Religion und Gesellschaft

Die AfD und der Islam

Gottfried Curio (AfD) will die Verbreitung gesetzwidriger Lehren in Deutschland unterbinden. Gemeint ist der Islam, den der AfD-Abgeordnete in seiner Rede im Bundestag als von unveränderlich intoleranter Wesensart skizzierte.

Folgt man der Argumentation von Curio, ist der Islam weder interpretierbar noch wandlungsfähig. Ein toleranter Islam sei westliches Wunschdenken, Vorstellungen von einem demokratischen oder europäischen Islam leere Phantastereien von runden Quadraten und eckigen Kreisen.

“Wer den Islam allein als Religion versteht, missversteht ihn”, behauptete Curio und erteilte allen Plädoyers, den Koran anders, zeitgemässer, zu interpretieren eine Absage. Die Aufrufe im Koran seien unmittelbare Gottesworte, nicht durch Interpretationen relativierbar. Der einfache Moslem interpretiert nicht, weiss Curio, der keine Zwischenfragen duldete.

Es gebe keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus, Islamismus sei nur angewandter Islam. Ein toleranter Islam bleibe westliches Wunschdenken, Vorstellungen von einem demokratischen oder europäischen Islam leere Phantastereien von runden Quadraten und eckigen Kreisen.

“Der Islam gehört nicht zu Deutschland, weil er nicht zu unserem Rechtsstaat gehören kann,” lautet die Schlussfolgerung Curios. Weil der Islam unveränderlich in seiner Intoleranz sei, fordert er, die Verbreitung rechtswidriger Inhalte zu unterbinden, die dem Koran entstammen. Dies stehe nicht im Widerspruch zur Religionsfreiheit.

Curio hat Unrecht. Der Koran wurde und wird interpretiert, nur haben sich rationalistische Ansätze eben nicht durchsetzen können. Heutige Reformtheologen bemühen sich, solche Ansätze wiederzubeleben, was freilich bedeutet, mit einer mehr als tausendjährigen theologischen Tradition, der des sunnitischen Islam nämlich, zu brechen. Ob dies jemals gelingen, ob also ein solcher Reformislam jemals kanonisch wird, steht in den Sternen. 

Ausgerechnet Curios Parteikollegin Beatrix von Storch, ebenfalls Mitglied des Bundestags, scheint dies verstanden zu haben. Jedenfalls verkündet sie eine völlig andere Auffassung ihrer Partei vom Islam (hier ab 3:49). Erstaunlich: Auch für von Storch stellt der Islam ein grundsätzliches Problem dar, dies aber eben dadurch, dass die meisten seiner Auslegungen einen politischen Herrschaftsanspruch legitimierten, den der deutsche Rechtsstaat nicht dulden könne.

Wer von den beiden spricht nun für die AfD? Was Gottfried Curio über den Islam sagt, ist jedenfalls nicht mit dem vereinbar, was Beatrix von Storch sagt: Entweder ist der Islam interpretierbar und damit wandlungsfähig oder er ist es nicht. Entweder ist der Islam seinem Wesen nach intolerant oder er ist es nur in bestimmten Interpretationen.

Hier zeigt sich das Janusgesicht dieser Partei. Die AfD sendet permanent Signale an zwei gegensätzliche politische Lager aus: Zum einen richtet sie sich an Radikale, die mit einem Bein im Extremismus stehen und eine klare Kante gegen den Islam erwarten. Zum anderen wendet sie sich an ein bürgerliches Publikum, an enttäuschte CDU- und FDP-Wähler, die sie mit der allzu radikalen These von einem dem Rechtsstaat unversöhnlich gegenüberstehenden Islam nicht verschrecken will. Eine klare Programmatik bleibt dabei auf der Strecke.

Fragt sich einmal mehr, wofür die AfD eigentlich steht – ausser für Protest. 

(Geringfügig überarbeitet am 16. Oktober 2018.)

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