Griechischer linker Ultranationalismus

Im Westen wundern sich wieder einige, wie es möglich sein kann, dass eine ultralinke mit einer rechtskonservativen Partei koaliert – als ob man nichtwestliche Länder mit den Wertvorstellungen des Westens begreifen könnte! Dabei ist Griechenland nicht nur kein Teil des Westens, sondern ein ausgesprochen anti-westliches Land, auch wenn es geographisch in Europa liegen und Mitglied von EU und NATO sein mag. ((Vasilios N. Makrides urteilt über Griechenland: “Its political and economical elites are pro-Western, but its history, culture, religion and tradition are essentially non-Western.” Aus: Encyclopedia of Greece and the Hellenic tradition / Ed. Graham Speake (2000), Lemma “Anti-westernism”.))

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Störrische Schotten

Der englische König Edward I. (1277-1307) war ein fortschrittlicher Staatsmann, der die Staatsbürokratie auf Vordermann brachte und unter dessen Herrschaft die Wirtschaft aufblühte. Den Engländern ist er vor allem als Eroberer von Wales 1284 ein Begriff, dem Beginn des späteren Königreichs Grossbritannien, und als Reformer des englischen Parlamentarismus hin zu mehr Repräsentation.

Anders bei den Schotten. Diese haben nicht vergessen, dass Edward ihr Land seiner Herrschaft mit allen Mitteln einverleiben wollte. Als jener mit seinem Vorhaben gescheitert war, eine Marionette auf dem schottischen Thron zu installieren, überzog er Schottland 1295 mit Krieg und verwüstete Edinburgh. Ein Mann – zwei Wahrnehmungen.

Jetzt stimmen die Schotten über ihr Ausscheiden aus Grossbritannien ab und einmal mehr zeigt sich, wie langlebig das kulturelle Gedächtnis sein kann. Mehr als 700 Jahre nach Edwards Expansionspolitik ist ein geeintes Grossbritannien – als Monarchie bilden Schottland und England erst seit 1707 eine Einheit – noch immer alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Mein Plädoyer zum Referendum? Sorry, not my cup of tea.

Aber soviel darf ich sagen: Ich würde es bedauern, wenn Grossbritannien zerfiele.

(Abb. Teil einer Skulptur vor dem Buckingham-Palast, 2010. Foto (c) Michael Kreutz.)

 

Everybody’s a critic

“Generation War” heisst die englischsprachige Fassung des deutschen Fernseh-Dreiteilers “Unsere Mütter, unsere Väter”– und die Kritiker im Vereinigten Königreich waren not amused. Das wiederum gefällt der London-Korrespondentin der FAZ gar nicht, wie sie in einem etwas launisch geschriebenen Artikel zum Besten gibt.

Der Film, der vor einem Jahr im deutschen Fernsehen lief, war vorab mit grossem Lob bedacht worden, u.a. in der FAZ. Wie sich seinerzeit herausstellte, hat Produzent Nico Hofmann tatsächlich grossartige Arbeit geleistet, was den Unterhaltungsfaktor angeht, aber rabiat versagt in Hinsicht auf historische Genauigkeit.

Während auf deutscher Seite Antisemitismus lediglich Sache einer Nazi-Elite war, fand er auf polnischer Seite starken Widerhall auch im einfachen Volk: das war das Bild, das der Film vermittelte. Dabei wissen wir nicht erst durch die Forschung von Daniel Jonah Goldhagen, wie weit Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft während der Nazi-Zeit verbreitet war.

Der Historiker Sebastian Haffner notierte, dass mit der Zweidrittelmehrheit im Parlament jeder Widerstand gegen Hitler dahingeschwunden war. Damals war das Hakenkreuz in die deutsche Masse “hineingeprägt worden”, so Haffner, “wie in einen formlos-nachgiebigen, breiigen Teig.” Nur zu willig haben, wenn auch nicht alle, so doch viel zu viele Deutsche mitgemacht.

Der Fernsehfilm “Unsere Mütter, unsere Väter” liess davon nichts erahnen, erweckte vielmehr den Eindruck, Nazi-Ideologie und Judenhass seien ein Problem von SS-Offizieren gewesen. In deutschen Medien war dies gelegentlich und zu recht bemängelt worden.

Das hält die FAZ-Korrespondentin jedoch für keiner Erwähnung wert. Stattdessen bürstet sie den Kritiker Clive James ab, indem sie ihm, der doch soviel auf seine Kenntnis der deutschen Kultur halte, vorwirft, selber nichts begriffen zu haben. Noch mehr Arroganz geht nicht.

Umso erfreulicher, dass britische Kritiker dem Film nicht auf den Leim gegangen sind.

Gibt es einen islamischen Faschismus?

Vor mehr als zwanzig Jahren sorgte ein Buch unter dem Titel “Die unerbittlichen Erlöser” zunächst in Frankreich, dann auch in Deutschland, für erhebliche Furore. Sein Verfasser, der Theologe und Politikberater Jean-Claude Barreau, ging darin den Ursachen des gewalttätigen Islamismus auf den Grund, die er – und das war der Skandal – direkt auf den Koran (“ein archaisches Buch”) zurückführte. Den Islam zeichnete er als eine zerstörerische (wenngleich reformierbare) Kraft, die den Werten der Moderne entgegensteht.

Seitdem hat es eine Reihe von Büchern gegeben, die eine ähnliche fundamentale Kritik am Islam üben und mittlerweile ein eigenes Genre, das der “Islamkritik”, begründen. Das jüngste Buch dieser Art stammt von dem Berliner Publizisten Hamed Abdel-Samad und trägt den Titel “Der islamische Faschismus”, wobei der Autor Faschismus als eine Art von “politischer Religion” versteht. Von diesem Ansatz ist freilich wenig Erkenntnisgewinn zu erwarten, denn man kann, wie das Eric Voegelin und Hans Maier getan haben, zwar säkulare politische Ideologien besser verstehen, wenn man sie als Quasi-Religionen begreift, umgekehrt wird aber kein Schuh daraus, wenn man im Rückgriff auf den Faschismus den Begriff der “politischen Religion” auf eine Religion anwendet.

Wie dem auch sei, Abdel-Samad glaubt, dass zentrale Eigenschaften, wie sie Umberto Ecos Kriterienkatalog des Ur-Faschismus auflistet, auch auch auf den modernen Islamismus zutreffen, was diesen dadurch aber nicht verständlicher macht, denn dass der Islamismus eine tendentiell gewalttätige und repressive Ideologie ist, war auch schon vorher klar. Auch ist auf einmal vom Islamismus die Rede, obwohl es eigentlich der Anspruch des Buches ist, faschistoides Gedankengut in der Urgeschichte des Islam nachzuweisen (“Ur-Islam”, 17), wie Abdel-Samad dies zuvor schon in einem Vortrag in Kairo vorgestellt hat, auf dem das Buch aufbaut.

Was stattdessen folgt, ist ein Abriss der modernen Geschichte des Faschismus in Ägypten, namentlich in Form der Muslimbrüder (29-57), wobei Abdel-Samad im wesentlichen vorhandene Studien resümiert. Das alles ist nicht neu. Zwar hätte man noch die sog. “Stahlhemden” in Syrien oder die Bewegung der Anatolisten (anadolucular) mit der von ihnen vertretenen türkischen Variante eines völkischen Nationalismus hinzufügen können, um deutlich zu machen, in welchem Ausmass zu Beginn des 20. Jahrhunderts faschistisches Gedankengut in arabischen Ländern wie auch in der Türkei Wurzeln schlagen konnte, doch letztlich ist das alles irrelevant in Hinblick auf die eingangs formulierte These, dass der Faschismus oder wenigstens “faschistoides Gedankengut” im Islam selbst angelegt sein soll.

Die Untermauerung dieser These fällt enttäuschend aus. Letzten Endes weiss Abdel-Samad nicht mehr anzubieten als die Behauptung, schon der Gott Abrahams, wie er in der Hebräischen Bibel geschildert wird, habe bedingungslosen Gehorsam und Opferbereitschaft verlangt – zwei Eigenschaften, die auch “zentrale Aspekte des Faschismus” sein sollen –, um sodann zum Urteil zu gelangen, dass der “Faschismus ist in gewisser Weise mit dem Monotheismus verwandt” sei (59-60). Die Diskussion darüber ist nicht neu und in Deutschland zuletzt vor zehn Jahren geführt worden, als der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann sein Buch “Die mosaische Unterscheidung” veröffentlichte, wovon Abdel-Samad aber wohl nichts mitbekommen hat.

Die These steht überdies auf wackeligen Füssen, denn wie schon der englische Hebraist John Selden (1584-1654) vor 400 Jahren gegenüber den Antisemiten seiner Zeit argumentierte, besteht nach rabbinischer Auffassung gar keine Veranlassung, Gewalt um der Bekehrung willen auszuüben, weil Mission dem Judentum fremd ist – ebenso wie die Vorstellung, das individuelle Heil führe nur über das jüdische Religionsgesetz. Assmann selbst hat noch eine weitere Sichtweise angeboten, dass nämlich die sog. Mosaische Unterscheidung (also die Einführung des Ein-Gott-Glaubens) Toleranz erst möglich gemacht hat, weil diese nur gegenüber etwas gewährt werden kann, was der eigenen Auffassung widerspricht. Der antike Polytheismus hingegen habe keine Toleranz kennen können, weil die eigenen Götter gar nicht im Konflikt mit anderen Göttern standen.

Ob man Assmanns spitzfindiger Argumentation nun folgt oder nicht: Wenn Abdel-Samad behauptet, dass die Hebräische Bibel absoluten Gehorsam gegenüber Gott verlangt (61), so sitzt er einem grundlegenden Irrtum auf. Zwar ist der Gott der Hebräischen Bibel der Gewalt nicht abhold, aber nirgendwo im jüdischen Religionsgesetz wird gefordert, dass der Mensch sich Gott völlig zu unterwerfen habe. Der Mensch muss noch nicht einmal an ihn glauben, es ist ihm lediglich untersagt, ihn zu lästern oder Götzen an seiner Stelle anzubeten. Der Gott des Judentums bestraft, aber nicht für Unglauben.

Indem Abdel-Samad das Gottesbild, das er aus dem Koran kennt, auf die Hebräische Bibel projiziert, weil er annimmt, allen Monotheismen sei dieselbe Gottesvorstellung zu eigen, zeigt er nicht nur seine Ahnungslosigkeit angesichts dieser Schriften, er macht auch jeden Versuch einer Erklärung zunichte, warum die Demokratie in der Islamischen Welt nicht so recht gedeihen will, während das in den Gesellschaften mit christlicher Mehrheit und im mehrheitlich jüdischen Israel offenbar anders ist.

Völlig unzulänglich ist denn auch Abdel-Samads Versuch, von der vier Stiftern der kanonischen Rechtsschulen des sunnitischen Islam Ahmad Ibn Hanbal die Rolle des Schurken zuzuweisen (69-70), weil jener das entscheidende Bindeglied zwischen dem traditionellen Islam und der wahhabitischen Staatsideologie Saudi-Arabiens darstellt, von wo aus sich leicht ein Bogen zum modernen Dschihadismus schlagen lässt (74). Einmal abgesehen davon, dass Abdel-Samad damit wiederholt seine eigene These schwächt, nach der das alles ja schon im frühen Islam zu finden sein soll, wäre es viel naheliegender, den Schwarzen Peter einem anderen Schulgründer, nämlich asch-Schafi’i, zuzuschustern.

Schafi’i nämlich war derjenige, der die ursprüngliche Pluralität der Rechtsschulen vereinheitlichte und ihren Spielraum erheblich einengte, indem er den sog. raʾy, die persönliche Meinung des Gelehrten, als Mittel der Wahrheitsfindung ausschloss. Der Begriff der sunna, der vorher eine lokale Rechtstradition bezeichnete, wird seitdem ausschliesslich für die Prophetentradition verwendet. Dies haben die Studien des (mittlerweile verstorbenen) ägyptischen Islamreformers Nasr Hamid Abu Zayd ergeben, von dem Abdel-Samad schon einmal gehört haben dürfte. Nach Abu Zayd ist erst durch Schafi’i die Prophetentradition als unantastbar in den Rang einer göttlichen Offenbarung gehoben geworden, was vorher nicht der Fall war. ((Naṣr Ḥāmid Abū Zayd, الامام الشافعي وتأسيس الايديولوجيا الوسطية, Kairo 1992, S. 22, 40, 46, 99.)) Zwar räumt Abdel-Samad ein, dass der Islam in seinen Anfängen wandlungsfähig war und sich nicht gegen Wissen und freies Denken stellte (103), er widerspricht damit aber wieder seiner eigenen These von einer Verwurzelung des Faschismus in der frühesten islamischen Geschichte.

Auch sonst liefert Abdel-Samad nichts, um diese These halbwegs glaubwürdig zu untermauern. Dass Mohammed das Unternehmen “Säuberung Arabiens” in Gang gesetzt habe, wodurch die Halbinsel “von allen Ungläubigen befreit werden” sollte (67), ist jedenfalls eine irreführende Feststellung, insofern als das Ziel der islamischen Expansion immer die Unterwerfung und tributäre Abhängigkeit der Nichtmuslime war, die eine Sondersteuer (Kopfsteuer) zu zahlen hatten, aber niemals deren restlose Bekehrung oder Auslöschung. Dieses Expansionskonzept, das sich als historisch überaus erfolgreich erweisen hat, kann wohl kaum faschistisch nennen.

Was seiner These noch am ehesten zuträglich wäre, erwähnt Abdel-Samad dagegen nicht: Westler unterschätzen meist die immense soziale Kontrolle, die in islamischen Gesellschaften herrscht und die eine unmittelbare Verankerung im Koran hat, wo die Gläubigen an mehreren Stellen dazu aufgefordert werden, “das Gute zu befehlen und das Verwerfliche zu verbieten”. Darauf gründen sich nicht nur heutige Religionspolizeien wie diejenige in Saudi-Arabien, sondern es handelt sich hierbei um einen Aufruf an alle Mitglieder der Gemeinde, sich untereinander zu disziplinieren. Dieses Problematik wird von Abdel-Samad jedoch nur zweimal kurz gestreift (98, 112), weil er ihre Bedeutung für das Mass der individuellen Unfreiheit, das in der Islamischen Welt herrscht, verkennt. (Die einzige mir bekannte Studie zum Thema stammt von Fatima Mernissi aus den 1980ern und ist nur noch antiquarisch erhältlich).

Auch die Ausführungen über den Antisemitismus in der heutigen Arabischen Welt tragen nichts zu seiner These bei. Ohnehin wird hier der Forschungsstand mehr schlecht als recht referiert (81ff.), die Schia kommt bei Abdel-Samad nur in Verbindung mit der Hisbollah und dem khomeinistischen Iran vor (141 ff.). Zu den drei Quellen für den iranischen Antisemitismus, die er nennt (deutscher Einfluss, Sayyid Qutb, Koran) fehlen bezeichnenderweise schiitische theologische Schriften. Dabei kennt die Schia eine ganz eigene Tradition des Antisemitismus, insofern als nach schiitischer Überzeugung der Antichrist mit jüdischen Attributen versehen ist und wohl nicht zufällig das Jüngste Gericht mit einer Schlacht eingeleitet werden soll, deren Höhepunkt in Jerusalem stattfindet.

Manches im Buch klingt einfach naiv, wie die Forderung, Deutschland müsse “jungen Muslimen als Individuen größere Chancen einräumen.” (197) Was man seinem Autor Abdel-Samad aber auf keinen Fall vorwerfen kann, ist, dass er hier mit Feuereifer gegen den Islam anschriebe, wie manche Rezensenten meinen, die gleich mit dem Vorwurf der Islamophobie aufwarten und in seinem Buch nichts als üble Agitation sehen wollen. Davor sei Abdel-Samad hier ausdrücklich in Schutz genommen.(((Nur am Rande sei hier vermerkt, dass der “Exkurs: Fremd im eigenen Land – die Situation der Kopten”, S. 98 ff., teilweise mit einem Artikel identisch ist, den Abdel-Samad zuvor in der “Welt” veröffentlicht hat, ohne dass dies irgendwo angegeben wäre. http://www.welt.de/politik/ausland/article13839737/Mit-der-Revolution-wird-heute-Popcorn-verkauft.html. Dies gilt auch für sein Porträt verschiedener Ex-Muslime auf S. 163 ff: http://www.welt.de/politik/ausland/article117800364/Was-ist-das-fuer-ein-Glaube-Was-fuer-ein-Gott.html.))

Einmal abgesehen davon, dass mich immer wieder erstaunt, wie westliche nicht-muslimische Intellektuelle, die keinen müden Pfifferling auf Christentum und Kirche geben, sich tierisch für den Islam ins Zeug legen und ihn unter ihre Fittiche nehmen, sobald sie ihn bedroht glauben, merkt man Abdel-Samads Buch an, dass es vor allem der schlechte Zustand der Islamischen Welt ist, der ihn bedrückt und empört. Die Zustände dort scheinen bestenfalls zu stagnieren, in manchen Fällen sogar sich zu verschlechtern. Abdel-Samad schreibt nicht aus Verachtung für den Islam, sondern aus erkennbarer Sorge, dass die Islamische Welt in Lethargie und Gewalt verharrt, während immer mehr nicht-islamische Länder den Weg zu Wohlstand und Demokratie beschreiten.

Darum bedarf es einer anhaltenden Debatte, die diese Problematik thematisiert, ohne in immer dieselbe Islam-Apologetik zu verfallen, die nur eine Sackgasse ist. Bezeichnend ist, dass solche Debatten öffentlich fast ausschliesslich im Westen stattfinden. Wenn Abdel-Samads Buch, bei allen Unzulänglichkeiten, die es aufweist, einen Beitrag dazu leisten kann, so ist ihm auf jeden Fall Erfolg zu wünschen.

Hamed Abdel-Samad, Der islamische Faschismus: Eine Analyse, München 2014, ISBN 978-3426276273, € 18,00.

Die Hagia Sophia und das Ende des 1. Weltkrieges

Dass die Hagia Sophia in Istanbul wieder zu einer Moschee gemacht werden soll, ist ein Gedanke, der in der türkischen Politik und Öffentlichkeit immer wieder einmal aufkommt. Die Frage nach ihrer Bestimmung geht im wesentlichen bis auf das Jahr 1919 zurück, als in Paris die Friedenskonferenz tagte. Ein Artikel des Turkologen Klaus Kreiser in der “SZ” bietet eine gute Gelegenheit, sich einmal anzuschauen, welche Debatte damals ihrer Umwandlung in ein Museum vorausging.

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Immer nur Israel (2)

Es geht immer noch ein bisschen absurder. Shlomo Sand, ein israelischer Historiker, der durch die These bekannt wurde, dass es ein jüdisches Volk nicht gebe, legt in der NZZ nach. Seine Argumente lassen sich wie folgt zusammenfassen: Das Judentum sei kein Volk, sondern nichts weiter als eine Religionsgemeinschaft, deren Mitglieder in der Geschichte nur durch gemeinsame Riten miteinander verbunden waren. Erst der Staat Israel habe so etwas wie ein Volk geschaffen, jedoch kein jüdisches, sondern ein israelisches. (Forts. des Blogbeitrags vom 04.01.2014)

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Noch ist es nicht zu spät!

Alle machen es und so wollen wir nicht zurückstehen. Hier also unsere Buchempfehlungen für Weihnachten oder auch für danach. Obwohl ganze Bücherstapel im Wochentakt über meinen Schreibtisch wandern, fanden nur vergleichsweise wenige Titel in die Auswahl – nämlich solche, die für eine grösseres Publikum von Interesse sind, noch im Buchhandel erhältlich, zudem im Preis erschwinglich und in keiner anderen Sprache als Deutsch oder Englisch verfasst. Vorläufig sollen hier auch nur Sachbücher genannt werden. Wer über eine Anschaffung vor Weihnachten nachdenkt: noch ist es nicht zu spät!

1.) James Barr, A Line in the Sand: Britain, France and the Struggle That Shaped the Middle East (2012).
Viel ist dieser Tage davon die Rede, dass die alte, mit den Namen Sykes und Picot verbundene Ordnung im Nahen Osten bald der Vergangenheit angehören könnte. Trotz einiger Schwächen (so in der Schilderung der sog. Hussein-McMahon-Korrespondenz) gebührt dem Autor das Verdienst, in umfangreicher Weise unveröffentlichtes Material aus nicht weniger als sechzehn Archiven in Frankreich und Grossbritannien erschlossen zu haben. Mag manche Schlussfolgerung eher vorsichtig zu geniessen sein (mit den Thesen von Efraim Karsh oder Elie Kedourie setzt er sich kaum auseinander, auch fehlt ihm der Zugang zu Quellen in arabischer Sprache, ebenso zu Forschungsliteratur auf Deutsch), so bietet Barrs Buch allein wegen des verarbeiteten archivarischen Materials eine unverzichtbare Lektüre für die Vorgeschichte der heutigen Nationalstaaten Westasiens.

2.) Eric Nelson, The Hebrew Republic: Jewish Sources and the Transformation of European Political Thought (2010).
Auf den ersten Blick mag die Thematik ein wenig abseitig wirken: Da haben westeuropäische Reformer des 17. und 18. Jahrhunderts die Hebräische Bibel politisch gelesen und allerlei Schrifttum verfasst, in dem sie die Geschichte des jüdischen Volkes zum Leitfaden für Reformen in ihrem Land machten. Nelson stellt nun aber die These auf, dass diese Texte, die ein riesiges Korpus neulateinischer Literatur bilden, ganz entscheidend das politische Denken der Neuzeit geprägt haben. Ein wegweisendes Buch in einer aufstrebendes Disziplin namens “Politischer Hebraismus”.

4.) Klaus Oehler, Blicke aus dem Philosophenturm: Eine Rückschau (2007).
Oehler, emeritierter Professor für Philosophie, hat nicht nur von der Philosophie Platons zum Pragmatismus eines Charles Sanders Pierce eine bemerkenswerte Entwicklung durchlaufen, sondern war auch ein erbitterter Gegner der Achtundsechziger, die an seiner Hamburger Universität besonders viel Unheil stifteten, wie auch des Antiamerikanismus unter den Universtitätsgelehrten der Nachkriegszeit. Oehlers Erinnerungen führen durch alle Höhen und Tiefen der Geisteswissenschaften und sind ihres anekdotengesättigten Charakters wegen ein echter Lesegenuss. Auch Adorno und Carl-Friedrich von Weizsäcker bekommen ihr Fett weg.

5.) Michael Totten, The Road to Fatima Gate: The Beirut Spring, the Rise of Hezbollah, and the Iranian War against Israel (2012).
Zugegeben, das Buch fängt schwach an. Totten will das Geheimnis der Hisbollah ergründen, tritt zunächst in das eine oder andere Fettnäpfchen im Umgang mit der Organisation und scheint zunächst nicht viel neues zu bieten. Doch dann nimmt das Buch Fahrt auf und zieht den Leser in seinen Bann. Am interessantesten sind die Begegnungen mit Schlüsselfiguren der libanesischen Politik. Die „Fatima Gate‟ des Titels bezieht sich übrigens auf den halboffiziellen, für Drusen geschaffenen Übergang zwischen dem Libanon und Israel (dort „The Good Fence‟ genannt).

6.) Jürgen Osterhammel, Die Entzauberung Asiens: Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert (2013).
Im 18. Jahrhundert wuchs das europäische Wissen über Asien rasant. Vor dem Hintergrund westlicher Expansion  bekam das Wissen aber auch eine politische Bedeutung und schlug zuweilen in eine Herrschaftsideologie um. Wer sich jetzt an Edward Saids bekannte Thesen („Culture and Imperialism‟) erinnert fühlt hat, irrt, wenn er glaubt, hier handele es sich um einen neuaufgelegten Orientalism: Osterhammel grenzt sich explizit von Said ab und zeigt, wie eine Kulturgeschichte westlichen Wissens über Asien auch sehr viel differenzierter aussehen kann.

7.) Jan Assmann und Florian Ebeling, Ägyptische Mysterien: Reisen in die Unterwelt in Aufklärung und Romantik – Eine kommentierte Anthologie (2011).
Ägyptische Mysterien, wenn soll das denn interessieren? Aber ähnlich Nelsons The Hebrew Republic (s.o.) handelt auch dieses Buch von Dingen, die bei weitem nicht so abwegig sind, wie sie zunächst scheinen mögen. Reisen in die Unterwelt bilden ein beliebtes Motiv in der Literatur der Aufklärung und der Romantik und finden sich bei Wieland und in Mozarts Zauberflöte ebenso wie in Texten der Freimaurer und solchen der Gegenaufklärung – ein faszinierendes Kapitel europäischer Literatur- und Kulturgeschichte.

8.) Daron Acemoglu und James A. Robinson, Why Nations Fail: The Origins of Power, Prosperity, and Poverty (2012).
Warum es manche Länder zu Wohlstand bringen und andere nicht, dafür mag es mehr als einen Grund geben, aber eine unzweifelhaft zentrale Rolle spielt die Rechtssicherheit mitsamt den entsprechenden Institutionen. Von ihrer Existenz hängt vielleicht nicht alles, aber sehr viel ab. Die Autoren des Buches schliessen sich dieser These an, die sie in einem Rundgang durch die Weltwirtschaftsgeschichte eindrucksvoll belegen.

9.) Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit: Politisch-psychologischer Versuch (2006).
Ein grosser Fan von Sloterdijkt bin ich zugegebenermassen zwar nicht – manches erscheint mir abstrus, anderes reaktionär – aber Zorn und Zeit ist auf jeden Fall der Lektüre wert. In typisch Sloterdijk’scher Sprache („Das Leben des Furorsubjekts ist das Prickeln im Kelch der Situation‟) zeigt das Buch, wie der Zorn (gr. Thymos) eine wesentliche Triebfeder gesellschaftlicher Veränderung darstellt. Auch Freiheit ist nach Sloterdijk ein Begriff, der nur im Rahmen einer thymotischen Menschensicht sinnvoll erscheint.

10.) Hans Blumenberg, Die Verführbarkeit des Philosophen (2005).
Mittlerweile habe ich fast alle Bücher des Philosophen Hand Blumenberg gelesen und die meisten haben ihren dauerhaften Platz in meinem Regal eingenommen. Die Verführbarkeit des Philosophen gehört zu dem etwa halbes Dutzend Werken, die aus dem Nachlass heraus entstanden sind. Als Einführung in die Philosophie Blumenbergs eignet es sich zwar nicht, aber zur Diagnose der Gegenwart hat der Band umso mehr zu bieten. Aufgeteilt nach lose zusammenhängenden Stichwörtern handelt der Autor unterschiedlichste Themen von Hitchcock bis Heidegger ab – manchmal amüsant, aber immer geistreich.

11.) Michael Kreutz, Arabischer Humanismus in der Neuzeit (2007).
Dass die Araber im Mittelalter in grossem Masse griechische Literatur übersetzten und an Europa vermittelten, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert eine zweite Welle arabischer Übersetzungen aus dem Griechischen stattgefunden hat, diesmal im Zeichen modernistischen Denkens. Vor allem die poetischen Werke der Griechen, die von den mittelalterlichen Übersetzern ausgespart worden waren, standen im Zentrum des Interesses. Ziel war eine Modernisierung der arabischen Gesellschaften auf allen Ebenen, in der Literatur ebenso wie in der Politik – eine Modernisierung, die nicht primär aus der Religion hergeleitet wurde. Auch der Gedanke einer Kulturgemeinschaft mit Europa spielt hierbei eine Rolle. Das Buch basiert auf einer ausgedehnten Lektüre arabischer Quellen und ist für alle von Interesse, die sich für das Thema Modernisierung (und ihr Scheitern) im Nahen Osten sowie die Rezeptionsgeschichte der griechischen Antike aus einem ganz anderen Blickwinkel interessieren.

Dschihad und olle Kamellen

Was kann die Wissenschaft zu religiösen Konzepten wie dem Dschihad sagen? Nun gibt es mehr als eine Definition; welche die richtige ist, lässt sich jedoch objektiv nicht ermitteln, weil es sich um eine Glaubensfrage handelt. Die Wissenschaft kann im wesentlichen nur drei Dinge feststellen: Wie der Begriff Dschihad in der Geschichte verstanden wurde; welche möglichen Bedeutungen sich aus dem koranischen Kontext heraus ableiten lassen; und wie der Begriff heute unter Muslimen verstanden wird, also welche Definition wieviele Anhänger hat. Das erste fällt in die Zuständigkeit der Geschichtswissenschaft, das zweite in die der Philologie, das dritte in die der empirischen Sozialforschung.

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Syrien nach Assad (3)

Dass diese Zustände kein Alleinstellungsmerkmal der arabischsprachigen Welt sind, zeigen die Memoiren des iranischen Klerikers Scheich Ebrahim Zanjani, der von ganz ähnlichen Missständen im Iran zu Beginn des 20. Jahrhunderts berichtet. In jedem Falle gilt: Angesichts einer Staatsmacht, die für nichts als Repression und Korruption steht, während der einzelne Bürger eine Gegenleistung bekäme, wird niemals auf Loyalität der Bevölkerung zählen können.

In gewisser Weise ist es daher nur konsequent, wenn Arbeitsverträge in einem Land wie Syrien unüblich sind. Allenfalls grosse Firmen stellen auf vertraglicher Basis ein, der Grossteil der arbeitenden Bevölkerung ist dagegen der Willkür ihrer Vorgesetzten ausgelierfert. Zwar erhebt der syrische Staat mit seiner Baath-Ideologie einen sozialistischen Anspruch, d.h. es gibt ein Versprechen auf einen Arbeitsplatz, doch versagte der Staat in der Praxis. Zum einen mussten Antragsteller Jahre auf einen Arbeitsplatz warten, zum anderen war dieser Arbeitsplatz nichts, was diesen Namen verdiente.

Auch das politische System Syriens war immer nur ein Potemkinsches Dorf. Dass einfache Bürger von ihrem passiven Wahlrecht Gebrauch machen, war in der Praxis nicht vorgesehen. Kam jemand auf die Idee, es dennoch zu tun, konnte er sich darauf verlassen, Besuch vom Geheimdienst zu bekommen. Beharrte der kandidierungswillige Bürger auf seinem Vorhaben, so hielt man ihn von einer Kandidatur zwar nicht ab, liess ihn jedoch im Aaschluss an die inszenierten Wahlen mitteilen, dass er nicht genügend Stimmen für ein Mandat errungen habe. Die genaue Zahl der Stimmen würde er nie erfahren.

Das Parlament ist eine Farce, trotzdem nicht überflüssig. Zum einen gab sich das Regime so den Anschein einer Legitimation, zum anderen bedeutete es für die Abgeordneten völlige Handlungsfreiheit, wenn es um krumme Geschäfte ging. Und krumme Geschäfte gab es viele in Syrien, die meisten davon dürften mit dem Namen Rami Makhlouf in Verbindung stehen, einem der reichsten Männer des Landes, dem Telefoniedienstleister, Baukonzerne und Hotels gehören.

Der syrische Staat war und ist ein Staat, der auf den beiden Säulen Nepotismus und Repression beruht. Wenn ahnungslose westliche Intellektuelle beispielsweise fordern, man möge doch den Staaten des Nahen und Mittleren Ostens “nicht mit pauschaler Ablehnung” begegnen, sondern sich ihnen mit “Einfühlungsvermögen” nähern, dann zeigt das nur, dass hier elementare Dinge nicht verstanden worden sind.

Wie entscheidend inklusive Institutionen für den Wohlstand einer Gesellschaft sind, haben die Forscher Jared Diamond (“Kollaps”) sowie Daron Acemoglu und James A. Robinson (“Why Nations Fail”) überzeugend dargelegt, wenngleich sich nicht trauen, auch gesellschaftliche Werte als mögliche Faktoren zu benennen, wenn es um Fehlentwicklungen von Staatswesen geht. Das eigene empirische Material legt das durchaus nahe. Lieber gibt man der Politik die Schuld, für die dann nur ein Diktator oder eie Gruppe von Herrschern verantwortlich gemacht wird.

Damit wird jedoch keine Antwort auf die Frage gegeben, warum manche Gesellschaften auch nach mehreren Umstürzen immer nur autoritäre Strukturen hervorgebracht haben. Frieden, Freiheit und Wohlstand ergeben sich nicht einfach, indem man freie Wahlen abhält, solange diese nicht durch entsprechende Werte wie Individualismus, Diesseitigkeit etc. gestützt werden. Der von Harrison und Huntington herausgegeben Sammelband “Culture Matters – How Values Shape Human Progress” (2000) sollte Pflichtlektüre von mit Aussenpolitik befassten Politikern, Kommentatoren und Wissenschaftlern sein.

Der tunesische Politiker und ehemalige Vorsitzende tunesischen Liga für Menschenrechte Mohamed Charfi schrieb in seinem Buch “Der Islam und die Freiheit” (1999), dass die islamische Welt bis heute keine kulturelle und pädagogische Revolution gehabt habe. Pensum und Organisation des Unterrichts mögen in den verschiedenen islamischen Ländern variieren, doch ob nun in der Türkei oder in Saudi-Arabien, überall werden die Scharia und die Geschichte des Islam auf die gleiche Weise gelehrt, nämlich als Katalog von Vorschriften.

Dazu zählen immer, so monierte Charfi, die Leibesstrafen, das Töten von Abtrünnigen, das Schliessen der Banken und der Kampf gegen die Ungläubigen. Auch werde das Kalifat als dasjenige System präsentiert, das in Sachen gesetzgeberischer Kompetenz ohne Vergleich sei. Paradoxerweise, so Charfi weiter, ist die politische, wirtschaftliche und juristische Realität jedoch eine andere, sodass sich für die Gläubigen eine Verwirrung aus zweierlei Arten von Denken ergebe, indem sie das eine lehrten und die andere praktizierten. Am Ende bedürfe es dann nur noch eines Zornfaktors, der die Menschen in Richtung eines Fundamentalismus treibt.

Wie wir es gerade in Syrien erleben.

Siehe auch:

Syrien nach Assad (1)
Syrien nach Assad (2)

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