Kritik des Paternalismus, Naher Osten, Politische Schwärmereien, Wissenschaft und Forschung

Vom Undenkbaren zum Erwarteten

“Der Weise wird bestimmte Lehren vortragen und nicht im Zweifel verharren” (Diogenes Laertios 10,121) muss sich der Ingo Schulze gedacht haben, als er sich seinen Beitrag zur Grass-Debatte von der Seele schrieb. Zwischen zwei Romanen war dafür gerade noch genug Zeit. Als Schriftsteller (”Handy”) ist Schulze nämlich in der glücklichen Lage, weder auf Fakten noch auf Logik oder gar Grammatik Rücksicht nehmen zu müssen.

Schulze weiss genau, dass ein israelischer Angriff auf die Atomanlagen des Iran in jedem Fall ein “Desaster” wäre, selbst dann, ”wenn eine nukleare Katastrophe ausgeschlossen werden könnte”. Denn: Die in den Nachrichten gesendeten Bilder von den iranischen Atomanlagen erinnern “fatal” – fatal! – an die Bilder aus dem Irak, bevor es zum Krieg kam. Wenn diese ebenso wie die Spekulationen über einen Präventivschlag wiederholt werden, dann hat das “eine Gewöhnung zur Folge, die das Undenkbare geradezu zum erwarteten Ereignis machen [sic!].” Undenkbar, aber zu erwarten. Nur ein iranischer Angriff auf Israel wäre noch undenkbarer als undenkbar.

Dass es auch in Israel etwas gibt, woran sich niemand gewöhnen mag, nämlich die Gefahr eigener Vernichtung, muss einen deutschen Schriftsteller nicht kümmern. Ausserdem: “Gestehen wir der einen Seite ein Arsenal an Atomwaffen zu – das bis heute offiziell nicht existiert – und verlangen von der anderen Seite, nicht danach zu streben?” Schulze plädiert für eine “allseitige Abrüstung”, was bedeutet, dass Israel sein Arsenal aufgeben soll. Dass die Vision des iranischen Regimes einen Nahen Osten ohne Israel vorsieht, spielt für Schulze offenbar ebensowenig eine Rolle wie für seinen Schriftstellerkollegen Günter Grass.

Auch Schulze pflegt ein Weltbild, das auf Äquidistanz geeicht ist: “Die Hardliner der einen Seite (…) brauchen nichts so sehr wie die Hardliner der anderen Seite.” Ideologiekritik findet nicht statt. Überhaupt, so glaubt Schulze, ist das iranische Regime ohnehin nur eine Spätfolge des Sturzes von Ministerpräsident Mossadegh 1953[1], wodurch “der Westen” eine “Mitschuld” an den gegenwärtigen politischen Verhältnissen trägt. Soll heissen: Weil der Westen mitschuldig sein soll am chomeinistischen Regime in Iran, kommt ein israelischer Präventivschlag nicht in die Tüte. Mit freundlichen Grüssen nach Teheran.

Schade, lieber Ingo Schulze, das war wohl nichts. Wie wäre es stattdessen mit einem neuen Roman? “Verständig ist, wer sich nicht um das grämt, was er nicht hat, sondern sich an dem freut, was er hat.” (Stobaios 3,17,25)

  1. Ausführungen zu Schulzes Geschichtsdefiziten wollen wir uns hier sparen.
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