Transatlantisches

Erinnerung an ein legendäres Treffen

In diesem Jahr feiert dieses Blog seinen fünfzehnten Geburtstag. Dieser ist zwar nicht heute, aber heute vor fünfzehn gab es ein Ereignis, das mit diesem Blog in enger Verbindung steht und geradezu nach einer Rückbetrachtung schreit.

Zur Vorgeschichte gehört, dass dieses Blog inmitten einer betrüblichen Stimmung gegründet wurde, die sich in Deutschland breitgemacht hatte. Ich meine die Häme über alles, was die USA aussenpolitisch taten, nicht zuletzt im Irak, was mir persönlich umso bitterer schien, als ich es in den Jahren 2003 bis 2005 beruflich bedingt mit Irakern zu tun hatte.

Diese Iraker, mit denen ich öfter in einer Runde sass, hatten es gar nicht erwarten können, dass die Alliierten unter Führung der USA endlich Saddam Hussein angreifen würden und sie waren ausser sich vor Freude, als amerikanische Panzer schliesslich in Bagdad einzogen. Westliche Friedensbewegte hingegen waren ausser sich vor Zorn und liessen ihrem Amerikahass freien Lauf. Es war grotesk.

Als ich mein Blog gründete, wurde ich bald schon auf politisch ähnlich gestrickte Blogs aufmerksam, mit denen ich mich sogleich vernetzte. Für uns stand “Amerika” vor allem für individuelle Freiheit, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft und sahen wir in ihm den wichtigsten Verbündeten Europas, der zugleich so etwas das Rückgrat dessen bildet, was wir den “Westen” nennen.

Während man also Tag für Tag in den Medien USA-Schelte lesen konnte, begleitet von Häme und Schadenfreude ob der Terroranschläge von 9/11, die nach Meinung so vieler hatten kommen müssen, versuchte ich, ein wenig dagegen anzuschreiben – damals wie heute für eine sehr kleine Leserschaft. Immerhin, das seinerzeit noch populäre Instrument der “Blogroll” gab mir und anderen das Gefühl, Teil eines Netzwerks zu sein, das vielleicht etwas in der Gesellschaft zu bewirken imstande wäre.

So entstand der Wunsch, sich einmal von Angesicht zu Angesicht kennenzulernen, infolgedessen man sich in München traf, genauer: im Paulaner am Nockherberg. Das war genau heute vor fünfzehn Jahren, am 27. August 2005. Mit dabei waren vor allem Blogger und Journalisten. Zu letzteren gehörten u.a. Henryk Broder, Ulrich Speck, Michael Miersch und Hannes Stein. Insgesamt waren vielleicht sechzig Leute anwesend.

Wer auf die Idee kam, das ganze “Prowestlicher Heimatabend” zu nennen, weiss ich nicht, jedenfalls habe ich den Namen immer als verschmitzt-ironisch verstanden. Andere mögen ihn heimelig-romantisch aufgefasst haben, aber genau diese Differenz verweist auf ein grundlegendes Problem.

Denn damals wurde deutlich, was bis dahin im Bewusstsein dieser Blogger und Journalisten nicht allzu präsent war: Dass nämlich manche Amerika- und Israelfreunde toxisch sind – toxisch in dem Sinne, dass sich hinter der Fassade ein rechtsradikales Weltbild verbirgt. Amerika und Israel sind darin nichts weiter als Frontstaaten im globalen Kampf gegen den Islam.

So gab es auf dem “Prowestlichen Heimatabend” neben waschechten Liberalen und Transatlantikern auch zwei Vertreter von PI-News, das manch einer später nicht schnell genug von seiner Blogroll tilgen konnte. Das wohl einzige Gruppenfoto (nein, ich bin nicht darauf!), das an diesem Abend gemacht wurde und das noch im Netz zu finden ist, zeugt von dieser anfänglichen Unbekümmertheit, in jedem einen Verbündeten zu sehen, der sich nur irgendwie als pro-amerikanisch und pro-israelisch gerierte.

Das Treffen sorgte daher für ein gewisses Echo unter linken Bloggern, darunter von einem, dessen Namen ich hier zum ersten und sicherlich auch zum letzten Mal nennen werde: Don Alphonso. Heute als eher rechter Blogger bekannt, stand er damals politisch weit links. Geblieben ist der krawallige Ton. Wer mag, kann sich seine Tiraden gegen das Treffen auf dem Nockherberg durchlesen (hier und hier). Sehr amüsant.

Ansonsten hat das ganze nur wenige noch verbliebene Spuren im Netz hinterlassen. Eine zeitlang hatten noch einige der Anwesenden ihr Blog mit dem Zusatz “Mitglied der Weisen vom Nockherberg” geschmückt (wieder so ein ironischer Begriff), dann geriet auch dies in Vergessenheit. Ein dauerhaftes Netzwerk aus Liberalen und Transatlantikern hat sich nicht etabliert, Blogrolls sind aus der Mode geraten.

Und die Moral von der Geschichte? Vielleicht besteht sie darin, dass man im Zeitalter des Internet leicht Gesinnungsgenossen finden kann. Oder glaubt, sie finden zu können. Oder, dass Liberale in der Gesellschaft einfach nicht mehrheitsfähig sind. Irgend etwas in der Art wird es wohl sein. Es war mir ein Vergnügen.


Nachtrag 28. August 2020

Eine Erwähnung des Treffens, wie ich jetzt erst gesehen habe, gibt es auch in einem Artikel des “Kölner Stadtanzeigers” von 2011 (!) unter dem Titel “Herres Netzwerk: Auf Du und Du mit Europas Rechter”. Das längst verwaiste Blog “Brushfires of Freedom” hat seinerzeit eine kurze Notiz über das Treffen verfasst, ebenso Michael Miersch für die “Achse des Guten”. Bis 2008 haben einige liberale Blogs, die an dem Treffen teilnahmen, ein Gemeinschaftsblog namens “Weapons of Modern Democracy” betrieben.

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