05/12/14

Everybody’s a critic

“Generation War” heisst die englischsprachige Fassung des deutschen Fernseh-Dreiteilers “Unsere Mütter, unsere Väter”– und die Kritiker im Vereinigten Königreich waren not amused. Das wiederum gefällt der London-Korrespondentin der FAZ gar nicht, wie sie in einem etwas launisch geschriebenen Artikel zum Besten gibt.

Der Film, der vor einem Jahr im deutschen Fernsehen lief, war vorab mit grossem Lob bedacht worden, u.a. in der FAZ. Wie sich seinerzeit herausstellte, hat Produzent Nico Hofmann tatsächlich grossartige Arbeit geleistet, was den Unterhaltungsfaktor angeht, aber rabiat versagt in Hinsicht auf historische Genauigkeit.

Während auf deutscher Seite Antisemitismus lediglich Sache einer Nazi-Elite war, fand er auf polnischer Seite starken Widerhall auch im einfachen Volk: das war das Bild, das der Film vermittelte. Dabei wissen wir nicht erst durch die Forschung von Daniel Jonah Goldhagen, wie weit Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft während der Nazi-Zeit verbreitet war.

Der Historiker Sebastian Haffner notierte, dass mit der Zweidrittelmehrheit im Parlament jeder Widerstand gegen Hitler dahingeschwunden war. Damals war das Hakenkreuz in die deutsche Masse “hineingeprägt worden”, so Haffner, “wie in einen formlos-nachgiebigen, breiigen Teig.” Nur zu willig haben, wenn auch nicht alle, so doch viel zu viele Deutsche mitgemacht.

Der Fernsehfilm “Unsere Mütter, unsere Väter” liess davon nichts erahnen, erweckte vielmehr den Eindruck, Nazi-Ideologie und Judenhass seien ein Problem von SS-Offizieren gewesen. In deutschen Medien war dies gelegentlich und zu recht bemängelt worden.

Das hält die FAZ-Korrespondentin jedoch für keiner Erwähnung wert. Stattdessen bürstet sie den Kritiker Clive James ab, indem sie ihm, der doch soviel auf seine Kenntnis der deutschen Kultur halte, vorwirft, selber nichts begriffen zu haben. Noch mehr Arroganz geht nicht.

Umso erfreulicher, dass britische Kritiker dem Film nicht auf den Leim gegangen sind.

05/1/14

Gibt es einen islamischen Faschismus?

Vor mehr als zwanzig Jahren sorgte ein Buch unter dem Titel “Die unerbittlichen Erlöser” zunächst in Frankreich, dann auch in Deutschland, für erhebliche Furore. Sein Verfasser, der Theologe und Politikberater Jean-Claude Barreau, ging darin den Ursachen des gewalttätigen Islamismus auf den Grund, die er – und das war der Skandal – direkt auf den Koran (“ein archaisches Buch”) zurückführte. Den Islam zeichnete er als eine zerstörerische (wenngleich reformierbare) Kraft, die den Werten der Moderne entgegensteht.

Seitdem hat es eine Reihe von Büchern gegeben, die eine ähnliche fundamentale Kritik am Islam üben und mittlerweile ein eigenes Genre, das der “Islamkritik”, begründen. Das jüngste Buch dieser Art stammt von dem Berliner Publizisten Hamed Abdel-Samad und trägt den Titel “Der islamische Faschismus”, wobei der Autor Faschismus als eine Art von “politischer Religion” versteht. Von diesem Ansatz ist freilich wenig Erkenntnisgewinn zu erwarten, denn man kann, wie das Eric Voegelin und Hans Maier getan haben, zwar säkulare politische Ideologien besser verstehen, wenn man sie als Quasi-Religionen begreift, umgekehrt wird aber kein Schuh daraus, wenn man im Rückgriff auf den Faschismus den Begriff der “politischen Religion” auf eine Religion anwendet.

Wie dem auch sei, Abdel-Samad glaubt, dass zentrale Eigenschaften, wie sie Umberto Ecos Kriterienkatalog des Ur-Faschismus auflistet, auch auch auf den modernen Islamismus zutreffen, was diesen dadurch aber nicht verständlicher macht, denn dass der Islamismus eine tendentiell gewalttätige und repressive Ideologie ist, war auch schon vorher klar. Auch ist auf einmal vom Islamismus die Rede, obwohl es eigentlich der Anspruch des Buches ist, faschistoides Gedankengut in der Urgeschichte des Islam nachzuweisen (“Ur-Islam”, 17), wie Abdel-Samad dies zuvor schon in einem Vortrag in Kairo vorgestellt hat, auf dem das Buch aufbaut.

Was stattdessen folgt, ist ein Abriss der modernen Geschichte des Faschismus in Ägypten, namentlich in Form der Muslimbrüder (29-57), wobei Abdel-Samad im wesentlichen vorhandene Studien resümiert. Das alles ist nicht neu. Zwar hätte man noch die sog. “Stahlhemden” in Syrien oder die Bewegung der Anatolisten (anadolucular) mit der von ihnen vertretenen türkischen Variante eines völkischen Nationalismus hinzufügen können, um deutlich zu machen, in welchem Ausmass zu Beginn des 20. Jahrhunderts faschistisches Gedankengut in arabischen Ländern wie auch in der Türkei Wurzeln schlagen konnte, doch letztlich ist das alles irrelevant in Hinblick auf die eingangs formulierte These, dass der Faschismus oder wenigstens “faschistoides Gedankengut” im Islam selbst angelegt sein soll.

Die Untermauerung dieser These fällt enttäuschend aus. Letzten Endes weiss Abdel-Samad nicht mehr anzubieten als die Behauptung, schon der Gott Abrahams, wie er in der Hebräischen Bibel geschildert wird, habe bedingungslosen Gehorsam und Opferbereitschaft verlangt – zwei Eigenschaften, die auch “zentrale Aspekte des Faschismus” sein sollen –, um sodann zum Urteil zu gelangen, dass der “Faschismus ist in gewisser Weise mit dem Monotheismus verwandt” sei (59-60). Die Diskussion darüber ist nicht neu und in Deutschland zuletzt vor zehn Jahren geführt worden, als der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann sein Buch “Die mosaische Unterscheidung” veröffentlichte, wovon Abdel-Samad aber wohl nichts mitbekommen hat.

Die These steht überdies auf wackeligen Füssen, denn wie schon der englische Hebraist John Selden (1584-1654) vor 400 Jahren gegenüber den Antisemiten seiner Zeit argumentierte, besteht nach rabbinischer Auffassung gar keine Veranlassung, Gewalt um der Bekehrung willen auszuüben, weil Mission dem Judentum fremd ist – ebenso wie die Vorstellung, das individuelle Heil führe nur über das jüdische Religionsgesetz. Assmann selbst hat noch eine weitere Sichtweise angeboten, dass nämlich die sog. Mosaische Unterscheidung (also die Einführung des Ein-Gott-Glaubens) Toleranz erst möglich gemacht hat, weil diese nur gegenüber etwas gewährt werden kann, was der eigenen Auffassung widerspricht. Der antike Polytheismus hingegen habe keine Toleranz kennen können, weil die eigenen Götter gar nicht im Konflikt mit anderen Göttern standen.

Ob man Assmanns spitzfindiger Argumentation nun folgt oder nicht: Wenn Abdel-Samad behauptet, dass die Hebräische Bibel absoluten Gehorsam gegenüber Gott verlangt (61), so sitzt er einem grundlegenden Irrtum auf. Zwar ist der Gott der Hebräischen Bibel der Gewalt nicht abhold, aber nirgendwo im jüdischen Religionsgesetz wird gefordert, dass der Mensch sich Gott völlig zu unterwerfen habe. Der Mensch muss noch nicht einmal an ihn glauben, es ist ihm lediglich untersagt, ihn zu lästern oder Götzen an seiner Stelle anzubeten. Der Gott des Judentums bestraft, aber nicht für Unglauben. Mehr noch: das Judentum ist eine Religion der Freude, weil nach jüdischer Überzeugung Gottes Geist nur dort zugegen ist, wo Freude herrscht. Einen solchen Gedanken im Koran zu finden, dürfte schwierig sein (allenfalls in Sure 3,170, aber auch nicht wirklich).

Indem Abdel-Samad das Gottesbild, das er aus dem Koran kennt, auf die Hebräische Bibel projiziert, weil er annimmt, allen Monotheismen sei dieselbe Gottesvorstellung zu eigen, zeigt er nicht nur seine Ahnungslosigkeit angesichts dieser Schriften, er macht auch jeden Versuch einer Erklärung zunichte, warum die Demokratie in der Islamischen Welt nicht so recht gedeihen will, während das in den Gesellschaften mit christlicher Mehrheit und im mehrheitlich jüdischen Israel offenbar anders ist.

Völlig unzulänglich ist denn auch Abdel-Samads Versuch, von der vier Stiftern der kanonischen Rechtsschulen des sunnitischen Islam Ahmad Ibn Hanbal die Rolle des Schurken zuzuweisen (69-70), weil jener das entscheidende Bindeglied zwischen dem traditionellen Islam und der wahhabitischen Staatsideologie Saudi-Arabiens darstellt, von wo aus sich leicht ein Bogen zum modernen Dschihadismus schlagen lässt (74). Einmal abgesehen davon, dass Abdel-Samad damit wiederholt seine eigene These schwächt, nach der das alles ja schon im frühen Islam zu finden sein soll, wäre es viel naheliegender, den Schwarzen Peter einem anderen Schulgründer, nämlich asch-Schafi’i, zuzuschustern.

Schafi’i nämlich war derjenige, der die ursprüngliche Pluralität der Rechtsschulen vereinheitlichte und ihren Spielraum erheblich einengte, indem er den sog. raʾy, die persönliche Meinung des Gelehrten, als Mittel der Wahrheitsfindung ausschloss. Der Begriff der sunna, der vorher eine lokale Rechtstradition bezeichnete, wird seitdem ausschliesslich für die Prophetentradition verwendet. Dies haben die Studien des (mittlerweile verstorbenen) ägyptischen Islamreformers Nasr Hamid Abu Zayd ergeben, von dem Abdel-Samad schon einmal gehört haben dürfte. Nach Abu Zayd ist erst durch Schafi’i die Prophetentradition als unantastbar in den Rang einer göttlichen Offenbarung gehoben geworden, was vorher nicht der Fall war.1 Zwar räumt Abdel-Samad ein, dass der Islam in seinen Anfängen wandlungsfähig war und sich nicht gegen Wissen und freies Denken stellte (103), er widerspricht damit aber wieder seiner eigenen These von einer Verwurzelung des Faschismus in der frühesten islamischen Geschichte.

Auch sonst liefert Abdel-Samad nichts, um diese These halbwegs glaubwürdig zu untermauern. Dass Mohammed das Unternehmen “Säuberung Arabiens” in Gang gesetzt habe, wodurch die Halbinsel “von allen Ungläubigen befreit werden” sollte (67), ist jedenfalls eine irreführende Feststellung, insofern als das Ziel der islamischen Expansion immer die Unterwerfung und tributäre Abhängigkeit der Nichtmuslime war, die eine Sondersteuer (Kopfsteuer) zu zahlen hatten, aber niemals deren restlose Bekehrung oder Auslöschung. Dieses Expansionskonzept, das sich als historisch überaus erfolgreich erweisen hat, kann wohl kaum faschistisch nennen.

Was seiner These noch am ehesten zuträglich wäre, erwähnt Abdel-Samad dagegen nicht: Westler unterschätzen meist die immense soziale Kontrolle, die in islamischen Gesellschaften herrscht und die eine unmittelbare Verankerung im Koran hat, wo die Gläubigen an mehreren Stellen dazu aufgefordert werden, “das Gute zu befehlen und das Verwerfliche zu verbieten”. Darauf gründen sich nicht nur heutige Religionspolizeien wie diejenige in Saudi-Arabien, sondern es handelt sich hierbei um einen Aufruf an alle Mitglieder der Gemeinde, sich untereinander zu disziplinieren. Dieses Problematik wird von Abdel-Samad jedoch nur zweimal kurz gestreift (98, 112), weil er ihre Bedeutung für das Mass der individuellen Unfreiheit, das in der Islamischen Welt herrscht, verkennt. (Die einzige mir bekannte Studie zum Thema stammt von Fatima Mernissi aus den 1980ern und ist nur noch antiquarisch erhältlich).

Auch die Ausführungen über den Antisemitismus in der heutigen Arabischen Welt tragen nichts zu seiner These bei. Ohnehin wird hier der Forschungsstand mehr schlecht als recht referiert (81ff.), die Schia kommt bei Abdel-Samad nur in Verbindung mit der Hisbollah und dem khomeinistischen Iran vor (141 ff.). Zu den drei Quellen für den iranischen Antisemitismus, die er nennt (deutscher Einfluss, Sayyid Qutb, Koran) fehlen bezeichnenderweise schiitische theologische Schriften. Dabei kennt die Schia eine ganz eigene Tradition des Antisemitismus, insofern als nach schiitischer Überzeugung der Antichrist (daǧǧāl) mit jüdischen Attributen versehen ist und wohl nicht zufällig das Jüngste Gericht mit einer Schlacht eingeleitet werden soll, deren Höhepunkt in Jerusalem stattfindet, wovon Abdel-Samad aber nichts weiss.

Mit seiner oberflächlichen, zuweilen verzerrenden Darstellung von Religion und Geschichte, vermittelt das Buch dem Leser über weite Strecken einen amateurhaften Eindruck, was einmal mehr zeigt, dass eine muslimische Herkunft allein noch keinen Islamexperten macht.2 Manches im Buch klingt einfach naiv, wie die Forderung, Deutschland müsse “jungen Muslimen als Individuen größere Chancen einräumen.” (197) Was man seinem Autor Abdel-Samad aber auf keinen Fall vorwerfen kann, ist, dass er hier mit Feuereifer gegen den Islam anschriebe, wie manche Rezensenten meinen, die gleich mit dem Vorwurf der Islamophobie aufwarten und in seinem Buch nichts als üble Agitation sehen wollen. Davor sei Abdel-Samad hier ausdrücklich in Schutz genommen.

Einmal abgesehen davon, dass mich immer wieder erstaunt, wie westliche nicht-muslimische Intellektuelle, die keinen müden Pfifferling auf Christentum und Kirche geben, sich tierisch für den Islam ins Zeug legen und ihn unter ihre Fittiche nehmen, sobald sie ihn bedroht glauben, merkt man Abdel-Samads Buch an, dass es vor allem der schlechte Zustand der Islamischen Welt ist, der ihn bedrückt und empört. Die Zustände dort scheinen bestenfalls zu stagnieren, in manchen Fällen sogar sich zu verschlechtern. Abdel-Samad schreibt nicht aus Verachtung für den Islam, sondern aus erkennbarer Sorge, dass die Islamische Welt in Lethargie und Gewalt verharrt, während immer mehr nicht-islamische Länder den Weg zu Wohlstand und Demokratie beschreiten.

Darum bedarf es einer anhaltenden Debatte, die diese Problematik thematisiert, ohne in immer dieselbe Islam-Apologetik zu verfallen, die nur eine Sackgasse ist. Bezeichnend ist, dass solche Debatten öffentlich fast ausschliesslich im Westen stattfinden. Wenn Abdel-Samads Buch, bei allen Unzulänglichkeiten, die es aufweist, einen Beitrag dazu leisten kann, so ist ihm auf jeden Fall Erfolg zu wünschen.

Hamed Abdel-Samad, Der islamische Faschismus: Eine Analyse, München 2014, ISBN 978-3426276273, € 18,00.


  1. Naṣr Ḥāmid Abū Zayd, الامام الشافعي وتأسيس الايديولوجيا الوسطية, Kairo 1992, S. 22, 40, 46, 99. 

  2. Nur am Rande sei hier vermerkt, dass der “Exkurs: Fremd im eigenen Land – die Situation der Kopten” (98 ff.) teilweise mit einem Artikel identisch ist, den Abdel-Samad zuvor in der “Welt” veröffentlicht hat, ohne dass dies irgendwo angegeben wäre. http://www.welt.de/politik/ausland/article13839737/Mit-der-Revolution-wird-heute-Popcorn-verkauft.html. Dies gilt auch für sein Porträt verschiedener Ex-Muslime (163 ff): http://www.welt.de/politik/ausland/article117800364/Was-ist-das-fuer-ein-Glaube-Was-fuer-ein-Gott.html. 

04/9/14

Lektion aus Tiflis

Eigentlich sollte hier so bald nichts mehr zum Thema Ukraine erscheinen, doch wie es der Zufall will, hat der amerikanische Journalist Michael J. Totten bemerkenswerte Informationen zum Thema beizusteuern, die sich im Rückblick als so erhellend herausstellen, dass wir sie kurz erwähnen wollen.

“Where the West Ends” lautet der Titel von Tottens 2012 erschienenem Buch, das von den Ereignissen auf der Krim noch nichts wissen konnte. Totten berichtet darin von seiner Begegnung mit dem ungarischen Politiker Mátyás Eörsi in der georgischen Hauptstadt Tiflis.

Eörsi erklärt dem amerikanischen Journalisten, wie es zur russischen Besetzung von “Südossetien” kam. Auffällige Parallelen bestehen jedenfalls zwischen dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Prag 1956, den Ereignissen in der Tschechoslowakei 1968 und der Jahrzehnte später von Moskau erhobenen Behauptung, der georgische Präsident Saakaschwili habe Russland provoziert.

Diese Behauptung war in Moskau immer dann laut geworden, wenn ein der sowjetischen bzw. russischen Einflusssphäre zugehöriges Land versucht, seinen eigenen Weg zu gehen.

Während im Zuge der ersten NATO-Erweiterung gen Osten führende europäische Politiker reihenweise nach Moskau fuhren, um der russischen Seite zu versichern, man plane nichts, was den Interessen Moskaus schaden könne, war es der Sicherheitsberater der amerikanischen Regierung, Zbigniew Brzezinski, der vor dieser Beschwichtigungspolitik warnte.

Brzezinski hatte begriffen, dass der Verzicht auf eine Erweiterung in Moskau nur als Signal verstanden werde, die eigene Einflusssphäre auszubauen. Für einen Staat wie die russische Föderation sei es unmöglich, über den Verlust des Grossmachtstatus hinwegzukommen.

In der Sowjetunion, so Eörsi, haben Millionen Russen in Armut gelebt, aber immerhin Stolz darüber empfunden, eine Supermacht zu sein. Auf der Woge dieses empfundenen Verlusts segelt Wladimir Putin. Und an dieser Stelle, so schreibt Totten in seinem Buch, kam man auf das Thema Ukraine zu sprechen.

Wäre im Westen der politische Wille vorhanden gewesen, so Eörsi, hätte die Ukraine innerhalb eines einziges Tages NATO-Mitglied werden können – so wie es auch der Fall war mit Griechenland und der Türkei. Diese Chance wurde vertan, weswegen Eörsi prophezeite, dass die Ukraine stärker ins Fahrwasser Moskaus geraten werde. 

Er sollte recht behalten: 2010 wurde der pro-russische Viktor Janukowitsch Präsident der Ukraine. 

Das war aber noch nicht alles: Totten weiss auch zu berichten, was geschah, bevor es zum russischen Einmarsch in Südossetien kam. Russische Fernsehsender, so berichtete ihm eine Georgierin, hätten seinerzeit Georgien als faschistisches Land gezeichnet, das von Nazis regiert werde.

Kommt einem das nicht bekannt vor?

03/12/14

Sympathien für ein autoritäres System

Woher kommt eigentlich das Verständnis, das so viele in Deutschland für Putins autoritäres Russland aufbringen? Dass die Krim einmal zu Russland gehört und Chruschtschow sie 1954 auf eine Weise an die Ukraine abgetreten hat, die nicht ganz völkerrechtskonform war, ist irrelevant. Nach dem Niedergang des Sowjetsystems hat Russland die Ukraine in ihren Grenzen spätestens 2001 vollständig anerkannt und sich darauf eingelassen, für die Stationierung der eigenen Schwarzmeerflotte einen Pachtzins zu bezahlen.

Dass die Ukraine zuletzt nicht mehr bereit war, den Pachtvertrag zu verlängern, hing mit der Europaorientierung des Landes zusammen, der eine militärische Anbindung an Russland entgegenstand. Präsident der Ukraine war damals Viktor Juschtschenko, der Opfer eines Dioxinanschlages wurde – der Verdacht liegt nahe, dass dies das Werk des russischen Geheimdienstes war.

Mittlerweile sah sich die Ukraine trotz geklärter Grenzfrage durch Russland in seiner territorialen Integrität bedroht, als letzteres einen Damm im Asowschen Meer zu bauen beabsichtigte. Die davon betroffene Strasse von Kertsch trennt Russland von der Krim. Die Ukraine sah darin schon damals ein Vorgehen, das dazu bestimmt war, die Annäherung des Landes an Europa zu behindern.

Auch der drastische Preisanstieg für Rohöl 2005, das die Ukraine ganz überwiegend aus Russland bezieht, dürfte als Disziplinierungsmassnahme zu verstehen gewesen sein. Die Teuerungsrate betrug damals fünfzig Prozent innerhalb weniger Monate. Dass die russische Wirtschaft schwach ist und aussenpolitische Krisen zur Stabilität des Systems beitragen, sollte dem Westen Anlass genug zur Wachsamkeit sein.

Das riesige Russland, das eine gemeinsame Grenze mit Norwegen ebenso wie mit China teilt, will sich mit Vasallenstaaten umgeben, die bei Unbotmässigkeit zurechtgestutzt werden. Und das im ganz wörtlichen Sinne: Georgien (Abchasien- und Südossetien-Konflikt) und Moldawien (Transnistrien-Konflikt) bieten unrühmliche Beispiele für die Willkür eines Grossstaates. Man darf nicht verkennen, dass Russland eine ausgeprägte anti-europäische und anti-westliche intellektuelle Tradition hat. Noch heute wird in Russland von Europa gesprochen, als sei es ein fremdes Land, notierte der britische Historiker Timothy Garton Ash.

Der Versuch von russischer Seite, die Ukraine zu beherrschen und sie dem eigenen Staatskörper einzuverleiben, ist jedenfalls nicht neu, sondern geht bis auf das 17. Jahrhundert zurück. Knapp hundert Jahre später hatte die russische Expansion eine Stossrichtung gen Schwarzes Meer eingemommen, das damals vom Osmanischen Reich beherrscht wurde. Dieses geriet mit der russischen Eroberung der Festung Asow auf der Krim im Jahre 1736 und dem Niedergang des Kosakenstaates unter massiven Druck.

Denn die osmanische Festungslinie, die Belgrad mit der Stadt auf der Krim verband, war nun zerstört worden. In den 1730er Jahren hatte Russland Festungen gebaut, die in einer “kaukasischen Linie” das Schwarze mit dem Kaspischen Meer verbanden. Zwar wurde Asow im Belgrader Frieden von 1740 Russland zugesprochen, doch hatte dieses sich u.a. zu verpflichten, Festungen zu zerstören und von einer Beschiffung des Schwarzen Meeres Abstand zu nehmen. Russland aber blieb hungrig.

Im Jahre 1771 unterwarf es die Krim, die die Osmanen im Vertrag von Küçük Kaynarca 1774 endgültig aufgeben mussten. Zugleich erhielt Russland ein Schutzrecht für die orthodoxen Christen unter osmanischer Herrschaft zugesprochen. Im Gegenzug rückte der Zar lediglich davon ab, die Uanbhängigkeit der Donaufürstentümer Moldau und Walachei von osmanischer Herrschaft zu fordern. Doch Russland blieb weiter hungrig.

Mitte des 19. Jahrhunderts fiel es dann in die Donaufürstentümer ein, angeblich um die Rechte der orthodoxen Christen im Osmanischen Reich zu schützen. Die Westmächte standen damals auf der Seite der Osmanen und griffen auf der Krim an. Russland erlitt eine Niederlage, doch erhielt es die besetzten Gebiete mit dem Pariser Kongress von 1856 offiziell wieder zurück. Dagegen drängten die Westmächte das Osmanische Reich zu inneren Reformen, um Russland keinen Vorwand für künftige Einmischungen zum Schutze der orthodoxen Minderheit mehr zu geben.

Muslimische Flüchtlinge hingegen, die ihre Heimat auf der Krim hatten verlassen müssen, kehrten nicht zurück. Sie liessen sich zunächst in Kleinasien und Rumelien nieder, bevor sie eine neue Heimat in Syrien fanden. Anfang des 20. Jahrhunderts betrug ihre Gesamtzahl in Syrien immer noch mehr als 30.000 und offenbar hatten sie sich nicht assimiliert, wie das britische Aussenministerium seinerzeit feststellte.

Heute bietet der Schutz der vermeintlich bedrohten russischen Minderheit wieder einmal den Anlass für die russische Expansion – und wieder einmal trifft es die Krim. Tatsächlich ist die Behauptung, Russen in der Ukraine seien gefährdet, mehr als fragwürdig. Das geleakte Telefonat zwischen dem estnischen Aussenminister Paet und der EU-Aussenbeauftragten Ashton ist zwar authentisch, als Indiz für einen gezielten Scharfschützenanschlag auf Russen aber wohl wertlos, wie das estnische Aussenministerium klarstellte.

Was die Rechtsradikalen betrifft, so kann man ihr Auftreten und ihre Rolle in der Ukraine kritisieren und anprangern – sollte es sogar! –, dies aber nicht zum Anlass nehmen, Putins Aussenpolitik zu legitimieren. Fragwürdig ist auch die Vorstellung, dass jeder, der Russisch spricht, sich automatisch zu Russland gehörig fühlt.

Das russische Aussenministerium hat unterdessen einen eigenen Sündenbock gefunden und beschuldigt Polen, Maidan-Kämpfer ausgebildet zu haben, was der polnische Verteidigungsminister Siemoniak zurückweist. Ohnehin fragt man sich in Polen und im Baltikum, wann Russland auf die Idee kommt, eine ähnliche Abspaltungspolitik zu betreiben, wie sie jetzt in der Ukraine zutage tritt.

Putin selbst hatte eine Annexion der Krim noch ausgeschlossen, als schon zwei Tage später die russische Staatsduma die rechtlichen Grundlagen für eine mögliche Annexion beriet. Tatsachen wurden auch dadurch geschaffen, dass Russland alle nicht-russischen Verbände auf der Krim als illegal betrachtet.

Hierzulande gibt es jedoch eine tolle Allianz aus Linken, Liberalen und Rechtskonservativen, die erstaunlich viel Verständnis für die russische Aussenpolitik aufbringen. Richard Herzinger hat in der “Welt” einiges zur Dimension des schwärmerischen Russlandbildes in Deutschland zusammengetragen. Natürlich muss Europa mit Russland in Frieden leben und natürlich sind gutnachbarschaftliche Beziehungen in beiderseitigem Interesse.

Bislang sind es aber das autoritäre System Putin und die anti-europäischen Kräfte Russlands, die dem entgegenstehen.

03/2/14

Blick zurück nach vorn

Noch nach fünfzig Jahren ist der überlieferte Briefwechsel zwischen Hans Blumenberg und Jacob Taubes aufschlussreich, wenn es um das intellektuelle Klima der 60er und 70er Jahre geht. Das gilt auch in Hinsicht auf den Umgang mit anderen Meinungen und Anschauungen seitens zweier Gelehrter in einer Zeit, in der der universitäre Betrieb noch stark von der Vergangenheit überschattet war.

Blumenberg, Philosoph zunächst in Giessen, dann in Münster, hielt überraschend wenig von Taubes, dieser von jenem aber umso mehr, wie der Briefwechsel, der im vergangenen Jahr aus dem Nachlass der beiden Gelehrten herausgegeben wurde, eindrucksvoll zeigt.1  Taubes umschmeichelte seinen Gesprächspartner bei jeder Gelegenheit, machte ihm Komplimente und versuchte, den Kontakt mit Blumenberg für sein Netzwerk am Laufen zu halten. Und das erfolgreich.

In einer längeren Passage über seine recht isolierte Stellung in der akademischen Gelehrtenschaft gab Blumenberg preis, dass er bei Gadamer nicht wohlgelitten war, wie er überhaupt für alle Heidegger-Schüler (zu denen auch Gadamer gehörte) als untragbar galt. Dies war der Fall, seitdem Blumenberg der Freiburger Fakultät schriftlich erklärt hatte, dass er die Tradition jenes Lehrstuhls “auf gar keinen Fall” respektieren wolle.2

Blumenberg hatte nach eigenen Worten “nie persönliche oder sachliche Sympathie für Martin Heidegger” und seinen Einfluss hielt er für “unselig”, doch — und das ist das eigentlich Bemerkenswerte — hinderte ihn dies nicht daran, gegen dessen “neuere Zensoren” aufzubegehren, wie er noch mehr als zehn Jahre später gegenüber Taubes bekundete.3 Von dieser Haltung sollte Blumenberg auch Jahre danach nicht abrücken.

Das war keineswegs selbstverständlich, Heidegger hatte doch seinerzeit für den Nationalsozialismus nicht nur Partei ergriffen, sondern — was er nach dem Krieg zu relativieren suchte – diese Parteinahme auch mit seiner Philosophie begründet. Davon berichtet ein anderer Philosoph, nämlich Karl Löwith, der 1936 auf einer Vortragsreise nach Rom ebendort auf Heidegger getroffen war und diesen unmittelbar mit der Behauptung konfrontierte, dass das eine sich aus dem anderen ergäbe.

Wie aus Löwiths 1986 erschienenen Memoiren hervorgeht, hatte Heidegger, der während seines gesamten Aufenthaltes in Rom das Parteiabzeichen trug, ihm ohne Vorbehalte zugestimmt. Blumenberg wiederum, der Löwiths Memoiren gelesen hatte, warf Heidegger eine obstruktive Haltung seiner eigenen Vergangenheit gegenüber vor, verteidigte aber dessen “Recht auf Irrtum” – wenn auch nicht ohne den ironischen Zusatz “… das er gründlich wahrgenommen hat”.4

Ähnlich verfuhr Blumenberg mit Carl Schmitt, mit dem er selbst das Gespräch gesucht hatte.5 Dass der damals fast neunzigjährige Schmitt von manchen gemieden wurde, dafür hatte Blumenberg Verständnis, doch kritisierte er die damit so oft einhergehende “Selbstdarstellung” und die “moralischen Zensoren”, “die an allen Ecken und Enden ihre Gerichtstage halten, wieder Schilder umhängen und Plätze auf der Skala zwischen Rechts und Links verteilen”, um dann zu entscheiden, wer als verbrannte Figur zu gelten habe und wer nicht.6

Aber auch  Taubes, politisch der Linken zugehörig, sollte Courage beweisen, und das nicht nur im Umgang mit Blumenberg, der oft konträre Positionen vertrat. So wollte Taubes keinen geringeren als Emil Cioran für ein Kolloquium einladen, einen erzreaktionären Denker, den er jedoch als “zu der ganz seltenen Spezies der Rechtsintellektuellen” gehörend bezeichnete. Dass Taubes dessen Ansichten schätzte, kann ausgeschlossen werden. Sein Motiv war ein anderes: “Die Linke, wenn sich selbst überlassen, wird schal und oberflächlich” – da brauchte man einen Widerpart.7

Heute herrscht in der Gesellschaft eine gewisse Leichtfertigkeit vor, Meinungen und Personen zu skandalisieren. Seit damals hat sich wenig geändert. Umso eindrucksvoller bleibt daher, welche Lust an der Kontroverse und welcher Sportsgeist einen Jacob Taubes und einen Hans Blumenberg noch ausgezeichnet haben.


  1. Hans Blumenberg und Jacob Taubes, Briefwechsel 1961-1981 und weitere Materialien, hrsg. von Herbert Kopp-Oberstebrink, Martin Treml, Anja Schipke und Stephan Steiner, Berlin 2013. 

  2. Blumenberg an Taubes, Giessen, 22.3.1965, in: Briefwechsel … (wie Fussnote 1), S. 48. 

  3. Blumenberg an Taubes, Münster, 24.5.1977, in: ebd., S. 174. Zum “unseligen Einfluss” s. Hans Blumenberg, Die Verführbarkeit des Philosophen, Frankfurt/Main 2005, S. 109. 

  4. Karl Löwith, Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933: Ein Bericht, Stuttgart 1986, S. 57, 88, zit. nach Blumenberg, Die Verführbarkeit … (wie Fussnote 3), S. 100-3. 

  5. Hans Blumenberg und Carl Schmitt, Briefwechsel 1971-1978 und weitere Materialien, hrsg. von Alexander Schmitz und Marcel Lepper, Frankfurt/Main 2007. 

  6. Blumenberg an Taubes, Münster, 24.5.1977, in: Briefwechsel … (wie Fussnote 1), S. 174. 

  7. Taubes an Blumenberg, Berlin, 20.9.1966, in: ebd., S. 103. 

02/13/14

Die EU, ihr Parlamentspräsident und das Wasser in der Westbank

Was der Anlass der Rede war, die EU-Parlamentspräsident Martin Schulz in der israelischen Knesset hielt, ist nicht ganz klar, es dürfte jedoch mit der Tatsache zusammenhängen, dass Schulz am Tag zuvor die Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität entgegengenommen hat. Dann konnte man ihn auch gleich in die Knesset einladen.

Auch wenn es nur “rechtsgerichtete” Abgeordnete waren, die während der Rede empört den Saal verliessen, so lässt der Vorgang jedoch tief blicken. Schulz, der glaubt, er habe eine “pro-israelische Rede gehalten“, hat letztlich nur gezeigt, dass auch er zu dem Heer derer gehört, die eine Meinung zum Nahostkonflikt haben, aber die Dinge weder analysieren noch sie verstehen wollen.

Das zeigt der Wortlaut der Rede nur zu deutlich, dessen Tenor darin besteht, dass der Konflikt ganz einfach zu lösen wäre, wenn sich die israelische Seite nur einen Ruck geben würde. Man müsse nur verhandeln, sich zurückziehen, weniger Wasser in der Westbank verbrauchen – und schon sei der Frieden nicht fern.

Klar, Frieden ist besser als Krieg, und haben nicht Itzchak Rabin, Schimon Peres und Willy Brandt gezeigt, wie weit man kommen kann, wenn man mit dem Feind verhandelt? Sind Kompromisse nicht besser als sturres Beharren auf der eigenen Position? Führen Besetzung und Siedlungsbau nicht zwangsläufig zu Terror? Und musste das nicht einmal gesagt werden?

Was Leute vom Schlage eines Martin Schulz allerdings nicht sehen, ist die Tatsache, dass Israel schon lange verhandelt, Kompromisse geschlossen und sich zurückgezogen hat. Doch hat Israel weder für das Oslo I-Abkommen, mit dem mind. 60% der Bevölkerung in der Westbank der Verwaltung durch die PA unterstellt wurden, noch für den Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon 2000 oder durch die Evakuierung der jüdischen Bevölkerung Gazas 2005 eine Friedensdividende erhalten. Im Gegenteil.

Auch beim Wasserverbrauch in der Westbank liegen die Dinge nicht so einfach. Zwar berichtet die palästinensische Wasserbehörde (die Website ist derzeit nicht erreichbar, nur ihr Auftritt auf Facebook), dass es ein Problem mit Wasserdiebstahl gibt und ebenso temporäre Konflikte über die Wasserverteilung mit der Siedlung Efrat. Auch werden Sabotageakte am Kanalisationssystem beklagt – zugleich wird eingeräumt, dass technische Probleme die Sabotageakte gar nicht nötig gemacht hätten.

Der zentrale Denkfehler, der nicht nur Schulz bei diesem Thema unterläuft, liegt jedoch in dem Irrglauben, es handele sich allein um Wasser aus der Westbank, das in der Westbank verbraucht wird und von dem die israelischen Siedler einen überproportional hohen Anteil für sich beanspruchen.

Tatsächlich gibt es einen Nettozufluss von Wasser aus Israel ins Westjordanland, von dem nicht nur die Siedler profitieren, sondern auch die Palästinenser. Wilde Brunnenbohrungen haben grundwasserführenden Schichten der Westbank ebenso zugesetzt wie sie in Gaza ein ökologisches Desaster verursacht haben.

Alles nur israelische Propaganda? Wer das glaubt, soll es beweisen. Dass den Palästinensern allein dadurch Unrecht geschehe, dass israelische Siedler mehr Wasser zur Verfügung haben, ist jedenfalls nicht schlüssig. Wie auch manch anderes Argument, das so gerne vorgebracht wird, wenn es um die Ursache des Nahostkonfliktes geht.

01/16/14

Die Hagia Sophia und das Ende des 1. Weltkrieges

Dass die Hagia Sophia in Istanbul wieder zu einer Moschee gemacht werden soll, ist ein Gedanke, der in der türkischen Politik und Öffentlichkeit immer wieder einmal aufkommt. Die Frage nach ihrer Bestimmung geht im wesentlichen bis auf das Jahr 1919 zurück, als in Paris die Friedenskonferenz tagte. Ein Artikel des Turkologen Klaus Kreiser in der “SZ” bietet eine gute Gelegenheit, sich einmal anzuschauen, welche Debatte damals ihrer Umwandlung in ein Museum vorausging.

Heute macht man sich kaum eine Vorstellung davon, wie gross seinerzeit die internationale Anteilnahme war, als es um die Zukunft der Hagia Sophia ging. Wer einmal im britischen Nationalarchiv in London ist, kann anhand der zahlreichen Dokumente zum Thema einen faszinierenden Einblick in diese Epoche gewinnen.

Die Hagia Sophia war mehr als nur eine Kirche, vielmehr ein Symbol griechischer und christlicher Präsenz am Schnittpunkt von Europa und Asien – aber eben auch Trophäe osmanischen Vordringens gen Westen. Jahrhundertelang diente sie dem osmanischen Staat als Hauptmoschee. In Europa tendierte man dazu, die Kirche in griechische Hände zu geben. 

Schon damals stand aber auch die Möglichkeit im Raum, sie in ein Museum umzuwandeln, seitdem der osmanische Kriegsminister Fethi Ahmed Paşa 1846 eine Antikensammlung  in der byzantinischen Kirche Hagia anlegte. Man hatte also schon ein Vorbild für die Säkularisierung von Kirchengebäuden.

Derweil hatte sich in London ein St. Sofia Redemption Committee gegründet, das die Zeit für beendet hielt, in der die Osmanen über die Kirche gebieteten. Das Committee hob hervor, dass selbst die Islamische Welt sich von osmanischer Grausamkeit abgewandt habe. Schon habe sich der Scherif von Mekka gegen den Sultan erhoben.

Mit dem Argument, die christlichen Bevölkerung bilde die “grosse Mehrheit” in Konstantinopel, sei es allein von daher nur gerecht, die Hagia Sophia den Christen zu überlassen, während die Muslime doch andere Grossmoscheen zur Verfügung haben, darunter die Süleymaniye-Moschee. Auch habe die Hagia Sophia für die Muslime nicht die Bedeutung wie für Christen, zumal auch Konstantinopel keine den Muslimen heilige Stadt sei. Der muslimische Anspruch auf die Hagia Sophia sei doch eher ein politischer.

Dagegen verabschiedete die Anglo-Osmanische Gesellschaft im März 1919 eine Resolution, die von der Tatsache ausging, dass die Hagia Sophia nunmehr 500 Jahre die Hauptmoschee im Herzen der Islamischen Welt gewesen sei. Ohnehin sei die Mehrheit der Bevölkerung von Konstantinopel und dessen Umland türkisch bzw. islamisch, und nicht griechisch bzw. christlich.

Diese Haltung traf in der britischen Diplomatie auf ein gewisses Verständnis. Im britischen Aussenministerium wurde darauf hingewiesen, dass Religionsfreiheit und die Gleichbehandlung der Religionen eine Sache sei, die Übergabe der Hagia Sophia an die Griechen jedoch eine andere. Die ganze Frage um die zukünftige Bestimmung der Hagia Sophia war auch deshalb so heikel, weil allgemein die Gefahr gesehen wurde, dass die Rückgabe der Kirche an die christliche Bevölkerung mit der Notwendigkeit verbunden sein könnte, die Türken aus Konstantinopel zu vertreiben. Diese Furcht war nicht ganz von der Hand zu weisen.

Im Verlauf der Debatte meldete sich nämlich auch eine Gruppe von Angehörigen der Universität Oxford in einem gemeinsamen Brief an die Teilnehmer der Friedenskonferenz zu Wort. Da die osmanischen Herrscher als auch die Bevölkerung sich unfähig gezeigt hätten, über andere Völker und Religionen zu gebieten, so argumentierten sie, müsse eine Politik her, die ein Ende der osmanischen Herrschaft in Europa sicherstelle. Anderenfalls würde ihre Präsenz eine schwärende Wunde bilden und unablässig Zwietracht hervorrufen.

Die Ostkirche galt den Unterzeichnern als “wahre Erbin derer, die sie bauten”, an sie die Hagia Sophia zu übergeben bestehe grösste Notwendigkeit. Die osmanische Hoheit über die Kirche sei Ausdruck der Dominanz einer Religion über eine andere. Auch die Unterzeichner glaubten, dass die Griechen den grössten Teil der Bevölkerung ausmachten, die überdies Abkömmlinge der einstigen byzantinischen Herrscher und damit legitime Erben der Hagia Sophia seien.

Die Anglo-Osmanische Gesellschaft – die sich nach eigenen Angaben aus englischen Bürgern zusammensetzte, denen “Grossbritannien als muslimische Macht” eine Herzensangelegenheit sei – war dagegen der Auffassung, dass der politische Verlust Konstantinopels ein ausreichend sichtbares Zeichen für das Ende der osmanischen Vorherrschaft sei. Eine Rückgabe der Hagia Sophia an die Christenheit würde erneut religiöse Leidenschaften im Nahen Osten entfachen und damit den Zielen gerade der Friedenskonferenz entgegenstehen.

Man hielt es für unverantwortlich, allein zur Befriedigung der nostalgischen Gefühle einiger Individuen die Saat des Verderbens auszustreuen. Bevor ein noch so prächtiges Gebäude wie die Hagia Sophia zum Grund für Hass und Blutvergiessen werde, solle man es doch besser dem Erdboden gleichmachen. Das britische Aussenministerium freilich gab zu verstehen, dass das Argument der Verletzung religiöser Gefühle zwiespältig sei: schliesslich hätten auch Christen religiöse Gefühle.

Das Aussenministerium umtrieb aber noch eine weitere Sorge, dass nämlich die Geheimhaltung der Friedensverhandlungen auf eine römisch-katholische Intrige gegen das Foreign Office förderlich wirke. Gewisse Vertreter des Vatikan, so hiess es in einem internen Bericht, setzten alles daran, die Rückkehr der Hagia Sophia in den Schoss der Orthodoxie zu verzögern, weil sie insgeheim hofften, in einem günstigen Moment selbst die Kontrolle über das Gebäude zu übernehmen.

Der Vatikan glaube, politisches Kapital aus den Unruhen in Ägypten und dem Aufruhr der Hindus in Indien schlagen zu können, wenn Grossbritannien sich gezwungen sähe, den Muslimen zur Beruhigung der Lage Zugeständnisse zu machen – z.B. in Form einer Überlassung der Hagia Sophia in türkischen Händen. Dies habe man aber ohnehin nicht vor, würde es doch nur dazu führen, dass die Muslime der übrigen Länder Grossbritannien mit Verachtung schlügen. Auch wäre dies ein Verrat an christlichen Interessen und würde nur dazu führen, dass die englischen Gläubigen auf die Barrikaden gingen – was nur der päpstlichen Vorherrschaft im Osten Europas in die Hände arbeiten würde.

In diesem Sinne wurde das vatikanische Argument auch von osmanischer Seite bemüht: Als die Kunde bis nach Konstantinopel gedrungen war, dass sich in England und anderen Ländern Gesellschaften mit dem Ziel formierten, die Hagia Sophia wieder zu einer griechischen Kirche zu machen, wandte sich das osmanische Aussenmininsterium an den britischen Staatssekretär im Büro des Hochkommissars, Sir Thomas Hohler. Dieser unterbreitete einen Kompromissvorschlag, der die Hagia Sophia zu einem rein architektonischen Monument machen sollte. Allerdings wollte man die Entscheidung der Friedenskonferenz abwarten.

Das osmanische Aussenministerium war davon nicht übermässig begeistert und verwies auf ein angebliches Telegramm des päpstlichen Delegaten, demzufolge der Vatikan die Auffassung vertrete, die Hagia Sophia solle in muslimischen Händen verbleiben und die Rückwandlung in eine griechische Kirche sei nicht erstrebenswert. Tatsächlich sollte Hohlers Vorschlag derjenige sein, der am Ende umgesetzt wurde – von Mustafa Kemal Paşa, dem späteren Atatürk.

01/15/14

Zum Tode von Ariel Scharon

Bei all den Nachrufen auf Ariel Scharon scheint mir ein wichtiger Aspekt zu kurz gekommen, der für eine abschliessende Würdigung seiner Lebensleistung von Bedeutung ist. Sharon nämlich verkörperte eine israelische Tradition – und das im besten Sinne des Wortes.

Israel kann immer nur aus einer Position der Stärke heraus der arabischen Seite die Hand zum Frieden zu reichen, niemals aus einer Position der Schwäche. Das Land darf sich auch keinen verlorenen Krieg leisten, die arabischen Nachbarstaaten haben diesen Nachteil nicht.

Erst wenn Israel als Sieger dasteht und nicht der leiseste Schatten eines Verdachtes auf ihm lastet, nur aus Schwäche zum Frieden gewillt zu sein, kann es sich auf Verhandlungen einlassen. Dafür standen Yitzchak Rabin und Ehud Barak genauso wie Ariel Scharon – Persönlichkeiten, die stark genug waren, im Zweifelsfalle auch unpopuläre Massnahmen umzusetzen und die israelische Bevölkerung für diese zu gewinnen.

Die palästinensische Seite wäre gut beraten, in starken israelischen Führern eher eine Chance denn einen Fluch zu sehen. Nicht Friedensaktivisten, Publizisten oder Politiker von ausserhalb können den Palästinensern helfen, ihren eigenen Staat zu erlangen, sondern Leute vom Schlage eines Ariel Scharon.

Daran, dass diese Lektion gelernt wurde, kann man freilich Zweifel haben: Der Sprecher der PA, Jibril ar-Rajoub, bezeichnet Scharon als “Verbrecher”, während die Hamas sein Ableben als “göttliches Zeichen und Lektion für alle Tyrannen” bejubelt und auf den Strassen Süssigkeiten verteilt.