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Rezension

Auf der Flucht vor Hitler: Exilanten in Südosteuropa

Manche Szenen versprühen einen sehnsüchtig-melancholischen Charme wie im Film «Casablanca», doch der Eindruck täuscht, bedeutet Emigration zwar Rettung, aber eben auch eine seelische Belastung, zumal viele Emigranten sich nur mit Mühe über Wasser zu halten vermochten, nachdem Nazideutschland sie von zuhause vertrieben hatte.

«Old City Korcula«/ CC0 1.0

Der Chansonnier Paul Wendel alias Paul O’Montis, der auf der Bühne mit dem Schwulsein kokettierte, wurde im Dezember 1933 in Köln verhaftet. Als er zwei Jahre später freikam, ging er für Auftritte nach Zagreb, doch war Homosexualität auch in Jugoslawien verboten und so verweigerte Belgrad ihm die Einreise.

Die Münchner Historikerin Marie-Janine Calic hat in ihrem Buch «Balkan-Odyssee» (2025) zahlreiche Biographien dieser Art anhand akribischer Quellenarbeit nachgezeichnet und beleuchtet damit ein Stück wenig bekannter europäischer Geschichte der jüngeren Zeit. So wurde Paul O’Montis in Prag verhaftet und im KZ Sachsenhausen ermordet.

Der Stehgreifdichter Paul Hammerschlag, der auf Zuruf seines Publikums Wörter spontan in Reime verwandelte, verlor wegen seiner jüdischen Herkunft nach dem Anschluss seine Wohnung in Berlin, tauchte unter und floh nach Belgrad, wo er hungrig und ziellos durch die Strassen streifte, als er Stella Kadmon über den Weg lief.

Das Ende des liberalen Klimas

Stella Kadmon war eine Revuekünstlerin, die meist als Vamp, Dirne oder Kurtisane auftrat und in Wien den «Lieben Augustin» betrieben hatte, bevor der Betrieb unter Hitler verboten wurde. Mithilfe des griechischen Botschafters gelang es der Familie, ein Touristenvisum nach Griechenland zu bekommen. Mit dem Donaudampfer unterwegs, stiegen sie allerdings bereits in Belgrad aus, wo ihre Verwandten lebten.

Das war ein Fehler. Denn Serbien wollte die Neuankömmlinge nicht dauerhaft dulden und mittlerweile war das Touristenvisum für Griechenland abgelaufen. So arrangierte man eine Scheinehe für Stella, damit sie nach sechs Monaten jugoslawische Staatsbürgerin werden konnte. Die Scheinehe zerbrach jedoch, der Bräutigam hielt es keine sechs Monate mit Stella aus.

Diese lebte unerkannt in Belgrad, bis sie ebenjenem Peter Hammerschlag begegnete. Doch während Stella es irgendwie schaffte, die jugoslawische Staatsbürgerschaft zu erhalten und dann nach Palästina auszuwandern, wurde Peter Hammerschlag erst nach Ungarn, dann nach Österreich abgeschoben, zur Zwangsarbeit verurteilt und nach missglückter Flucht nach Auschwitz deportiert.

Als die Nazis hatten den sogenannten «Kulturjuden» den Kampf ansagten, lösten sie eine Welle der Emigration aus. Am Bahnhof Wien, wo die österreichische Schauspielerin Tilla Durieux auf ihren Zug wartete, herrschte denn auch gedrückte Stimmung. Immerhin schaffte sie es bis auf die kroatische Insel Korcula, einen an sich traumhaften Ort.

So landeten viele von Tillas Bekannten in der Emigration – allesamt angesehene Theaterdirektoren, Kritiker, wie Alfred Polgar, oder Journalisten. Auch aus Deutschland flohen mehr und mehr Schauspieler und Theaterleute, bis zu 16.000, darunter der Kritiker Alfred Kerr und die Lyrikerin Else Lasker-Schüler.

«Kreuzung aus Irrenhaus und orientalischem Basar»

Das liberale, anfangs noch gegen die Nazis eingestellte Klima in Berlin hatte sie nicht länger schützen können. Tilla Durieuxs jüdischer Mann Ludwig Katzenellenbogen war Unternehmer, hatte aber zuletzt mit enormen Schulden zu kämpfen und wurde 1932 wegen Bilanzfälschung und Untreue angeklagt und verurteilt, was die antisemitische NS-Propaganda begierig aufgegriffen hatte.

Nach der Machtübernahme der Nazis flüchtete das Ehepaar zunächst von Berlin nach Prag, das bis 1938 bis zu zwanzigtausend politischer Flüchtlinge aus Deutschland aufnehmen sollte. Während daheim der gesamte Kultur- und Theaterbetrieb nazifiziert wurde, versuchte sich das Ehepaar irgendwie über Wasser zu halten. In Belgrad war Tilla Durieux ein Überraschungserfolg auf der Bühne beschieden.

Das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen war 1918 gegründet worden, als man sich auf eine gemeinsame parlamentarische Monarchie unter der serbischen Dynastie Karađorđević einigte, sehr bald aber über die serbische Dominanz und den Zentralismus zerstritt. 1928 setzte König Alexander Verfassung und Pressefreiheit ausser Kraft und benannte den Staat in Jugoslawien um.

Bei der ersten Parlamentswahl im Königreich 1920 wurde die Kommunistische Partei drittstärkste Kraft; sie wurde verboten, als König und Bürgertum einen bolschewistischen Umsturz fürchteten. Doch mangels Alternative plante der kommunistische Schriftsteller Manès Sperber, der eine zeitlang im SA-Gefängnis in Berlin einsass, seine Emigration nach Zagreb.

Zunächst fuhr er mit dem sogenannten «Emigrantenzug» über Prag nach Wien. Nach Zagreb verschlug es 1934 auch Durieux und Katzenellenbogen, die zuletzt in der Schweiz bei dem Schriftsteller Erich Maria Remarque.gelandet waren, jedoch ausgewiesen werden sollten. Die Zeit Habsburger hatte der Zagreb ihren Stempel aufgedrückt, Kroatien wirkte ihnen nicht fremdartig.

Belgrad hingegen bot ein widersprüchliches Bild. Dem Wiener Exilanten Ernst Pawel erschien der Bahnhof als «Kreuzung aus Irrenhaus und orientalischem Basar»: Während Bauern massenhaft die Bahnsteige bevölkerten, drängelte sich Vieh auf den Gleisen. Zwar verfügte die Stadt über Prachtstrassen und Boulevards, doch zogen Pferdewagen und Ochsen durch das Zentrum und fuhren nur wenige Autos, die jedoch unablässig hupten.

Aber nicht nur Kulturschaffende, ob jüdisch oder nicht, traf der Bannfluch der Emigration. Ebenso fielen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler einer Säuberung der Universitäten zum Opfer; Berufsverbote wurde ohne Begründung ausgesprochen. Doch ob Mediziner, Physiker, Historiker oder Philosophen – sie alle waren in Jugoslawien willkommen.

Hier galten keine Nürnberger Gesetze; dafür hatten Katholizismus, Orthodoxie, Islam und Judentum den Status anerkannter Glaubensgemeinschaften. Das Nebeneinander der Religionen war ein Erbe aus osmanischer Zeit, seitdem die Mehrheit der Juden im 15. und 16. Jahrhundert vor der katholischen Reconquista aus der iberischen Halbinsel geflohen war.

«Dubrovnik by Konštantín Bauer«/ CC0 1.0

Ein Ruf an Universität Belgrad rettete denn auch den bekannten Byzantinisten Georg Ostrogorsky, der einst vor den Bolschewisten geflohen war, bevor er ein zweites Mal vor den Nazis fliehen musste. In Breslau hatte er SA-Aufmärsche miterlebt; dort wurden Hochschullehrer mitten aus den Prüfungen herausgeholt, um sie zu entlassen.

Weniger Glück hatte der deutsch-jüdische Zahnmediziner Hans Moral, der einen Ruf von der Universität Belgrad erhielt. Jugoslawien übte nicht nur Kritik an Nazideutschlands Antisemitismus geübt, sondern nahm Immigranten herzlich auf. Moral aber wartete vergeblich auf seine Ausreisegenehmigung und beging schliesslich Selbstmord.

Das Königreich Serbien war nach Grossbritannien der zweite Staat gewesen, der die Balfour Deklaration anerkannte; dort pflegte man eine tolerante Haltung gegenüber den Juden und verurteilte den Antisemitismus, was den Nazis ein Dorn im Auge war. Eine kleine Gruppe von NS-Sympathisanten gab es gleichwohl; ihr fiel der deutsch-jüdische Emigrant und Krebsforscher Ferdinand Blumenthal zum Opfer, der schliesslich nach Wien ging.

Flucht mit einem Krokodil

Auch der Präsident des jugoslawischen PEN, Svetislav Stefanović, war ein Sympathisant des Faschismus, der bei der PEN-Konferenz in Dubrovnik 1933, während der es einen Streit über den Umgang mit Hitler-Deutschland gab, nach einem Kompromiss suchte. Damals hielt der Schriftsteller Ernst Toller eine flammende Rede gegen Nazideutschland – sehr zum Unmut der deutschen Delegation.

Zwar war Jugoslawien insgesamt ein sicherer Hort für Verfolgte aus Deutschland und Österreich, aber eben auch eine Diktatur; die Kritik am NS-Regime konnte daher als eine versteckte gegen König Alexander aufgefasst werden. Aussenpolitisch fuhr das Land einen schwierigen Kurs zwischen Nazideutschland und dem faschistischem Italien, das nach dem Balkan griff.

König Alexander beriet sich deswegen 1934 in Marseille mit dem französischen Aussenminister Barthos, wie man NS-Deutschland eindämmen könne, und wollte dazu sogar Italien im Rahmen eines Mittelmeerpaktes einbeziehen, doch wurde er auf offener Strasse von einem bulgarischen Ultranationalisten ermordet.

«Saint Sava Temple, Belgrade» by pbonahora/ CC0 1.0

Seit Hermann Görings Hochzeitsreise mit Emmy Sonnemann nach Dubrovnik 1935 wurde dann ein wachsender Einfluss NS-Deutschlands in Jugoslawien spürbar. Damals dachten viele Juden, der Nazi-Spuk werde bald vorübergehen. Doch dann begann die Jagd nach Visa, als viele Staaten ihre Grenzen schlossen.

Schauspieler Ado von Achenbach konnte in letzter Sekunde aus Berlin entkommen, wobei es ihm noch gelang, sein Krokodil-Baby mit nach Zaton Mali mitzunehmen, einem Fischerdorf nördlich von Dubrovnik. Dort gab es eine kleine Gemeinschaft Berliner Exilanten und das Krokodil fand im Teich ein neues Zuhause. Dort lebte auch eine russische Gemeinde, die nach der Oktoberrevolution emigriert war.

In Österreich wandten sich Menschen von ihren jüdischen Freunden ab.Die berühmtesten Künstler und Intellektuellen Österreichs, wie Carl Zuckmayer oder Joseph Roth, gingen ins Exil. Danach kam es zu einer regelrechten Selbstmord-Epidemie, der u.a Egon Friedell zum Opfer fiel. Der Schriftsteller Leopold von Sacher-Masoch musste sein privilegiertes Leben mit Landhaus in Brandenburg aufgeben, als er überstürzt nach Wien und von dort nach Belgrad flüchtete.

Letzte Hoffnung Palästina

Zu Beginn des 2. Weltkriegs war bereits ein Drittel der jüdischen Bevölkerung aus dem NS-Herrschaftsbereich vertrieben. Der österreichische Tausendsassa und Lebemann Josef Schleich nutzte seine NS-Kontakte in Graz, um berufspraktische Kurse für Juden abzuhalten, damit diese legal nach Palästina ausreisen konnten. Als ihm dies untersagt wurde, schleuste er Juden auf eigene Faust nach Jugoslawien aus.

Schleich wurde von den jugoslawischen Behörden, die begonnen hatten, die Grenze strenger zu überwachen, festgenommen und für einige Monate eingesperrt. Zu Hilfe kam ihm u.a. der Rechtsanwalt Ludwig Biró, sodass Schleich wieder freikam. Tatsächlich machten die Jugoslawen, trotz liberaler Einwanderungspolitik, systematisch Jagd auf Flüchtlinge, die illegal über die Grenze kamen.

Dennoch bleib Josef Schleich in Graz die letzte Hoffnung für polnische Juden, die aus Deutschland abgeschoben wurden. Wegen der strengeren Grenzkontrollen wurde seine Arbeit jedoch immer schwieriger. Die polnische Jüdin Gertrude Najman brauchte sogar 27 Stunden bis nach Zagreb. Von Schleusern wie Schleich abgesehen gab es allerdings kaum Hilfe.

Auf der internationalen Flüchtlingskonferenz in Évian-les-Bain im Juli 1938 bedauerten zwar alle Länder die Vertreibung von Juden durch NS-Deutschland, doch sahen sie sich angeblich ausserstande, selber welche aufzunehmen, wie Golda Meir, die spätere israelische Ministerpräsidentin, berichtete. Im selben Jahr erreichten mehr als neuntausend jüdische Flüchtlinge Slowenien und Kroatien.

Zu den Paradoxien der Geschichte gehört, dass mit Wissen der jugoslawischen Behörden auch Gestapo und Grenzpolizei in grossem Stil Juden über die Grenze schleusten. Viele Emigranten konnten nur die Zeit in irgendeinem trostlosen Hotel totschlagen, wo sie stundenlang Bridge oder Schach spielten und nicht wussten, was ihr nächstes Reiseziel sein würde, sobald die Duldung auslief.

1938 verschärfte Italien seine antisemitischen Massnahmen; im selben Jahr kam Adolf Hitler mit grossem Gefolge zu Besuch. Als Hitler nach der Tschechoslowakei griff, wurde ihm das Land auf Münchner Konferenz 1938 regelrecht geopfert. Die Slowakei erklärte sich daraufhin erst für autonom, dann, 1939, für unabhängig. Tags darauf marschieren deutsche Truppen ein.

Jugoslawien geriet damit unter Druck, denn Hitlers Erfolg konnte Mussolini nur ermutigen, seine Hand nach Osten auszustrecken. Als der albanische König Zoga I. anlässlich seines zehnjährigen Thronjubiläums jeden als Tourist einreisen liess, der in das unterentwickelte Land kommen wollte, bedeutete dies folglich nur kurzzeitig Hoffnung für etwa achthundert Jüdinnen und Juden, die zu Kriegsbeginn aus Deutschland und Österreich flohen.

Denn Italien, bis dahin faktische Protektoratsmacht, sollte 1939 eine Invasion starten, dem die schlecht ausgerüstete albanische Armee nur wenige Stunden Widerstand zu leisten vermochte. Die Geflüchteten hatten dort eine ebenso schockierende Armut erlebt wie eine überwältigende Hilfsbereitschaft. Nun mussten sie ein weiteres Mal flüchten.

In Palästina suchten viele ihr Glück und hier beginnt ein neues Kapitel. Nicht für alle endet es glücklich. Calic gibt in ihrem Buch vor allem den Opfern der Naziherrschaft ein Gesicht und eine Geschichte. Daneben zeigt sie, wie schwierig Jugoslawien und überhaupt Südosteuropa es hatten, sich aussenpolitisch gegen Nationalsozialismus und Faschismus zu behaupten.

Alles, wie Autorin Calic im Vorwort betont, ist aus primären Quellen heraus erzählt, wobei häufig eine Schwierigkeit darin bestand, konkrete Personen zu identifizieren, lag es doch den Verfassern der Aufzeichnungen daran, möglichst wenige Spuren zu hinterlassen. Zudem sind die Archivbestände über viele Länder verstreut. Vor diesem Hintergrund liest sich das Buch noch eindrucksvoller.

Marie-Janine Calic. 2025. Balkan-Odyssee: 1933-1841: Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa. München: C.H. Beck, 380 Seiten (gebunden), 28 Euro.

Von Michael Kreutz, Dr. phil.

Orientalist (Dr. phil.), Politologe & Kulturjournalist. Website: www.michaelkreutz.net

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