Kritik des Paternalismus

Die Krise der Islamwissenschaften

Über den gegenwärtigen Zustand der Islamwissenschaften gäbe es eine Menge zu sagen, positives wie negatives. Vieles ist zu loben, manches zu tadeln. Was die Grundlagenforschung betrifft, so werden an den einzelnen Instituten zu allen Aspekten der Islamischen Welt noch immer hervorragende Leistungen erbracht. Unübersehbar ist jedoch, wie sehr der Postkolonialismus dem Fach seinen Stempel aufgedrückt hat – mit verheerenden Folgen, wie ein aktuelles Beispiel zeigt.

Sobald es nämlich darum geht, die Erkenntnisse in einen grösseren Zusammenhang zu rücken, wird es schnell ideologisch. Dann nämlich zeigt sich, dass viele Islamwissenschaftler schon längst nicht mehr an der Frage interessiert sind, warum die Islamische Welt eine so ganz andere Entwicklung genommen hat als der Westen, stattdessen einfach immer nur den Islam verteidigen wollen.

  • Gewalt im Namen des Islam? – Hat es vor Jahrhunderten im Namen des Christentums doch auch gegeben!
  • Frauen werden in den islamischen Gesellschaften stark diskriminiert? – Mohammeds Ehefrau Aischa gibt aber ein ganz anderes Bild ab!
  • In islamischen Ländern haben Homosexuelle es schwer? – Bei uns war Homosexualität bis vor zwanzig Jahren doch auch verboten! – Usw.

Der aktuelle Trend geht nun dahin, sich auf die Thesen des Münsteraner Arabisten Thomas Bauer zu berufen, demzufolge die islamischen Gesellschaften bis vor etwa zweihundert Jahren, als es unter dem Eindruck des Westens zu einer Wende kam, ein hohes Mass an Ambiguitätstoleranz zu eigen gewesen sei, d.h. die Bereitschaft, widersprüchliche Ansichten und Lebensweisen nebeneinander bestehen zu lassen und in ihrer Ambiguität noch so etwas wie kulturellen Reichtum zu sehen. Ich habe an dieser Theorie eine Menge Kritik geübt, wie man in meinem aktuellen Buch ZWISCHEN RELIGION UND POLITIK nachlesen kann (dort im “Exkurs II: Die Freude am Widerspruch”, S. 79-102). [pullquote]Der Mainstream der heutigen Islamwissenschaft ist gegen eine Reformation des Islam.[/pullquote]

Nun hat sich kürzlich in einem Artikel in der “Süddeutschen” der Islamwissenschaftler Frank Griffel gegen eine Reformation des Islam gewandt, wobei auch er sich auf die Thesen von Bauer beruft. Dazu muss man wissen, dass der Mainstream der heutigen Islamwissenschaft gegen eine Reformation des Islam wie auch gegen Forderungen nach seiner Aufklärung eingestellt ist, weil seine Vertreter sich längst die in den islamischen Gesellschaften vorherrschende Auffassung zu eigen gemacht haben, dass in der islamischen Religion immer schon alles enthalten sei und die Krise der Islamischen Welt nur externe Ursachen haben könne.

Um diese Ansicht zu unterstützen, versucht man häufig Fakten, die dem widersprechen, nicht etwa zu entkräften, sondern ignoriert sie gleich ganz. Die Belege dafür würden genug Material für eine eigene Monographie abgeben. So liesse sich auch über Griffels Artikel eine Menge sagen, doch wollen wir es für den Augenblick dabei belassen, auf den letzten Abschnitt einzugehen, welcher lautet:

Doch selbst, wenn es eine Romantisierung sein mag, geht sie mit einem kritischen Blick auf das Eigene einher. Es scheint, als habe Europa sein Gegenüber auf der anderen Seite des Mittelmeeres lange missverstanden. Da mag selbst ein idealisierender Blick auf dieses andere – sofern er letztlich der Forderung nach einer Aufklärung des Islam ein Ende setzt – eine willkommene Abwechslung sein.

Man lasse sich diesen Abschnitt auf der Zunge zergehen: Offenbar sind Griffel, der in seinem Artikel ganz und gar der Argumentation von Bauer folgt, am Ende Zweifel gekommen, ob das, was Bauer da behauptet, nicht doch ein wenig einseitig sein könnte. Weil sein eigener Forschungsschwerpunkt aber ganz woanders liegt, ist Griffel sich nicht sicher und spricht von einer möglichen “Romantisierung” und einem “idealisierenden Blick” Bauers.

Das aber sei gar kein Problem, so Griffel sinngemäss weiter, denn ob romantisiert oder nicht, ob idealistisch oder nicht – wichtig ist nur, dass die Thesen ihren ideologischen Zweck erfüllen: nämlich den Forderungen nach einer Aufklärung des Islam ein Ende zu setzen! [pullquote]Wichtig ist nur, dass die Thesen ihren ideologischen Zweck erfüllen.[/pullquote]

Ja, das ist ein starkes Stück und wirklich entlarvend – die ganze Krise der gegenwärtigen Islamwissenschaften in drei Sätzen. Es geht nicht um Fakten, es geht nicht um Quellen, es geht nicht um Kontexte, es geht nur darum, dass sich die richtige, sprich: apologetische, Sicht auf den Islam in den Köpfen verankert. Hier kommt ein Wissenschaftsverständnis zum Ausdruck, das mittlerweile noch nicht einmal mehr Widerspruch und Empörung hervorruft.

Stattdessen gibt es eine Einladung zum Interview mit der “Kulturzeit” auf 3sat. Dort darf Griffel nachlegen und so räsoniert er darüber, dass es für uns Heutige vielleicht hilfreich sein könnte, darüber nachzudenken, dass nicht-westliche Kulturen wie die islamischen ihre eigenen Standards haben, und zwar, was Fortschritt angehe (ab ca. 5:10), was Harmonie in einer Gesellschaft angehe, und schliesslich: was eine gute Gesellschaft überhaupt sei.

Dieser Kulturrelativismus ist eine wahrhaft hässliche Ausgeburt des Postkolonialismus – und die Ursachenforschung zur Frage, warum die Islamische Welt so instabil, so unfrei und ökonomisch so wenig prosperierend ist, nur noch ein Schmuddelkind der Wissenschaft. Oder jedenfalls der heutigen Islamwissenschaft.

(Wir werden auf das Thema noch zurückkommen.)

Bild: Michael Kreutz, Aleppo


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