Demokratie

Stauffenberg in Teheran

Heute jährt sich der Tag des Attentats auf Hitler durch Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Mitstreiter zum 75. Mal und auch dieses Mal werden sich die Geister darüber scheiden. War Stauffenberg ein Held oder doch nur ein Nazi, dem es nur darum ging, die drohende Niederlage des Dritten Reichs abzuwenden?

Klar ist, dass die Attentäter keine reinen Seelen waren, dass es unter ihnen Antisemiten gab und sie wohl einem Staatsverständnis behaftet blieben, das autoritär war. Als makellose Vorbilder für die Nachkriegsdemokratie taugen sie nicht. Verteidiger verweisen dann gern auf den historischen Kontext und meinen, dass man die Attentäter nicht nach heutigen Massstäben beurteilen dürfe. Mag sein, obgleich die Welt damals schon ein Stück weiter war.

Aber es gibt noch eine andere Lehre zu ziehen. Zu fragen nämlich ist, ob es überhaupt vorstellbar war, dass ein tadelloser Demokrat und Vorkämpfer der Menschenrechte, wenn es ihn im Deutschland des Jahres 1944 noch gab, Hitler überhaupt hätte beseitigen können. Denn als die Nazis an die Macht kamen, war bereits jeder Widerstand im Keim erstickt.

Der Historiker Sebastian Haffner schreibt in seiner Geschichte eines Deutschen, dass es während der sog. Machtergreifung “nicht ein Beispiel von Verteidigungsenergie, Mannhaftigkeit, Haltung“ gegeben habe und das Hakenkreuz in die deutsche Masse “hineingeprägt worden” sei “wie in einen formlos-nachgiebigen, breiigen Teig.“ Seitdem hatte das Regime mit jedem Tag seine Stellung gefestigt. Widerstand gegen Hitler, sofern er nur irgendeine Aussicht auf Erfolg hatte, konnte daher allein aus den Reihen ihm nahestehender Personen kommen – von Personen also, die zumindest bis kurz vor dem Entschluss, ihr Attentat zu begehen, seine Weltanschauung teilten.

Richten wir an dieser Stelle unseren Blick auf Iran. Nicht, dass die Situation dort mit Nazideutschland zu vergleichen wäre, aber auch hier haben wir es mit einem Regime zu tun, dessen Macht soweit gefestigt ist, dass selbst zigtausende Demonstranten auf den Strassen und der Druck amerikanischer Sanktionen es nicht zum Einsturz bringen können. Wenn dieses Regime in absehbarer Zeit stürzen sollte, dann gewiss nicht durch die Abdankung seines geistigen Führers Khamenei.

Sollte es überhaupt zu einem Sturz kommen, dann wird dieser von einem iranischen Stauffenberg kommen und das heisst: Von einem, der jahrzehntelang zum System gehörte. Von einem, der bis vor kurzem noch ein treuer Diener des Regimes war. Von einem, der sich mitschuldig an der Unterdrückung der iranischen Bevölkerung gemacht und der vielleicht sogar Blut an seinen Händen hat.

Es wird kein weisser Ritter sein, der das iranische Regime mit welchen Mitteln und auf welche Weise auch immer zu Fall bringt. Auch das ist eine Lehre aus der Geschichte eines Wehrmachtsoffiziers namens Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

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