Menschen und Mächte, Naher Osten

Kriegstagebuch Aleppo (8)

Warum Aleppo? Seit zwei Tagen ist der Strom in ganz Aleppo unterbrochen, hinzu kommt ein Engpass bei Brot, Gas und Brennstoffen. Ausserdem gelangt nichts nach Aleppo hinein. Trotz der Blockaden kommt es zum Diebstahl von LKWs, seien es Barrikaden der Regierungsarmee oder der Rebellen.

Schlimm sind auch die Aktivitäten der Krisenhändler. Ich habe gesehen, wie Leute sich vor den Bäckereien drängelten, wo Brot zu einem Preis von 15 SYP ausgegeben wurde, und wie kurz darauf einige Krisenhändler dasselbe Brot zu einem Preis von 200 SYP abgegeben haben. Diese Leute sind die wahren Feinde des syrischen Volkes.

Warum Aleppo? Unglücklicherweise ist die Erziehung der Menschen nur auf das Materielle ausgerichtet. Alles in Aleppo unterliegt diesem Grundsatz: Ehe, Freundschaft, soziale Beziehungen – alles folgt einer Politik der Nützlichkeit. Wenn du einem Aleppiner hilfst und ihn bei sich aufnimmst, dann wird wird er nur dein Haus verwüsten und hinter deinem Rücken deine Familie an sich reissen. So habe ich es persönlich in der Türkei erlebt.

Die Aleppiner bekämpfen sich jetzt gegenseitig. Und nicht mehr die anderen. Gestern brachte einer eine grosse Menge an Brot. Ich bat ihn um ein wenig davon für eine Mutter und ihre Kinder. Ich versicherte ihm, dass das die Wahrheit sei. Er lehnte jedoch ab. Als er mir schliesslich ein Laib Brot abgeben wollte, lehnte ich ab.

Abends erinnerte ich mich daran, wie einmal nach einem Kampf zehn Verwundete nebeneinander lagen. Als jemand Wasser für seinen Cousin brachte, wollten auch die anderen Wasser trinken, und so steckte der eine den anderen an, bis sie alle starben.

Ich sage, wenn heute der Messias vom Himmel hinabkäme, würde er an uns allen Anstoss nehmen, an Muslimen wie auch Christen. Denn wir leben gegen seine Werte. Würde Gott Mohammed schicken, so würde dieser von uns nichts wissen wollen, denn wir leben noch nicht einmal nach den Werten des Propheten.

Ich wünsche mir von allen Menschen, seien sie Muslime oder Christen, dass wir zu unseren himmlischen Werten zurückkehren. Und dass wir uns einander erbarmen, bis Gott sich unser erbarmt. Auch ich habe Fehler begangen und werde, so Gott will, in Zukunft Gutes tun. Wir alle sind fehlerhaft. Imam Ali sagt: Wer sich selbst zum Imam macht, soll bei sich selbst anfangen.

Auf militärischer Ebene ist noch immer den ganzen Tag üher der Lärm der militärischern Gefechte und der Kampfflugzeuge zu hören. Was Kommunikationsverbindung und Storm anbetrifft, so weiss niemand etwas.

Bittet in euren Gebeten für uns um Hilfe.

Aleppo, 16.12.2012

(Aus dem Arabischen von M. Kreutz)

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