Sozialklempnerei

Am Ende landen sie immer beim Zwang. Die süsse Mach-mit-Melodie, in die Weltverbesserer ihr Publikum so gerne einstimmen, kann ihre autoritären Zwischentöne eben doch nicht verbergen:

Jemand kann viel über den Klimawandel wissen, sich aber aus Statusgründen entschließen, ein SUV zu kaufen und seine Kinder damit in den Waldorf-Kindergarten zu fahren. In diesem Sinne ist Aufklärung begrenzt. Aber die Praxis ist stark. Wenn man Lebenssituationen verändert, Anreize und Verbote setzt, verändert sich auch das Verhältnis der Menschen zu ihrer Umwelt.

Wer freiwillig mitmacht, ist willkommen. Und wer nicht will, den bringen wir mit “Anreizen und Verboten” schon dahin, wohin er soll.

Siehe auch: Wirtschaft ohne Wachstum

Dienst am Volk

Die Frage, wie man Menschen am besten erziehen, bevormunden und gängeln kann, hat schon viele Denker zu intellektuellen Höchstleistungen angespornt. Jetzt fordert der Germanist und Fernsehphilosoph Richard David Precht die Einrichtung eines sozialen Pflichtjahrs für Renter. Denn genau wie Precht haben auch Rentner bekanntlich Zeit en masse und da nicht alle über einen so hohen Marktwert verfügen, dass sie vom Bücherschreiben leben können, muss man sie anderweitig einsetzen.

Precht (”Freiheit geht immer mit Unfreiheit einher“) glaubt, dass diejenigen, “die sich über den Zwang empören, genau diejenigen [sind], die es freiwillig nie tun würden” weswegen sie fraglos zur Räson gebracht werden müssen. Damit wird ihnen der einzige Lohn genommen, mit der ehrenamtliche Tätigkeit vergolten wird: Anerkennung als Währung freiwilliger Tätigkeit am Nächsten wird durch Zwang entwertet. Man betrachtet die Dienstleistung fortan als Selbstverständlichkeit und dem zum Dienst Verpflichteten wird mit Herablassung begegnet.

Dass sein Vorschlag Zwangsarbeit bedeutet, weshalb er hoffentlich keine politischen Mehrheiten findet, mag Precht allerdings nicht einsehen. Zwangsarbeit ist nämlich nur, wenn sie in sibirischer Kälte oder in unteriridischen Stollen stattfindet – alles darunter ist fröhlicher Dienst am Volk. Was kann daran falsch sein?

Zum Beispiel dies: Man kann das ganze nämlich weiterdenken und alle möglichen Gruppen benennen, die zu allen nur erdenklichen Diensten zwangsverpflichtet werden. Warum nicht ein Pflichtjahr für Philosophen in einer Autowerkstatt, wo man lernt, wie man sich die lilienweissen Hände bei handwerklicher Tätigkeit schmutzig macht?

Das grösste Ärgernis aber ist die Nonchalance, mit der ein mit 47 Jahren noch recht junger Intellektueller über ältere Menschen zu verfügen sich anmasst. Junge Menschen kann man zum Schuldienst, später zum Wehrdienst oder zum sozialen Dienst verpflichten, damit sie in den Stand versetzt werden, die Errungenschaften der Gesellschaft weiterzutragen: Schliesslich waren es die vorangegangenen Generationen, die den Wohlstand und die politische Stabilität erst möglich gemacht haben, in denen sie aufwachsen.

Käme ein Hundertjähriger auf diese Idee, hätte sie auch noch eine andere Qualität als wenn dies aus dem Munde eines Mittvierzigers geschieht. Dies Menschen zur staatlich verordneten Pflicht zu machen, deren Recht es ist, die Früchte ihres Arbeitslebens zu geniessen, ist schlechterdings würdelos, die philanthropische Begründung der Zwangsarbeit gerät zur Farce: “Es geht darum”, begründet Precht allen Ernstes seinen Vorstoss, “die Schwellenangst vor dem sozialen Engagement zu  nehmen.”

Eine wahre Unverfrorenheit. Precht sollte sich der Generation der Rentner besser lernend nähern, anstatt belehrend.


Nachtrag 12. Juni 2022

Ein mit seinem Amt hoffnungslos überforderter Bundespräsident Steinmeier sähe gern den sozialen Pflichtdienst eingeführt, wenn auch, sich darin von Precht unterscheidend, nur für junge Menschen. Steinmeier glaubt allen Ernstes und gegen jede Evidenz, dass wir in einer Zeit leben, “in der das Verständnis für andere Lebensentwürfe und Meinungen abnimmt”.

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