Journalismus

Framing für Biden

Joe Biden ist frisch gewählter Präsident der USA und schon lassen manche Journalisten jede professionelle Distanz vermissen.

Während der “Spiegel” auf seinem aktuellen Titel schon deutlich macht, welche Rolle die Redaktion für ihn vorsieht, bepöbelt ein ehemaliger Redakteur des Hamburger Blattes die Trump-Wähler pauschal als “Rassisten, Sexisten, Menschenverachter beziehungsweise Leute, die Rassismus, Sexismus, Menschenverachtung den Weg ebnen, in Ordnung oder egal finden oder zumindest in Kauf nehmen.”

Die Ankündigung, mit einigen Trump-Wählern könne man reden, ist an Herablassung schwer zu überbieten. Mit derselben Logik könnte man Biden-Wählern um die Ohren hauen, dass sie entweder Sympathisanten oder Wegbereiter des Antifa-Mobs seien, der in einigen amerikanischen Grossstädten gewütet hat.

Derweil lassen bei “Presseclub” auf Phoenix einige Journalisten die letzten Hemmungen fallen und überschlagen sich in Sympathiebekundungen für Joe Biden. Man müsse jetzt den Trump-Wählern die Angst davor nehmen, Biden könne ihre Steuern erhöhen, heisst es da, als ob es die Aufgabe von Journalisten wäre, Menschen im Sinne eines Politikers zu beeinflussen.

Was können wir gewinnen und was wird nie mehr wiederkehren?, lautet die Frage der Moderatorin Ellen Ehni an ihre Studiogäste zum Schluss der Sendung. Und nicht: Was könnten vielleicht die Schwachstellen in Bidens zu erwartender Politik sein? Diese Möglichkeit wird gar nicht erst angesprochen. Man ist zu froh, zu erleichtert über den Ausgang der Wahl, um sich noch des journalistischen Ethos zu erinnern.

Christiane Meier von der ARD macht kein Hehl daraus, dass sie Trump-Wähler irgendwie als Störer des gedeihlichen Zusammenlebens betrachtet und gibt sich ganz entzückt ob der Wahl von Joe Biden. In ihrer New Yorker Blase glaubt sie, dass ein Präsident Biden nicht länger Diktatoren umschmeicheln werde, was auf Trump gemünzt ist.

Denn das Umschmeicheln von Diktatoren ist nur ein Problem, wenn es von einem republikanischen Präsidenten kommt. Ein Barack Obama mochte zu den terroristischen Aktivitäten des iranischen Regimes geschwiegen haben, um seinen Atom-Deal nicht zu gefährden, aber Obama gehört der Demokratischen Partei an, da ist das kein Problem.

Auch der Journalist Klaus Brinkbäumer sieht sich bestätigt. Für Brinkbäumer, der vor mehr als zehn Jahren als Verfasser gefühlsduseliger Irak-Reportagen mit anti-amerikanischer Schlagseite einer grösseren Leserschaft bekannt wurde, hat erst kürzlich mit einem Buch nachgelegt (“Im Wahn: Die amerikanische Katastrophe”), wonach die USA “eine wütende, nur noch im Hass vereinte Nation” seien.

In einem Beitrag für die “Zeit” beschreibt er die USA als eine Art failed state und Joe Biden als den “Heiler”. Zwar macht er sich den Begriff nicht unbedingt zu eigen, sondern berichtet zunächst lediglich, wie Bidens Anhänger ihn sehen und dass Biden selbst davon gesprochen habe, Wunden zu “heilen.” Aber er hinterfragt dieses Selbstbild von Biden auch nicht. Irgendeine Form von Hintergrundrecherche findet nicht statt.

Brinkbäumer erwähnt sodann Trumps Weigerung, die Wahl anzuerkennen, aber zum vollständigen Bild gehört eben auch, dass dies eine Retourkutsche ist, nachdem die Demokratische Partei Trump über Jahre wiederholt verdächtigt hat, die Wahlen mit Hilfe Russlands zu seinen Gunsten manipuliert zu haben. Von diesen Verdächtigungen ist zwar nichts geblieben. Irgendetwas bleibt aber doch immer hängen.

Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen, ob die eigenen politischen Vorlieben vieler Journalisten ein Framing konstituiert, das die Berichterstattung zugunsten Bidens beeinflusst. Nicht zuletzt wird sich das am Umgang des neuen Präsidenten mit den Staaten des Nahen Osten und der Asien-Pazifik-Region zeigen. Unvergessen bleibt, wie nachsichtig die hiesigen Medien seinerzeit mit Obama verfuhren, der aussenpolitisch erheblichen Schaden angerichtet hat.