Dschihadistischer Antisemitismus

In seinem Buch “My Promised Land” beschreibt der israelische Journalist Ari Shavit gleich auf der ersten Seite, wie zerrissen seine Gefühle in Bezug auf seine Heimat Israel sind. Das Israel, in dem er aufwuchs, sei dynamisch. überschäumend und hoffnungsfroh. Doch fühlte er, schreibt Shavit, dass zwischen all dem bürgerlichen Wohlstand, den das Land hervorgebracht hat, eine dunkle See liegt. Eines Tages, so fürchtete er, würde die dunkle See sich erheben und alle ertränken. Ein mythischer Tsunami würde die Strände heimsuchen und sein Israel hinfortspülen.

Die existentielle Angst einer ganzen Nation, wie sie hier zum Ausdruck kommt, ist beispiellos in der westlichen wie auch sonstigen Welt. Das ist eine Angst, die ein Deutscher, ein Franzose oder ein Amerikaner nicht kennt. Sicher, Israel ist militärisch eine regionale Supermacht und verfügt über eine hohe Kampfmoral. Dass das Land in naher Zukunft nicht mehr existieren könnte, ist unwahrscheinlich.

Aber es ist auch nicht unmöglich, steht nicht ausserhalb jeglicher Vorstellungskraft. Dafür ist das Land von zu vielen Feinden umgeben und wird selbst im Westen von zu vielen angefeindet. Würden die Juden jemals ihr Land verlieren, würde es wohl tausend Jahre dauern, bis sie noch einmal die Chance bekämen, in ihrem historischen Heimatland einen eigenen Staat aufzubauen. Wer das nicht versteht, versteht Israel nicht. Seine Bevölkerung wird alles daran setzen, ihren Staat nicht zu verlieren.

Antisemitismus, der sich gegen Israel richtet und Juden nur als geschützte Minderheit akzeptiert, ist nun aber ein fester Bestandteil des islamischen Dschihadismus, der sich zunehmend darauf verlegt, Israelis im Ausland zu attackieren. Nicht erst in Paris konnte man sehen, wie Anschlagsziele antisemitisch motiviert waren: Das gilt für den jüdischen Supermarkt im Zuge des Anschlags auf die “Charlie Hebdo”-Redaktion, aber ebenso für das “Bataclan” im November vergangenen Jahres. Das waren ebensowenig Zufälle wie die Anschlagsziele jüngst in Istanbul.

Der Attentäter, ein Sympathisant des sog. ISIS, hat fünf Menschen in den Tod gerissen – drei davon waren Israelis. Dass diese gezielt als Ziel ausgesucht wurden, konnte man vermuten. Jetzt steht  es angesichts der veröffentlichten Aufnahmen von Überwachungskameras ausser Frage. Richtig ist, dass die schwarze See nicht nur Israelis treffen kann. Falsch ist es, den antisemitischen Aspekt des Dschihadismus zu ignorieren.