Die Menschen vs. das Regime

Man muss sich schämen. Schämen über die schlappe Reaktion des Auswärtigen Amtes auf die Proteste, die schon seit Tagen den ganzen Iran im Griff haben. Was also sagt Aussenminister Gabriel? Man möge doch bitte „allseits von gewaltsamen Handlungen Abstand‟ nehmen, als ob die Demonstranten gleichermassen Gewalt anwenden würden wie es seit Jahrzehnten die Staatsmacht eines der repressivsten Länder auf diesem Planeten tut, die ihnen gegenübersteht.

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Ajatollah Movahedi-Kermani: Wir werden Israel vernichten

Neues aus dem Iran? Eigentlich ist es nichts neues, wenn ein Ajatollah wie Mohammad Ali Movahedi-Kermani in seiner Freitagspredigt öffentlich die Vernichtung Israels herbeisehnt. Bemerkenswert ist das ganze aber insofern, als hierzulande noch immer viele glauben, das Regime sei seit dem Amtsantritt Rouhanis moderater geworden und das Atomabkommen (JCPOA) habe zu dieser Entwicklung beigetragen, indem es den Spielraum für solche Kräfte befördert habe, die den Iran zu einem konstruktiven Akteur im Nahen Osten machen wollen. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

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Bloss keine Szene machen!

Wohl schon hunderte Male wurde über Ahmadinejads Satz, dass Israel von der Landkarte getilgt werden müsse (Esrāʾīl bāyad az ṣafhe-ye ruzgār maḥw šawad), gestritten. Der Trick derer, die die Richtigkeit der Übersetzung anzweifeln, besteht üblicherweise darin, mit der nicht anders als skurril zu nennenden Behauptung, nur eine wortwörtliche Übersetzung sei die richtige, zu argumentieren.

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Roh, feindselig, zynisch

Nicht zuletzt die Behauptung, dass “die Juden sich vorbereiten, Palästina zu verlassen”, wie ein iranischer General angesichts bewaffneter syrischer Truppen zu verkünden meinte, deutet auf eine gewisse Realitätsferne des Regimes in Teheran. Aber auch sonst. Während die Moscheen des Landes immer weniger Gläubige anziehen, gibt sich das iranische Regime entschlossen, durch vermeintlichen Erfindergeist zu demonstrieren, dass es noch längst nicht zum alten Eisen gehört.

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“Niemand im Iran mag dieses Mullah-Regime”

Der Luxemburger Romancier Guy Helminger hat den Iran besucht und schildert in der “Welt” seine Eindrücke aus Teheran:

(…) viel lässt einen (…) nicht an eine islamische Republik denken. Weder gibt es hier unzählige Moscheen, die ins Auge stechen würden, noch ist der Ruf der Muezzine zu hören. Bis ich meinen ersten Mullah sah, verging immerhin eine ganze Woche.

Man wünscht sich, dass dies auch von Leuten zur Kenntnis genommen wird, die in deutschen Medien als politische Iran-Kommentatoren zu Wort kommen. Anders als Helminger jedoch glaubt, sind Schilderungen, wie er sie liefert, keinesfalls eine Seltenheit. Ob GEO, ZDF oder FAZ: Reportagen, die vom Alltag im Iran handeln, zeichnen korrekterweise stets das Bild von einer Gesellschaft, die alles andere als fromm und antiwestlich ist.

Dennoch ist man natürlich für jede weitere Facette dankbar. Über die Jugendlichen berichten Iran-Reisende besonders gerne, und auch Helminger hat wie so viele vor ihm die Erfahrung gemacht, dass den Mullahs die Felle davonschwimmen:

(…) die meisten von ihnen haben mit Religion sowieso nichts mehr am Hut. Aufgewachsen unter der islamischen Staatsdoktrin, fühlen sie mehr die Restriktionen und Verbote als die Güte Allahs. Im Iran sprechen die Intellektuellen bereits von der Religionsflucht einer ganzen Generation.

Aus eigenen Quellen weiss ich, dass die Menschen im Iran sich schon längst nicht mehr nur hinter vorgehaltener Hand gegen die Diktatur äussern. Beispielhaft dafür ist folgende Episode, die Helminger widerfahren ist:

In Isfahan legte mir ein etwa fünfzigjähriger Mann die Hand von hinten auf die Schulter und erklärte mir aufgeregt und in gebrochenem Englisch, dass ich seinem Volk helfen müsse. Er wisse nicht, ob ich Journalist sei, aber ich solle in den Zeitungen meines Landes schreiben, dass niemand im Iran dieses Mullah-Regime möge, das müsse ich ihm versprechen.

Soweit – so wenig überraschend. Wie gesagt, Stimmungsreportagen dieser Art gibt es viele. Wofür man Helminger aber wirklich dankbar sein muss, ist die Tatsache, dass er das Verhalten der Bevölkerung nicht als Argument FÜR das Regime missbraucht.

Für Irankommentatoren ist es DER Kardinalfehler: Sie kommen in den Iran, bemerken dort, wie weltlich-konsumfreudig das Leben zugeht und gelangen zu dem Fehlschluss, dass das Land zwar einerseits eine Theokratie ist, andererseits aber wohl zu den liberalsten Staaten im Nahen Osten zählen müsse. Und das ist falsch!

Was viele nicht begreifen (oder vielleicht auch nicht begreifen wollen), ist, dass der Lebensstil der Bevölkerung in vielen Dingen einen zivilen Widerstand gegen den Kurs des Staatsapparates darstellt. So sind Satellitenschüsseln zum Empfang ausländischer Sender verboten – aber das Land ist übersät mit Schüsseln. Vorislamische Traditionen wie das Nouruz-Fest sind zum Teil untersagt – aber die Bevölkerung hält sich nicht daran. Darum noch einmal: Das Verhalten der Bevölkerung ist kein Ausweis für eine vermeintliche Liberalität des Regimes!

Helminger begeht diesen Fehler glücklicherweise nicht. Völlig richtig analysiert er die Situation (Hervorhebungen von mir, MK):

Wie lange das so gehen wird, bevor das Regime wieder reagieren wird, kann niemand voraussagen. Willkür ist eine Strategie der Ordnungsmiliz, und die Jugendlichen wissen, dass selbst das Tragen einer Baseballkappe sie in Schwierigkeiten bringen kann.

(…) Das Resultat dieses Versuches einer streng geschlossenen Gesellschaft ist, dass zumindest in den Städten die Menschen immer offener und klarer ihren Unmut formulieren.

Soviel Einsicht wünscht man auch der Akademikerkaste unter den Iranexperten.

[Aus dem Archiv, leicht gekürzt.]

Katzbuckeleien

Die ewige Leier vom “Dialog” will nicht verstummen. Wenn die CDU die jüngsten Äusserungen des iranischen Präsidenten Ahmadi-Nejad dazu nutzt, sich in Gestalt von Gert Pöttering lächerlich zu machen, dann wacht auch die Konkurrenz von der SPD auf und schickt Gernot Erler ins Rennen um den schönsten Tritt ins Fettnäpfchen. Im Interview mit dem Deutschlandfunk sagt der aussenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag auf die Frage, was er von der israelischen Forderung halte, den Iran aus den UN auszuschliessen:

Ich habe Verständnis für diese Reaktion, praktisch im Schock nach diesen Äußerungen, aber ich glaube eben, dass es im Augenblick die nicht angemessene Reaktion wäre, weil ja gerade die Vereinten Nationen eine Plattform sind, auf der man den Iran stellen kann, wo man auch deutlich machen kann, dass die ganze Weltgemeinschaft, übrigens einschließlich vieler arabischer Staaten, diesen Verstoß gegen das Völkerrecht nicht bereit ist hinzunehmen. Deswegen sollte man eher die Vereinten Nationen nutzen, als sie jetzt als Plattform für eine solche Auseinandersetzung mit dem Iran auszuschließen.

(…) Der Iran muss beweisen, dass er keine terroristischen Akte gegen Israel unterstützt. Das ist die Mindestvoraussetzung, um überhaupt mit dieser Politik einer fairen Auseinandersetzung, einer Verhandlungsauseinandersetzung mit dem Iran weiterzumachen.

Gernot Erler

Sicherlich, es mag gute Gründe geben, den Iran nicht aus den UN auszuschliessen. Dass ein Politiker hier weniger radikal sein kann als ein Kommentarschreiber oder Weblogger, ist klar. Es gibt aber auch denkbar schlechte Argumente, und dazu gehört die Behauptung, jetzt gelte es erst recht, die “Auseinandersetzung” mit dem Mullahregime zu suchen, eine faire zumal, so, als ab man mit einer Diktatur wie dem Iran, die Intellektuelle ermorden lässt und wiederholt ein falsches Spiel mit der Weltöffentlichkeit treibt, wenn es um die Beschaffung von Nukleartechnik geht, einfach so in gegenseitigem Vertrauen “verhandeln” könnte. Der dauernde Ruf nach noch mehr Dialog und noch mehr Gesprächen und Verhandlungen und Runden Tischen muss doch irgendwann einfach nur noch peinlich wirken. Möchte man meinen.

Vollends in der Realität verrannt hat sich wieder einmal Udo Steinbach, der omnipräsente Direktor des Hamburger Orient-Instituts (via “Achse des Guten“). Natürlich findet er gar nicht gut, was Ahmadi-Nejad zum besten gibt, aber Steinbach glaubt unerschütterlich an das Gute im Regime und daran, dass die Präsidentschaft Ahmadi-Nejads nur eine Art Betriebsunfall in einem System darstellt, das eigentlich gar nicht so übel ist und von dem auch bald wieder versöhnlichere Töne zu vernehmen sein werden:

Ahmadinedschad wird getragen von den Resten der ideologischen Gefolgschaft Chomeinis, das wird eine kurze Episode in der weiteren Öffnung Irans bleiben.

Udo Steinbach

“Eine kurze Episode” werden hoffentlich auch Steinbachs Expertisen bleiben. Über die Machtverhältnisse im Iran schreibt Ahmad Taheri in der FAZ:

Die „Barfüßigen” wiederum, durch deren Stimmen Ahmadineschad die Wahlen gewann, erwarten von ihm nicht die „Vernichtung des zionistischen Regimes”, sie wünschen sich von dem neuen Präsidenten Brot und Arbeit. Viele von ihnen wissen nicht einmal, wo „Quds” liegt. Doch seine Hintermänner, die Ahmadineschad zum Sieg verholfen haben, verlangen nun von ihm ihren Tribut. Das sind die extrem fundamentalistischen Mullahs, wie etwa Ajatollah Mesba Yazdi. „Mullah Omar von Qom”, wie der Geistliche von Spöttern mit Anspielung auf den Taliban-Führer von Kandahar genannt wird, hat zum Sieg Ahmadineschads beträchtlich beigetragen.

Ahmad Taheri

Aber wahrscheinlich glaubt Steinbach auch, dass der Mond aus grünem Käse besteht.

[Aus dem Archiv.]

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