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Politik und Geschichte

Ukraine, 1654

Wem gehört der Donbass, wem die Ukraine? Für die russische und sowjetische Geschichtsschreibung ist alles Teil Russlands, seitdem der Hetman (Führer) der Dnepr-Kosaken, Bohdan Chmelnyzkyj, sich 1654 die Union mit Russland beschloss. Die meisten ukrainischen Historiker sehen in der Vereinbarung etwas anderes.

Aus ukranischer Sicht handelte es sich dabei um eine zeitlich befristete Allianz, seitdem die Ukraine ab 1569 zur polnischen Adelsrepublik gehörte und dem katholischen Glauben unterworfen wurde. Das führte zu einer protonationalen Renaissance, die orthodoxe Traditionen mit polnisch-lateinischen Einflüssen verband.

Die Kosaken, ein Reitervolk, das sich im 16. Jahrhundert herausgebildet hatte, hatte Polen in seinen Feldzüge gegen Moskau unterstützt, wollte sich jedoch Polen nicht unterordnen. So verbündeten sich die Kosaken in ihrem Streben nach Autonomie mit den ukrainischen Bauern und dem orthodoxen Klerus.

Unter Bohdan Chmelnyzkyj kam es zu einem Aufstand gegen den polnischen Adel (dem auch tausende Juden zum Opfer fielen) und in der Ukraine einen unabhängigen Herrschaftsverband zu schaffen. Polen, das damals eine Grossmacht war, war jedoch entschlossen, sich die Kosaken zu unterwerfen.

Sammlung der Länder der Goldenen Horde

Bohdan Chmelnyzkyj musste sich daher nach einem Verbündeten umsehen. Nachdem sich jedoch das Osmanische Reich in Gestalt des Krim-Khanats als unzuverlässig erwiesen hatte, wandte er sich an Moskau, das schon länger Ansprüche auf das Kyjiver Erbe erhoben hatte.

Moskau, das damals einen Konfllikt scheute, sagte jedoch erst seine Hilfe zu, als Bohdan Chmelnyzkyj sich 1654 bereit zeigte, dem Zaren «ewige Treue» zu schwören. Seitdem erhielten die Kosaken eine Art von Autonomie, aber die Kosaken beharrten darauf, dass es sich hierbei um einen Akt auf Augenhöhe handelte.

Deswegen bestanden sie ihrerseits auf einem Eid der Gegenseite, der jedoch brüsk abgelehnt wurde. Moskau wollte sich die «Kleinrussland» genannte Ukraine nämlich dauerhaft eingliedern und nicht nur als Bündnispartner betrachten. Dies, so der Osteuropa-Historiker Andreas Kappeler,

«steht in der Tradition der zahlreichen Abkommen, die Moskau im Rahmen des Sammelns der Länder der Goldenen Horde mit nomadischen Herrschafts-verbänden geschlossen hatte und die von den beiden Partnern immer unterschiedlich interpretiert worden waren.»

Dass die Kosaken nicht vorhatten, dauerhaft zum Moskauer Reich zu gehören und Moskau nie vorhatte, die Kosaken in der Ukraine ihren eigenen Weg gehen zu lassen, zeigte sich in den folgenden Jahren. Die Ukraine wurde zum Zankapfel zwischen Polen, den Kosaken und dem russischen Zaren, bis sie 1667 geteilt wurde.

Moskau reagiert mit Zerstörung und Liquidation

Moskau unterstellte die Kiever Metropolie 1685 endgültig dem Patriarchen von Moskau, dennoch blieb das kosakische Hetmanat (Kosakenstaat) immer nur lose von Russland abhängig, zu dem auch eine Zollgrenze bestand. Als es dem Hetmanat unter Ivan Mazepa gelang, sich mit den getrennten Teilen der Dnepr-Ukraine zu vereinigen, reagierte Moskau mit deren Zerstörung.

Zudem wurde die russischen Garnison verstärkt und das Land wirtschaftlich geschröpft; russische Adlige erhielten Güter in der Ukraine. Bis 1750 konnte sich das Hetmanat noch einen Sonderstatus erhalten, dann setzte Katharina II. dem ein Ende und sprach den «Kleinrussen» jede Eigenständigkeit ab.

Das Hetmanat wurde liquidiert, Russisch zur Verwaltungssprache erklärt, die ukrainische Elite gekauft – und wem das alles bekannt vorkommt, der versteht, nach welcher Blaupause der Kreml heute agiert. Freilich ist das Hetmanat als «Goldenes Zeitalter» in der Ukraine unvergessen geblieben.

Es ist der Gegenentwurf zum russischen Imperialismus, der seinen Höhepunkt in den 1930ern erreichte. Damals haben die Säuberungen, die Hungersnot und die Kollektivierung durch die Bolschewisten viele Millionen Menschen das Leben gekostet. Auch das ist in der Ukraine unvergessen geblieben.

Literatur

Applebaum, Anne. 2015. Between East and West: Across the Borderlands of Europe. London: Penguin, S. 160.

Kappeler, Andreas. 2001. Russland als Vielvölkerreich: Entstehung, Geschichte, Zerfall. München: C.H. Beck, S. 59-65.

Von Michael Kreutz, Dr. phil.

Orientalist (Dr. phil.), Politologe & Kulturjournalist. Website: www.michaelkreutz.net

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