Dass in Diktaturen wie der iranischen Zensur herrscht, ist bekannt. Weniger bekannt dürfte sein, was Zensur eigentlich bedeutet. Und wer jetzt glaubt, Zensur heisse, dass da eine rote Grenze bestehe, die nicht übertreten dürfe, wer etwas publizieren will, der könnte sich irren. Es ist subtiler.
Autor: Michael Kreutz
Orientalist (Dr. phil.), Politologe & Kulturjournalist. Website: www.michaelkreutz.net
Der Paternalist
Glaubt noch irgendwer, dass Assad-Interviewer Jürgen Todenhöfer ein Freund der Muslime ist? Sein denkwürdigster Satz in der gestrigen Sendung von “Hart aber fair”, in der es um Syrien ging, war folgender:
Orient mit Zuckerguss
Manche Mythen sterben nie. Denn wenn es darum geht, was Europa nicht alles dem Islam zu verdanken habe, dann wird gerne dick aufgetischt: Wie tolerant Andalusien war, wie wegweisend die arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen, und wie verhängnisvoll Kreuzzüge und Kolonialismus.
Viele Menschen in Europa wollen sich dem neoliberalen Wirtschaftsdiktat nicht beugen, hat der Gärtner und Kolumnist Jakob Augstein herausgefunden, der auf “Spiegel Online” ein kleines Biotop dürrer Gedanken-Gewächse kultiviert. Seine Spezialität: Extra kleine Möhrchen.
Irans Führer Ayatollah Khamenei, so hatten Medien berichtet, habe sich gegen den Bau von Atomwaffen ausgesprochen und dies in einem religiösen Rechtsgutachten, einer Fatwa dargelegt. Damit habe der iranische Verzicht auf Atomwaffen gewissermassen eine verbindliche Form gefunden. Doch zumindest über das Internet ist die Fatwa nicht zu finden.
Waffengeschäfte
Woher bekommt die libanesische Hisbullah ihre Waffen? Im Interview mit der Beiruter Zeitung “Al-Akhbar” ergeht sich Chinas Botschafter im Libanon, Wu Zexian, in Andeutungen. Auf die Frage, ob Gerüchte zutreffen, nach denen die Hisbollah 2006 von hochentwickelten Waffen aus China Gebrauch gemacht haben soll, um ein israelisches Kriegsschiff anzugreifen – wie lautet da die Antwort des Botschafters?
Seit geraumer Zeit und vor allem im Zuge der muslimischen Zuwanderung haben wir in Deutschland eine Abendlanddebatte, die sich um das dreht, was eigentlich den Kern der europäischen Werteidentität ausmacht und worauf er diese zurückzuführen ist. Christentum oder Aufklärung, das ist die Frage, und nicht wenige beantworten sie damit, dass zwischen beiden eine grosse Schnittmenge bestehe.
Der Weise wird bestimmte Lehren vortragen und nicht im Zweifel verharren” (Diogenes Laertios 10,121) muss sich der Ingo Schulze gedacht haben, als er sich seinen Beitrag zur Grass-Debatte von der Seele schrieb. Zwischen zwei Romanen war dafür gerade noch genug Zeit. Als Schriftsteller (”Handy”) ist Schulze nämlich in der glücklichen Lage, weder auf Fakten noch auf Logik oder gar Grammatik Rücksicht nehmen zu müssen.
“Anwalt des Sozialismus”
In der taz will der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik den grossen Liberalen John Stuart Mill aus der “babylonischen Gefangenschaft des Neoliberalismus” befreien. Mills Frankfurter Leser hat nämlich erstaunt festgestellt:
Eitelkeit und Starrsinn
Günter Grass möchte nicht länger schweigen, was er früher freilich auch schon nicht getan hat. Mit letzter Tinte, denn Grass ist noch nicht im digitalen Zeitalter angekommen, schreibt er nieder, was ihm zur Irankrise einfällt. Weil er davon überzeugt ist, dass die ganze Welt es lesen will, lässt er seine Gedanken in drei Ländern gleichzeitig unter das Volk bringen.
