Deutschland, Religion und Gesellschaft

Signale aus der Grauzone

In meiner Studienzeit hatte ich einen Kommilitonen, mit dem ich mich gut verstand und der eigentlich ganz anders heisst, hier aber Tayfun genannt werden soll. Tayfun war ein netter Kerl, damals, Ende der Neunziger. Weil er in seinem Wohnheim keinen Fernseher hatte, kam er häufiger zu mir, um die Nachrichten zu schauen.

Er war ein gläubiger Muslim, hielt sich an die Speisevorschriften und führte auch sonst ein recht asketisches Leben, hatte aber auch Humor. Anderen Menschen begegnete er mit der Coolness eines Sufis, der dieser Welt enthoben ist. Naja, nicht ganz enthoben, er war auch immer hinter den Frauen her. Tayfun nahm an interreligiösen Treffen teil und lebte einen Islam des Friedens und der Mitmenschlichkeit. Gewalt lehnte er ab.

Allerdings: Tayfun war auch der Ansicht, dass überall dort, wo Muslime in der Mehrheit seien, ein islamisches System errichtet werden müsse. In Deutschland werde das schon bald der Fall sein, glaubte er. Als Sufi hatte er eine Art Zweites Gesicht und war fest davon überzeugt, dass zur Jahrtausendwende die Mehrheit der Deutschen zum Islam konvertiert sein werde. Und dann würde Deutschland islamisch regiert. Es war offensichtlich, dass ihn dieser Gedanke entzückte.

Was dann mit den Nicht-Muslimen geschehen werde, fragte ich ihn. Er erklärte mir, dass es dafür doch Minderheitenrechte gebe. Selbstverständlich könne jeder NIcht-Muslim weiter ungehindert seine Religion ausüben. Ich sagte: Tayfun, wie wäre das, wenn ich als Katholik in die Türkei ginge und dort auf einen katholischen Gottesstaat hinarbeitete (in dem ich selbst nicht würde leben wollen, aber das ist eine andere Geschichte), der, so er dereinst errichtet werden sollte, Nicht-Katholiken grosszügig Minderheitenrechte einräumt? Aber Tayfun lachte nur.

Ich weiss nicht, wie Tayfun heute denkt, der Kontakt ist vor ein paar Jahren abgerissen. Gesetzt den Fall, er denkt heute noch so wie damals und er würde vom Bertelsmann Religionsmonitor ((Ich beziehe mich auf die Sonderauswertung Islam 2015 – Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick, Download hier.)) nach seiner Haltung zur Demokratie gefragt, was würde er wohl antworten? Sicherlich: Demokratie, na klar, sehr gut! Solange Leute wie er in der Minderheit sind.

Und wenn, rein hypothetisch natürlich, Leute mit seinem Glaubensverständnis je die Mehrheit in diesem Land erringen sollten, was dann? Aber danach hat der Bertelsmann Religionsmonitor nicht gefragt.

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