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Politische Theorie

Hannah Arendt lesen (4/4)

Gab es auch Unterschiede zwischen den historischen totalitären Herrschaftssystemenen? Ja, sagt Hannah Arendt. Das deutsche System der Konzentrationslager hatte keinen anderen Zweck als den der Vernichtung, ökonomisch brachten sie keinen Nutzen. Anders beim russischen Gulag.

«French Revolution: prisoner sits middle«/ CC0 1.0

Allerdings war die Ausbeutung der Arbeitskraft in den bolschewistischen sog. Zwangsarbeitslagern, so Arendt, ausgesprochen gering und die Sterblichkeitsrate sehr hoch. Zweckmässig mögen die Lager allenfalls insofern gewesen sein, als es ihretwegen keine Arbeitslosen mehr gab.

Das ist der Unterschied und letztlich ist er sehr gering, denn auch die Lager im Gulag waren ökonomisch zwecklos. Die Bezeichnung «Zwangsarbeitslager», die von den Bolschewisten selbst stammt, ist insofern irreführend, als im Bolschewismus Zwangsarbeit der Normalfall war. Auch sie liefen auf Vernichtung hinaus.

Dass in Russland die Vernichtung nicht ganz so effizient war, so vermutet Arendt, könnte mit einem Mangel an Gefängnisses zu erklären sein und vielleicht dem nicht ganz geglückten Versuch, das Justizsystem in seiner Gesamtheit abzuschaffen. Aber auch in anderer Hinsicht waren sich die Lager ähnlich.

Höhlen des Vergessens, eine Phantomwelt

Denn in beiden Systemen, dem bolschewistischen wie dem nazistischen, gab es drei Gruppen von Insassen: Die Verbrecher, die Politischen und die Unschuldigen. Indem Recht und Unrecht in ihnen vollkommen aufgehoben und durch Komplizenschaft der Unterschied zwischen Henker und Opfer verwischt wird, bildeten die Lager eine Art von künstlicher Unwirklichkeit, eine Phantomwelt, so Arendt.

Die Praxis, Menschen verschwinden zu lassen und alle Erinnerung an sie auszulöschen, ist dabei wesentlich für totalitäre Herrschaft. Die Massen sollen es als normal empfinden, wenn Menschen verschwinden, als hätte es sie nie gegeben. Die Gefängnisse und Lager werden so zu «Höhlen des Vergessens». Ausserhalb ihrer Mauern profitierten andere davon, indem sie den Posten eines Verschwundenen einnahmen.

Darin liegt für den Nachrücker ein Grund zur besonderen Loyalität gegenüber dem Regime, dessen eigentliches Ziel nicht einfach eine revolutionäre gesellschaftliche Ordnung darstellt, sondern die menschliche Natur durch unablässigen Terror zu einem vollkommen fremdbestimmten Lebewesen zu verändern. Es ist dieser Terror, durch den sich das totalitäre Regime überhaupt erst konstituiert. Der Terror selbst kennt kein Ende und allenfalls Etappenziele.

Die totalitären Bewegungen haben alle Elemente ihrer Ideologien, die Lehre vom Kampf der Klassen oder die Lehre vom Recht des Stärkeren, bereits fertig vorgefunden; sie musssten sich ihrer nur noch bemächtigen. Immer aber, so Arendt, sind ihnen drei spezifische Elemente eigentümlich: Die Fixierung auf die Zukunft; die Unterstellung verschwörerischer Absichten der «objektiven» Gegner; und die Radikalität ihrer Forderungen, die zugleich wissenschaftlich abgesichert sein soll.

Weil die Elemente der Ideologie mit der Übernahme der Herrschaft zweitrangig, wenn nicht gar gleichgültig geworden sind, nimmt es kaum wunder, warum ideologisch infizierte Menschen so leicht von einer zur anderen Ideologie wechseln, wenn sie das eigene System aus welchen Gründen auch immer enttäuscht hat. Dabei bleiben sie dem Totalitarismus verhaftet und die Erfahrung zeigt, so Arendt, dass es ausserordentlich schwer ist, sie wieder in gemässigte Fahrwasser zurückzuführen.

Gerade die Entfremdung von der modernen Welt lässt viele Menschen dazu verführen, «sich in ein Narrenparadies oder eine Narrenhölle abkommandieren zu lassen», so Arendt, wobei sich seit der Antike beobachten lässt, dass Staatsformen, die auf der Gleichheit ihrer Bürger beruhen, besonders häufig Gefahr laufen, in Tyranneien umzuschlagen. So haben die totalitären Bewegungen mit zwei Illusionen aufgeräunt: Dass Bürger niemals gegenüber öffentlichen Angelegenheiten indifferent sein werden; und dass indifferente Massen kein politisches Gewicht haben.

Paradoxerweise, so Arendt, hat ausgerechnet der Nationalstaat sich sein eigenes Grab geschaufelt, als er die Klassengesellschaft beendet und durch eine Massengesellschaft ersetzt hat, der die Differenzierung fehlt, damit die demokratischen Institutionen wie die demokratischen Freiheiten einen Sinn geben. Dem muss man widersprechen, denn die Differenzierung ergibt sich aus der Anerkennung von Pluralismus und Wohlstandsdifferenz.

Davon unbenommen bleibt das Versprechen der bürgerlichen Gesellschaft, dass niemand unter eine existentielles Minimum fallen darf. Es ist merkwürdig, dass Arendt den Nationalstaat, den sie zuvor vehement verteidigt hat, nun mit einem solchen Geburtsfehler behaftet sieht. In diesem Punkt ist Arendts Argumentation nicht ganz schlüssig, auch nicht vor dem Hintergrund der Ereignisse, die Europa in die Katastrophe geführt haben.

Deutschland, Israel und der Zionismus

Der Dramatiker Bertold Brecht, ein ausgewiesener Marxist, hat einmal geschrieben, dass, bevor Hitler und seine Hintermänner Europa unterwarfen, sie das deutsche Volk unterworfen haben – wozu man ergänzen muss, dass das deutsche Volk sich nur allzu leicht hat unterwerfen lassen. Richtig ist gleichwohl, was Hannah Arendt dazu sagte, dass nämlich Hitler kurz vor Kriegsende die vollkommene Zerstörung Deutschlands provoziert hat, um seine Prophezeiung vom Untergang im Falle einer Niederlage wahr zu machen.

Viel mehr hat Hannah Arendt über Deutschland nicht zu sagen, denn ihre Analyse sieht mit Ausnahme der obigen Feststellung den Nationalstaat nicht als Teil des Problems, insofern die totalitären Bewegungen immer darauf aus waren, ihn zugunsten einer neuen Weltordnung zu überwinden und Revolution, Terror und Vernichtung zum Dauerzustand zu machen – was uns zu der Frage führt, wo Hannah Arendt eigentlich politisch stand.

War sie eine linke Antikapitalistin? So heisst in einem Beitrag des «Deutschlandfunks» über Hannah Arendt: «Imperialismus und kapitalistische Logiken bedingen bei Arendt einander.» Ebendort paraphrasiert man ihre Gedanken wie folgt: «In einer von imperialistischen und kapitalistischen Dynamiken getriebenen Gesellschaft bleiben diejenigen auf der Strecke, deren persönliche Vorstellungen von Erfolg sich nicht erfüllen.»

Das ist freilich nur eine Momentaufnahme, die Arendt gezeichnet hat. Wenn sie schreibt, für das imperialistische Zeitalter kennzeichnend sei das „Bündnis zwischen Mob und Kapital“ oder dass Juden mit der Entwicklung des kapitalistischen Systems nie etwas zu tun haben wollten, dann beziehen sich diese Äusserungen auf historische Phasen, nichts weiter. Was sie wirklich über Kapitalismus bzw. Marktwirtschaft dachte, bleibt nebulös.

Marxistin war sie jedenfalls keine. An Marxens Denken kritisierte sie ein falsches Menschenbild, ging es ihm doch nicht um die Emanzipation der Arbeiterklasse mittels Revolution, da diese Emanzipation bereits erfolgt sei, sondern um die Befreiung des Menschen von der Arbeit. Das, so Arendt, könne aber nur bedeuten, dass Marx den Menschen von der Notwendigkeit des Konsumierens befreien wollte.

Eine solche Forderung, so Arendt, jedoch widerspricht nicht nur den Gesetzen der Natur (Menschen sind keine Steine), sie ist auch empirisch nicht haltbar: In der Praxis nämlich zeigt sich, dass ein Mehr an Freizeit nur ein Mehr an Konsum bedeutet. Marx, so Arendt in ihrem Buch «Vita activa», erliege den „Illusionen einer mechanistischen Weltanschauung“, die Arbeit und Kultur gegeneinander ausspielt.

Eine Liberale aber war sie auch nicht; die politische Theorie des Liberalismus, „derzufolge die Summe der Einzelinteressen sich zu dem Wunder eines Gemeinwohls addiert“, erschien ihr als blosse Ideologie einer Rücksichtslosigkeit von Privatinteressen auf Kosten der Gesellschaft, sodass man sie wohl eher im gemässigt konservativen Teil des politischen Spektrums verorten muss.

«Jérusalem, Quartier Occidental; Palestine Maxime» by artinstitutechicago/ CC0 1.0

Was nun Arendts Ansicht über Israel anbetrifft, so ist ihre Verortung nicht minder kompliziert. Einen binationalen Staat, wie ihn Jehuda Magnes und andere vorgeschlagen haben, lehnte sie ab, denn in einem solchen Staat würden die Juden bald eine Minderheit unter Arabern sein. Sie sah die jüdische Zukunft in Palästina lediglich als Teil einer Föderation, deren einzelnen Elemente klar voneinander geschieden sein müssen.

Ein Vorbild fand sie im föderalen System der USA und im britischen Commonwealth of Nations. Hannah Arendt schrieb dies 1943, als grosse Teile der Welt noch unter kolonialer Verwaltung westlicher Mächte standen. Eine Föderation unter Einschluss der arabischen Länder bedeutete freilich, dass auch deren Kolonialmächte mit im Bott sässen. Folgerichtig dachte Arendt an eine Mittelmeerföderation, der auch Spanien, Italien und Frankreich angehören sollten.

Es ist offensichtlich, dass spätestens mit dem Ende des Kolonialismus eine solche Mittelmeerföderation keine Option für den jüdischen Staat mehr darstellen konnte, weswegen Arendt sich dreissig Jahre später davon distanzierte. Die Kolonialfrage, die sie auf diese Weise hatte lösen wollen, löste sich von selbst. Allerdings liess Arendt keinen Zweifel daran, dass Palästina als Heimstätte des jüdischen Volkes garantiert werden müsste.

Dass sie 1948 Mitunterzeichnerin eines offenen Briefes in der «New York Times» war, in dem sie vor dem späteren israelischen Regierungschef Menachem Begin warnte und ihn und seine Anhänger mit den Nazis verglich, schien sie zu einer Kronzeugin gegen den Zionismus zu machen. Heute weiss man, dass sie 1933 in Paris Mitglied einer Gruppe war, die jüdische Kinder und Jugendliche nach Palästina bringen sollte, und sie auch danach in den USA in zionistischen Kreisen verkehrte.

Lektionen für die Gegenwart

Einige von Hanah Arendts Behauptungen mögen heute überholt, andere unausgegoren oder in sich widersprüchlich sein – doch nicht zuletzt ihr Buch «Elemente und Ursprünge» wird von bleibendem Wert sein, wobei sie immer Politik, Kultur, Gesellschaft und Literatur gleichermassen im Auge behält, wenn sie den Aufstieg totalitärer Bewegungen nachzeichnet und den Antisemitismus in seinem Kontext betrachtet.

Wer heute z.B. die Machtstrukturen der klerikal-faschistischen Islamischen Republik studiert, wird feststellen, dass alle dessen Merkmale schon von Arendt als Merkmale des Totalitarismus genannt werden: Dass nach der Islamischen Revolution Fachleute, z.B. an den Universitäten, durch ungebildete Bauern ersetzt wurden, entspricht dem von ihr formulierten Muster.

Dass bis zu seiner Tötung General Qasem Soleimani faktischer Aussenminister war, während der eigentliche Aussenminister nicht viel zu sagen hatte, beweist die Doppelstrukturen der Islamischen Republik und damit ein Merkmal des Totalitarismus. Der Aussenminister diente, genau wie andere Insitutionen, nur dazu, der Islamischen Republik den Anschein von Respektabilität zu verschaffen – auch dies wurde von Arendt beschrieben.

Wenn die Mullahs bis heute im Militär ihre schwächste Stütze finden, während Polizei und Schlägertruppen umso loyaler sind, und dass radikalere Organisationen die weniger radikalen an den Rand drängen entspricht dies ebenfalls der Arendt’schen Analyse. Nicht zuletzt die Tatsache, dass die Islamische Republik in der Person Ali Khameneis von einer «Unmittelbarkeit der Macht» geprägt ist, der gegenüber selbst die eigene Verfassung nichts gilt, passt zu ihren Beobachtungen.

Auch in Iran sind es weder die Arbeiter noch die Landbevölkerung, wie viele glauben, die lange Zeit hinter dem Regime standen, sondern (neben Klerus und Bazaris) die entwurzelte Mittelschicht in den Städten, die die Revolution herbeiführte. Schon Hannah Arendt hat den Irrtum der Behauptung erkannt, dass die städtische Arbeiterschicht am ehesten dazu neige, den Verlockungen totalitärer Führer zu folgen.

Literatur, Theater, Politik

Schliesslich sei noch erwähnt, dass Hannah Arendt sich viel mit der modernen Demokratie vor allem in den USA und Frankreich beschäftigt und dabei immer wieder Bezug auf die griechische und römische Antike genommen hat – dies nicht nur, weil die Philosophen und Revolutionäre beider Länder sich auf sie beriefen, sondern auch, weil Arendt in ihnen eine Art Labor für ganz grundsätzliche Fragem und Termini der Politik sah.

«Sibyl shows Roman Emperor Augustus«/ CC0 1.0

So beschäftigte sie sich intensiv mit dem Wesen der Autorität, der Freiheit, der Verfassung, dem Gesetz, der Person, der Wahrheit, dem Wesen der Macht u.v..m., um am Ende auf die Literatur und das Theater zu sprechen zu kommen, wie es in ihrem Buch «Über die Revolution» heisst: „Jedenfalls können wir von den Dichtern lernen, dass das absolut Gute im Zusammenleben der Menschen sich als kaum weniger gefährlich erweist als das absolut Böse“.

Wer wollte da widersprechen? Was bleibt, ist ein Gesamtwerk, an dem sich noch Generationen abarbeiten werden wie an Max Webers Schriften oder denjenigen von Hegel, weil es bei aller Detailliertheit immer um das Grundsätzliche geht, das grosse Ganze, und man selbst dort, wo man Arendt nicht zu folgen vermag, Inspiration zum Weiterdenken finden kann.


Literatur

Ahmida, Ali Abdullatif. 2006. «When the Subaltern Speak: Memory of Genocide in Colonial Libya 1929 to 1933», in: Italian Studies, 61:2, 175-190.

Arendt, Hannah. [1943] 1991. «Kann die jüdisch-arabische Frage gelöst werden?, in: dies., Israel, Palästina und der Antisemitismus, hrsg. von Eike Geisel und Klaus Bittermann, Berlin: Wagenbach.

Adenauer, Konrad. [1946] 1984. «Brief an Pastor Dr. Bernhard Custodis in Bonn», in: Die Kirchen im Dritten Reich: Christen und Nazis Hand in Hand?, Bd. 2: Dokumente, 1984, hrsg. von Georg Denzler und Volker Fabricius, Frankfurt/ Main: Fischer.

Arendt, Hannah. 1970. Macht und Gewalt, zit, nach Geißner, Hellmut: „Rhetorik als Vollzug …“, in: Politik und Rhetorik, hrsg. von Josef Kopperschmidt, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1995, S. 160-83.

Arendt, Hannah. 1979. Eichmann in Jerusalem, zit, nach Geißner, Hellmut: „Rhetorik als Vollzug …“, in: Politik und Rhetorik, hrsg. von Josef Kopperschmidt, Opladen: Westdeutscher Verlag, 1995, S. 160-83.

Arendt, Hannah. 2006. Between Past and Future. New York et al.: Penguin.

Arendt, Hannah. 2023. Vita activa oder Vom Tätigen Leben. München: Piper.

Arendt, Hannah. 2023. Elemente und Ursprünge totalitärer Herrschaft. München: Piper.

Arendt, Hannah. 2024. Über die Revolution. München: Piper.

Berlin, Isaiah, und Ramin Jahanbegloo. 1994. Den Ideen die Stimme zurückgeben: Eine intellektuelle Biographie in Gesprächen. Frankfurt/ Main: S. Fischer.

Brecht, Bertold. 1967. Gesammelte Werke 20: Schriften zur Politik und Gesellschaft. Frankfurt/ Main: Suhrkamp.

Yerushalmi, Yosef Hayim. 1995. «Diener von Königen und nicht Diener von Dienern»: Einige Aspekte der politischen Geschichte der Juden. München: Carl Friedrich von Siemens Stiftung.


Hier geht es zu Teil 1, Teil 2, Teil 3.

Von Michael Kreutz

Orientalist (Dr. phil.), Politologe & Kulturjournalist. Website: www.michaelkreutz.net

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