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Naher und Mittler Osten

Khamenei ist Vergangenheit – und Iran steht vor einem historischen Wendepunkt

Man kann von US-Präsident Trump und Israels Premier Netanjahu halten, was man will – aber der Angriff auf das iranische Mullah-Regime ist ein Akt von historischer Grösse und moralisch gerechtfertigt. Mit der Ausschaltung von Ajatollah Khamenei könnte der iranische Traum von einer säkularen Demokratie Realität werden.

Vergessen wir das Völkerrecht, das meist in die Diskussion eingeführt wird, wenn es darum geht, tyrannische Regime vor einem Umsturz zu bewahren. Den geknechteten Menschen in Iran ist das gleichgültig; sie wollen das verhasste Regime seit zu langer Zeit schon loswerden und sie wissen, dass sie es ohne Hilfe von aussen nicht schaffen.

Fällt das Regime und wird es durch eine säkulare Demokratie ersetzt, wird der Nahe Osten endlich stabilisiert, weil dann die Finanzierung von Terrororganisationen im Ausland (u.a. der Hisbollah im Libanon und der Houthis im Jemen) aufhört und die Beziehungen zu Israel normalisiert werden.

Zugleich verliert Russlands Diktator Putin seinen wichtigsten Drohnenlieferanten, was der Ukraine zugute kommt, die unter Putins Drohnenangriffen enorm zu leiden hat. Eine säkular-demokratischer Iran wird Teil des Westens sein, nicht nur ein Bündnispartner. Der Islam steht dem nicht entgegen; er ist schon jetzt eine Minderheitenkonfession unter Iranern.

Wer die Islamische Revolution ins Leben rief

Tatsächlich ist die iranische Kultur einige Jahrtausende älter als die schiitische. In der Schia hatte sich erst im 8. Jahrhundert unter den Parteigängern Alis der Glaube an ein Imamat etabliert, also ein Konzept der Nachfolgeschaft in einer Mischung aus Abstammung und Erwählung. Mit dem Tod des sechsten Imams kommt zum ersten Mal die Vorstellung einer Verborgenheit auf.

Schon etwas älter: Iranische Kultur

Der Imam, so die Überlieferung, sei gar nicht gestorben, sondern lebe im Verborgenen weiter, um seine trriumphale Rückkehr vorzubereiten. Bei dem sechsten Imam Jaafar as-Sadiq sollte sich diese Vorstellung langfristig noch nicht durchsetzen, da er Nachkommen hatte, von denen sein Sohn Musa schliesslich als sieber Imam anerkannt wurde.

Bis dahin fand die ganze Entwicklung der Schia im arabischen Milieu des heutigen Irak statt. Erst mit dem achten Imam, der auf ostiranischem Boden starb und in späteren Maschhad beigesetzt wurde, wurde die Schia fest in Iran etabliert. Die persische Hochkultur hat seither Elemente der arabischen Kultur wie die Schrift aufgenommen, aber ihre Eigenständigkeit bewahrt.

Die Mullahs werden von der iranischen Bevölkerung seither als islamische Besatzer wahrgenommen, zumal viele von ihnen vom Propheten abstammen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die Islamische Revolution nicht allein das Werk von Klerikern ist, sondern auch von vieler linken Unterstützern, die vor 1979 sowjetische Propaganda gegen den Schah gestreut haben.

Sie haben eine westliche Öffentlichkeit glauben gemacht, Khomeini sei kaum mehr als ein geistlicher Führer und man müsse der Islamischen Republik eine Chance geben. Zu dieser Täuschung gehörten auch Lügen von einem amerikanisch-britischen Putsch gegen einen demokratisch gewählten iranischen Ministerpräsidenten namens Mohammed Mossadegh 1953.

In Wahrheit hatte Mossadegh in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit zunehmend despotische Verhaltensweisen an den Tag gelegt, als er behauptete, dass er den Willen des Volkes repräsentiere und damit über dem Gesetz stehe, was ihm erlaube, das Parlament entgegen der Verfassung aufzulösen. Das Ergebnis war eine wachsende Unruhe in der Bevölkerung.

Gegen Kino, Fernsehen und Cola

Auch hatte sich Mossadegh ohne Legitimation als Oberbefehlshaber der Streitkräfte bezeichnete, obwohl der Schah diese Funktion innehatte. Erst vor diesem Hintergrund wird deutlich, warum die kaiserliche Garde anrückte. Der Schah als Staatsoberhaupt hatte beschlossen, seinen Ministerpräsidenten zu entlassen. Wo also gab es hier einen Putsch?

Die schiitisch-iranische Geistlichkeit wiederum hat von Anfang an einen Feldzug gegen den Schah und seinen Modernisierungskurs geführt. So veröffentlichte Ajatollah Boroujerdi, der zuvor an der Verfolgung der Baha’is massgeblichen Anteil hatte, 1959 Fatwas (Rechtsgutachten) gegen Radio, Fernsehen und Pepsi Cola. Als der Schah im selben Jahr die de-facto-Anerkennung Israels verkündete, führte dies zu einer Gegenkampagne schiitischer Kleriker.

Das war nicht die Reaktion auf irgendetwas, was Israel getan hat, das damals übrigens weder die Westbank noch den Gazastreifen kontrollierte, sondern es war ein messianisch motivierter Hass. Mit Boroujerdis Tod, der 89-jährig in Qom starb, begann der Aufstieg eines Klerikers namens Khomeini, dessen Anhänger 1963 Banken und Kinos zerstörten – allesamt Symbole der modernen Kultur.

In den 1970er Jahren kam die weitere Dämonisierung des vormaligen Schah mit Lügen aus der sowjetischen Propagandaküche hinzu und bis heute sind es vor allem linke Aktivisten und vermeintliche Experten, die vorgeben, gegen das Regime zu sein, um dann ganz in dessen Sinne zu sprechen und Empfehlungen an den Westen richten, die darauf hinauslaufen, dieses Regime noch länger am Leben zu erhalten.

So wird gerne vor einem Zerfall des Irans durch zentrifugale ethnische Gruppen gewarnt, womit eine Destablisierung des Nahen Ostens drohe – was jedoch unwahrscheinlich ist. Denn in der Regel sehen sich Angehörige sprachlicher Minderheiten als Iraner, nur eben als zweisprachige: In der Familie wird eine andere Sprache als Persisch gesprochen. Daraus erwächst nicht zwangsläufig der Wunsch nach einem eigenen Staat.

Anders als in der Türkei, das an einem hausgemachten Konflikt mit der eigenen kurdischen Bvölkerung laboriert, sind in der iranischen Bevölkerung Tendenzen zur Abspaltung gering. Selbst die arabisch-sunnitische Minderheit sucht keinen Anschluss an das Nachbarland Irak. Allgemein herrscht der Wunsch vor, innerhalb der Grenzen Irans allenfalls nach Autonomie zu streben.

Auch jetzt geistert wieder viel Desinformation in den Medien umher, darunter die von einem angeblichen israelischen Raketenangriff auf eine Mädchenschule oder die Behauptung, jetzt werden Bevölkerung bombardiert – am Ende werden diese Lügengebäude in sich zusammenfallen. Aktivisten und Pseudo-Experten haben viel zu lange eine westliche Öffentlichkeit an der Nase herumgeführt.

Wie nicht anders zu erwarten, bieten AfD, Linkspartei und «Bündnis Sahra Wagenknecht» ein jämmerliches Bild angesichts der Ereignisse in Iran und man greift zu pazifistischen Sprachschablonen, die sich so anhören, als seien sie im iranischen Aussenministerium oder im Kreml vorformuliert worden. Doch hinter der Forderung nach Frieden und Deeskalation steckt nur der Wunsch, einen demokratischen und pro-westlichen Iran zu verhindern.

Der Krieg der USA und Israels gegen das Mullah-Regime ist denn auch ein Krieg gegen dessen Machtzentren und keiner gegen die Bevölkerung, auch wenn Antiimperialisten das gerne glauben machen möchten. Dieser Krieg kann noch eine Weile dauern, bis der Machtwechsel Aussicht auf Erfolg hat. Doch die gute Nachricht schon jetzt ist das Ende von Khamenei und seiner Clique – die iranische Bevölkerung ist ausser sich vor Freude.

Von Michael Kreutz, Dr. phil.

Orientalist (Dr. phil.), Politologe & Kulturjournalist. Website: www.michaelkreutz.net

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