Geschichte werden

Auch nach der Abschaffung des südafrikanisches Apartheidregimes Anfang der neunziger Jahre gibt es immer noch einen Staat Südafrika. Auch nach der Abschaffung des Sowjetkommunismus gibt es immer noch ein Russland, eine Ukraine, ein Georgien usw. Und ebenso würde es nach Abschaffung der herrschenden Theokratie in Teheran immer noch einen iranischen Nationalstaat geben. Scheinbar in Analogie zu diesen Vorgängen steht die Forderung, dass das israelische Besatzungsregime Geschichte werden müsse.

“Scheinbar” zumindest solange, als mit “besetzt” nicht nur das Westjordanland bezeichnet wird, sondern das ganze Land bis zum Mittelmeer. Dann nämlich bedeutet eine Abschaffung des Besatzungsregimes nichts anderes als die Beseitigung Israels. Das muss man leider immer wieder betonen, weil es an Zeitgenossen nicht mangelt, die diesen Unterschied nicht verstehen wollen.

Einer davon ist der Fernsehkommentator Michael Lüders, der sich zu jedem Ereignis seit Jahren mit denselben Satzschablonen zu Wort meldet. Auf die schon tausendfach analysierte Hetzrhetorik des iranischen Präsidenten Ahmadinejad angesprochen, glaubt er folgendes zu wissen:

Aber dieses Zitat, was immer wieder in den deutschen Medien zu vernehmen ist, ist sachlich falsch. Der Iran hat nicht damit gedroht, Israel zu vernichten. Das ist eine falsche Übersetzung einer Rede von 2005, wo Ahmadinedschad erklärte, dass der Zionismus vor der Geschichte keinen Bestand haben werde. Er hat gesagt, das Besatzerregime müsse Geschichte werden, so wie das Apartheitsregime in Südafrika Geschichte geworden ist.

Einmal abgesehen davon, dass Lüders die inkriminierten Äusserungen offenbar niemals im persischen Original studiert hat, hätte man gerne gewusst, welche praktische Konsequenz Lüders eigentlich mit der Behauptung verbindet, dass das israelische Besatzungsregime Geschichte werden müsse, “so wie das Apartheitsregime in Südafrika Geschichte geworden ist”. Worauf basiert diese Analogie?

Glaubt Lüders, in Ahmadinejads politischer Vision sei Platz für ein Israel nach der Besatzung, so wie es ein Südafrika nach der Apartheid gibt? Wenn es das wäre, was Ahmadinejad anstrebt, warum hätte er in unzähligen Äusserungen die Legitimation Israels bestreiten sollen?

Bei manchen Experten jedenfalls wünscht man sich, dass sie zwar nicht von der Erde, aber doch vom Fernsehschirm verschwinden mögen und zur medialen Geschichte werden.

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