Landauf, landab wird in den Medien vor allem Pessimismus verbreitet, was den israelisch-amerikanischen Krieg gegen Iran betrifft. Dabei sollte nicht Optimismus die vorherrschende Einstellung sein, sondern eine nüchterne Betrachtung der Fakten. Stattdessen werden immer wieder dieselben Topoi der Mullahpropaganda besetzt.
Fangen wir mit der iranischen Opposition an. Andauernd liest man, diese sei «tief gespalten», nämlich in Anhänger von Reza Pahalvi, Volksmujahedin und Linke. Diese Behauptung hat u.a. der Islamwissenschaftler Reinhard Schulze aufgestellt, dem in den 90ern von Kollegen grobe fachliche Mängel in der Interpretation arabischer Quellen nachgewiesen worden waren.
Aber Schulze ist ein Linker, weswegen seine Stümpereien und kreative Lesart von Texten für den Universtitätsbetrieb nie ein Problem war. Deshalb gab es für ihn auch keinen Anreiz, seriöser zu arbeiten. Geht man davon aus, dass vielleicht zehn Prozent der iranischen Bevölkerung hinter dem Regime stehen, bleiben neunziig Prozent, die gegen das Regime sind.
Die Volksmojahedin möggen gross in Eigen-PR sein und tatsächlich sind manche westlichen Politiker darauf hereingefallen und haben geglaubt, es mit einer wirkmächtigen Bewegung zu tun zu haben, doch tendiert ihre Anhängerschaft gen Null. Auch die Linken, die an Reform glauben und Diplomatie und dass man alles von innen her verändern müsse, haben maximal zehn Prozent der Bevölkerung hinter sich.
Man kann guten Gewissens behaupten, dass achtzig Prozent der Iraner in der einen oder andere Weise hinter Reza Pahlavi stehen, indem sie ihn entweder als künftiges Oberhaupt einer – wohlgemerkt: – konstitutionellen Monarchie sehen oder wenigstens als Übergangskandidat nach dem Fall des Regimes und bevor in einem Referendum über die endgültige Staatsform abgestimmt wird.
Spaltung oder sogar tiefe Spaltung sieht wohl anders aus. Das verzerrte Bild, das eine deutsche und westliche Öffentlichkeit sich macht, rührt daher, dass in den Medien vor allem Linke zu Wort kommen, ob nun iranischer Herkunft oder nicht, die ein grundsätzliches Problem mit Amerika und Israel haben und aus ideologischen Gründen eine Intervention ablehnen.
Zu tief sitzen linke Ressentiments
Falsch ist daher auch die Behauptung von Schulze und vielen anderen, die Diaspora habe sich der Bevölkerung in Iran entfremdet. Tatsächlich ist die Diaspora vielfältig mit dieser verbunden; fast alle haben Verwandte in Iran, viele reisen regelmässig zu Besuchen dorthin und nach jeder niedergeschlagenen Revolte finden weitere, meist junge Iraner den Weg in den Westen und werden Teil der Diaspora.
Nachrichten aus Iran verbreiten sich unter der Diaspora schnell und werden von Exilmedien wie «Iran International», «Manoto», «Kayhan» (London) oder «Kooche» zusätzlich verbreitet. Wer Kontakte in die iranische Community hat, weiss, wie aburd die Behauptung ist, die Diaspora habe sich der iranischen Bevölkerung entfremdet.
Überhaupt scheint man es in den Medien darauf angelegt zu haben, Reza Pahlavis Rolle kleinzureden. Zu tief sitzen die linke Ressentiments gegen die Monarchie, obwohl die Iraner, wie Umfragen belegen, ganz klar für ihr Land eine säkulare Demokratie wünschen, die eben auch eine konstitutionelle Monarchie nach dem Vorbild von Dänemark oder Spanien sein kann.
Vor diesem Hintergrund mutet die Behauptung, auf der Münchner Theresienwiese, wo Reza Pahlavi auftrat, soll «Ein Volk, ein Reich, ein Führer» auf Persisch skandiert worden sein, also eine Naziparole, besonders unglaubwürdig an. Tatsächlich richtet sich diese Behauptung an ein deutsches Publikum, das kein Persisch versteht und somit für dumm verkauft werden soll.
Der im Film gezeigte Redner ruft: «Yek mihan, yek parcham, yek rahbar: shahzade Reza Pahlavi», also «ein Vaterland, eine Flagge, ein Anführer: Prinz Reza Pahlavi». Weder ist von «Volk» noch von «Reich» die Rede. Dass Reza Pahlavi ein demokratisch gewählter Führer sein will, wird zudem unterschlagen. Es handelt sich um versuchten Rufmord an Pahlavi und der iranischen Bevölkerung.
Auch der Journalist wie Daniel Bax mag ihn nicht. Ohne es näher zu begründen, schreibt er, Reza Pahlavi sei kein Hoffnungsträger, womir er seine eigene Befindlichkeit zum Massstab für die Zukunft eines ganzen Landes macht: Bax mag Reza Pahlavi nicht, also sollen ihn auch die Iraner gefälligst nicht mögen. So arrogant können Journalisten sein.
Dann ist da die Behauptung, dass die USA überhaupt erst die Islamische Revolution verschuldet hätten, seitdem sie den «demokratisch gewählten» Ministerpräsidenten Mossadegh 1953 gestürzt hätten, obgleich Iran seinerzeit keine Demokratie war, Mossadegh mithin nicht demokratisch gewählt worden sein kann, sondern vom Schah ernannt wurde.
Eine Frage der Logik
Heute weiss man, dass die Amerikaner ihre eigene Rolle übertrieben haben, als der Schah Mossadegh absetzte. Die Gründe für die Absetzung sind vielfältig; entscheidend ist, dass Mossadegh alles andere als ein vorbildlicher Demokrat war, auch wenn ein anderer Islamwissenschaftler namens Michael Lüders dies wahrheitswidrig behauptet.
Aber gesetzt den Fall, es wäre so, dass es einen amerikanischen Coup gegen einen demokratisch gewählten Ministerpräsidenten gegeben hätte, der dann Auswirkungen hatte, die zuletzt in die Islamische Revolution und die Schaffung der Islamischen Republik mündeten: Wäre es dann nicht naheliegend, von den Amerikanern zu verlangen, dass sie ihren Fehler korrigieren, indem sie die Islamische Republik abschaffen?
Allerdings wird das Argument von einem angeblichen amerikanischen Coup immer wieder von Leuten wie zuletzt dem halbgebildeten, aber omnipräsenten Philosophen Richard David Precht ins Spiel gebracht, um gerade die amerikanische Intervention in Iran zu diskreditieren: Das Regime haben die Amerikaner verschuldet, es abzuschaffen sei Heuchelei. Versteht einer diese Logik?
Der erwähnte Michael Lüders tritt heute übrigens für das «Bündnis Sahra Wagenknecht» (BSW) an, deren Namensgeberin ebenso kreativ im Umgang mit Fakten ist wie Lüders. Denn es waren nicht die USA, die die Voraussetzungen für die Islamische Revolution geschaffen haben, es war eine Allianz aus Linken und machtgierigen Islamisten, bevor letztere jene als Rivalen um die Macht ausgeschaltet haben.
Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur unterschlägt in einem Beitrag für die NZZ wohlweislich die Rolle, die Linke für die Islamische Revolution gespielt haben. Überhaupt sind viele Beiträge in den Medien von einem antiamerikanischen und antiisraelischen Ressentiment geprägt, wonach einfach alles, was Amerikaner und Israelis im Nahen machen, Unheil bringt.
Wenn die kritische Distanz fehlt
Dabei findet man immer wieder die Behauptung, dass es weder Trump noch Netanjahu um die iranische Bevölkerung gehe, sondern beide nur ihren eigenen politischen Vorteil. Gesetzt, dies sei tatsächlich der Fall, so sagt dies noch nichts darüber aus, ob die militärische Intervention in Iran gerechtfertigt ist oder nicht. Man kann grundsätzlich auch aus den falschen Gründen das richtige tun.
Viele haben auch noch immer nicht begriffen, dass die iranische Bevölkerung längst massenhaft vom Islam abgefallen ist. Iran gilt schon lange als «Land der leeren Moscheen«, der Islam ist längst zur Religion einer Minderheit geworden. Vor diesem Hintergrund mutet es schon reichlich abstrus an, wenn die Gefahr einer aufflammenden schiitische Widerständigkeit gegen eine Intervention von aussen beschworen wird.
Wieder einmal ist es der Islamwissenschaftler Michael Lüders (BSW), der mit dieser Behauptung zeigt, dass er noch immer nicht zu einer kritischen Distanz.gegenüber dem Mullahregime gefunden hat. Er ist freilich nicht der einzige, der der Lüge des Regimes auf den Leim geht und glaubt, im Angesicht äusserer Gefahr versammle sich das iranische Volk hinter seinen Führern.
Die eher konservative «Welt» wiederum fragt den Analysten Carlo Masala und Carlo Masala schaltet sich aus dem Schlafzimmer zu. Er weiss nicht, was die Kriegsziele sind, aber er weiss, dass die USA sich von ihnen entfernen. Offenbar ist Masala noch nicht ganz wach. Aber er liest aus dem Kaffeesatz, dass der Krieg kein grosser Erfolg für die USA ist, als wäre er schon vorbei.
Beim amerikanischen Sender CNN verlässt man sich derweil auf den deutschen Reporter Frederik Pleitgen, der sich gerade in Iran befindet, von wo aus eine kritische Berichterstattung unmöglich ist. Pleitgen scheint das nicht weiter zu stören; in seiner Zeitleiste auf «X» (Twitter) finden sich auch unkritische Retweets von Aljazeera und Negar Mortazavi, einer bekannten Regime-Lobbyistin.
Beim «Spiegel» findet man es toll, was Pleitgen in Iran so treibt, der es nach eigenen Angaben bemerkenswert findet, dass Ali Larijani, einer der Hauptverantwortlichen für die Tötung von mind. 30.000 (manche Schätzungen lauten auf bis zu 50.000) Demonstranten im Januar dieses Jahres, sich trotz amerikanisch-israelischer Luftschläge in die Öffentlichkeit begebe.
Bemerkenswert ist jedoch allein die Menschenverachtung von Larijani, der sich mit zahlreichen Anhängern umgeben hat, um in Teheran den Qods-Tag zu feiern, auf dem das Ende Israels gefordert wird. Diese Anhänger sind nichts weiter als menschliche Schutzschilde, denn, anders als das Teheraner Regime, nehmen Amerikaner und Israelis Rücksicht auf unbewaffnete Zivilisten.
Viele Journalisten und Islamwissenschaftler sind ihrer Ressentiments und Eitelkeit wegen leichte Beute für das süsse Gift einer Propaganda, die sie als solche gar nicht erkennen. Sie führen die deutsche Öffentlichkeit in die Irre, während die iranische Bevölkerung Hoffnung wie nie zuvor schöpft, dass das Regime demnächst Geschichte sein könnte.
