Hisbollah und die Umkehrung der Fakten

Stellen Sie sich vor, eine Gruppe von Neonazis in Deutschland würde von einer ausländischen Macht mit einer stetigen und umfangreichen Waffenlieferung bedacht, infolgedessen sie zu einem so gewaltigen Machtfaktor würden, dass der Staat damit überfordert wäre, ihre Strukturen zu zerschlagen. Stattdessen bliebe dem deutschen Staat nichts übrig, als sich mit den Neonazis zu arrangieren und es zu tolerieren, wenn diese im Land Strassensperren errichten und Menschen nach Belieben festnehmen.

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Sie wollen doch nur Israel kritisieren!

Kritik an Israel sei kein Antisemitismus per se und manches Verhalten von israelischer Seite lade zur Verurteilung ein, schrieb einmal der Historiker Walter Laqueur, der zugleich daran daran erinnerte, dass Israel nicht an Holland oder die Schweiz grenze, sein Überleben in einer feindseligen Umgebung daher nicht möglich sei, ohne sich “an die örtlichen Gepflogenheiten” zu halten. Damit ist eine Trennlinie zwischen legitimer Kritik an der israelischen Politik und einem Antisemitismus, der sich vorgeblich gegen Israel richtet, angedeutet.

Die Holocaust Remembrance Alliance, eine vom ehemaligen schwedischen Ministerpräsidente Göran Persson initiierte Organisation, hat einen nachvollziehbaren Katalog an Äusserungen zusammengestellt, der Klarheit schafft, wo der Antisemitismus anfängt, wenn es um Juden oder um Israel geht. Die Kritik an der Politik der israelischen Regierung gehört auch hier grundsätzlich nicht dazu. Wer hingegen Israel die Legitimität abspricht, von ihm ein Verhalten fordert, dass seiner Selbstzerstörung gleichkommt oder seine Politik in Analogie zum Morden der Nazis setzt, der ist ein Antisemit.

Doch nun ist etwas passiert, was in akademischen Zirkeln Deutschlands für Wirbel sorgt. Da hat es doch tatsächlich die Hochschulrektorenkonferenz gewagt, auf ihrer Mitgliederversammlung am 19. November, ein Forum deutscher Universitäten und anderer Hochschulen, sich in einer Entschliessung ebenjene Arbeitsdefinition für Antisemitismus der Holocaust Remembrance Alliance zu eigen zu machen. Damit setzt sie Massstäbe dafür, was die Hochschulen an Meinungsäusserungen im eigenen Haus hinzunehmen bereit sind.

Diese Entschliessung ist ein kleines Wunder, denn die Geisteswissenschaften bilden schon seit langem eine Monokultur, wenn es um gewisse Themen – Israel, Islam, Nahost, USA, Terrorismus etc. – geht. Daher überrascht es nicht, wenn einige Akademiker jetzt Sturm gegen den Kurs der HRK laufen, sich aufplustern und in gelehrter Pose daherdozieren, warum die Entschliessung den Grundsätzen guten Definierens nicht genüge. Die Vermutung liegt nahe, dass solche Leute vielmehr ein kategorisches Problem mit Israel haben.

Wie konnte es dennoch zu der Entschliessung kommen? Die Erklärung ist denkbar einfach: Im Präsidium der HRK bilden Natur-, Wirtschaftswissenschaftler und Ingenieure die Mehrheit – Leute also, die mit den kulturrelativistischen Sperenzchen, die in den zeitgenössischen Geisteswissenschaften so en vogue sind, eher wenig anzufangen wissen und denen man kaum eine Obsession für den jüdischen Staat nachsagen kann.

Sicherlich lässt sich darüber streiten, ob eine Hochschulrektorenkonferenz überhaupt solcherlei Vorgaben machen soll, allerdings ist die Arbeitsdefinition, anders als ihre Kritiker meinen, durchaus solide, weil sie eine Kritik an der israelischen Politik pauschal eben nicht als Antisemitismus verstanden wissen will, sondern einzig das, was Juden und den Staat Israel dämonisiert und an sie andere moralische Massstäbe anlegt als an andere Gruppen oder Staaten.

Ohnehin ist die ganze Aufregung darüber, dass mit der Entschliessung die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit an deutschen Hochschulen bedroht sei, nicht nur heuchlerisch, weil bisher das Pendel in der entgegengesetzten Richtung verharrte und jeder, der im Verdacht stand, pro-israelisch zu sein, mit einem Karriereknick rechnen musste, sondern auch grundlos, weil sie nichts ändern wird.

Denn das ist die ernüchternde Erkenntnis: Letztlich ist der Schritt der HRK ein rein symbolischer Akt, der an der Realität geisteswissenschaftlicher Fakultäten vorbeigeht. Dort wird man weniger eine offene Dämonisierung Israels finden als vielmehr ein subtiles Ressentiment, das sich in einseitiger Parteinahme für die Palästinenser und in einer grundsätzlichen Verständnislosigkeit für den israelischen Kampf gegen den Terrorismus äussert, von dem Laqueur sprach.

Diese Einseitigkeit, zu der auch immer gehört, das iranische Regime schönzureden, befindet sich damit gewissermassen unterhalb des Radars der HRK-Entschliessung. Das mag man gut oder schlecht finden. Von einer Bedrohung für die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit kann aber gerade deshalb keine Rede sein. Die HRK hat einfach ein Zeichen gesetzt – nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Führende Experten gegen Israel

Wenn es um Fussball oder den Nahen Osten geht, wimmelt Deutschland von Experten. Eine Gruppe von sechzehn Akademikern mit Doktortitel, denen die Redaktion der “Zeit” ehrfurchtsvoll attribuiert, “führende Experten für die Region” zu sein (damit auch ein wenig akademischer Glanz auf das eigene Haus fällt), hat nun in einer Stellungnahme Bedenken gegen die Verurteilung der BDS-Bewegung durch den Bundestag geäussert – so verdruckst, wie nur führende Experten das können.

Es geht um die BDS-Bewegung, die der Bundestag als antisemitisch verurteilt hat. BDS steht für Boykott, Desinvestitionen, Sanktionen. Dahinter steht die Absicht, Israel wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, was sich in der Stellungnahme so liest: Die BDS-Bewegung sei eine Bewegung, “die Israel gewaltlos unter Druck setzen soll, damit es aufhört, palästinensische Rechte zu verletzen. Konkret geht es der Bewegung um (…) die Gleichstellung der palästinensischen Bürgerinnen und Bürger Israels und die Anerkennung des völkerrechtlich verbrieften Rückkehrrechts der palästinensischen Flüchtlinge.”

Es geht also um eine Ende der seit 52 Jahren dauernden Besatzung. Von dem Abzug israelischer Truppen aus dem Südlibanon im Jahre 2000 und der Räumung des Gazastreifens 2005 haben die “führenden Experten” noch nie etwas gehört. Auch nicht davon, dass Israel nach jedem Abzug den Kürzeren gezogen hat: Im Libanon erstarkte die Hisbollah, im Gazastreifen die Hamas.

“(…) antisemitische Straftaten verzeichneten in den vergangenen Jahren deutlichen Zuwachs und gehen ganz überwiegend auf das Konto von Rechtsextremen. Dagegen ist BDS hierzulande nach Einschätzung des Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus eine zu vernachlässigende Größe.” Die BDS-Bewegung ist also antisemitisch, dies fällt aber nicht ins Gewicht. Aber nicht nur der Rechtsextremismus bereitet den “führenden Experten” grössere Sorgen, sondern vor allem die Israel-Lobby, die in Deutschland den Ton angibt:

“Offizielle und selbsternannte Repräsentanten der israelischen Regierung intervenieren regelmäßig, um israelkritische Veranstaltungen in öffentlichen Räumen und an Universitäten zu verhindern, um die Arbeit der politischen Stiftungen vor Ort einzuschränken und so ihre Lesart der nahöstlichen Geschichte durchzusetzen.” Wieviele israelkritische Veranstaltungen in Deutschland stattgefunden hätten, wenn nicht offizielle und selbsternannte Repräsentanten der israelischen Regierung interveniert hätten, wissen wohl nur unsere “führenden Experten”.

Erstaunlich, dass an deutschen Universitäten Veranstaltungen zum Thema Israel und Nahostkonflikt meist so einseitig personell bestückt sind, dass man sich wünschte, es gäbe derlei Interventionen. Dass die politischen Stiftungen mitunter eine fragwürdige Rolle im Nahen Osten spielen, ist den “führenden Experten” keine Silbe wert. Das gilt auch für das Jüdische Museum Berlin, das Berichten zufolge so einseitig anti-israelisch in seinen Veranstaltungen ist, dass man sich fragt, warum die Bundesregierung (die zu etwa 75% das Museum finanziert) so etwas unterstützen sollte.

“Dabei handelt es sich um eine breit angelegte Kampagne der israelischen Regierung, für die vor allem das Ministerium für strategische Angelegenheiten verantwortlich zeichnet. Sie zielt darauf ab, Kritik an israelischer Regierungspolitik pauschal als antisemitisch zu diskreditieren, Kritiker als Terroristen oder Antisemiten zu dämonisieren und ihre Unterstützer einzuschüchtern.” Denn natürlich steckt die israelische Regierung dahinter, die eine “Kampagne” initiiert hat, als ob es nicht auch unabhängige Kritiker des Jüdischen Museums gegeben hätte.

Der Jude ist heimtückisch. Alles unterläuft und hintergeht er, was der gute Deutsche mit soviel Herz und Engagement auf die Beine bringt: “Was uns allen am Herzen liegt, ist Antisemitismus dort zu bekämpfen, wo er eindeutig zutage tritt, und dabei die Grundrechte zu wahren und zu schützen.” Wer solche Sätze zustande bringt, muss das Gemüt einer Bulldogge haben. Wer aber sind die Unterzeichner, die von der “Zeit” als “führende Experten für die Region” bezeichnet werden?

Dazu gehört Helga Baumgarten, eine “Spezialistin für arabische Widerstandsbewegungen“, wie Hisbollah und Hamas in progressiven Kreisen genannt werden. Im Interview mit dem “Eurasischen Magazin” gibt sie Erstaunliches zu Protokoll: Die Hisbollah ist keine iranische Marionette, nur weil sie von Teheran Waffen bekommt (und ideologisch mit dem Regime auf einer Linie liegt); der Krieg im Libanon hingegen, den Israel gegen die Hisbollah geführt hat, war von langer Hand vorbereitet und Teil einer “US-amerikanischen neokonservativen Strategie”. Baumgarten macht sich die islamistische Propaganda also zu eigen, anstatt sie kritisch zu hinterfragen.

Oder Gudrun Krämer. Krämer hat es geschafft, in ihrer Habilitationsschrift über Hassan al-Banna zu sprechen, ohne den Antisemitismus der Muslimbrüder und ihre Unterstützung des Terrorismus mit einem Wort zu thematisieren. Den “Global Mufti” Yusuf al-Qaradawi bezeichnet sie als “moderat”, weil er nicht zur Gewalt gegen andere aufrufe, sondern nur gegen “fremde Besatzung, Kolonialismus, Zionismus und Israel.” (s. Clemens Heni, Schadenfreude: Islamforschung und Antisemitismus in Deutschland nach 9/11, Berlin 2011: 148-9, 156.)

Oder Achim Rohde. Was dessen Doktorarbeit betrifft, so kritisiert der Antisemitismusforscher Clemens Heni, dass darin eine Täter-Opfer-Umkehr stattfinde, und resümiert: “Rohde ist kein Holocaustleugner; vielmehr möchte er die arabischen bzw. muslimischen Antizionisten ermuntern, die Shoah anzuerkennen, um dann Israel besser mit antizionistischen Invektiven attackieren zu können.” (Ebd. 126.)

Oder Rachid Ouaissa. Der Marburger Politologe hat vor einigen Jahren ein tolles Projekt initiiert: Einen konstruktiven Austausch mit “gemässigten Islamisten” aus dem arabischen Raum, wobei unter “gemässigt” der Verzicht auf Gewalt sowie die Anerkennung rechtsstaatlicher Prinzipien verstanden wird. Fragt sich nur, ob sie sich an beides auch dann noch halten, wenn diese gemässigten Islamisten erst einmal an die Macht gelangt sind. Zu den Akteuren, die konkret gemeint sind, gehören u.a. die Muslimbrüder, deren Gewaltbereitschaft gegen Israel in einem Papier zweier Mitarbeiter des Projekts mit keinem Wort erwähnt wird. Doch, doch, für so etwas kann man in Deutschland erfolgreich öffentliche Mittel einwerben.

Oder Astrid Meier. Ausweislich ihrer Publikationsliste hat sie nur ein einziges Buch als alleinige Autorin verfasst: Ihre Doktorarbeit. Über eine Habilitation oder adäquate Publikationen – unabdingbar für den Erhalt einer Professur – ist nichts bekannt. Dass Leute auf Lehrstühle berufen werden, die neben ihrer Doktorarbeit keine weitere Monographie vorzuweisen haben, ist mittlerweile schon zur Regel geworden. Solche Leute versuchen ihr Defizit gerne dadurch zu verschleiern, dass sie in ihrer Publikationsliste eigene Sammelbände mit ihrer Doktorarbeit vermengen. So auch Astrid Meier: In der Rubrik “Bücher” führt sie fünf Titel auf, was auf den ersten Blick wirkt, als habe man es hier mit einem akademischen Schwergewicht zu tun. Sieht man genauer hin, stellt man fest, dass vier der fünf Titel lediglich Herausgeberschaften und eine Co-Autorenschaft sind! Man möchte gar nicht wissen, welcher Uni-Filz wohl verantwortlich dafür sein mag, dass eine augenscheinlich minder qualifizierte und mit 56 Jahren überdurchschnittlich alte Wissenschaftlerin eine Professur erhalten hat.

Das sind also einige derjenigen, die die “Zeit” als “führende Experten” bezeichnet. Wenn sich ein paar Akademiker mit Doktortitel zusammentun, geht man in der Redaktion der “Zeit” vor Ehrfurcht in die Knie. (Zur Verteidigung der “Zeit” muss man sagen, dass sie, anders als der “Spiegel”, über keinerlei Mechanismen der Qualitätssicherung verfügt, diese also auch nicht versagen können. Nur so erklärt sich, warum das Blatt einen Gastbeitrag abgedruckt hat, dessen Autorin behauptet, als 19-Jährige mit ihrem besten Freund eine kleine Klinik in einem grossen Slum von Neu-Delhi gegründet zu haben. Dass dies offensichtlicher Mumpitz ist, musste der “Zeit” erst vom “Spiegel” gesteckt werden.)

Anders als unsere “führenden Experten” glauben machen wollen, fordert die BDS-Bewegung u.a. ein Rückkehrrecht für die palästinensischen Flüchtlinge, was bei mehr als sieben Millionen schlicht und einfach die Vernichtung Israels bedeuten würde. Die Bewegung selbst interessiert sich überdies nicht die Bohne dafür, warum Israel den Gazastreifen abriegelt und sogar abriegeln muss. Denn Hamas und Hisbollah haben jeden Rückzug Israels immer nur als Schwäche ihres Gegners verstanden, jegliche Form von Koexistenz liegt ausserhalb ihrer Vision von Nahen Osten – wie auch ausserhalb des intellektuellen Horizontes unserer “führenden Experten”.

Die Verurteilung der BDS-Bewegung durch den Bundestag als antisemitisch wird von den “führenden Experten” mit dem scheinheiligen Argument abgelehnt, sie helfe nicht gegen den Antisemitismus. Dabei gibt es keinen Grund, warum die Bundesregierung eine solche Bewegung unterstützen sollte, zumal diese auch nicht daran denkt, nur einzelne Personen oder Institutionen in Israel zu boykottieren, sondern sich gegen Israel als ganzes richtet.

Dieselbe BDS-Bewegung also, die völlig undifferenziert Israel zum allein Schuldigen des Nahostkonflikts macht, soll nun bitte ganz differenziert betrachtet werden. Das ist die Tragödie der Guten: Unfähig und unwillig, in Angehörigen muslimischer Kulturen etwas anderes als Underdogs zu sehen, die man permanent in Schutz nehmen muss, sind sie dazu verurteilt, der islamistischen und israelfeindlichen Propaganda immerfort auf den Leim zu gehen.


Nachtrag 17. Juli 2019

In der FAZ wirft Thomas Thiel der BDS-Bewegung Feigheit vor, “ihr auf Umwegen formuliertes Ziel, die Zerstörung Israels”, offen auszusprechen. Die unseligen Rollen von Bundespräsident Steinmeier und der Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer prangert der Autor dabei ebenso an wie die der amerikanischen Verbände der Orientalismus-, Nahost- und Sprachwissenschaften, die sich schon früh der BDS-Bewegung angeschlossen haben.

Nachtrag 20. November 2020

Eine der Unterzeichnerinnen, Ulrike Freitag, versucht im “Tagesspiegel”, den Islamismus zu relativieren, nimmt den Islam und postkoloniale Theorien in Schutz und setzt sich für eine “kritische Befragung der eigenen Gesellschaft” ein – mit einem Wort: Sie verkörpert all den Mumpitz, der an den Universitäten reflexartig vorgebracht wird, wenn es um das Thema Islamismus geht.

Mit Extremisten reden – über Israel!

Können Sie sich vorstellen, mit einem Nazi eine Diskussion darüber zu führen, ob es lebensunwertes Leben gibt? Ob es Bevölkerungsgruppen gibt, die man vielleicht umbringen sollte? Absurde Vorstellung, oder?

Ganz so schlimm war es zwar nicht, als Peter Schäfer, Direktor des sog. Jüdischen Museums in Berlin, und Ali Moujani, “Kulturrat” des iranischen Mullahregimes, bei einem Tee zusammensassen und über Iran, Jerusalem und Israel und darüber plauderten, dass Antizionismus und Antisemitismus nicht gleichzusetzen seien. Jedenfalls wurde nicht darüber geredet, ob Israel auszulöschen sei. Schliesslich musste der iranische Gast auf deutsche Befindlichkeiten Rücksicht nehmen.

Aber mit dem Funktionär eines Regimes wie dem iranischen, dessen oberste Repräsentanten wiederholt mit der Vernichtung Israel gedroht und sein baldiges Ende prophezeit haben, wobei ihre Sprachwahl keinen Zweifel daran lässt, dass die Vernichtung Israel mit Gewalt herbeigeführt werden soll, überhaupt ein Gespräch über Israel zu führen, ist schon ein Stück aus dem Tollhaus.

Natürlich ist Antizionismus, also die Ablehnung bzw. Delegitimierung des Staates Israel nicht gleichzusetzen mit Antisemitismus. Aber Antizionismus ist eine Teilmenge von Antisemitismus. Denn wer dem Staat Israel seine Existenzberechtigung abspricht, kann ebenso gut jedem anderen Staat die Existenzberechtigung absprechen. Wer letzteres nicht tut, ersteres aber schon, muss sich fragen lassen, warum er Israel mit anderen Massstäben misst.

Der Judaist Peter Schäfer har davon natürlich keinen Schimmer. Mit dem Vertreter eines extremistischen Regimes, das den Holocaust leugnet, Terrorgruppen im Ausland finanziert und eine aggressiv-militante Rhetorik pflegt, über Israel zu reden, das kann man in Berlin eben nirgendwo so gut wie im Jüdischen Museum, das sich gewiss besser in Antijüdisches Museum umbenennen sollte.

Dass die Einzelheiten, wie sie ins Netz gelangten, vom Jüdischen Museum nicht autorisiert wurden, ist nebensächlich. Weder wurde dementiert, dass die Begegnung stattfand, noch, dass über Israel gesprochen wurde. Sollte die öffentliche Empörung über den Besuch von Ali Moujani wachsen, wird dem Jüdischen Museum schon ein Weg einfallen, sich aus der Lage herauszuwinden. Notfalls beruft man sich auf einen Übersetzungsfehler. Andere sind damit auch schon durchgekommen.

Narrentage bei der SPD

Als Bürger kann man alles mögliche fordern, als Diplomat übt man die Kunst der Zurückhaltung. Doch auch die Diplomatie hat Spielraum, den sie nutzen kann. Glückwunschtelegramme an ein Henkerregime sind jedenfalls kein Muss. Ein solches Henkerregime ist der Iran.

Dass Deutschland mit diesem Land diplomatische Beziehungen pflegt, ist kein Skandal. Schliesslich haben wir dort Interessen. Die Beziehungen gehen aber nicht zugrunde, wenn wir darauf verzichten, einem so hässlichen Regime wie der Islamischen Republik zu ihrem vierzigjährigen Bestehen zu gratulieren. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kann die Aufregung über sein Glückwunschtelegramm nicht verstehen, schliesslich stehe dieses in einer Tradition, die auf das Jahr 1980 zurückgeht.

Doch gab es auch Zeiten, da diese Tradition nicht gepflegt wurde. Das war zwischen 2007 und 2013 der Fall, als die Bundespräsidenten Horst Köhler und Christian Wulff, beide CDU, hiessen. Erst mit Joachim Gauck, dem Vorgänger im Amt von Steinmeier, wurde diese unselige Tradition wieder aufgenommen. Auf iranischer Seite fallen die Jahre 2007 bis 2013 in die Amtszeit von Mahmoud Ahmadinejad.

Manchen genügt das als Begründung dafür, warum es von deutscher Seite in dieser Zeit keine Glückwünsche zum Jahrestag der Revolution gab. Ahmadinejad nämlich gilt als Hardliner, der amtierende iranische Präsident als moderat. Dass unter Rouhani das Regime jedoch nicht weniger repressiv und brutal ist als unter Ahmadinejad, lässt sich für jeden, der es wissen will, leicht in Erfahrung bringen.

Der tiefere Grund für die deutschen Glückwünsche dürften vielmehr darin liegen, den sog. “Atom-Deal”, eigentlich ein gemeinsamer Handlungsplan (JCPOA), um jeden Preis am Leben zu erhalten. Dass europäische Staaten mit dem Iran einen Handel eingegangen sind, um diesen an der Entwicklung nuklearer Waffen zu hindern, ist zwar grundsätzlich nicht zu beanstanden.

Allerdings hatte der JCPOA von Anfang an den Konstruktionsfehler, dass der iranischen Führung dadurch massenhaft Gelder zuflossen, die an Terrorgruppen im Ausland weitergeleitet wurden. Dass dies nicht gegen das JCPOA verstösst, weil es auf die Atomwaffen-Problematik begrenzt ist, lässt es unsinnig erscheinen, denn dadurch sollte die Welt sicherer werden, nicht unsicherer.

Das war der Geburtsfehler des JCPOA. Als die USA unter Präsident Obama noch mit an Bord waren, lief die Propagandamaschinerie auf Hochtouren, um diesen Geburtsfehler zu verschleiern und einer amerikanischen und westlichen Öffentlichkeit das JCPOA schmackhaft zu machen. Dazu gehörte auch, dass über den Schmuggel von Waffentechnologie durch die iranische Führung hinweggesehen wurde.

Auf deutscher Seite ist es die SPD, die hier eine unglückselige Rolle spielt. Derselbe SPD-Vize Ralf Stegner, der die Kritik an Steinmeiers Glückwunschtelegramm zum vierzigsten Jahrestag der Islamischen Revolution als “Kampagne” bezeichnet, hatte ein Problem mit deutschen Rüstungsexporten nach Israel. Danach war es sein Parteikollege Sigmar Gabriel, der als Aussenminister eine denkbar einseitige Sicht auf den jüdischen Staat bewiesen hat – Blumen für die Mullahs, kalte Schulter für die Israelis.

Witzig, dass Katarina Barley (SPD) sich kürzlich bei einer Karnevalsveranstaltung als amerikanische Freiheitsstatue verkleidet hat – ein Fingerzeig darauf, dass sich die Partei als Hüterin der freien Welt und Mahnerin der Menschenrechte versteht? Wie auch immer. Man wird das Gefühl nicht los, dass bei der SPD Narrentage eine Art Dauerzustand sind.


Nachtrag 11. Mai 2019

Es wird immer verrückter mit der Partei: Der SPD-Innensenator von Berlin, Andreas Geisel, möchte militante Salafisten mithilfe der Muslimbrüder deradikalisieren! IS-Rückkehrer sollen “glaubwürdig” aufgenommen werden, wie Geisel sich wünscht, denn die konstitutionelle Demokratie ist offenbar nicht glaubwürdig genug für Leute, die angeblich dem IS abgeschworen haben. Das alles klingt wie ein verspäteter Aprilscherz, ist aber nur der ganz normale Irrsinn der SPD.

Nachtrag 19. Mai 2019

Die israelische Botschaft rügt die SPD dafür, iranische Judenhasser zu einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung eingeladen zu haben.

Das kleine Einmaleins des Nahostkonflikts (2)

Die Ausstellung “1948” hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Geschichte des Staates Israel vom Ideologischen Geröll zu befreien und als legitimen Nationalstaat in der Region zu betrachten. [^1] Natürlich ist der Vorwurf der Ideologie universell verwendbar. Aber er trifft dort zu recht, wo selbst einfachste Zusammenhänge, das kleine Einmaleins des Nahostkonflikts, missachtet werden.

Einige Einwände von Kritikern aus dem Palästinakomitee Stuttgart (PAKO) mögen sogar zutreffend sein und würden sie nicht mit einer Geste der Entlarvung vorgetragen, könnte man darüber sogar in Ruhe diskutieren. Dennoch lässt sich ein ideologisches Interesse der Ausstellungskritiker nicht übersehen, das offensichtlich darin besteht, Israel ganz grundsätzlich zu delegitimieren. Die Tricks und Täuschungen, derer sie sich bedienen, sollten daher nicht unwidersprochen bleiben.

So verweist Ausstellungskritikerin Ingrid Rumpf auf die sogenannten „Neuen Historiker“, die ihrer Meinung nach die Geschichte Israels besser zu deuten imstande seien, da sie “nach Öffnung der Archive seit den frühen 80-er-Jahren eine vollkommen neue Einschätzung der Zeit um 1948 vorgenommen haben.‟ Sie verschweigt jedoch, dass diese Einschätzung nicht unwidersprochen geblieben ist: Efraim Karsh, ein exzellenter Kenner der Archive, hat zahlreiche Annahmen der Neuen Historiker bestritten und ihnen vorgeworfen, Fakten zu fabrizieren. Ein prominenter Vertreter der Neuen Historiker wie Benny Morris hat eigene Einschätzungen später revidiert.

Wenn Rumpf über Tafel 9 der Ausstellung behauptet, hier würden “ausgeleierte Vorurteile” über die Türken (Osmanen) verbreitet, dann beweist sie ihre völlige Unkenntnis von der Geschichte der Region. Unabhängig von der Richtigkeit der Annahme, ob die Türken (d.h. Osmanen) für eine mögliche Rückständigkeit der Region verantwortlich waren oder nicht, stammt diese Überzeugung gar nicht von den Zionisten, sondern war unter der intellektuellen Elite v.a. Ägyptens in der damaligen Zeit absolut gängig. Der Arabist Ulrich Haarmann u.a. haben das ausführlich belegt.

Was die Bewertung der osmanischen Präsenz in Bezug auf die Wirtschaft der Region betrifft, so sollte man vielleicht einmal zur Kenntnis nehmen, wie die Ökonomen Acemoglu und Robinson das Osmanische Reich in dieser Hinsicht beurteilen. Diesem nämlich fehlte die Struktur zur Eintreibung von Steuern, weshalb Steuereintreiber ernannt wurden, die auf eigene Faust agierten. Die Besteuerung war daher sehr hoch, reichte von der Hälfte bis zu zwei Dritteln der Agrarprodukte.

Auch die Eigentumsverhältnisse an Land waren unsicher, es gab Gesetzlosigkeit und Banditentum. Der Handel im Osmanischen Reich stand zudem unter staatlicher Kontrolle und der Arbeitsmarkt war beherrscht von Gilden und Monopolen. In ihrer Studie “Why Nations Fail” (2012) kommen Acemoglu und Robinson zu dem klaren Schluss: „[…] it was the expansion and consolidation of the Ottoman Empire, and it is the institutional legacy of this empire that keeps the Middle East poor today.”

Noch einmal in dieselbe Kerbe schlägt Rumpf, wenn sie schreibt, der “Mythos von Palästina als ödes, vernachlässigtes Land” werde von Zionisten gerne verbreitet, sei aber falsch. Natürlich war Palästina kein Land ohne Volk, eine solche Behauptung ist in der Tat falsch. Aber Palästina war doch von den arabischen Nationalbewegungen stiefmütterlich behandelt worden. Bis heute sehen viele Menschen in der Arabischen Welt Palästina als einen Teil Grosssyriens und so wäre zu erwarten gewesen, dass es für die syrische Nationalbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine grosse Rolle gespielt hat. Wie die Historikerin Dalal Arsuzi-Elamir (2003) jedoch gezeigt hat, war dies nicht der Fall.

Erst als Alexandretta (Provinz Hatay), früher ein wichtiger Hafen für Aleppo, das nach dem Willen der arabischen Nationalbewegung zu Syrien gehören sollte, unter das französische Mandat fiel und 1939 Teil der Türkei wurde, machte die herrschende Elite in Damaskus die Palästina-Frage zu einem „Problem der arabischen Nation‟ und die „zionistische Gefahr‟ zur „Gefahr, die die arabische Nation in ihrer Existenz bedroht.‟ Palästina war also ein durchaus vernachlässigtes Gebiet – und zwar von der arabischen Nationalbewegung!

Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist, wie ein prominenter Ägypter syrischer Herkunft, Jurji Zaydan, das 1914 von ihm besuchte Palästina beschreibt. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift al-Hilal gibt er umfassend Auskunft über den Zustand der Region, wobei sein Interesse nicht zuletzt dem Bildungssystem gilt. Sein Urteil fällt für die arabische Seite vernichtend aus, die zionistischen Anstrengungen empfahl er als Ansporn zu mehr Leistung. Palästina war also noch Anfang des 20. Jahrhunderts ein vielfach vernachlässigtes Gebiet, das ganz wesentlich von der zionistischen Aufbauarbeit profitierte.

Wer wie besagte Kritiker die ganze Ausstellung “1948” als “klägliche historische Fälschung” verunglimpft, sollte sich schon mit etwas besseren Argumenten aus der Deckung wagen. Stattdessen kommen, wie von Israelkritikern gewohnt, nur wieder die üblichen steilen Thesen, deren Fundament nicht Fakten, sondern Wortspiele sind. So behauptet ein anderer Ausstellungskritiker derselben Clique, Arn Strohmeyer, dass Israel ein “Weltanschauungsstaat” sei. Dessen Ziel bestehe darin, in “einem eigentlich von Arabern bewohnten Territorium” einen jüdischen Nationalstaat zu errichten.

“Eigentlich von Arabern bewohnt”, so steht es da. Nicht etwa: Von Arabern, Juden und anderen bewohnt. Strohmeyer arabisiert den ganzen Landstrich nach seinem Gusto, um dann Gewalt als ein dem zionistischen Vorhaben innewohnendes Element zu konstatieren – ohne offenbar irgendeine Vorstellung davon zu haben, dass sämtliche Nationalbewegungen auf dem Boden des Osmanischen Reiches ihre Aspirationen mit Gewalt durchgesetzt haben. Das waren die Spielregeln damals und wer nicht nach ihnen spielte, hatte keine Aussicht auf einen Staat.

Überhaupt verweist die verächtlich gemeinte Bezeichnung Israels als „Weltanschauungsstaat‟ auf ein grundsätzliches Wahrnehmungsproblem gegenüber dem jüdischen Staat: Israel wird von vornherein als Sonderfall in der Region verstanden, gedeutet, geschmäht. Die Frage, wieviele Juden in Palästina gelebt haben und wieviele Araber die Zionisten vertrieben oder bei Kampfhandlungen getötet haben, geht daher an der Sache vorbei. Der Zionismus ist im Kontext betrachtet kein Sonderfall, sondern die Regel: Jede Nationalbewegung hat damals versucht, für sich ein möglichst grossen Stück vom Kuchen abzubekommen und die Grossmächte Grossbritannien und Frankreich für sich einzuspannen.

Während die arabischen Nachbarstaaten Israels aber niemals ein Interesse gezeigt haben, die Flüchtlingsproblematik zu lösen, sind auf der anderen Seite des Mittelmeeres an die Stelle verfeindeter Nationalbewegungen Staaten entstanden, die sich gegenseitig anerkennen. Man sollte hier also nicht über das Stöckchen springen, das Antizionisten hinhalten, um dem Staat seine Legitimation zu rauben. Wer Israels Existenz für illegitim hält, würde, bei Anwendung gleicher Massstäbe, auch viele andere Staaten, die aus der Konkursmasse des Osmanischen Reiches hervorgegangen sind, für illegitim halten müssen.

Ist Griechenland also ein “Weltanschauungsstaat”? Die Türkei? Serbien? Syrien? Pustekuchen. Die Antizionisten wird es nicht anfechten. Sie haben ihr Urteil schon gefällt. Für sie ist Israel und allein Israel die grosse Anomalie der Weltgeschichte – weil sie es so sehen wollen.


[^1]: Ich weise an dieser Stelle darauf hin, dass ich Mitglied im Beirat der Ausstellung bin.

Das kleine Einmaleins des Nahostkonflikts (1)

Der “Israel-Arab Reader” von Laqueur und Rubin hat über sechshundert Seiten Umfang. Man muss ihn nicht gelesen haben, um den Nahostkonflikt zu begreifen, aber wer meint, sich unbedingt zu diesem Thema äussern zu müssen, sollte es sich nicht zu leicht machen und vielleicht doch etwas tiefer in die Materie eintauchen. Schaut man sich jedoch um, was aktuell die Israel-Kritiker-Szene so umtreibt, stellt man fest, dass selbst die Grundlagen, das Einmaleins des Konflikts unverstanden geblieben sind.

So durfte unlängst an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Andreas Zumach seine ganze Unwissenheit über den Nahostkonflikt zur Schau stellen, was nur deshalb einer Erwähnung wert ist, weil dies symptomatisch für den Zustand einer Bewegung nicht zuletzt an deutschen Universitäten ist, die glaubt, man müsse Israel auf diplomatischem und ökonomischem Wege in die Knie zwingen, um einen friedfertigen und gerechten Nahen Osten zu schaffen.

Zumach glaubt etwa (ab ca. 1:24), dass ein Staat nicht zugleich jüdisch und demokratisch sein könne. In Anlehnung an Noam Chomsky versteht er “jüdisch” in Analogie zu “christlich” oder “muslimisch”, also als Adjektiv, das eine religiöse Qualität bezeichnet. Diese falsche Annahme führt Zumach dann zu dem nicht minder falschen Vergleich Israels mit dem iranischen Ajatollah-Regime, das einen islamischen Staat reklamiere.

Einmal abgesehen davon, dass das iranische Regime sich zwar tatsächlich als islamischer Staat begreift, nicht aber als Demokratie, was schon jeden Vergleich mit Israel zunichte macht, gibt es hier noch einen Unterschied auf ganz anderer Ebene. Denn “jüdischer Staat” meint keinen religiösen Staat, sondern bezieht sich auf das Staatsvolk, das dem Staat seine Legitimation verschafft.

Im Klartext: Israel ist ein Nationalstaat. Jeder Nationalstaat wurde um einer Nation willen gegründet. Das Adjektiv “jüdisch” ist hier also in Analogie zu deutsch, tschechisch, schwedisch, dänisch, griechisch, thailändisch, brasilianisch etc. zu verstehen. Traditionell versteht sich das Judentum als Volk und wer zur jüdischen Orthodoxie konvertieren will, von dem wird erwartet, dass er sich dem Volk Israel anschliesst, nicht einfach nur einer Glaubensgemeinschaft. Alles andere ist ein christliches Missverständnis.

Natürlich gibt es so etwas wie die Vorstellung vom “deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens”, doch ist dies eine Erscheinung, die es erst seit dem 19. Jahrhundert gibt. Eine solche Reduktion auf eine Glaubensgemeinschaft war dem Judentum bis dahin fremd. Das hebräische Wort für Religion (dat) ist bezeichnenderweise ein Lehnwort aus dem Persischen, der hebräische Begriff für „Judentum“ (yahadut) eine Lehnübersetzung aus dem Griechischen, der in hebräischen Texten nicht vor dem 11. Jahrhundert auftaucht.

Natürlich hat jeder Jude das Recht, sein Judentum für sich zu definieren. Hier bleibt nur festzuhalten, dass der Zionismus, wie andere Nationalbewegungen auch, darauf abzielte, einen Nationalstaat zu schaffen, dessen Nominalvolk das jüdische ist. Wie andere Nationalstaaten steht aber auch der Staat Israel vor dem Problem, autochthone Minderheiten zu loyalen Staatsbürgern zu machen. In Deutschland sind es die Dänen und Sorben, die keine ethnischen Deutschen, dennoch deutsche Staatsangehörige sind, die aber auch nicht durch Selbstmordanschläge von sich reden machen.

Das alles muss man Leuten wie Zumach erklären. Sie halten Vorträge, schreiben Aufsätze und nehmen an Podiumsdiskussionen teil, geben Interviews und engagieren sich in irgendwelchen Palästina-Solidaritätskomitees – aber die grundlegenden, die allerelementarsten Fakten über Israel und den Nahostkonflikt kennen sie nicht. Dass Leute wie Zumach sich an deutschen Universitäten ausbreiten können, sagt daher auch etwas über deren Zustand aus.

In diesem Zusammenhang hört man häufig den Begriff “Ethnokratie”, der immer darauf hinausläuft, Israel mit dem Südafrika zu Zeiten der Apartheid zu vergleichen. Das ist ein grundfalscher Vergleich. Meint Ethnokratie die Entrechtung einer Ethnie durch eine andere, so trifft dies auf Israel nicht zu, denn die arabische Minderheit geniesst dort die gleichen Bürgerrechte wie die jüdische Mehrheit. Das war in Südafrika zu Zeiten der Apartheid anders, wo Schwarze eben nicht die gleichen Rechte wie Weisse besassen.

Meint Ethnokratie hingegen, dass der Staat um einer bestimmten Nation oder Ethnie willen geschaffen wurde, dann sind alle Nationalstaaten Ethnokratien. Es ist also ein unsinniger Begriff, der einzig dem Zweck dient, Fakten zu verschleiern und falsche Analogien herstellen zu können, die Israel delegitimieren sollen. Das ist typisch für “Israelkritiker”, die aber keinesfalls des Antisemitismus bezichtigt werden wollen.

Auch was das Thema Besetzung betrifft, beweist Zumach seine völlige Unkenntnis des Nahen Ostens. Er redet gerade so, als lebte er noch in den frühen 1990ern. Zur Erinnerung: Israel hält die Westbank zwar immer noch besetzt, doch leben geschätzte 99 Prozent der Palästinenser in Gebieten, die palästinensisch verwaltet werden. Israel hat diese Situation herbeigeführt, damit die Palästinenser einen Proto-Staat aufbauen und ihre Eignung zur Koexistenz beweisen können.

Des weiteren hat sich Israel im Jahre 2000 in einer einzigen Nacht vollständig aus dem Südlibanon zurückgezogen und im Jahre 2005 die jüdische Präsenz im Gazastreifen vollständig beendet. In beiden Fällen haben militante Kräfte dies für sich ausgenutzt, eine Friedensdividende hat Israel nie erhalten. Man nehme es bitte zur Kenntnis: Die Machtübernahme durch die Hamas im Gazastreifen ist Ergebnis des Rückzugs, nicht der Besetzung Israels.

Was also sollte Israel (und den Rest der Welt) veranlassen zu glauben, dass ein Rückzug aus der Westbank etwas anderes hervorbringt als noch mehr Fanatismus?

Natürlich sollen die Palästinenser ihren Staat bekommen, aber es gibt keinen Grund, dass dies um jeden Preis geschieht. Die palästinensische Selbstverwaltung krankt an repressiven und korrupten Strukturen, wie sie auch aus anderen arabischen Ländern bekannt sind, während ihr Präsident sich eines Doppelsprechs bedient, der die arabischen Massen aufheizt und den Westen beschwichtigt. Aktuell bekundet Abbas seine Bereitschaft, mit Israel über einen eigenen Staat zu verhandeln. Doch wie glaubhaft das ist und wie glaubhaft die Bereitschaft der israelischen Seite, Verhandlungen einzugehen, wird sich erst noch zeigen.

Israel-Kritiker vom Schlage eines Andreas Zumach wird es aber wohl kaum interessieren. Sie plappern und schwatzen völlig unbekümmert von den israelischen Erfahrungen mit einem Rückzug aus besetzten Gebieten und interessieren sich nicht die Bohne für die einfachsten Grundtatsachen des Nahostkonflikts. Das Judentum halten sie für eine blosse Glaubensgemeinschaft, Israel setzen sie in Analogie zu Iran und es würde nicht wundern, wenn sie Falafel für einen biblischen Propheten hielten.

Iran: Ein Mann will den Untergang

Quelle: leader.ir/fa

“Das zionistische Regime wird unter Einsatz der muslimischen Länder definitiv beseitigt werden.” Das verkündete Irans Revolutionsführer Ajatollah Khamenei dieser Tage.

Es ist kaum zu glauben. Iran steht dank Trump unter aussenpolitischem Druck wie nie zuvor, während im Inneren seit Ende letzten Jahres ununterbrochen Menschen gegen das Regime auf die Strasse gehen und in kreativen Aktionen deutlich machen, dass sie keine Reformen wünschen, sondern die Tyrannei einer islamischen Republik abschütteln.

Das Land verarmt zusehends und die Sanktionen machen es dem Regime nicht leichter, Wohlstand zu schaffen. Dabei könnte die Regierung die Sanktionen leicht beenden und die Unzufriedenheit der eigenen Bevölkerung beseitigen, wenn es endlich aufhörte, diese permanent zu drangsalieren und vor allem: Terrororganisationen im Ausland zu finanzieren.

Aber nichts da! Das Regime, vor allem sein Revolutionsführer, denkt nicht einen Augenblick daran, Frieden zu stiften und sich mit seinen Nachbarn, allen voran Israel, auszusöhnen. Nein, es will den Krieg. Es will die Zerstörung. Es will die Aggression. Es will das Chaos. Es will den Argwohn.

Egal, welche Probleme sein eigenes Land hat, Khamenei denkt an nichts anderes, als Israel lautstark mit seiner Vernichtung zu drohen (s. Abb. oben). Anders als westliche Apologeten des iranischen Regimes in der Vergangenheit haben glauben machen wollen, dass nämlich das Regime nur einen Regierungswechsel in Israel herbeisehne oder lediglich ein mittelalterliches Gedicht zitiert habe, nicht aber mit Vernichtung drohe, lässt das Regime in Wahrheit keinen Zweifel daran, dass es letzteres meint.

“Ba hemmat-e mellat-ha-ye mosalman” – unter Einsatz oder Anstrengung der muslimischen Länder soll Israel beseitigt werden. Deutlicher kann man es nicht formulieren. Angesichts solcher Worte wird niemand behaupten können, dass Stabilität in der Region ein Ziel iranischer Politik sei. Khamenei will sein Land in den Untergang führen. Die eigene Bevölkerung ist ihm gleichgültig.

Siebzig Jahre Israel

Israel wird siebzig und noch immer wird es hierzulande wenig verstanden. Es ist daher an der Zeit, mit einigen Mythen aufzuräumen.

Die Vorgeschichte des jüdischen Staates im 19. und 20. Jahrhundert wird meist so erzählt: Jüdische Siedler, die vor Pogromen in Osteuropa nach Palästina ausgewandert waren, besiedelten das Land in der Absicht, den jüdischen Staat der Antike wiederaufleben zu lassen. Die Inspiration dazu bezogen sie von einem Wiener Journalisten namens Theodor Herzl, dem Begründer des politischen Zionismus. Dabei bedienten sie sich der Hilfe der Briten und nahmen keine Rücksicht auf die lokale arabische Bevölkerung, die sie an den Rand drängten und damit einen Konflikt schufen, der bis heute andauert.

In dieser Erzählung wird der jüdische Staat zu einer historischen Kuriosität, zu einer Anomalie, einer Art Betriebsunfall der Geschichte. Zwar ist Israel, was seine spätere Entwicklung anbetrifft, tatsächlich die grosse Ausnahme im Nahen Osten, ein Erfolgsmodell in Sachen Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Kreativität und Prosperität, kurz: eine „Villa im Dschungel‟, wie es der frühere israelische Ministerpräsident Ehud Barak einmal nannte. Was jedoch seine Vorgeschichte anbetrifft, so wurzelt sie in der Region selbst und muss im Kontext der damaligen Nationalbewegungen studiert werden. Der Blick allein auf Vorgänge in Europa verstellt diese Tatsache. Weiten wir ihn auf die Region aus, so erhebt sich vor unseren Augen ein ganz anderes Bild.

Tatsächlich waren auch Länder wie Syrien, die Türkei, Griechenland, Albanien oder Ägypten keineswegs immer schon da, jedenfalls nicht als politische Grössen. Kulturelle Erneuerungsbewegungen, französische Revolutionsideale und die Schaffung einer Nationalsprache sind die Marksteine eines intellektuellen Prozesses, der im 19. Jahrhundert im Osmanischen Reich um sich zu greifen begann.

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Im 19. Jahrhundert transformierte sich nicht nur der Nahe Osten, sondern die ganze Welt. Damals wurde die nationalstaatliche Ordnung geschaffen, die heute alle Erdteile erfasst und Grossreiche und Imperien verdrängt hat. Im Osmanischen Reich, das über Palästina herrschte, ging der Impuls zur Neuordnung von der griechischen Nationalbewegung aus, die sich 1821 erhob. Inspiriert war sie von den Philosophen der Französischen Revolution, aber auch von Herder, dessen Ideen sich von Südosteuropa aus über das Osmanische Reich verbreiteten.

Schon bald griff der Gedanke des Nationalgedankens auf andere Völker des Osmanischen Reichs über, zunächst auf die Serben. Auch ausserhalb des Osmanischen Reiches erhoben sich Nationalbewegungen, man denke hier nur an die italienische oder polnische. Häufig sassen die Vordenker und Stichwortgeber im Exil. Vor allem Wien war als Brückenkopf für Ideen von immenser Bedeutung, die aus dem Westen des Kontinents kommend im Osten begeisterte Aufnahme fanden.

Hier war auch Rhigas Ferraios Velestinlis aktiv gewesen, der für die griechische Sache Propaganda betrieb, bevor er festgenommen und an die osmanischen Behörden überstellt wurde, die ihn 1798 in Belgrad hinrichteten. In Wien hatte auch Theodor Herzl eine produktive Zeit. Herzl ist zweifelsohne die überragende Figur, was die Idee eines jüdischen Nationalstaats anbetrifft, die er wie kein anderer populär zu machen verstand. Überhaupt war Wien eine Metropole, die kulturell stark mit dem Südosten Europas verbunden war.

Dort sassen zwei wichtige Vordenker der jüdischen Nationalidee, die dann von Herzl weitergedacht wurde: Judah Ben Samuel Bibas (gest. 1852) im griechischen Korfu und Yehuda Ben Shlomo Hai Alkalai (gest. 1878) im serbischen Zemlin. Beide waren Rabbiner und beide traten für die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina ein, wobei ihre Vorbilder nicht zuletzt die nationalen Aspirationen der Serben und Griechen waren.

Alkalai hatte eine ganze Reihe von Schriften verfasst, in denen er die Rückkehr der Juden nach Palästina und die Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina forderte, wozu er verschiedentlich die grossen jüdischen Gemeinden Europas, Konstantinopels und Palästinas selbst aufsuchte. Unterstützung erhielt er von einem weiteren Rabbiner, Zwi Hirsch Kalischer, mit dem zusammen er 1860 eine Bewegung ins Leben rief, die sich die Schaffung eines jüdischen Staates zum Ziel setzte. Kalischer forderte die Juden auf, dem Beispiel der Italiener, Polen und Ungarn zu folgen.

Herzl hatte Alkalai 1873 in Wien kennengelernt, während er mit Kalischers Ideen durch die Programmschrift „Rom und Jerusalem‟ des deutschen Zionisten Moses Hess in Berührung kam, die im selben Jahr 1862 erschienen war wie Kalischers „Drischat Zion‟ (Sehnsucht nach Zion). Auch Hess (gest. 1875) verstand die Rückkehr der Juden nach Palästina im Kontext der Nationalbewegungen Europas, vor allem Italiens, aber auch Griechenlands, Polens und Ungarns.

Die Vordenker des Zionismus konnten darauf bauen, dass es nicht nur schon immer Juden in Palästina gegeben hat, sondern seit dem Mittelalter – also lange vor Entstehen eines säkularen Zionismus – immer wieder Juden in grosser Zahl nach Palästina eingewandert waren. Nach der verstärkten Zuwanderung seit dem 12. Jahrhunderte hatte die Zahl der Juden in Palästina unter osmanischer Herrschaft weiter zugenommen, vor allem in den grossen jüdischen Zentren Jerusalem und Safad. Im 18. Jahrhundert entstand ein weiteres jüdisches Zentrum in Tiberias. Die Einwanderung war zwar religiös motiviert und die Juden noch keine Nation im modernen Sinne, aber dieser Prozess der Nationswerdung stand allen Völkern der Region noch bevor, die nach Unabhängigkeit strebten.

Um noch einmal das Beispiel der Griechen zu bemühen: Im 19. Jahrhundert gab es viele, die sich als Griechen empfanden, aber kein Griechisch sprachen. 1823 hatte die Nationalversammlung zu Astros zunächst die griechische Sprache als Kriterium für die Zugehörigkeit zum Griechentum genannt, war davon jedoch wieder abgerückt, weil zu wenige Griechisch sprachen. Fortan sollte jeder als Grieche gelten, der autochthoner Bewohner des griechischen Hoheitsgebietes war und sich zum Christentum bekannte. Später kam die Definition auf, dass Grieche sei, der sich als solcher definiert und die Waffen gegen die osmanische Herrschaft erhebt oder erhoben hat.

Wie fragil das Nationalbewusstsein damals war, zeigt beispielhaft folgende Episode: Als der deutsche Historiker Jacob Philipp Fallmerayer behauptete, die Griechen seiner Zeit seien in Wahrheit keine Nachfahren der alten Griechen, sondern Abkömmlinge slawischer Stämme, die seit dem Mittelalter nach Südosteuropa vorgedrungen waren, sah sich die Regierung des 1833 entstandenen griechischen Rumpfstaates genötigt, eine Historikerkommission einzuberufen, um diese Behauptung zu widerlegen.

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Es bedurfte es eines zeitgemässen Bildungswesens, um ein Nationalbewusstsein zu schaffen, aber mehr noch einer Nationalsprache, die erst in der Lage war, den Anforderungen moderner Literatur, des Journalismus, der Wirtschaft und der Verwaltung zu genügen. Meist waren die Sprachen der einzelnen Völker in verschiedene Varietäten zersplittert, existierte es eine altertümliche Variante für sakrale und höfische Texte neben einer Vielzahl an Dialekten. Was fehlte, war ein Sprachstandard, der in mündlicher wie schriftlicher Form übergreifendes als sprachliches Medium der Gesellschaft dienen konnte.

Das Hebräische war einerseits nie wirklich tot. Die jemenitischen Juden hatten es im mündlichen Gebrauch bewahrt. Noch im 19. Jahrhundert war die bevorzugte Schriftsprache etwa der Juden Ägyptens das Hebräische oder europäische Sprachen, nicht etwa das Arabische. Andererseits war das Hebräische weit davon entfernt, die Rolle einer modernen Nationalsprache auszufüllen. Viele Begriffe des Alltags wie auch der Verwaltung mussten überhaupt erst geschaffen werden. Für diesen Vorgang steht vor allem der Name Ben Yehuda, der viele moderne hebräische Begriffe überhaupt erst schuf.

„Wiederbelebung‟ hiess für die hebräische Sprachbewegung Neu-Aneignung und Modernisierung zugleich. Diesem Vorgang wurden auch das Arabische, Türkische, Griechische und Albanische unterzogen, die ebenfalls mit der Zersplitterung in verschiedene Varietäten zu kämpfen hatten und den Erfordernissen einer modernen Schriftsprache, die zugleich der alltäglichen Kommunikation dienen sollte, nicht entsprachen. Die einzelnen Nationalbewegungen strebten folglich danach, solche Nationalsprachen zu schaffen. Dies geschah ganz wesentlich in Form von Übersetzungen, die zum Teil über die zahlreichen neugegründeten Literaturjournale Verbreitung fanden.

Als ultimative Herausforderung galten den Übersetzern die Werke von Homer, vor allem die Ilias. Nicht nur stand die Ilias im literarischen Kanon Europas immer ganz oben, vor allem der poetische Charakter und der reiche Wortschaft stellten höchste Anforderungen an die Übersetzer wie auch an die Sprache. Eine Übersetzung würde den Beweis erbringen, dass die reformierte Sprache den älteren Sprachstandards ebenbürtig ist. So finden wir in einem Zeitraum von mehreren Jahrzehnten eine ganze Reihe von Übersetzungen der Ilias in verschiedene Sprachen. Sie mögen aus heutiger Sicht wie Produkte aus der Studierstube erscheinen, waren damals aber hochpolitisch.

Den Anfang machte 1887 eine Teil-Übersetzung der Ilias ins Osmanisch-Türkische, angefertigt von Sami Frashëri, einem der führenden albanischen Intellektuellen seiner Zeit. Ins moderne Türkeitürkische übersetzte der noch heute bekannte Ömer Seyfettin, das Gesicht der türkischen Sprachbewegung. Es gab mehrere Übertragungen in die neugriechische Volkssprache, darunter von Iakovos Polylas 1900 und Alexandros Pallis. Ebenfalls von einem Griechen, Panagiotis Papakostopoulos, stammt eine serbische Übertragung der Odyssee, die posthum 1881 in Belgrad erschien. Der libanesische Politiker und Publizist Sulayman Bustani dichtete die Ilias auf Arabisch nach und zwar direkt vom altgriechischen Original. Das Ergebnis rief bei seiner Erscheinung 1904 ein grosses gesellschaftliches Echo hervor.

Schliesslich wurde die Ilias auch Gegenstand der hebräischen Sprachbewegung, namentlich der Übertragung durch Saul Tschernichowsky. Der in der Ukraine geborene Dichter, dessen Gesicht heute auf der 50-Schekel-Note prangt, widmete sich um die Jahrhundertwende dem Unterfangen, poetische Werke der griechischen Antike auf Hebräisch wiederzugeben, um dieses literarisch voranzubringen. Seine Übertragung der Ilias wie auch der Odyssee, die er 1917 in Angriff nahm, trug dazu bei, dass ihn die Ungarische Akademie der Wissenschaften den „König der hebräischen Poeten“ nannte.

Die einzelnen Nationalbewegungen auf dem Boden des Osmanischen Reiches waren einerseits zukunftsorientiert, was Sprache, Literatur, Verwaltung und Recht anging, sie waren aber ebenso auf die Vergangenheit fixiert, die unabdingbar war, um den eigenen territorialen Anspruch zu rechtfertigen. Manch einem vermeintlich aufgeklärten Zeitgenossen mag es heute merkwürdig, ja anrüchig erscheinen, dass Israel seine Existenz im Nahen Osten mit seiner antiken Vorgeschichte legitimiert, aber genau dies haben die anderen Nationalbewegungen in der Region eben auch getan.

Während im Libanon zum Teil bis heute der „Phönizismus‟, also die Projektion libanesischer Geschichte bis zurück zu den Phöniziern, seine Blüten treibt, beruht das albanische Nationalbewusstsein auf dem „Illyrismus‟, der Idee von einer Abstammung, die bis auf die Illyrer der Antike zurückgeht. Auch die türkischen Nationalisten versuchten sich an eine Rückbindung der Geschichte, indem sie sich in die Tradition eines alten ionischen Erbes stellten. Von den Griechen müssen wir gar nicht reden, die die Antike in ihrer ganzen Breite heranzogen, um die griechische Herrschaft über ein Territorium zu rechtfertigen, das noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts weitaus grösser sein sollte, als es die Grenzen des heutigen Griechenland auch nur erahnen lassen.

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Wie wenig verstanden dieser geschichtliche Hintergrund noch heute in Europa ist, zeigt das Beispiel des Historikers Tony Judt, der ein vehementer Kritiker der zionistischen Idee war. Judt glaubte, den jüdischen Staat dadurch zu delegitimieren, dass er dessen Staatsidee mit der seines ägyptischen Nachbarn verglich und behauptete, ein Land wie Ägypten existiere nicht aufgrund einer Theorie von „Ägyptischheit“. Doch dieses Argument geht ins Leere.

Tatsächlich hatten die ägyptischen Nationalisten bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts den Mythos von einer ägyptischen Geschichte gepflegt, die bis zu den Pharaonen zurückreicht – eine Einstellung, die unter dem Namen „Pharaonismus‟ Eingang in die Geschichtsbücher gefunden hat. Die Idee der Wiedergeburt kursierte eben nicht allein unter Zionisten, sie war das grosse Thema aller Nationalbewegungen auf dem Boden des zerfallenden Osmanischen Reiches. Immer ging es darum, die Herkunft der eigenen Nation möglichst tief in der Geschichte festzuschreiben und sie über territoriale Ansprüche Dritter erhaben zu machen.

Während die Zionisten Simeon bar Kochba heraufbeschworen, den heroischen Widerstandskämpfer, der 135 n. Chr. in einem Aufstand gegen die römische Besatzung über Judäa sein Leben liess, nahmen sich die Griechen den spartanischen Heeresführer Leonidas zum Vorbild, der 390 v. Chr. gegen die Perser den Märytertod erlitt. Einen ähnlichen Stellenwert erlangte Alexander der Grosse, der nicht nur von den Griechen in Anspruch genommen wurde.

Türkische Nationalisten wiederum entdeckten Dschingis Khan und Dede Korkut, den „türkischen Homer‟, neu für sich. Manche dieser Nationalideologien, die auf dem Boden des ehemaligen Osmanischen Reiches gediehen, sind sicherlich fragwürdig, was ihre historische Fundierung anbetrifft, aber entscheidend ist: Alle Nationalbewegungen teilten dieselben Themen und dieselben Einflüsse, standen vor ähnlichen Schwierigkeiten und griffen auf ähnliche Strategien zurück.

Auch ihre geographische Zerstreuung war keineswegs ein Alleinstellungsmerkmal der jüdischen Bevölkerung. Vor 1922 lebte die Mehrheit der griechischen Bevölkerung ausserhalb des heutigen Staatsgebietes, Albaner waren über den Balkan verteilt und besassen eine starke Präsenz in Ägypten, Armenier und andere waren im ganzen Vorderen Orient verstreut. Die Entflechtung der Völker, die zum Teil gewaltsam betrieben wurde, führte zu einer demographischen Homogenisierung der Region zu beiden Seiten des Mittelmeeres und war nicht auf Palästina beschränkt.

Die Tatsache, dass sich die Zionisten der Unterstützung durch die Briten bedienten, entsprach ebenfalls einem gängigen Muster: Alle Nationalbewegungen dieser Epoche, die sich vom Osmanischen Reich loszulösen versuchten, versuchten die Grossmächte, für ihre Interessen einzuspannen. In den britischen National Archives kann man ein Dokument finden, das von Versuchen der türkischen Seite Anfang 1919 berichtet, Grossbritannien die Garantie für einen türkischen Nationalstaat abzutrotzen. Weitere Beispiele liessen sich nennen. Immer richteten sich solche diplomatischen Bestrebungen auch gegen die konkurrierenden Nationalbewegungen, mit denen man zum Teil um Territorien und künftige Grenzverläufe stritt.

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Wenn Israel jedoch kein Sonderfall ist und wie alle anderen Staaten der Region seinen historisch gewachsenen Platz am Mittelmeer hat, warum gibt es dann einen Konflikt, der seit siebzig Jahren ungelöst ist?

Dies lässt sich kaum mit der israelischen Politik erklären, sondern vor allem mit der Tatsache, dass in der islamischen Kultursphäre das nationalstaatliche Prinzip, wenngleich von einer Elite gewollt, bei den Massen nie Anklang gefunden hat. Umfragen belegen, dass es in den heutigen muslimischen Gesellschaften eine ausgeprägte Tendenz gibt, sich zuerst als Muslim und dann als Staatsbürger zu betrachten.

Der Nationalstaat konkurriert so mit den älteren Konzepten der islamischen Umma und des Waqf (Stiftungsland). Alles was einmal islamisch beherrscht war, gehört demnach zur islamischen Sphäre, zum Waqf. In dieser Wahrnehmung wird der jüdische Staat zu einem Stachel im Fleisch der Region und damit zur „palästinensischen Wunde‟ (al-ǧurḥ al-filasṭīnī). Tatsächlich war die Entflechtung der Völker, die zum Teil gewaltsam betrieben wurde und zu einer demographischen Homogenisierung der Region führte, nicht auf Palästina beschränkt.

Doch während die griechisch-orthodoxen Flüchtlinge aus Kleinasien und die türkisch-muslimischen Flüchtlinge aus Griechenland Anfang des 20. Jahrhunderts Aufnahme und Integration in den beiden Nationalstaaten fanden, zu deren jeweiliger Titularnation sie gehörten, weigerten sich die arabischen Staaten, die von Israel vertriebenen Araber als gleichberechtigte Bürger bei sich aufzunehmen. Arabische Länder lehnen es vielfach ab, palästinensische Flüchtlinge zu integrieren und eine Lösung des Nahostkonflikts zu verhindern. Zugleich erkennen sie die Zugehörigkeit der Palästinenser zur arabischen Kulturgemeinschaft an, um sich in der politischen Rhetorik ihre Sache zu eigen machen zu können.

Auch wenn im Alltag nicht immer Feindseligkeit herrscht und es auch fortschrittliche Kräfte in den arabischen bzw. islamischen Ländern gibt, die nicht unterschätzt werden sollten, so lebt Israel zweifelsohne in einer schwierigen Nachbarschaft. Während Europäer gerne glauben, durch Verbesserung der Wirtschaft und der Wasserversorgung, durch gemeinsame Theateraufführungen und Konzerte, durch Diplomatie und Studentenaustausch einer Friedenslösung in Palästina den Weg zu bereiten, interessiert das die Massen in den islamischen Ländern wenig.

Wer durch die Buchhandlungen von Beirut, Kairo oder Damaskus streift, wird sofort die vielen Hetzschriften bemerken, die Titel tragen wie „Die geheimen Verbindungen zwischen Judentum, Freimaurertum und Zionismus‟, „Der Holocaust von Gaza‟, „Zionismus, der Feind des Friedens und des gesellschaftlichen Fortschritts‟, „Israel, der Dolch Amerikas‟, „Die Verbrechen der Juden‟, „Wie die Juden die heiligen Schriften verfälschten‟, „Der jüdische Terror‟, „Das jüdische Krebsgeschwür in der Geschichte‟ und andere mehr. Hier scheint die Zeit im 19. Jahrhundert stehengeblieben zu sein.

Besser wäre, ganz grundlegenden Dingen zur Einsicht zu verhelfen: Dazu gehört dass Israel sich hinsichtlich seiner Entstehung nicht von der seiner Nachbarstaaten unterscheidet, soweit diese ebenfalls aus der Konkursmasse des Osmanischen Reichs erwuchsen. Der entscheidende Schritt zur Lösung des Konflikts wird erst dann getan sein, wenn die Welt akzeptiert hat, dass Israel kein Fremdkörper in der Region ist, sondern genau dort hingehört, wo es sich seit nunmehr siebzig Jahren befindet.

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