Die Ukraine muss nicht gewinnen

Gegner der westlichen Waffenlieferungen an die Ukraine bringen immer wieder das Argument vor, das Land könne den Krieg niemals gewinnen, Russlands Armee sei dafür viel zu stark und verfüge zudem sie über Atomwaffen. Doch dieses Argument könnte falscher kaum sein.

In jedem Selbstverteidigungskurs lernt man, dass es nicht darum geht, eine Auseinandersetzung zu gewinnen – sondern darum, sie nicht zu verlieren. Das ist ein wesentlicher Unterschied: Übergriffen im öffentlichen Raum geht meist eine Provokation des Schlägers voraus. Lässt der Angegriffene sich allzu leicht in die Opferrole drängen, wird zugeschlagen.

Kann der Angegriffene aber zeigen, dass er kein leichtes Opfer abgibt, bestehen gute Aussichten, den Konflikt vor einer Eskalation zu beenden. Der Schläger muss nicht k.o. gehen, es genügt, wenn er von seinem Opfer ablässt. Niemand gewinnt, aber es gibt auch keine Opfer. Was aber für Individuen gilt, gilt im Prinzip auch für Staaten.

Der Schläger Putin hat 2014 mit dem Überfall auf die Krim sein Opfer überrumpelt. Danach kam, wie es kommen musste: Der Kampfeshunger des Schlägers wurde nur noch grösser. Die Ukraine hat daraus gelernt und mithilfe der NATO ihre Verteidigungskräfte verstärkt. Putin sieht nun, dass die Ukraine sich ein zweites Mal nicht so leicht überfallen lässt.

Vietnam, Afghanistan, Irak – es gibt viele Beispiele dafür, wie eine kleine Armee eine weitaus stärkere Besatzungsmacht zermürbt hat, ohne sie besiegen zu müssen. Deswegen war es weise von Aussenministerin Baerbock – als Abgeordnete nur ihrem Gewissen unterworfen –, der Ukraine auf Jahre hinaus militärische Unterstützung zugesichert zu haben.

Putin hat nicht nur das Leben tausender unschuldiger Ukrainer auf dem Gewissen, sondern auch tausender russischer junger Männer, die er als Kanonenfutter für die Interessen einer herrschenden Clique missbraucht. Er darf nicht darauf hoffen, dass ihm durch eine Schwäche des Westens der Sieg letztlich in den Schoss fällt, sondern muss begreifen, dass sein Krieg sinnlos ist.

Dafür muss die Ukraine den Krieg nicht einmal gewinnen. Es reicht, wenn sie ihn nicht verliert.


Nachtrag 10. September 2022

Zur Zeit scheint sich das Blatt militärisch zugunsten der Ukraine zu wenden, aber die Befürworter einer Kapitulation der Ukraine ficht das nicht an. Tatsächlich ist ein russischer Sieg so selbstverständlich nicht. Das westliche Image von einer Grossmacht Russland, die über unendliche Ressourcen verfügt, ist auch das Ergebnis russischer Desinformation, wie der Journalist Manfred Quiring in seinem Buch “Russland: Ukrainekrieg und Weltmachtträume” (2022, S. 209-15) schreibt.

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