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Naher und Mittler Osten

Wie geht es weiter mit Iran?

Natürlich lässt sich eine Revolution nicht planen und ob der Regimewechsel gelingt, ist alles andere als gewiss. Dennoch ist der ubiquitäre Pessimismus vieler von den Medien als Experten gehandelter Kommentatoren fehl am Platze, weil er wichtige Fakten ausblendet.

So liest man immer wieder, dass die Eliminierung hoher Funktionäre der Islamischen Republik nichts bringe, weil jeder einzelne ersetzbar sei und auch tatsächlich sofort ersetzt wird. Diese Behauptung blendet freilich die entscheidende Tatsache aus, die eine psychologische ist.

Denn eine zielgerichtete Eliminierung hochrängiger Führer hat eine erheblich demoralisierende Wirkung auf das Regime. Es mag an die 125.000 Revolutionswächter (Pasdaran) geben und noch einmal 400.000 Basij (Schläger in Zivil), die weder Israel noch die USA allesamt eliminieren können, dennoch ist jeder einzelne von ihnen jetzt eine wandelnde Zielscheibe.

Auch ihre Stützpunkte, Checkpoints und Hauptquartiere sind nunmehr Orte, die sie meiden müssen. Es gibt Bilder von Basij, die unter Brücken auf Kartons schlafen, weil sie sich nicht in ihre Unterkünfte trauen, und auch wenn solche Bilder nicht leicht verifiziert werden können, so sind die gezeigten Szenen doch plausibel.

Es ist daher wahrscheinlich, dass es längst schon Risse in der Führung gibt und die Bereitschaft der Sicherheitskräftte wächst, zur Gegenseite überzulaufen, sobald die Zweifel an der Überlebensfähigkeit des eigenen Regimes überhand nehmen. Dann kann es eine fatale Option sein, weiter an ihm festzuhalten und zu den Verlierern der Geschichte zu gehören.

Dagegen ist das viel beschworene Eskalationspotential der Islamischen Republik eine Schimäre. Die hohen Spritkosten hierzulande sind nur zum Teil darauf zurückzuführen, dass die Islamische Republik die Strasse von Hormuz für bestimmte Schiffe gesperrt hat, denn in einigen von Deutschlands Nachbarländern sind sie deutlich niedriger. Offenbar haben wir es hier mit Minahmeeffekten der Mineralölkonzerne zu tun.

Was das Regime betrifft, so hat es schmerzlich erfahren müsssen, wie isoliert es im Falle eines Krieges ist. Seine Kalkulation war, durch Beschuss der arabischen Golfanrainer diese dazu zu bewegen, Druck auf die USA und Israel auszuüben, um den Krieg zu beenden. Stattdessen stellen sie sich gegen das Regime und werfen zum Teil sogar den iranischen Botschafter aus dem Land.

Israel ist immer für eine Überraschung gut

Auch Russlands Präsident Putin unterstützt das Regime nachrichtendienstlich, aber eigene Truppen schickt es seinem engen Verbündeten nicht zur Hilfe; die verheizt er lieber in der Ukraine. China, dessen Technologiegigant Huawei einen topmodernen Überwachungsapparat für das iranische Internet bereitgestellt hat und in Iran einen wichtigen Verbündeten sieht, hält sich ebenfalls zurück.

Was hingegen die Gegenseite anbetrifft, so ist gerade Israel imner für eine Überraschung gut, man denke an die explodierenden Pager der Hisbollah im vergangenen Jahr oder an die Tatsache, dass es ihm gelungen ist, die Überwachungskameras in Teheran zu hacken. Wir wissen nicht, welche Pfeile Israel noch im Köcher hat, aber da dürfte noch einiges zu finden sein.

Tatsächlich gibt es Meldungen, dass Israel in Iran Drohnen einsetzt, mit denen im Einzelfall auch Zivilisten vor den Paramilitärs des Regimes beschützt wurden, wie dies bei den Feierlichkeiten zu Chaharshanbe-Suri geschehen sein soll. Das lässt hoffen, dass Israel einen Weg gefunden hat, die Zivilbevölkerung zu einem späteren Zeitpunkt aktiv am Regimewechsel zu unterstützen.

Die Behauptung hingegen, die dieser Tage immer wieder zu lesen ist, dass nämlich mit Luftschlägen allein kein Regimewechsel möglich sei, ist eine Binse, die wegen der bodennah operierenden Drohnen zugleich an der Realität vorbeigeht. Letztlich, das sagte Israels Premier Netanjahu mehrfach, geht es darum, die Bedingungen dafür zu schaffen, unter denen die Bevölkerung das Regime stürzen kann.

Wie gesagt, eine Revolution lässt sich nicht planen. Aber solange die Anzeichen dafür sprechen, dass eine Mehrheit der iranischen Bevölkerung hinter den USA und Israel steht und diese tagtäglich ihre militärische Überlegenheit unter Beweis stellen, spricht auch mehr für als gegen das Gelingen eines Regimewechsels. Dieser würde eine ganze Region zum Besseren verändern.

Von Michael Kreutz, Dr. phil.

Orientalist (Dr. phil.), Politologe & Kulturjournalist. Website: www.michaelkreutz.net

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