Kritik des Paternalismus, Menschen und Mächte, Naher Osten, Politische Schwärmereien, Wissenschaft und Forschung

Eitelkeit und Starrsinn

Günter Grass möchte nicht länger schweigen, was er früher freilich auch schon nicht getan hat. Mit letzter Tinte, denn Grass ist noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen, schreibt er nieder, was ihm zur Irankrise einfällt. Weil er davon überzeugt ist, dass die ganze Welt es lesen will, lässt er seine Gedanken in drei Ländern gleichzeitig unter das Volk bringen.

Das Ergebnis könnte magerer nicht sein. Der Berg kreisste und gebar eine Maus: Mehr als ein arg verdruckstes Gedicht wollte dem Nobelpreisträger nicht aus der Feder fliessen. Die Tinte war wohl doch schon etwas eingetrocknet.

Und die Gedanken schon längst. Grass’ geistiges Reich ist das der Äquidistanz und des Relativismus. Weil es Israel dasjenige Land ist, das über Atomwaffen verfügt, und nicht der Iran, geht für ihn die Gefährdung des Friedens vom jüdischen Staat aus. Für Grass nämlich ist es die Technik, nicht dessen Anwendung, der seine Sorge gilt.

Das Messer in der Hand des Metzgers muss dann ebenso bedrohlich erscheinen wie das Butterfly in der Hand des Randalierers, die Pistole im Halfter des Polizisten genauso bedenklich wie die Flinte in der Hand des Bankräubers, und das Streichholz, mit dem der Zigarrenliebhaber sein Rauchwerk entflammt, ist nach dieser Logik nicht weniger eine Gefahr als das Feuerzeug in der Hosentasche des Pyromanen.

Die moralische Zerrüttung, die aus diesen Worten spricht, kommt allerdings nicht überraschend. Schon vor Jahren ist Grass zum Nahen Osten nichts besseres eingefallen, als von ”Opfer[n] des wechselseitigen Terrorismus” zu fabulieren. Und die übelsten Schurkenstaaten als das zu bezeichnen, was sie sind, fand er immer schon den wahren Skandal.

Natürlich gibt es auch in Grass’ Welt eine böse Macht, doch hat diese keine politische Grenze. Es handelt sich um die “Globalisierung als Diktat des Kapitals”. Unvergessen auch sein öffentlich bekundeter Abscheu gegen die Anfangsjahre der Bundesrepublik („Die damals propagierte Gesellschaft war durch eine Art von Spießigkeit geprägt, die es nicht einmal bei den Nazis gegeben hatte“).

In Wirklichkeit ist Grass der jüdische Staat (”dem Land Israel, dem ich verbunden bin”) ungefähr so wichtig wie den Hühnern einer Legebatterie die Qualität der deutschen Frühstückskultur. Wenn Grass davon spricht, kein “Überlebender” einer atomaren Katastrophe sein zu wollen, geht es um nichts anderes als um die Entlastung seiner Generation. Dem hat Emmanuel Nahshon, der israelische Gesandte zu Berlin, völlig zurecht eine Abfuhr erteilt: “[W]ir sind nicht bereit, die Rolle zu übernehmen, die Günter Grass uns bei der Vergangenheitsbewältigung des deutschen Volkes zuweist.”

An die reale Bedrohung aus Teheran verschwendet Grass nämlich keinen Gedanken. Vielleicht ist das, was Ahmadinejad über Israel sagt, tatsächlich nur heisse Luft. Vielleicht hat das Regime wirklich nicht vor, Atomwaffen zu entwickeln und vielleicht will es den jüdischen Staat gar nicht vernichten. Vielleicht.

Aber vielleicht auch nicht. Die israelische Bevölkerung wird jedenfalls nicht dasitzen und warten, bis Ahmadinejads Worten die entsprechenden Taten folgen könnten. Das wird ihr niemand verübeln können, der das Existenzrecht Israels anerkennt. Während Grass tausende von Kilometern entfernt luftige Poeme verfasst, steht Israel vor einer schwierigen Entscheidung: Sich in Zurückhaltung zu üben bis es zu spät sein könnte – oder einen präventiven Schlag wagen und damit möglicherweise eine unkontrollierbare Reaktion seitens des Iran auslösen.

Dem Grad an moralischer Entrüstung entspricht Grass’ Ausmass an intellektueller Abrüstung. Selten war ein politisches Gedicht so platt. Auch künstlerisch hat er schon lange die Waffen gestreckt.

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