Religion und Gesellschaft

Islamisten für die Demokratie

Erstaunliches erfährt man dieser Tage aus einem Interview mit einem deutschen Arabisten. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, auch, weil die hier zum Ausdruck kommende Denkweise typisch für nicht wenige Vertreter des Faches ist.

Es geht, wieder einmal, um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Gewiss, man wird dieser Debatte irgendwann überdrüssig, scheint sie doch zu nichts zu führen. Wenn mit der Behauptung, der Islam gehörte zu Deutschland, die soziale Realität gemeint ist, dann ist sie banal und so gesehen gehört der Islam natürlich zu Deutschland, so wie auch alle möglichen anderen Religionen und Weltanschauungen.

Manch einem aber genügt das nicht. So einer ist der Münsteraner Thomas Bauer, Verfasser eines Ideologieproduktes unter dem Titel “die Kultur der Ambiguität” (dazu an anderer Stelle mehr), der glaubt, die europäische Kultur sei “zutiefst vom Islam geprägt. Der Aufschwung der Philosophie, der Theologie und der Wissenschaften im späten Mittelalter, die italienische Renaissance – all dies hält er ohne den islamischen Einfluss für undenkbar.

Nun ist der europäische Kontinent tatsächlich kulturell so vielschichtig und verwoben, dass einem die These spontan einleuchten möchte und selbstverständlich wäre auch nichts negatives daran, wenn Europa ohne den islamischen Einfluss nicht das wäre, was es heute ist – wenn es denn zuträfe. Hier aber gilt es zu unterscheiden: zwischen dem kulturellen Austausch, der zwischen der arabisch-islamischen Welt einerseits und der europäisch-abendländischen Welt andererseits stattgefunden hat und der während des Mittelalters eher von Nord nach Süd verlief als in entgegengesetzter Richtung, was sich erst mit dem Vordringen westlicher Mächte und innen Wandlungen der arabischen Welt im 19. Jahrhundert ändern sollte – und der Religion, die bei alledem bestenfalls eine untergeordnete Rolle spielte.

Dieser Austausch jedenfalls, der vor allem das griechische Erbe und seine Kommentierung zum Gegenstand hatte, fand nicht etwa im Medium der Religion statt, denn für die Rezipienten der Kulturvermittlung spielte die Religion keine Rolle. Europäische Gelehrte interessierten sich für allerlei, was da aus dem arabischsprachigen Orient zu ihnen drang, sie interessierten sich für Philosophie, Astronomie und Medizin, aber gewiss nicht für den Islam, wie auch die arabischen Überlieferer griechischen Kulturgutes kein Interesse an der heidnischen Götterwelt der Antike hatten.

Bauer hat bestimmt schon einmal den Namen Gotthard Strohmaier gehört, eines herausragenden Fachgelehrten auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte und Vertreter einer Disziplin namens Graeco-Arabistik. Strohmaier, längst emeriert, hat sein Leben den vielen Facetten der Wissenschaftsüberlieferung gewidmet und gehört zu den Experten, die einer grösseren Öffentlichkeit unbekannt geblieben sind. Zu seinen Schriften gehört auch ein Aufsatz aus dem Jahre 2003 unter dem Titel “Was Europa dem Islam verdankt.” Auf muslimischer Seite, so schreibt Strohmaier dort, sei der Wunsch heute sehr stark, zur Vermittlung des griechischen Erbes nach Europa beigetragen zu haben. Er kritisiert, dass heutige Muslime “von wohlmeinenden Europäern” sekundiert würden, “welche die Wirkung der mittelalterlichen Rezeption aus dem Arabischen übertreiben.”

Zu fragen sei nach Strohmaier vielmehr, ob die europäische Rezeption etwa der Aristoteleskommentare des Averroes wirklich so massgeblich für die kulturelle Entwicklung waren, “oder ob nicht tiefere gesellschaftliche Ursachen verantwortlich sind, die ihm eine Aufnahme im Abendland bescherten, die ihm in seiner Heimat versagt blieb.” So kommt Strohmaier zu einem eindeutigen Resümee: “Der relativ schnelle Aufstieg Westeuropas, des Landes der Franken, beruht auf politischen und sozialen Konstellationen, an denen der Islam unbeteiligt war, und in diesem Punkt verdanken wir ihm nichts.” ((Gotthard Strohmaier, “Was Europa dem Islam verdankt”, in: (ders.), Hellas im Islam: Interdisziplinäre Studien zur Ikonographie, Wissenschaft und Religionsgeschichte, Wiesbaden 2003, S. 1-27, hier 25-6.)) Bauer dagegen tritt als Wissenschaftler auf, spricht aber wie ein Aktivist, dem es einfach nur darum geht, den Islam zu verteidigen, wie wenig fundiert die Argumente, die diesem Zweck dienen, auch immer sein mögen.

Irreführend ist daher auch seine Behauptung, es gebe “eine Reihe von islamischen Theologen, die sagen, dass sich die Gleichberechtigung von Mann und Frau aus dem Islam herleiten” lasse. Ja, gewiss doch! Nur, was soll damit gesagt sein? Diese Theologen haben sich bislang noch nicht durchgesetzt und wer weiss, ob sie einmal den Mainstream bilden werden, was durchaus zu hoffen ist. Bislang aber ist davon nicht viel zu spüren, aber der Verweis auf “eine Reihe von islamischen Theologen” dient ja auch nur dazu, die gegenwärtige Misere des Islam in Bezug auf die Stellung der Frau wegzuerklären, hinter einem sprachlichen Nebel aus Scheinargumenten verschwinden zu lassen.

Dass es innerhalb des Mainstream starke Differenzierungen gibt, ist auch so eine Nebelkerze, denn die Sufis, die Bauer hier anführt, mögen mit den Salafisten und Wahhabis zwar auf Kriegsfuss stehen, aber zu einer fortschrittlichen Kraft macht sie das nur bedingt, stehen sie doch dem Gesetzesislam nicht entgegen und haben sich zuweilen auch am Kampf gegen Andersgläubige beteiligt, worauf der Arabist Tilman Nagel hinweist, demzufolge es ein Irrtum sei zu glauben, der Sufismus sei der „Inbegriff gesetzesfreier Individualfrömmigkeit“. ((Tilman Nagel, Angst vor Allah? Auseinandersetzungen mit dem Islam, Berlin 2014, S. 125, 131.))

Schon der grosse Islamgelehrte Ignaz Goldziher hat deutlich gemacht, dass “das Aufheben des Individualbewusstseins” wesentliches Ziel sufischer Mediation sei ((Ignaz Goldziher, Die Richtungen der islamischen Koranauslegung, Leiden 1970, S. 208.)), sich für einen Fortschrittsgedanken also gar nicht so ohne weiteres in Anspruch nehmen lässt. Auch ein Abu Bakr al-Baghdadi, Chef des IS, war einmal Sufi, was ihn nicht davon abgehalten hat, Salafist zu werden. ((William McCants, The ISIS Apocalypse: The History, Strategy, and Doomsday Vision of the Islamic State, New York 2015, S. 74-5.)) Der Islam hat gewiss viele Facetten, aber Bauer versucht ihn pluralistischer zu machen als er ist. Natürlich ist der Sufismus bei westlichen Intellektuellen wegen seiner Poesie und Mystik seit jeher überaus beliebt, aber das dürfte wenigstens zum Teil eher einer gewissen Schwärmerei geschuldet sein.

Ebenso ist Bauers Behauptung, dass im Islam die Staatsform nicht geregelt sei, zwar richtig, sie führt aber gleichfalls in die Irre, insofern als hier der Eindruck erweckt werden soll, dass theokratischen Modellen kaum Ressourcen in den konstitutiven Quellen des Islam zur Verfügung stehen. Das ist eine ebenso fragwürdige Annahme wie diejenige, dass dschihadistische Gruppen wie der IS sich “in ihrem Tun nicht aus der islamischen Tradition ableiten” liessen. Tatsächlich hat der Islamwissenschaftler Johann Christoph Bürgel – dessen Werk Bauer in seiner “Kultur der Ambiguität” komplett ignoriert – gezeigt, dass sich der Staatsgedanke in der islamischen Geschichte ohne weiteres auf den Koran hat berufen können, wobei der Machthaber (Kalif oder Sultan) die „Sachwalter‟ (ulū l-amr) des göttlichen Gesetzes für sich in Anspruch nahm, von denen es in Koran 4,59 heisst: “Ihr Gläubigen! Gehorchet Gott und dem Gesandten und denen unter euch, die zu befehlen haben (oder: zuständig sind)!”, d.h. den ulū l-amr. ((Johann Christoph Bürgel, Allmacht und Mächtigkeit: Religion und Welt im Islam, München 1991, S. 70-1.))

Die kalifale oder sultanische Herrschaft beschränkte sich dann meist auf säkulare Ziele wie die Absicherung des Territoriums und überliess die Verwaltung religiöser Angelegenheiten der Gelehrtenschaft – die jedoch mit der Herrschaft verbunden war. ((Ira M. Lapidus, „The Separation of State and Religion in the Development of Early Islamic Society“, in: Journal of Middle East Studies, vol. 6 (1975), S. 363-85, hier 364.)) Wie Annemarie Schimmel deutlich machte, besitzt im normativen Islam der Kalif zwar “keinerlei religiöse Autorität, sondern ist, wie jeder Muslim, den Regeln der Scharia und ihrer Auslegung durch die ʿulamāʾ unterworfen”, sodass seine Aufgabe darauf beschänkt bleibt, die Umma rechtens zu verwalten, er genau besehen also niemals Staatsoberhaupt war. ((Annemarie Schimmel, Die Zeichen Gottes: Die religiöse Welt des Islams, München 1995, 233, 257, 233.)) Das unterscheidet das klassische Modell vom heutigen IS, sofern hat Bauer recht, aber zum vollständigen Bild gehört, dass der islamische Rechtsdiskurs seit jeher die Umma zum Mittelpunkt hat, an der sich Politik und Religion gleichermassen kristallisieren. Nicht umsonst konstatiert Bernard Lewis, es gebe ein “intimate and essential relationship in Islam between religion and politics that has no parallel in any other major religion.” ((Bernard Lewis, The Multiple Identities of the Middle East, New York 1998, S.27.))

Zu dem Thema liesse sich noch einiges sagen, auch wenn es sicherlich richtig ist, dass sich auch andere Staatsformen mit dem Islam begründen lassen, vielleicht sogar die Demokratie. Deswegen aber dem IS zu attestieren, er stünde ausserhalb der islamischen Tradition unterschätzt, wie sehr die islamische Geschichte von despotischer Herrschaft geprägt ist, die immer auch eine religiöse Legitimation hatte.

Überhaupt legt Bauer eine erstaunlich apologetische Haltung gegenüber Islamisten an den Tag. Islamismus definiert er als “der Meinung zu sein, dass die politische Ordnung stärker durch islamische Grundsätze geprägt werden soll”, was allein “weder verboten noch unbedingt tadelnswert” sei und bei Bauer in der Behauptung kulminiert, dass islamistische Parteien wie die Muslimbrüder “durchaus demokratie-kompatibel” seien. Fragt sich, ob Bauers Ansichten selbst demokratie-kompatibel sind, ist ihm doch offensichtlich nicht klar, dass Islamisten ein rein taktisches Verhältnis zur Demokratie haben.

Dass es unmöglich ist, eine liberale Demokratie auf Grundlage des Umma-Konzeptes (s.o.) zu errichten, lässt sich am Beispiel Tunesien studieren, wie der amerikanische Nahostexperte Shadi Hamid eindrucksvoll gezeigt hat. ((Shadi Hamid, Temptations of Power: Islamists and Illiberal Democracy in a New Middle East, Oxford und New York 2014, passim.)) Hamid hat eigenen Angaben zufolge selber lange Zeit geglaubt, Islamisten durch die Einbindung in demokratische Strukturen in ihrer Gefährlichkeit entschärfen zu können, bis ihn jahrelange Feldforschung in arabischen Ländern eines Besseren gelehrt hat: Erst auf politischen Druck hin demokratisieren Islamisten ihre Strukturen, aber selbst dann stehen sie für eine grundsätzlich andere Gesellschaftsordnung.

Hamid knüpfte damit an eine Debatte an, die sein Landsmann Fareed Zakaria mehr als zehn Jahre zuvor angestossen hatte. Zakaria hatte seinerzeit heftige Kritik an zeitgenössischen Demokratietheoretikern geübt, die um jeden Preis demokratische Wahlen in islamischen Ländern befürworteten, ohne ein Bewusstsein für die Probleme zu haben, “denen diese Institutionen ihre Entstehung verdanken.‟ ((Fareed Zakaria, “Gegen den Mythos der weltweiten Demokratisierung: Ein Plädoyer für den Liberalismus in der Außenpolitik”, in: FAZ vom 13. April 2005, S. 39; vgl. ders, The Future of Freedom: Illiberal Democracy ant Home and Abroad, New York und London [2003] 2004.)) Zakaria ist natürlich kein Gegner der Demokratie, er betrachtet diese jedoch als Schlussstein eines Gesellschaftsverständnisses, in dessen Mittelpunkt die Freiheit des Individuums steht. Solange diese Voraussetzung nicht vorhanden ist, werden Wahlen immer nur autoritäre Kräfte an die Macht bringen. Sein prophetischer Satz, dass die arabischen Herrscher, so autokratisch, korrupt und träge sie auch sein mögen, immer noch liberaler, toleranter und pluralistischer sein würden als alles, was nach ihnen käme, hat sich denn auch bewahrheitet.

Ein letztes Wort noch zu Bauers Behauptung, dass Terroristen sich nicht nur auf den Koran, sondern auch auf die Bibel berufen, wofür er die Lord’s Resistance Army in Uganda als Beispiel heranzieht, wie er auch darauf hinweist, dass es einen militanten Hinduismus und Buddhismus gibt. Auch dies ist eine bewusste Irreführung, ohne dass die Fakten als solche zu beanstanden wären. Was Bauer nämlich unterschlägt, ist die Tatsache, dass Terrorismus im Namen anderer Religionen als des Islam regional begrenzte Phänomene bilden.

Das hat ganz praktische Konsequenzen, denn niemand im Westen befürchtet ernsthaft, dass radikale Hindus oder Buddhisten aus Indien oder Myanmar hierzulande einen Terroranschlag ausführen könnten, während Islamisten dies ganz einfach deshalb zugetraut wird, weil es solche Anschläge schon gegeben hat – und dies durchaus nicht allein von “homegrown terrorists”, wie man an 9/11 sehen konnte. Der Verweis auf Hindus und Buddhisten dient also auch hier allein dazu, die Tatsache zu verschleiern, dass derzeit nur der Terrorismus im Namen des Islam eine globale Dimension hat.

Bauer möchte angesichts der öffentlichen Islam-Diskussion andauernd seine Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Wieviel mehr möchte man dies, wenn man liest, was der Münsteraner Arabist von sich gibt.

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