Orientschwärmerei und Kulturrelativismus

Zu den Paradoxien des Postkolonialismus im Gefolge eines Edward Said gehört die Tatsache, dass ihre Anhänger in der erklärten Absicht, ein dichotomisches Weltbild zu überwinden, einem ebensolchen das Wort reden. Das gilt vor allem, wenn von den islamischen Ländern die Rede ist.

Ein aktuelles Beispiel liefert Charlotte Wiedemann (auch hier), die verschiedene Versatzstücke des arabischen Nationalismus und Islamismus ungeprüft für bare Münze nimmt. Hier steht aber nicht nur Said Pate. Leider ist sie auch auf Pankaj Mishra hereingefallen, einen populären Geschichtszuschneider, der eine ganze eigene anti-westliche Agenda hat.

Ich habe es schon an anderer Stelle angesprochen: Wer sich jemals mit der Arabischen Welt  des 19. Jahrhunderts beschäftigt hat, der weiss um die Massen an Schriften, in denen sich arabische Intellektuelle am Westen, vor allem an Frankreich, abgearbeitet haben.Der wohl bedeutendste ägyptische Intellektuelle des 20. Jahrhunderts, Ṭāhā Ḥusayn, hielt die Hinwendung zu Paris für vollkommen natürlich, weil die geistige Elite jeder Epoche ein intellektuelles Zentrum gekannt habe, angefangen mit Athen.

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Signale aus der Grauzone

In meiner Studienzeit hatte ich einen Kommilitonen, mit dem ich mich gut verstand und der eigentlich ganz anders heisst, hier aber Tayfun genannt werden soll. Tayfun war ein netter Kerl, damals, Ende der Neunziger. Weil er in seinem Wohnheim keinen Fernseher hatte, kam er häufiger zu mir, um die Nachrichten zu schauen.

Er war ein gläubiger Muslim, hielt sich an die Speisevorschriften und führte auch sonst ein recht asketisches Leben, hatte aber auch Humor. Anderen Menschen begegnete er mit der Coolness eines Sufis, der dieser Welt enthoben ist. Naja, nicht ganz enthoben, er war auch immer hinter den Frauen her. Tayfun nahm an interreligiösen Treffen teil und lebte einen Islam des Friedens und der Mitmenschlichkeit. Gewalt lehnte er ab.

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Das Sandmännchen als Gesetzgeber

Mit dem neuen Jahr tritt u.a. das Gesetz über den Mindestlohn in Kraft (MiLoG), der eine neue Ära staatlicher Kontrolle einleitet, wie sein Kritiker Roland Tichy, ehemaliger Chefredakteur der “Wirtschaftswoche”, fürchtet. Wenn das stimmt, dann ist dies nur ein weiterer Beleg dafür, dass grosse Koalitionen der parlamentarischen Demokratie nicht wohl bekommen. Denn Widerstand aus den Reihen der Abgeordneten gab es offenbar keine, das Gesetz wurde einfach durchgeboxt:

Keiner hatte im Verlauf der Lesungen im Bundestag diese Total-Kontrolle bemerkt. Ein Gesetz unbemerkt durch den Bundestag mit seinen über 700 Abgeordneten zu schleusen – das ist wirklich ein Lehrstück in Sachen Demokratie. Aber die MdBs von SPD, CDU und CSU heben eben zu jedem Gesetz brav die Hand; und die Opposition aus Grünen und Linken ist ohnehin aus ideologischen Gründen für Bürokratie und Ausbau des Überwachungsstaates. Das nennt man parlamentarisches Totalversagen.

Aus diesem Vorgang lässt sich auch ein verkürztes Verständnis von Demokratie herauslesen: Demokratisch ist demnach alles, was eine Mehrheit auf sich vereinigen kann. Ein Bewusstsein für die Gefahren einer heraufdämmernden “Tyrannei der Mehrheit” ist in Deutschland denn auch nur schwach ausgeprägt. Nicht umsonst waren es vor allem angelsächsische Theoretiker, die davor warnten, in jüngerer Zeit vor allem Isaiah Berlin und Samuel P. Huntington. Continue reading Das Sandmännchen als Gesetzgeber