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Politische Theorie

Hannah Arendt lesen (3/4)

Trotz unterschiedlicher geschichtlicher Voraussetzungen, so Arendt, sind die Ähnlichkeiten zwischen der Nazi- und der bolschewistischen Bewegung auffällig und zahlreich, obwohl beide Herrschaftsformen aus ganz unterschiedlichen Begeündungszusammenhängen stammen.

«Joseph Stalin, Samuel Johnson Woolf«/ CC0 1.0

Lügen bereiten den Weg: Die Anhänger und Funktionäre der totalitären Bewegungen begegnen den Lügen der Führung, so Arendt, mit einer Mischung aus Leichtgläubigkeit und Zynismus, wobei der Zynismus umso stärker wiegt, je höher der Rang ist. Parteimitglieder der Nazis wie der Bolschewisten wussten genau, dass ihre Führer Hitler und Stalin logen, bewunderten sie aber gerade deswegen.

Hierin liegt auch eine Lektion für die von Fakenews und Desinformation geplagte Gegenwart: Denn die nichttotalitäre Welt hat die Funktion der Lügen immer missverstanden und geglaubt, sie zu entlarven würde den totalitären Führern schaden und sie Anhänger kosten, was ein Irrtum war, so Arendt, denn die Lügen führten längst ein Eigenleben, sodass die Realität ihnen nichts anhaben konnte.

Die totalitäre Führungsschicht konnte es sich sogar leisten, sich von ihrer eigenen Ideologie zu entfernen, denn ihre Anhänger waren ohnehin nur von einer Sache überzeugt: Von der Allmacht des Menschen. Sie glauben, dass alles gemacht werden kann, sobald die Zeit nur reif sei. Nicht die Inhalte totalitärer Ideologien sind dabei das Entscheidende, sondern dass man mit ihnen Menschen organisiert und manipuliert.

Die totale Macht ist strukturlos

Der Internationalismus der sozialistischen Parteien, so Arendt, war daher politisch ohne Bedeutung. Stalin und Hitler ging es vielmehr um eine permanente Revolution von oben, um einer Normalisierung der Verhältnisse entgegenzuwirken. Totalitäre Führer stehen dabei vor der widersprüchlichen Aufgabe, einerseits die ganze Gesellschaft ihrer Bewegung zu unterwerfen, andererseits einen stabilen Zustand zu verhindern, so Arendt.

Recht und Gesetz werden verachtet; indem man Rechtssysteme pro forma bestehen lässt, zeigt man zugleich deren Wirkungslosigkeit. Unter totalitären Herrschaften haben Verfassungen daher keine Bedeutung; sie werden faktisch durch staatliche Parallel- und Doppelstrukturen entkräftet. Totalitäre Regierungen, so Arendt, sind eigentümlich strukturlos, wobei sich die Institutionen ohne genaue Grenzen überlappen.

Die Strukturlosigkeit immunisiert sie gegen Widerstand. Dieser Befund wurde jüngst von dem britischen Historiker Ian Kershaw bestätigt, der in seinem Buch «Der Mensch und die Macht» (2022) über das faschistische Italien schreibt: «Im Mittelpunkt des riesigen amorph verschlungenen Komplexes von Organisationen und Institutionen von Partei und Staat stand Mussolini.»

Wegen der Unmittelbarkeit der Macht gibt es auch keine Hierarchie, jedenfalls keine abgestufte, weswegen der totalitäre Staat nicht einfach ein autoritärer Staat ist, denn Autorität engt Freiheit ein, Totalitarismus aber will sie abschaffen. Der Terror totalitärer Herrschaften richtet sich nicht primär gegen die Gegner des Regimes, sondern dient der Einschüchterung der Gesellschaft und deren Formung nach den totalitären Doktrinen.

Zwar ist der Holocaust und ohne Parallele in der Geschichte; was ihn von den Massenvernichtungen im Kommunismus unterscheidet, ist die Tatsache, dass die Russen und Chinesen sich als kollektives Opfer von Stalin und Mao bezeichnen können, die Deutschen aber nicht als Opfer von Hitler, denn der Holocaust richtete sich gegen die Juden, nicht gegen die Deutschen, von denen allzu viele mitgemacht haben oder nicht wissen wollten, was geschah.

Deswegen darf man nicht glauben, dass das NS-Regime mit dem Morden aufgehört hätte, sobald alle Juden einmal getötet worden seien. Denn die Nazis, wie Arendt schreibt, erwogen als nächstes die Ausrottung der Polen und Ukrainer, gegebenenfalls sogar die von 170 Millionen Russen und vieler anderer. Denn wenn es, wie wir oben gesehen haben, ein Gesetz der Natur sein soll, das Schwache und Minderwertige auszurotten, dann müssen Schwache und Minderwertige immer aufs Neue nachwachsen.

Das gilt jedoch ebenso für den Bolschewismus: Wenn es das Gesetz der Geschichte sein soll, reaktionäre Klassen zu vernichten, müssen reaktionäre Klassen andauernd nachwachsen, so Arendt. Im bolschewistischen Regime wurden erst die herrschenden Klassen liquidiert, dann folgten die Bauernklasse und die Klasse der Bürokraten, dann ethnische Minderheiten, dann Teile der eigenen Armee.

Die Revolution von oben musste immer weitergehen

Denn totalitäre Staaten haben, wie Arendt es nennt, „objektive Gegner“, Menschen also, die ganz prinzipiell ausgerottet werden sollen, ohne dass es darauf ankäme, was sie konkret denken oder tun. Deswegen gibt es keine Rückkehr zur Normalität, sondern es müssen immer neue Widerstände beseitigt werden. Dabei ging es Nazis wie Bolschewisten immer um eine Welteroberung über einen Zeitraum von Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden.

Liquidiert werden sollen alle, die der blossen Möglichkeit nach den Staat von innen heraus gefährden könnten. Eine genaue Definition von staatsgefährdender Tätigkeit war Bolschewisten wie Nazijuristen unmöglich. Helden im Kampf gegen die totalitäre Herrschaft, so Arendt, kann es daher keine geben, denn ein Gegner des Regimes erleidet nur, was die anderen ohnehin getroffen hat. Allenfalls kann er noch ein Heiliger sein, der mitleiden will.

Die Nazis glaubten auch nicht, dass die Deutschen eine Herrenrasse seien, denen die Welt gehöre, sondern dass diese Rasse erst im Entstehen sei, deren Keim die SS bildete. Dazu noch einmal Kershaw (ebd.): «Die SS verstand sich selbst als rassische Elite, die sich ganz dem Ziel der Rassereinheit (…) verschrieben hatte.» Arendt urteilt daher ganz plausibel, dass der Satz „Recht ist, was dem deutschen Volk nützt“ nur eine Propagandalüge sein konnte.

Eine weitere Parallele betrifft die eroberten Gebiete. Die totalitären Führer stellen sich zu jeden Land so, als seien die Eroberer immer schon dort gewesen und es fällt nicht schwer, dies auf die Gegenwart zu beziehen. Arendt weiter: «Dass die Beute erst einmal im Heimatland verteilt wird, ist nur ein zeitweiliges taktisches Manöver, das in Deutschland direkt darauf berechnet war, dem Volk den Geschmack an einem Raubkrieg beizubringen.“

Totalitäre Politik ist keine Machtpolitik im traditionellen Sinne und nicht an nationalen Interessen orientiert, sondern legt im Gegenteil eine völlige Verachtung für alle Zweckmässigkeitserwägungen an den Tag. Auch Stalin ging es nie um sozialen Fortschritt, sondern um eine stetige Zunahme der Macht, die, so Arendt, wichtiger war als das Öl von Baku, die Bodenschätze des Ural oder Sibiriens.

Bei der Revolution bleiben jedoch Staat und Bewegung getrennt, weswegen für die Bewegung nur zweitrangige Parteigenossen im Staatsapparat befördert werden. Der Staat wird zur Fassade, die der Bevölkerung eine gewisse Normalität vortäuscht, während nur die Geheimpolizei darüber im Bilde ist, welche politische Linie geplant und welche Menschengruppen vernichtet werden sollen. Die Armee hingegen, wird vernachlässigt.

Man belässt sie in der nationalen Tradition «und erlaubt ihr nationalistische Attitüden, die man innerhalb der Bewegung längst ausgerottet hat (…).“ Grund für diese prinzipielle Gegnerschaft zum Nationalismus ist der Anspruch auf Weltherrschaft, der nur scheinbar mit imperialistischer Expansionspolitik identisch ist. Die Geheimpolizei hingegen ist nicht einfach ein Staat im Staate, sondern verkörpert die Ideologie des Herrschaftsapparates.

Teil 3 folgt nächsten Sonntag.


Hier geht es zu Teil 1, Teil 2.

Von Michael Kreutz

Orientalist (Dr. phil.), Politologe & Kulturjournalist. Website: www.michaelkreutz.net

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