Die Übergriffe von Köln, das Mass der Enthüllung – und was christliche Russen damit zu tun haben

Als ich das erste Mal in Syrien war, wurde ich eines Tages auf offener Strasse von einer jungen Frau angesprochen. Sie war Europäerin, aus Schottland, und sie bat mich, sie ein Stück des Weges zu begleiten. Sie werde immer aufs Übelste belästigt und benötige daher Schutz.

Natürlich tat ich ihr den Gefallen. Dennoch wollte ich wissen, ob sie es einmal mit dem Schleier versucht hätte. In Deutschland würde ich einen solchen Ratschlag niemals erteilen, aber in einem fremden Land ist das etwas anderes, in einem islamischen zumal. Hier könnte es nützlich sein, sich den Sitten anzupassen.

Sie entgegnete mir, dass sie alles versucht habe, auch zum Schleier habe sie gegriffen. Doch habe dieser ihr nichts genützt. Die Belästigungen auf offener Strasse seien dadurch nicht geringer geworden.

Das war bei weitem kein Einzelfall. Und belästigt werden keineswegs nur europäische Frauen, wie ich damals glaubte. Auch solche, die nicht als Ausländerin zu erkennen sind, werden von Belästigungen nicht ausgenommen. Verschiedene Umfragen belegen, dass das Ausmass der Belästigung von Frauen im öffentlichen Raum islamischer Ländern enorm ist.

Schätzungen der UN von 2013 zufolge sollen in Ägypten, wo heute kaum noch eine Frau unverschleiert die Strasse betritt, bis zu 99,3% aller Frauen und Mädchen Opfer sexueller Belästigung geworden sein. Der Journalist Samuel Schirmbeck erinnert sich: “In den zehn Jahren meines Aufenthaltes in Nordafrika und auch bei den späteren Besuchen dort habe ich nicht eine einzige Frau getroffen, die nicht von sexuellen Belästigungen zu berichten gewusst hätte.”

Der Grund dafür ist nicht etwa einer erhöhter Trieb arabischer Männer – eine solche Behauptung wäre in der Tat rassistisch –, sondern der Umstand, dass in den islamischen Gesellschaften die Belästigung von Frauen im öffentlichen Raum kaum ein Tabu darstellt. Diesen Zusammenhang hat die jüngst verstorbene marokkanische Soziologen Fatima Mernissi präzise beschrieben.

So gilt in den urbanen Zentren der islamischen Länder die häusliche Sphäre traditionell als die weibliche und die öffentliche Sphäre als die männliche. Erstere wird gegenüber der Aussenwelt ebenso blickdicht gemacht wie das weibliche Individuum, wenn es sich verhüllt in die öffentliche, also männliche Sphäre begibt.

Belästigungen von Frauen auf offener Strasse sind deshalb, so Mernissi, auch als inhärente Antwort auf den vermeintlichen Exhibitionismus der Frau zu verstehen. Aus diesem Grund wird die Frau – und nur die Frau – in islamischen Gesellschaften üblicherweise von Kindheit an überwacht und ihr Bewegungsradius nach Möglichkeit auf die häusliche Sphäre beschränkt. Begibt sie sich dennoch in die Öffentlichkeit, muss sie sich verschleiern, um ihre Keuschheit zu bewahren.

Islamisten propagieren daher nicht nur die Verschleierung, sondern verunglimpfen die nichtverschleierte Frau, indem sie sie gerne mit einem ausgepackten Bonbon vergleichen, das zu jedermanns Verfügung steht. “Schützender Hijab oder öffentliche Entblössung” – so stellt ein Propagandaposter den Gegensatz von verschleierter und unverschleierter Frau dar:

hijabyasoun

(Quelle:Twitter@yaa20151)

Das ist abstossend und nicht nur für Frauen ohne Kopftuch demütigend. Die Islamische Republik Iran leistet sich sogar 32 Agenturen zur Propagierung einer solchen menschenverachtenden Herrschaftsmoral. Da zeigt man sich sehr erfindungsreich, wenn es darum geht, die unverschleierte Frau symbolisch herabzuwürdigen.

Diese Ideologie, dass das Kopftuch nicht nur religiöses Gebot sei (wogegen nichts zu sagen wäre), sondern die Frau schütze, wird auch in Deutschland propagiert, so von der Aktivistin Khola M. Hübsch (“Unter dem Schleier die Freiheit”), die in pseudowissenschaftlichem Duktus schreibt: “Die Wahrnehmung der Frau als Objekt korreliert mit der zunehmenden Enthüllung der Frau …”. Die Frau wird in der westlichen Gesellschaft sexualisiert und zum Objekt degradiert, also muss sie zum Schleier greifen.

Einmal übergezogen, merkt sie dann ganz schnell, dass es unter dem Schleier gar nicht so übel ist, wie Frau Hübsch zu erklären sich beeilt. Sogar Freiheit gebe es da: Freiheit vor den Blicken der Männer, vor Anmache, vor Belästigung. Das ist zwar pure Illusion, denn die Studien über die Belästigung in islamischen Ländern (s.o.) belegen das genaue Gegenteil. Aber wenigstens soll das Anlegen des Schleiers freiwillig erfolgen.

Das betont nicht nur Frau Hübsch. Das betonen auch deutsche Salafisten und selbst Ajatollah Khomeini hat vor der Islamischen Revolution immer davon gesprochen, dass der Hedschab nur freiwillig angelegt werden solle. Auch Gambia, das sich unlängst zu einem islamischen Staat erklärt hat, versichert, dass den Frauen der Schleier keinesfalls aufgezwungen werden solle.

(Frau Hübsch – dies nur in Parenthese – war übrigens im Konflikt zwischen der Hamas und Israel 2014 ganz auf Äquidistanz bedacht, als sie beiden Seiten vorwarf, gleichermassen völkerrechtswidrige Handlungen zu begehen. Aber nur an die Adresse Israels gerichtet, erklärte sie, dass dieses eine Wahl habe und nicht zu militärischen Mitteln hätte greifen müssen. Unter dem Schleier die Verblendung.)

Weil alles freiwillig ist oder zu sein hat, können Konflikte welcher Art auch immer nichts mit Religion oder Kultur zu tun haben. So wird jede kritische Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse in islamischen Ländern von Teilen der deutschen Intellektuellen einmal mehr reflexartig abgebürstet. Fatima Mernissis Buch “Geschlecht, Ideologie, Islam” ist schon längst nur noch antiquarisch erhältlich.

Ein Redakteur der “Zeit”, der mit seiner Familie sechs Jahre in Istanbul verbracht hat, war zwar alarmiert, als sein kleiner Sohn aus dem türkischen Kindergarten kam und zur eigenen Mutter sagte: “Aber Mama, Du kannst doch gar nicht der Chef sein, Du bist doch eine Frau!”

Doch der Alarmzustand des Redakteurs beruhigte sich rasch wieder, denn: Erstens zeige sich darin noch keine Gewaltbereitschaft (!) – und zweitens sei auch das “christliche russische Männlichkeitsideal” keineswegs moderner. Wäre der “Zeit”-Redakteur Geologe und würde man ihn fragen, warum Japan so stark erdbebengefährdet ist, dann würde er wohl antworten: Aber Kalifornien doch auch!

Klar ist: Auch unter muslimischen Männern ist es nur eine Minderheit, die Frauen belästigt. Was sich aber in Köln gezeigt hat, könnte, um es noch einmal zu sagen, der Tatsache geschuldet sein, dass die gesellschaftliche Akzeptanz von Belästigung im öffentlichen Raum islamischer Länder eine wesentlich höhere ist.

Um nicht Wasser auf die Mühlen von Rechtspopulisten und ihre xenophobe Hetze zu leiten – zumal die Täter von Köln noch nicht einmal bekannt sind –, müssen wir uns klar zur Einwanderungsgesellschaft bekennen und zugleich mögliche Probleme, die diese schafft, benennen. Nicht Abschiebung sollte das Ziel sein, sondern bessere Wertevermittlung.

Leicht gesagt, natürlich.

Update 21. Jan. 2016:

Wie n-tv berichtet, soll der Kölner Imam Abu-Yusuf erklärt haben: “Die Frauen tragen selbst Verantwortung für die Übergriffe, wenn sie halbnackt herumlaufen und sich parfümieren.” Gegen ihn wurde Strafanzeige gestellt.

Update 30. Jan. 2016:

Die “Huffington Post” (dt. Ausgabe) meldet, dass “zahlreiche angebliche Vergewaltigungen durch Flüchtlinge in den vergangenen Monaten” nur “erfunden” gewesen seien. Dies ergab eine deutschlandweite Auswertung diverser Polizeimeldungen durch die Huffington Post sowie Anfragen der Huffington Post bei mehreren Polizeipräsidien und Staatsanwaltschaften.

Update: 05. Feb. 2016:

Unter dem Titel “Frauen leben gefährlich in der Türkei” berichtet die “Frankfurter Rundschau”, wie konservative Stimmungsmacher in der Türkei Frauen eine Mitschuld an ihrer eigenen Belästigung und Vergewaltigung geben, wenn sie sich im öffentlichen Raum nicht an die islamischen Moralvorstellungen halten.