in Ägypten, namentlich in Form der Muslimbrüder (29-57), wobei Abdel-Samad im wesentlichen vorhandene Studien resümiert. Das alles ist nicht neu. Zwar hätte man noch die sog. “Stahlhemden” in Syrien oder die Bewegung der Anatolisten (anadolucular) mit der von ihnen vertretenen türkischen Variante eines völkischen Nationalismus hinzufügen können, um deutlich zu machen, in welchem Ausmass zu Beginn des 20. Jahrhunderts faschistisches Gedankengut in arabischen Ländern wie auch in der Türkei Wurzeln schlagen konnte, doch letztlich ist das alles irrelevant in Hinblick auf die eingangs formulierte These, dass der Faschismus oder wenigstens “faschistoides Gedankengut” im Islam selbst angelegt sein soll.

Die Untermauerung dieser These fällt enttäuschend aus. Letzten Endes weiss Abdel-Samad nicht mehr anzubieten als die Behauptung, schon der Gott Abrahams, wie er in der Hebräischen Bibel geschildert wird, habe bedingungslosen Gehorsam und Opferbereitschaft verlangt – zwei Eigenschaften, die auch “zentrale Aspekte des Faschismus” sein sollen –, um sodann zum Urteil zu gelangen, dass der “Faschismus ist in gewisser Weise mit dem Monotheismus verwandt” sei (59-60). Die Diskussion darüber ist nicht neu und in Deutschland zuletzt vor zehn Jahren geführt worden, als der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann sein Buch “Die mosaische Unterscheidung” veröffentlichte, wovon Abdel-Samad aber wohl nichts mitbekommen hat.

Die These steht überdies auf wackeligen Füssen, denn wie schon der englische Hebraist John Selden (1584-1654) vor 400 Jahren gegenüber den Antisemiten seiner Zeit argumentierte, besteht nach rabbinischer Auffassung gar keine Veranlassung, Gewalt um der Bekehrung willen auszuüben, weil Mission dem Judentum fremd ist – ebenso wie die Vorstellung, das individuelle Heil führe nur über das jüdische Religionsgesetz. Assmann selbst hat noch eine weitere Sichtweise angeboten, dass nämlich die sog. Mosaische Unterscheidung (also die Einführung des Ein-Gott-Glaubens) Toleranz erst möglich gemacht hat, weil diese nur gegenüber etwas gewährt werden kann, was der eigenen Auffassung widerspricht. Der antike Polytheismus hingegen habe keine Toleranz kennen können, weil die eigenen Götter gar nicht im Konflikt mit anderen Göttern standen.

Ob man Assmanns spitzfindiger Argumentation nun folgt oder nicht: Wenn Abdel-Samad behauptet, dass die Hebräische Bibel absoluten Gehorsam gegenüber Gott verlangt (61), so sitzt er einem grundlegenden Irrtum auf. Zwar ist der Gott der Hebräischen Bibel der Gewalt nicht abhold, aber nirgendwo im jüdischen Religionsgesetz wird gefordert, dass der Mensch sich Gott völlig zu unterwerfen habe. Der Mensch muss noch nicht einmal an ihn glauben, es ist ihm lediglich untersagt, ihn zu lästern oder Götzen an seiner Stelle anzubeten. Der Gott des Judentums bestraft, aber nicht für Unglauben. Mehr noch: das Judentum ist eine Religion der Freude, weil nach jüdischer Überzeugung Gottes Geist nur dort zugegen ist, wo Freude herrscht. Einen solchen Gedanken im Koran zu finden, dürfte schwierig sein (allenfalls in Sure 3,170, aber auch nicht wirklich).

Indem Abdel-Samad das Gottesbild, das er aus dem Koran kennt, auf die Hebräische Bibel projiziert, weil er annimmt, allen Monotheismen sei dieselbe Gottesvorstellung zu eigen, zeigt er nicht nur seine Ahnungslosigkeit angesichts dieser Schriften, er macht auch jeden Versuch einer Erklärung zunichte, warum die Demokratie in der Islamischen Welt nicht so recht gedeihen will, während das in den Gesellschaften mit christlicher Mehrheit und im mehrheitlich jüdischen Israel offenbar anders ist.

Völlig unzulänglich ist denn auch Abdel-Samads Versuch, von der vier Stiftern der kanonischen Rechtsschulen des sunnitischen Islam Ahmad Ibn Hanbal die Rolle des Schurken zuzuweisen (69-70), weil jener das entscheidende Bindeglied zwischen dem traditionellen Islam und der wahhabitischen Staatsideologie Saudi-Arabiens darstellt, von wo aus sich leicht ein Bogen zum modernen Dschihadismus schlagen lässt (74). Einmal abgesehen davon, dass Abdel-Samad damit wiederholt seine eigene These schwächt, nach der das alles ja schon im frühen Islam zu finden sein soll, wäre es viel naheliegender, den Schwarzen Peter einem anderen Schulgründer, nämlich asch-Schafi’i, zuzuschustern.

Schafi’i nämlich war derjenige, der die ursprüngliche Pluralität der Rechtsschulen vereinheitlichte und ihren Spielraum erheblich einengte, indem er den sog. raʾy, die persönliche Meinung des Gelehrten, als Mittel der Wahrheitsfindung ausschloss. Der Begriff der sunna, der vorher eine lokale Rechtstradition bezeichnete, wird seitdem ausschliesslich für die Prophetentradition verwendet. Dies haben die Studien des (mittlerweile verstorbenen) ägyptischen Islamreformers Nasr Hamid Abu Zayd ergeben, von dem Abdel-Samad schon einmal gehört haben dürfte. Nach Abu Zayd ist erst durch Schafi’i die Prophetentradition als unantastbar in den Rang einer göttlichen Offenbarung gehoben geworden, was vorher nicht der Fall war.1 Zwar räumt Abdel-Samad ein, dass der Islam in seinen Anfängen wandlungsfähig war und sich nicht gegen Wissen und freies Denken stellte (103), er widerspricht damit aber wieder seiner eigenen These von einer Verwurzelung des Faschismus in der frühesten islamischen Geschichte.

Auch sonst liefert Abdel-Samad nichts, um diese These halbwegs glaubwürdig zu untermauern. Dass Mohammed das Unternehmen “Säuberung Arabiens” in Gang gesetzt habe, wodurch die Halbinsel “von allen Ungläubigen befreit werden” sollte (67), ist jedenfalls eine irreführende Feststellung, insofern als das Ziel der islamischen Expansion immer die Unterwerfung und tributäre Abhängigkeit der Nichtmuslime war, die eine Sondersteuer (Kopfsteuer) zu zahlen hatten, aber niemals deren restlose Bekehrung oder Auslöschung. Dieses Expansionskonzept, das sich als historisch überaus erfolgreich erweisen hat, kann wohl kaum faschistisch nennen.

Was seiner These noch am ehesten zuträglich wäre, erwähnt Abdel-Samad dagegen nicht: Westler unterschätzen meist die immense soziale Kontrolle, die in islamischen Gesellschaften herrscht und die eine unmittelbare Verankerung im Koran hat, wo die Gläubigen an mehreren Stellen dazu aufgefordert werden, “das Gute zu befehlen und das Verwerfliche zu verbieten”. Darauf gründen sich nicht nur heutige Religionspolizeien wie diejenige in Saudi-Arabien, sondern es handelt sich hierbei um einen Aufruf an alle Mitglieder der Gemeinde, sich untereinander zu disziplinieren. Dieses Problematik wird von Abdel-Samad jedoch nur zweimal kurz gestreift (98, 112), weil er ihre Bedeutung für das Mass der individuellen Unfreiheit, das in der Islamischen Welt herrscht, verkennt. (Die einzige mir bekannte Studie zum Thema stammt von Fatima Mernissi aus den 1980ern und ist nur noch antiquarisch erhältlich).

Auch die Ausführungen über den Antisemitismus in der heutigen Arabischen Welt tragen nichts zu seiner These bei. Ohnehin wird hier der Forschungsstand mehr schlecht als recht referiert (81ff.), die Schia kommt bei Abdel-Samad nur in Verbindung mit der Hisbollah und dem khomeinistischen Iran vor (141 ff.). Zu den drei Quellen für den iranischen Antisemitismus, die er nennt (deutscher Einfluss, Sayyid Qutb, Koran) fehlen bezeichnenderweise schiitische theologische Schriften. Dabei kennt die Schia eine ganz eigene Tradition des Antisemitismus, insofern als nach schiitischer Überzeugung der Antichrist (daǧǧāl) mit jüdischen Attributen versehen ist und wohl nicht zufällig das Jüngste Gericht mit einer Schlacht eingeleitet werden soll, deren Höhepunkt in Jerusalem stattfindet, wovon Abdel-Samad aber nichts weiss.

Mit seiner oberflächlichen, zuweilen verzerrenden Darstellung von Religion und Geschichte, vermittelt das Buch dem Leser über weite Strecken einen amateurhaften Eindruck, was einmal mehr zeigt, dass eine muslimische Herkunft allein noch keinen Islamexperten macht.2 Manches im Buch klingt einfach naiv, wie die Forderung, Deutschland müsse “jungen Muslimen als Individuen größere Chancen einräumen.” (197) Was man seinem Autor Abdel-Samad aber auf keinen Fall vorwerfen kann, ist, dass er hier mit Feuereifer gegen den Islam anschriebe, wie manche Rezensenten meinen, die gleich mit dem Vorwurf der Islamophobie aufwarten und in seinem Buch nichts als üble Agitation sehen wollen. Davor sei Abdel-Samad hier ausdrücklich in Schutz genommen.

Einmal abgesehen davon, dass mich immer wieder erstaunt, wie westliche nicht-muslimische Intellektuelle, die keinen müden Pfifferling auf Christentum und Kirche geben, sich tierisch für den Islam ins Zeug legen und ihn unter ihre Fittiche nehmen, sobald sie ihn bedroht glauben, merkt man Abdel-Samads Buch an, dass es vor allem der schlechte Zustand der Islamischen Welt ist, der ihn bedrückt und empört. Die Zustände dort scheinen bestenfalls zu stagnieren, in manchen Fällen sogar sich zu verschlechtern. Abdel-Samad schreibt nicht aus Verachtung für den Islam, sondern aus erkennbarer Sorge, dass die Islamische Welt in Lethargie und Gewalt verharrt, während immer mehr nicht-islamische Länder den Weg zu Wohlstand und Demokratie beschreiten.

Darum bedarf es einer anhaltenden Debatte, die diese Problematik thematisiert, ohne in immer dieselbe Islam-Apologetik zu verfallen, die nur eine Sackgasse ist. Bezeichnend ist, dass solche Debatten öffentlich fast ausschliesslich im Westen stattfinden. Wenn Abdel-Samads Buch, bei allen Unzulänglichkeiten, die es aufweist, einen Beitrag dazu leisten kann, so ist ihm auf jeden Fall Erfolg zu wünschen.

Hamed Abdel-Samad, Der islamische Faschismus: Eine Analyse, München 2014, ISBN 978-3426276273, € 18,00.


  1. Naṣr Ḥāmid Abū Zayd, الامام الشافعي وتأسيس الايديولوجيا الوسطية, Kairo 1992, S. 22, 40, 46, 99. 

  2. Nur am Rande sei hier vermerkt, dass der “Exkurs: Fremd im eigenen Land – die Situation der Kopten” (98 ff.) teilweise mit einem Artikel identisch ist, den Abdel-Samad zuvor in der “Welt” veröffentlicht hat, ohne dass dies irgendwo angegeben wäre. http://www.welt.de/politik/ausland/article13839737/Mit-der-Revolution-wird-heute-Popcorn-verkauft.html. Dies gilt auch für sein Porträt verschiedener Ex-Muslime (163 ff): http://www.welt.de/politik/ausland/article117800364/Was-ist-das-fuer-ein-Glaube-Was-fuer-ein-Gott.html. 

04/9/14

Lektion aus Tiflis

Eigentlich sollte hier so bald nichts mehr zum Thema Ukraine erscheinen, doch wie es der Zufall will, hat der amerikanische Journalist Michael J. Totten bemerkenswerte Informationen zum Thema beizusteuern, die sich im Rückblick als so erhellend herausstellen, dass wir sie kurz erwähnen wollen.

“Where the West Ends” lautet der Titel von Tottens 2012 erschienenem Buch, das von den Ereignissen auf der Krim noch nichts wissen konnte. Totten berichtet darin von seiner Begegnung mit dem ungarischen Politiker Mátyás Eörsi in der georgischen Hauptstadt Tiflis.

Eörsi erklärt dem amerikanischen Journalisten, wie es zur russischen Besetzung von “Südossetien” kam. Auffällige Parallelen bestehen jedenfalls zwischen dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag 1956, den Ereignissen in der Tschechoslowakei 1968 und der Jahrzehnte später von Moskau erhobenen Behauptung, der georgische Präsident Saakaschwili habe Russland provoziert.

Diese Behauptung war in Moskau immer dann laut geworden, wenn ein der sowjetischen bzw. russischen Einflusssphäre zugehöriges Land versucht, seinen eigenen Weg zu gehen.

Während im Zuge der ersten NATO-Erweiterung gen Osten führende europäische Politiker reihenweise nach Moskau fuhren, um der russischen Seite zu versichern, man plane nichts, was den Interessen Moskaus schaden könne, war es der Sicherheitsberater der amerikanischen Regierung, Zbigniew Brzezinski, der vor dieser Beschwichtigungspolitik warnte.

Brzezinski hatte begriffen, dass der Verzicht auf eine Erweiterung in Moskau nur als Signal verstanden werde, die eigene Einflusssphäre auszubauen. Für einen Staat wie die russische Föderation sei es unmöglich, über den Verlust des Grossmachtstatus hinwegzukommen.

In der Sowjetunion, so Eörsi, haben Millionen Russen in Armut gelebt, aber immerhin Stolz darüber empfunden, eine Supermacht zu sein. Auf der Woge dieses empfundenen Verlusts segelt Wladimir Putin. Und an dieser Stelle, so schreibt Totten in seinem Buch, kam man auf das Thema Ukraine zu sprechen.

Wäre im Westen der politische Wille vorhanden gewesen, so Eörsi, hätte die Ukraine innerhalb eines einziges Tages NATO-Mitglied werden können – so wie es auch der Fall war mit Griechenland und der Türkei. Diese Chance wurde vertan, weswegen Eörsi prophezeite, dass die Ukraine stärker ins Fahrwasser Moskaus geraten werde. 

Er sollte recht behalten: 2010 wurde der pro-russische Viktor Janukowitsch Präsident der Ukraine. 

Das war aber noch nicht alles: Totten weiss auch zu berichten, was geschah, bevor es zum russischen Einmarsch in Südossetien kam. Russische Fernsehsender, so berichtete ihm eine Georgierin, hätten seinerzeit Georgien als faschistisches Land gezeichnet, das von Nazis regiert werde.

Kommt einem das nicht bekannt vor?

03/12/14

Sympathien für ein autoritäres System

Woher kommt eigentlich das Verständnis, das so viele in Deutschland für Putins autoritäres Russland aufbringen? Dass die Krim einmal zu Russland gehört und Chruschtschow sie 1954 auf eine Weise an die Ukraine abgetreten hat, die nicht ganz völkerrechtskonform war, ist irrelevant. Nach dem Niedergang des Sowjetsystems hat Russland die Ukraine in ihren Grenzen spätestens 2001 vollständig anerkannt und sich darauf eingelassen, für die Stationierung der eigenen Schwarzmeerflotte einen Pachtzins zu bezahlen.

Dass die Ukraine zuletzt nicht mehr bereit war, den Pachtvertrag zu verlängern, hing mit der Europaorientierung des Landes zusammen, der eine militärische Anbindung an Russland entgegenstand. Präsident der Ukraine war damals Viktor Juschtschenko, der Opfer eines Dioxinanschlages wurde – der Verdacht liegt nahe, dass dies das Werk des russischen Geheimdienstes war.

Mittlerweile sah sich die Ukraine trotz geklärter Grenzfrage durch Russland in seiner territorialen Integrität bedroht, als letzteres einen Damm im Asowschen Meer zu bauen beabsichtigte. Die davon betroffene Strasse von Kertsch trennt Russland von der Krim. Die Ukraine sah darin schon damals ein Vorgehen, das dazu bestimmt war, die Annäherung des Landes an Europa zu behindern.

Auch der drastische Preisanstieg für Rohöl 2005, das die Ukraine ganz überwiegend aus Russland bezieht, dürfte als Disziplinierungsmassnahme zu verstehen gewesen sein. Die Teuerungsrate betrug damals fünfzig Prozent innerhalb weniger Monate. Dass die russische Wirtschaft schwach ist und aussenpolitische Krisen zur Stabilität des Systems beitragen, sollte dem Westen Anlass genug zur Wachsamkeit sein.

Das riesige Russland, das eine gemeinsame Grenze mit Norwegen ebenso wie mit China teilt, will sich mit Vasallenstaaten umgeben, die bei Unbotmässigkeit zurechtgestutzt werden. Und das im ganz wörtlichen Sinne: Georgien (Abchasien- und Südossetien-Konflikt) und Moldawien (Transnistrien-Konflikt) bieten unrühmliche Beispiele für die Willkür eines Grossstaates. Man darf nicht verkennen, dass Russland eine ausgeprägte anti-europäische und anti-westliche intellektuelle Tradition hat. Noch heute wird in Russland von Europa gesprochen, als sei es ein fremdes Land, notierte der britische Historiker Timothy Garton Ash.

Der Versuch von russischer Seite, die Ukraine zu beherrschen und sie dem eigenen Staatskörper einzuverleiben, ist jedenfalls nicht neu, sondern geht bis auf das 17. Jahrhundert zurück. Knapp hundert Jahre später hatte die russische Expansion eine Stossrichtung gen Schwarzes Meer eingemommen, das damals vom Osmanischen Reich beherrscht wurde. Dieses geriet mit der russischen Eroberung der Festung Asow auf der Krim im Jahre 1736 und dem Niedergang des Kosakenstaates unter massiven Druck.

Denn die osmanische Festungslinie, die Belgrad mit der Stadt auf der Krim verband, war nun zerstört worden. In den 1730er Jahren hatte Russland Festungen gebaut, die in einer “kaukasischen Linie” das Schwarze mit dem Kaspischen Meer verbanden. Zwar wurde Asow im Belgrader Frieden von 1740 Russland zugesprochen, doch hatte dieses sich u.a. zu verpflichten, Festungen zu zerstören und von einer Beschiffung des Schwarzen Meeres Abstand zu nehmen. Russland aber blieb hungrig.

Im Jahre 1771 unterwarf es die Krim, die die Osmanen im Vertrag von Küçük Kaynarca 1774 endgültig aufgeben mussten. Zugleich erhielt Russland ein Schutzrecht für die orthodoxen Christen unter osmanischer Herrschaft zugesprochen. Im Gegenzug rückte der Zar lediglich davon ab, die Uanbhängigkeit der Donaufürstentümer Moldau und Walachei von osmanischer Herrschaft zu fordern. Doch Russland blieb weiter hungrig.

Mitte des 19. Jahrhunderts fiel es dann in die Donaufürstentümer ein, angeblich um die Rechte der orthodoxen Christen im Osmanischen Reich zu schützen. Die Westmächte standen damals auf der Seite der Osmanen und griffen auf der Krim an. Russland erlitt eine Niederlage, doch erhielt es die besetzten Gebiete mit dem Pariser Kongress von 1856 offiziell wieder zurück. Dagegen drängten die Westmächte das Osmanische Reich zu inneren Reformen, um Russland keinen Vorwand für künftige Einmischungen zum Schutze der orthodoxen Minderheit mehr zu geben.

Muslimische Flüchtlinge hingegen, die ihre Heimat auf der Krim hatten verlassen müssen, kehrten nicht zurück. Sie liessen sich zunächst in Kleinasien und Rumelien nieder, bevor sie eine neue Heimat in Syrien fanden. Anfang des 20. Jahrhunderts betrug ihre Gesamtzahl in Syrien immer noch mehr als 30.000 und offenbar hatten sie sich nicht assimiliert, wie das britische Aussenministerium seinerzeit feststellte.

Heute bietet der Schutz der vermeintlich bedrohten russischen Minderheit wieder einmal den Anlass für die russische Expansion – und wieder einmal trifft es die Krim. Tatsächlich ist die Behauptung, Russen in der Ukraine seien gefährdet, mehr als fragwürdig. Das geleakte Telefonat zwischen dem estnischen Aussenminister Paet und der EU-Aussenbeauftragten Ashton ist zwar authentisch, als Indiz für einen gezielten Scharfschützenanschlag auf Russen aber wohl wertlos, wie das estnische Aussenministerium klarstellte.

Was die Rechtsradikalen betrifft, so kann man ihr Auftreten und ihre Rolle in der Ukraine kritisieren und anprangern – sollte es sogar! –, dies aber nicht zum Anlass nehmen, Putins Aussenpolitik zu legitimieren. Fragwürdig ist auch die Vorstellung, dass jeder, der Russisch spricht, sich automatisch zu Russland gehörig fühlt.

Das russische Aussenministerium hat unterdessen einen eigenen Sündenbock gefunden und beschuldigt Polen, Maidan-Kämpfer ausgebildet zu haben, was der polnische Verteidigungsminister Siemoniak zurückweist. Ohnehin fragt man sich in Polen und im Baltikum, wann Russland auf die Idee kommt, eine ähnliche Abspaltungspolitik zu betreiben, wie sie jetzt in der Ukraine zutage tritt.

Putin selbst hatte eine Annexion der Krim noch ausgeschlossen, als schon zwei Tage später die russische Staatsduma die rechtlichen Grundlagen für eine mögliche Annexion beriet. Tatsachen wurden auch dadurch geschaffen, dass Russland alle nicht-russischen Verbände auf der Krim als illegal betrachtet.

Hierzulande gibt es jedoch eine tolle Allianz aus Linken, Liberalen und Rechtskonservativen, die erstaunlich viel Verständnis für die russische Aussenpolitik aufbringen. Richard Herzinger hat in der “Welt” einiges zur Dimension des schwärmerischen Russlandbildes in Deutschland zusammengetragen. Natürlich muss Europa mit Russland in Frieden leben und natürlich sind gutnachbarschaftliche Beziehungen in beiderseitigem Interesse.

Bislang sind es aber das autoritäre System Putin und die anti-europäischen Kräfte Russlands, die dem entgegenstehen.