Mit dem Sufismus gegen den politischen Islam?

Angesichts der Tatsache, dass säkulare Gesellschaftskonzepte wenig Resonanz in den islamischen Gesellschaft finden, stellt sich die Frage, welche innerislamischen Kräfte gegen den politischen Islam mobilisiert werden können. Liegt die Hoffnung im Sufismus?

Ein Plädoyer, adressiert an den Westen, verstärkt auf den Sufismus zu setzen, erschien vor kurzem in der FAZ. In Deutschland setzt bereits der Gefängnisseelsorger Husamuddin Meyer auf die sufische Karte. Zuvor war – ebenfalls in der FAZ – ein Aufsatz erschienen, der den Sufismus als nicht nur rein friedliche Bewegung darstellte. Tatsächlich ist das Bild, das der Sufismus abgibt, durchaus ambivalent.

Zum einen steht er für einen Islam, den Sufi-Bruderschaften ohnen Gewalt in den Randzonen der islamischen Welt, vor allem in Indien, Zentralasien und später in Afrika, verbreitet haben. Im Osmanischen Reich war es der der Schia nahestehende Sufiorden der Bektaschis, der Frauen zu seinen Treffen zuliess und gute Beziehungen zu den Christen pflegte. Gelegentlich wurden die Anhänger des Ordens sogar verdächtigt, Kryptochristen zu sein. Der Orden wurde später zerschlagen, 1925 ein allgemeines Verbot mystischer Bruderschaften ausgesprochen.

Es ist möglich, dass die politisch erzwungene Auflösung der Sufi-Orden in der Türkei in einem Zusammenhang steht mit dem bald darauf einsetzenden Erstarken des politischen Islam. Seit der Schliessung der Sufi-Orden in der Türkei hat sich der Schwerpunkt des Bektaschi-Ordens nach Albanien hin verlagert, wo er zwischen 1967 und 1991 von den kommunistischen Machthabern ebenfalls verboten wurde.

Der amerikanische Journalist Michael Totten berichtet, wie die Bektaschi-Bruderschaft im heutigen Albanien heute wieder unter Druck stehen, diesmal unter dem von Wahhabiten aus dem benachbarten Makedonien. Die Angehörigen der Bruderschaft betonen, dass sie immer für die albanische Sache gegen das Osmanische Reich gekämpft haben und Totten berichtet, mit eigenen Augen eine amerikanische Flagge in ihrer Moschee hängen gesehen zu haben.

Doch das ist nur die eine Seite des Sufismus. Die andere ist weniger schön. Den Sufis nahestehend sind auch die ʿayyārūn, Ableger der im 10. Jahrhundert entstehenden sog. futuwwa-Bünde, die nach einem Wort von Annemarie Schimmel „der klassischen Mafia vergleichbar“ sind. In Syrien waren es die sog. ḥarāfīš (Sg.ḥarfūš), mit den städtischen Gilden verbundene Schläger, die dem Sufismus nahestanden und eigene Klans begründeten. Zudem haben sufische Bewegungen seit ihrem Erscheinen im 11. Jahrhundert auch immer am Kampf gegen Andersgläubige teilgenommen und waren an der osmanischen Eroberung von Teilen Europas beteiligt.

Grade im Osmanischen Reich kam es zu einem „subtilen Ineinandergreifen der offiziellen und der inoffiziellen Ebene der Islamisierung“ (Tilman Nagel) mithilfe der Sufis. Der Islamwissenschaftler Michael Cook bestätigt zwar, dass der Sufismus in erheblichem Gegensatz zum Islamismus steht, weist aber darauf hin, dass seine historische Bilanz nicht unbedingt nahelegt, es handle sich bei ihm um eine “zuverlässig apolitische, friedliche oder tolerante” Bewegung. Nur am Rande sei hier erwähnt, dass auch Ibrahim al-Badri, der spätere Abu Bakr al-Baghdadi, ein Sufi war, bevor er zum Salafisten wurde.

Das sufische Konzept des “vollkommenen Menschen” (al-insān al-kāmil) ist  auch kein Humanismus im europäischen Sinne. Das ist durchaus umstritten; manche Forscher glauben, dass der Islam einen solchen gar nicht kenne, da für ihn der Mensch nicht in Freiheit wirkt, um menschliche Werte zu verwirklichen. Unumstritten hingegen ist, dass der Sufi nach der Ausmerzung des ich strebt, um die Stellvertreterschaft des Propheten zu erlangen. Die Scharia wird dabei aber nicht etwa aufgehoben, da sein Knechtstatus gegenüber Gott bestehen bleibt. Tilman Nagel kritisiert eine „romantisierende Orientkunde“, die die Voraussetzungen der sufischen Lehre missachtet und so zum falschen Urteil gelangt, der Sufismus sei der „Inbegriff gesetzesfreier Individualfrömmigkeit“.

Für einen Sufi der ersten Stunde wie al-Ḥallāǧ ist der Mensch gar nicht in der Lage, die Voraussetzung für sein Tun beherrschen, folglich ist er auch ausserstande, sein Tun selber zu beherrschen. Was das sufische Denken auszeichnet sind „Weltverneinung und Meditation“, sein Ziel „das Aufheben des Individualbewusstseins und die völlige Absorption in der Gottesidee“, wie Ignaz Goldziher einmal formulierte. Darauf freilich lässt sich ein demokratisches Bewusstsein nur schlecht aufbauen.


Nachtrag 13. Oktober 2020

In der “Jungle World” schreibt Thomas K. Gugler über die radikalislamische Partei Tehreek-e-Labbaik Pakistan (TLP), dass sie sich zugleich als sufisch versteht und so Sufismus mit islamischem Extremismus vermischt. Ihr Anführer Khadim Hussain Rizvi erklärt: “Kein wahrer Sufi kann einen Feind des Islam auf Erden tolerieren. Ein wahrer Sufi predigt weder Frieden, noch dient er dem Westen.” 


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